Pandemie Handelsverband Sachsen-Anhalt kritisiert verschärfte Corona-Regeln

Für Händler mit mehr als 800 Quadratmetern Verkaufsfläche gelten strengere Vorgaben bei der Anzahl der Kunden. Der Handelsverband befürchtet Warteschlangen vor Supermärkten – und somit neue Gelegenheiten für Ansteckung.

Ein Mann steht an einer Kasse im Supermarkt. Käufer und Verkäuferin tragen Mundschutz.
Der Landesgeschäftsführer des Handelsverbandes rechnet mit verstärkten Hamsterkäufen im Lebensmittelhandel. Bildrechte: imago images/photonews.at

Der Handelsverband Sachsen-Anhalt hat die verschärften Corona-Regeln im Einzelhandel kritisiert. Landesgeschäftsführer Knut Bernsen erklärte MDR SACHSEN-ANHALT, die Regeln seien kontraproduktiv. Es gebe keinen sachlichen Grund dafür, unterschiedliche Regelungen für Verkaufsflächen über und unter 800 Quadratmetern zu erlassen. "Mit dieser Regelung werden wir Warteschlangen vor den Supermärkten, Modegeschäften und Kaufhäusern erleben. Das schafft neue Gelegenheiten für Ansteckungen", erklärte Bernsen.

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Regelung auf "juristisch sehr unsicherem Boden"

Weiter sagte der Landesgeschäftsführer: "Zudem verstärkten die anstehenden Kunden dann das Gefühl bei den Verbrauchern, die Waren könnten knapp werden. Die Konsequenz könnten erneut verstärkte Hamsterkäufe im Lebensmittelhandel sein."

Stimmungsbild Was Händler aus Wernigerode von den neuen Corona-Regeln halten

Einzelhandel Wernigerode
Leere Einkaufspassagen – so sieht es derzeit in Wernigerode aus. Bildrechte: MDR/Elke Kürschner
Einzelhandel Wernigerode
Leere Einkaufspassagen – so sieht es derzeit in Wernigerode aus. Bildrechte: MDR/Elke Kürschner
Einzelhandel Wernigerode
Händler Thomas Henke sagt: "Es ist eine Einschränkung. Für Wernigerode ist es entscheidend, dass die Gastronomie öffnen darf und Touristen kommen dürfen. Das ist jetzt schon ein Problem. Man muss ja nur mal die Straße runtergehen, dann sieht man, was los ist – oder in dem Fall: was nicht los ist." Bildrechte: MDR/Elke Kürschner
Einzelhandel Wernigerode
Geschäftsinhaberin Vera Jödecke sagt: "Mit Sicherheit verstehe ich diesen Lockdown, aber wir müssen von irgendetwas leben. Ich muss schauen, wie ich meine Mitarbeiter durch den Tag kriege, durch den Monat kriege und durch das Jahr. Wir können nicht nur von Wasser und Brot leben." Bildrechte: MDR/Elke Kürschner
Einzelhandel Wernigerode
Ausbleibende Kundschaft bedroht manche Geschäfte finanziell – und es gibt auch soziale Probleme. Bildrechte: MDR/Elke Kürschner
Einzelhandel Wernigerode
Einzelhändlerin Melissa Leiste sagt: "Ich finde es dolle belastend, dass wir den Imbiss nicht aufmachen dürfen. Und was ich ganz unverschämt finde: die Bauarbeiter oder die Rentner, die nicht richtig laufen könne, dürfen sich nicht mal hierhinsetzen. Das finde ich ganz schlimm." Bildrechte: MDR/Elke Kürschner
Einzelhandel Wernigerode
Kundin Anneliese Eigner sagt allerdings: "Die Regeln sind noch zu wenig. Sie müssen noch strenger sein, sie können nicht streng genug sein. Weil die Ansteckungsgefahr so hoch ist, die Zahlen gehen ja überhaupt nicht runter. Wir werden das Zeug ja nicht los, wir sind ja so unvernünftig. Das finde ich unmöglich."

Dieses Thema im Programm:

MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26.11.2020 | 17.30 Uhr

Quelle: MDR/dg
Bildrechte: MDR/Elke Kürschner
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Die Regelung stehe auch juristisch auf sehr unsicherem Boden, so Bernsen. Das würden die Erfahrungen nach Ende des ersten Lockdowns zeigen, als zunächst nur Händler mit weniger als 800 Quadratmetern öffnen durften. Damals hatten mehrere Gerichte in den Ländern die entsprechende Verordnung gekippt und so einen Flickenteppich an Vorgaben geschaffen.

