Medienlandschaft in Sachsen-Anhalt Medien-Experte: Aus Leser-Sicht ist der MZ-Verkauf ein klarer Verlust

Die Mitteldeutsche Zeitung wird an das Verlagshaus Bauer verkauft. Diesem Verlag gehört auch die Volksstimme. Dadurch gäbe es zukünftig nur noch einen großen Zeitungsverlag in Sachsen-Anhalt, wenn das Bundeskartellamt zustimmt. Medien-Experte Horst Röper schätzt die Situation für Redakteure, Leser und die Medienlandschaft des Bundeslandes ein.

Collage mit Medien-Experte Horst Röper, Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung.
Medienwissenschaftler Horst Röper spricht über den Verkauf der Mitteldeutschen Zeitung. Bildrechte: MDR/dpa/Horst Roeper/Collage

Horst Röper ist Medienwissenschaftler und Geschäftsführer beim Medienforschungsinstitut FORMATT in Dortmund. Er spricht im Interview über die aktuelle Situation der Mitteldeutschen Zeitung und was der am Mittwoch bekannt gewordene Verkauf an den Bauer-Verlag für die Redakteure und Leser bedeutet.

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Röper, wie schätzen Sie den Verkauf ein?

Horst Röper: Das ist natürlich ein harter Fall in Sachen Vielfalt, weil damit die beiden großen Zeitungen in Sachsen-Anhalt in einer Hand sein werden – also in der Hand des Bauer-Verlags aus Hamburg. Ein schwerwiegender Konzentrationsfall, bei dem man nun erwarten muss, dass Bauer demnächst die sogenannten Synergieeffekte nutzen wird, also Kostenstellen abbauen wird. Und es ist zu befürchten, dass dies eben auch in der Redaktion geschehen wird.

Welche Auswirkungen erwarten Sie von der Übernahme durch den Bauer-Verlag?

Wir wissen aus der langen Erfahrung mit der Pressekonzentration, dass die Verlage in solchen Fällen eben auch in den Redaktionen sparen. Natürlich geht das nicht so bei den Lokalredaktionen, weil die Verbreitungsgebiete der beiden Zeitungen ja getrennt sind. Aber in den beiden Hauptredaktionen lassen sich natürlich Sparmaßnahmen durchführen, also in Bezug auf die überregionale Berichterstattung. Noch haben beide Zeitungen ja eine eigenständige Hauptredaktion. Ob das auf Dauer so bleiben wird, kann man bezweifeln.

Was bedeutet das dementsprechend für die Medienlandschaft in Sachsen-Anhalt?

Ich denke mal, dass die überregionale Berichterstattung der beiden Zeitungen, die bisher noch völlig unterschiedlich ist, angeglichen werden wird, indem eben demnächst aus einer Redaktion für beide Zeitungen Stoffe geliefert werden. Also werden die Leser in beiden Zeitungen – mindestens in Teilen – demnächst identische Berichterstattung vorfinden.

In Sachsen-Anhalt gibt es dann nur noch einen großen Zeitungsverlag. Gibt es so eine Situation in anderen Bundesländern auch?

In großen Flächenländern kennen wir das so nicht, im kleinen Saarland gibt es das schon seit Jahrzehnten. Aber in den anderen Flächenländern existieren eben überall mehrere Zeitungen, und zwar aus unterschiedlichen Verlagen und Verlagsgruppen. Also solch eine hohe Konzentration, die ist schon ungewöhnlich. Und es bleibt natürlich auch abzuwarten, ob das Bundeskartellamt, das eine solche Fusion zu prüfen hat, diesem Kauf zustimmen wird.

Wird es Ihrer Meinung nach überhaupt möglich sein, dass das Monopol entsteht?

Das Schild des Bundeskartellamtes in Bonn.
Das Bundeskartellamt muss dem Kauf der MZ durch den Bauer-Verlag noch zustimmen. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Ja, wenn man die Spruchpraxis der letzten Jahre vom Bundeskartellamt sieht, muss man befürchten, dass sie hier keine Einschränkungen vornehmen. In früheren Jahren hat das Bundeskartellamt sich immer leiten lassen von der Maxime: 'Nachbarschaftszeitungen sollten nicht voneinander aufgekauft werden.' Also potentieller Wettbewerb zwischen Nachbarschaftszeitungen ist gegeben und dieser soll nicht verhindert werden durch den Besitz durch einen Verlag. Aber in jüngster Zeit hat das Amt eben oft anders entschieden. Insofern muss man befürchten, dass dieser Deal von den Kartellrichtern akzeptiert wird.

Ist denn diese publizistische Konzentration im Zeitungsmarkt einer Gefahr für die Meinungsvielfalt oder auch für die Demokratie?

