Forschung Hinweise auf NS-Raubgut in Bibliotheken entdeckt

In den Beständen großer Bibliotheken wird schon lange nach NS-Raubgut gesucht. Seit vergangenem Sommer sind auch kleinere Häuser an der Reihe, darunter in Sachsen-Anhalt. In fünf Bibliotheken sind Historikerinnen jetzt fündig geworden. Gut möglich, dass demnächst weiter geforscht wird.

Historikerinnen und Bibliothekarinnen sehen sich in einem Magazin in der Stadtbibliothek Magdeburg Bänder der Buchserie «Nesthäckchen» an.
In fünf Bibliotheken in Sachsen-Anhalt sind Hinweise auf NS-Raubgut gefunden worden. Bildrechte: dpa

In fünf Bibliotheken in Sachsen-Anhalt sind Hinweise auf NS-Raubgut gefunden worden. Wie die zuständigen Historikerinnen und der Bibliotheksverband Sachsen-Anhalt mitteilten, sind bei einem sogenannten Erstcheck Bücher entdeckt worden, die auf Eigentumslisten von Juden in der Region aufgeführt gewesen sind. Allerdings müssten nun weitere Untersuchungen zeigen, ob es sich tatsächlich um die originalen Exemplare handele.

Diese Arbeit sei bei Büchern deutlich schwerer als bei Original-Kunstwerken, hieß es. Das liege nicht zuletzt daran, dass es von Büchern deutlich mehr Exemplare gebe. "Kunstwerke haben Sie nur einmal, aber hier reden wir über Massenware des 18. und 19. Jahrhunderts. Es geht darum, ein spezifisches Exemplar eindeutig zuzuordnen", sagte die Leiterin der Magdeburger Stadtbibliothek, Cornelia Poenicke. "Das ist schon ein Puzzlespiel." Konkret achteten die Forscherinnen auf Anhaltspunkte wie Stempel, Widmungen und Eintragungen. Sie müssen zugeordnet werden – und das, obwohl genau diese Anhaltspunkte sorgfältig überklebt oder herausgeschnitten wurden, um Spuren zu verwischen.

So läuft die Recherche Die fünf Historikerinnen haben ihre Arbeit in fünf Bibliotheken in Sachsen-Anhalt im Sommer 2017 begonnen – in Magdeburg, Sangerhausen, Dessau-Roßlau, Zerbst und Wernigerode. Ihr Ziel: Mit einem sogenannten Erstcheck mögliche Hinweise auf NS-Raubgut zu finden und dessen Spur weiter zu verfolgen. Finanziert wurde der Erstcheck vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, das seinen Sitz in Magdeburg hat.

Cornelia Poenicke, Leiterin der Stadtbibliothek Magdeburg, steht in einem Magazin mit alten Büchern.
Cornelia Poenicke ist Leiterin der Magdeburger Stadtbibliothek. Bildrechte: dpa

Die Historikerinnen hätten rund ein halbes Jahr in Bibliotheken in Magdeburg, Sangerhausen, Dessau-Roßlau, Zerbst und Wernigerode geforscht, erklärte der Bibliotheksverband. Der Erstcheck war der bundesweit erste, den das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste für Bibliotheken finanziert hat. Die kleinen Häuser selbst seien damit überfordert, sagte Poenicke. Es fehlten das Know-how und das Personal, erklärte sie. Allein in der Magdeburger Stadtbibliothek lagern demnach 80.000 Bücher aus der Zeit von vor 1945.

Laut Monika Gibas, der wissenschaftlichen Leiterin des Erstchecks, sind die Bestände der Bibliotheken ab Ende der 1930er stark angestiegen. Mitunter seien gar Spezialbibliotheken angelegt worden. "Die Bibliotheken haben sich in den Antiquariaten bedient", sagte Gibas. Ankaufetats seien stark gestiegen. In Dessau etwa sei 1943 eine Musikbibliothek aufgebaut worden, die später in den Bombennächten im Zweiten Weltkrieg vernichtet worden sei.

Das versteht man unter einem Erstcheck Mit dem sogenannten Erstcheck wollen die Wissenschaftler klären, ob es Anhaltspunkte für NS-Raubgut gibt und ob weitere Recherchen nötig sind. Große Häuser wie Universitätsbibliotheken nutzen diese Methode bereits länger. Das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste hofft, dass der Erstcheck auch bundesweit Schule macht.

Im konkreten Fall würde die Arbeit nach einem Erstcheck aber noch lange nicht enden. Um zu klären, ob es sich bei einem gefundenen Buch tatsächlich um NS-Raubgut handelt, müsste der Weg des Buches zurückverfolgt und das Schicksal der Besitzer geklärt werden. Denkbar ist unter anderem, dass ein Besitzer seine Bücher an ein Antiquariat verkauft hat oder aber, dass er enteignet und deportiert wurde. Die komplizierte Quellenlage macht die Arbeit der Forscherinnen schwierig.

Nach Angaben von Bibliotheksleiterin Cornelia Poenicke steht bei der Forschung nicht im Mittelpunkt, die Bücher an eventuelle Nachfahren zurückzugeben – anders als bei Original-Kunstwerken. Der Grund: die höchst schwierige Zuordnung einzelner Exemplare. "Es geht in erster Linie um eine moralische Verpflichtung", sagte Poenicke. Sie sei den Bibliotheken im Land sehr wichtig.

Nach den Worten von Poenicke erwägt der Landesverband der Bibliotheken aktuell "sehr ernsthaft", weiter in der Frage forschen zu lassen. Allerdings: Anders als der Erstcheck, würde die weitere Recherche nicht mehr komplett vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste finanziert. Der Bibliotheksverband müsste eigene Mittel beisteuern. Woher diese kommen könnten, ist aktuell aber noch unklar.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 13.03.2018 | 09:00 Uhr

Quelle: dpa/ld

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2018, 11:22 Uhr

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3 Kommentare

13.03.2018 18:42 Sabine Sonntag 3

Ob man in Polen und Rußland die deutschen Aktivitäten, 75 Jahre alte Zustände zu korrigieren, als Versuch interpretiert, auch gegen ihre Länder einmal Anspruch zu erheben?

13.03.2018 18:01 fröhlicher Landmann 2

Es ist ein großes hin- und her: der eine nimmt es dem anderen ab und einer bekommt es letztendlich doch.

13.03.2018 17:23 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 1

NS-Raubkunst muß als solche erkannt werden, um als solche behandelt zu werden. Das ist zwar aufwendig, muß aber bis zum Ende durchgeführt werden, damit dieses Unrecht aufgearbeitet und vergolten werden kann.

Es ist nun mal ein Kapitel 'unserer Geschichte', das vergolten weder kann (und, oh Scham, noch immer gänzlich nicht vergolten ist) - wenn auch nicht mehr vor den damals Beraubten, so an ihren Erben.
Eine 'gute Gelegenheit' für uns, den Willen zur Übernahme der Verantwortung zu zeigen.