Supermarktkette gelassen

Die Supermarktkette Kaufland sieht die neue Regelung gelassen. Kaufland teilte MDR SACHSEN-ANHALT mit, aufgrund der großen Verkaufsflächen sowie der breiten Gänge könne man die geforderte Kundenanzahl sowie die Mindestabstände in der Regel einhalten. Sollte es notwendig sein, würde man die Einkaufswagen auf eine entsprechende Anzahl begrenzen und Sicherheitsdienste einsetzen.

Nur eine Packung Toilettenpapier pro Person wird wegen der Hamsterkäufe verkauft.
(Unverständlicherweise) Heiße Ware in Corona-Zeiten: Toilettenpapier. Bildrechte: imago images / Frank Sorge

Am Mittwoch hatten Bund und Länder verschärfte Corona-Regeln ab Dezember beschlossen. Unter anderem gelten dann für Händler ab 800 Quadratmetern Verkaufsfläche strengere Vorgaben bei der Anzahl der zugelassenen Kunden als für Geschäfte unterhalb dieser Grenze. Die Bundesregierung hatte sich darauf geeinigt, bis zu einer Verkaufsfläche von 800 Quadratmetern die derzeit geltende Zehn-Quadratmeter-Regelung pro Person bestehen zu lassen und für die Quadratmeter darüber hinaus dann jeweils 20 Quadratmeter pro Person vorzuschreiben.

Das ist der Corona-Fahrplan von Bund und Ländern

Nach einer siebenstündigen Videoschalte zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Länderchefs am Mittwoch gibt es nun einen gemeinsamen Beschluss (zum Downloaden). Die Kernpunkte:

  • Verlängerung des Teil-Lockdowns ab 1. Dezember bis zum 20. Dezember, bislang geschlossene Betriebe und Einrichtungen bleiben zu
  • Handel bleibt geöffnet, allerdings mit neuen Platzbeschränkungen
  • Ausweitung der Maskenpflicht – sie gilt auch vor Geschäften und auf Parkplätzen sowie örtlich festgelegt unter freiem Himmel, wo sich Menschen aufhalten
  • Länder dürfen Lockerungen beschließen, wenn die Inzidenz unter 50 fällt und die Tendenz sinkend bleibt
  • Verschärfung der Maßnahmen in Hotspots mit einer Inzidenz ab 200
  • Kontaktbeschränkungen auf fünf Personen aus maximal zwei Haushalten werden verschärft
  • lockerere Kontaktregeln zwischen dem 23. Dezember und 1. Januar, da dürfen sich maximal zehn Personen aus dem engsten Familien- oder Freundeskreis treffen
  • zu Silvester wird ein Feuerwerksverzicht empfohlen, Behörden sollen regional Verbotszonen einrichten für belebte Orte
  • Schulen und Kitas bleiben geöffnet, neu ist die Maskenpflicht im Unterricht ab Klasse 7; grundsätzlich soll es Frontalunterricht geben, Wechsel- oder Hybridunterricht werden ab einer Inzidenz von 200 angeregt
  • Antigen-Schnelltests sollen verstärkt in Schulen zur Anwendung kommen
  • Finanzielle Unterstützung der von Schließung betroffenen Unternehmen im Dezember analog der Novemberhilfe
  • Finanzielle Unterstützung nicht geschlossener aber stark eingeschränkter Bereiche – etwa Kultur, Soloselbständige, Reisebranche – über die Überbrückungshilfe bis Mitte 2021
  • Schutz gefährdeter Gruppen: im Dezember Abgabe von 15 FFP2-Masken gegen Eigenbeteiligung für den gesamten Winter; je Pflegebedürftigem 30 Schnelltests pro Monat
  • verstärkte Maskenkontrollen in Zügen; die Deutsche Bahn soll die Sitzplatzkapazität deutlich erhöhen, um mehr Abstand zu gewährleisten, und parallel die Reservierbarkeit beschränken; keine Reservierungspflicht

Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 26. November 2020 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Haller vor 7 Wochen

Nun kontraproduktiv wird es für die Entscheider nicht sein.

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