Ja, sicher. Wir leben davon, dass wir eben Gewaltenteilung in allen Bereichen haben. Das heißt natürlich auch in der Publizistik. Hier brauchen wir, der Wähler und der Bürger, unterschiedliche Stimmen aus unterschiedlichen Medien. Und das ist künftig wie in Sachsen-Anhalt eben nur noch sehr eingeschränkt gegeben. Also insofern ist die Vielfalt der Presse hier natürlich stark eingeschränkt. Und das, was das Grundgesetz fordert, nämlich eine vielfältige Berichterstattung, die wird es eben nur noch in Teilen, jedenfalls im Zeitungsmarkt, in Sachsen-Anhalt geben.

Gibt es aus Leser-Sicht etwas Positives an dem Verkauf der MZ?

Nein, eigentlich kaum. Für die Leser wird sich nichts ändern. Es wird ja nicht dazu führen, dass etwa die geringeren Stückpreise, die Bauer demnächst mit beiden Zeitungen erzielen kann, an die Leser weitergegeben werden. Also, dass die Preise der Zeitung günstiger würden. Das kann man beileibe nicht erwarten, nein. Aus Leser-Sicht ist dieser Deal ein klarer Verlust.

Bauer und DuMont hatten sich ja die Zeitungslandschaft in Sachsen-Anhalt aufgeteilt: Die MZ ist im Süden, die Volksstimme im Norden. Wie kam es dazu?

Ausgaben der Mitteldeutschen Zeitung liegen gestapelt auf einem Tisch.
Horst Röper hofft, dass die MZ seine redaktionelle Linie beibehalten kann, bezweifelt das aber. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Im Prinzip hat man sich damals nach der Wende an den Gegebenheiten des Marktes in der ehemaligen DDR orientiert. Diese beiden großen Bezirkszeitungen sind in ihrem Verbreitungsgebiet annähernd gleich geblieben. DuMont hat eben schon sehr früh die Mitteldeutsche Zeitung kaufen können. Und Bauer hat die Volksstimme später von der Treuhand-Anstalt übernommen. Und die Treuhand-Anstalt hat damals diese großen, ehemaligen SED-Verlage als Ganzstück verkauft, sie sind nicht aufgeteilt worden. Und das trotz ihrer großen Auflage.

DuMont trennt sich jetzt ja von der MZ, weil die Leserzahlen sinken und das Online-Geschäft bisher nicht ertragreich war. Wie will oder kann Bauer denn damit Geld verdienen?

Wenn man zwei Verlage zusammenführt, hat man natürlich Sparmöglichkeiten, also auf der Verwaltungsebene etwa dadurch, dass bestimmte Bereiche zusammengelegt werden. Beispielsweise die Lohnbuchhaltung nicht mehr einzeln bei zwei Verlagen vorgenommen wird, sondern nur noch an einer zentralen Stelle. Und das setzte sich fort bis hin zu den redaktionellen Kosten. Insofern macht eine solche Übernahme für den Bauer-Konzern schon Sinn.

Wenn Sie der Volksstimme einen Tipp mit auf den Weg geben könnten, was würden Sie sagen, wie sie am besten mit der MZ umgehen soll?

Aus Leser-Sicht natürlich möglichst wenig verändern, das heißt also insbesondere die redaktionelle Linie des Blattes beibehalten und auch die Redaktionsstärken beibehalten. Ob das der Fall sein wird? Da habe ich allerdings erhebliche Zweifel.

Die Fragen stellte Johanna Daher.

Quelle: MDR/jd

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 15. Januar 2020 | 19:00 Uhr

3 Kommentare

SGDHarzer66 vor 28 Wochen

Ich stimme Ihnen zu. Auffällig ist jetzt schon, das in der "MZ" Leserbriefe veröffentlicht werden, welche überwiegend von stets wiederkehrenden "Lesern" stammen.
Als Beispiele für die ständig wiederkehrenden stromlinienförmigen Kommentare seien stellvertretend M. Händler und L. Schönmeyer genannt. Da ist ein schnelles Weiterblättern garantiert, um dauerhaftes Kopfschütteln zu vermeiden.
Guten Tag

ottovonG vor 28 Wochen

Überregional schreiben doch alle nur auf vorgegebenen Schienen und bringen dpa und Reuters Meldungen. Die deutsche Presselandschaft ist unkritisch, einseitig, unausgewogen und in großen Teilen mit klar vorgegebener politischer Haltung. Investigative storys, und schwimmen gegen den Strom würden die Auflagen vielleicht wieder steigern. Ansonsten sollte bei dem gepredigten Fachkräftemangel die Zusammenlegung der Verlage kein Problem sein.

Benutzer vor 28 Wochen

Nö. Überhaupt nicht. Nicht umsonst ist die Auflage der MZ sinkend.

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