Drittklässler mit und ohne Behinderung nehmen 2013 gemeinsam am Unterricht teil.
Adrian Maerevoet: "Ressourcen schaffen, damit jeder seine Fähigkeiten nutzen kann" (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Landes-Behindertenbeauftragter kritisiert Bildungsminister "Wir produzieren Sozialhilfeempfänger von morgen"

Eine Hortbetreuung ist in Sachsen-Anhalt nur bis zum 14. Lebensjahr durch das Kinderförderungsgesetz (KiFöG) gesichert. Der Landesbeauftragte für die Belange behinderter Menschen, Adrian Maerevoet, erklärt, warum die derzeitige Bildungspolitik einen falschen Ansatz verfolgt und wie junge Menschen mit Handicaps behindert werden.

Drittklässler mit und ohne Behinderung nehmen 2013 gemeinsam am Unterricht teil.
Adrian Maerevoet: "Ressourcen schaffen, damit jeder seine Fähigkeiten nutzen kann" (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Herr Maerevoet, eine Elterninitiative fordert die Öffnung des Kinderförderung-Gesetzes (KiFöG), sodass auch behinderte Kinder über 14 Jahre einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz nach der Schule haben. Warum halten Sie das für den falschen Weg?

Adrian Maerevoet: Das KiFöG zu erweitern wäre für mich die letzte Wahl, weil es keine ganzheitliche Lösung ist. Wir brauchen einen neuen Ansatz: Die Regelung mit den 14 Jahren basiert darauf, dass im Allgemeinen jedes Kind bis dahin gelernt hat, sich im Straßenverkehr zu bewegen, allein nach Hause zu kommen, sich dort zu beschäftigen, auch schwimmen gelernt hat und so weiter. Das sind alles Bestandteile von Bildung. Derzeit sagt der Bildungsminister, diese Bildung wird vielleicht im Schulhort fortgesetzt und endet dort mit dem 14. Lebensjahr, egal ob ein behindertes Kind das bis dahin genauso gelernt hat. Mit welchem Recht tut er das? Das ist außerordentlich schlimm, denn ich nehme diesen Menschen Chancen. Sie brauchen einfach mehr Zeit. Ich habe etwa von Förderschullehrern gehört, die gesagt haben: Nach den Sommerferien haben die Kinder alles vergessen, was sie schon konnten. Warum nehme ich das nicht ernst und sage: Dann brauchen diese Kinder, während andere in den Urlaub fahren, Angebote, wo sie weiterlernen können. Das ist eine Frage der Bildung! Es gibt Begriffe wie das "Lebenslange Lernen" – aber bestimmten Menschen wird derzeit gesagt: Ihr braucht das nicht. Was ist das für eine Welt?

Elterninitiative In Sachsen-Anhalt ist die Betreuung behinderter Jugendlicher nicht gesetzlich geregelt. Einige Eltern haben sich daher zusammengeschlossen, um eine Änderung des Kinderförderungsgesetzes zu erreichen, damit behinderte Jugendliche über das 14. Lebensjahr hinaus einen Betreuungsanspruch erhalten. Derzeit verteilt die Initiative in Schulen Fragebögen an andere Eltern, um den Bedarf an einem Nachmittagsangebot festzustellen.

Sie möchten also die nachschulische Betreuung als Zuständigkeit der Bildung verstanden wissen. Für Änderungen am KiFöG wäre ja das Sozialministerium zuständig.

Ja. Im Sozialausschuss des Landtages ist das Thema schon zigmal diskutiert worden, immer mit dem Tenor: Wenn es denn so klappt, dann ist es ja gut. Aber es hat nie funktioniert, es ist immer an den Mitteln gescheitert. Dabei müsste man gar nicht viel mehr aufwenden, denke ich, die Ressourcen sind da: Aktuell gibt es oft die Situation, dass Menschen von der Schule zum Hort gefahren werden, das heißt, die Kosten werden verlagert. Ich gönne jedem Taxi- und Busfahrer seinen Job, aber ich fände es besser, wenn nicht in Fahrer investiert würde, sondern in ein Bildungsangebot. Wir haben Menschen, die quer durchs ganze Land gefahren werden, weil es nur an einem bestimmten Ort eine Spezialschule gibt – wir muten diesen Menschen zu ein, zwei Stunden morgens und abends im Taxi zu sitzen, weil wir nicht in der Lage sind, eine gute ortsnahe Bildung auf die Beine zu stellen.

Wo genau liegt das Problem?

Es ist das System: Warum zahlt die Sozialministerin für die Schulhorte und die Kommunen für den Transport dorthin – warum gebe ich das Geld nicht dem Bildungsminister und sage: Mach ein anständiges Bildungsangebot bis zum 18. Lebensjahr daraus? Aber so ist es ein Durcheinander: Der eine bekommt nicht genügend Geld und muss gucken, wie er klarkommt. Der andere muss zahlen, weil es womöglich eine gesetzliche Verpflichtung gibt und dann verschiebt man die Kosten dahin – aber für den betroffenen Menschen ist es oft keine gute Lösung. Wenn man eine bestimmte Anzahl Stellen einsparen muss, was macht man dann üblicherweise? Man versucht, Aufgaben loszuwerden. Den gleichen Standard wird man nicht halten können. Wir müssen die Ressourcen wiederherstellen, die wir mal hatten. Viele Stellen von pädagogischen Mitarbeitern und Lehrern wurden abgebaut, jetzt fehlen sie für Ganztagsangebote in den Schulen.

Was befürchten Sie, wird passieren, wenn sich nichts an der Betreuung ändert?

Adrian Maerevoet
Adrian Maerevoet Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Wenn ich Menschen ihre Chancen nicht gebe, produziere ich Sozialhilfeempfänger von morgen. Wir brauchen nicht nur hochqualifizierte Facharbeiter, sondern auch andere Kräfte. Und was geben wir da für Geld aus, das ich viel lieber in der Begleitung von Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderungen sehen würde, in Form von Assistenten etwa. Oder wenn wir zum Beispiel sehen, was ein Platz in einer Behindertenwerkstatt kostet – natürlich soll jeder, der ihn wirklich braucht, ihn bekommen – aber wenn wir es durch Maßnahmen vorher schaffen, dass jemand andere Aufgaben womöglich auf dem ersten Arbeitsmarkt erfüllen kann, dann haben wir eine echt gute Alternative.

Bei all dem muss man aber natürlich beachten, dass nicht jeder jedes Ziel wird erreichen können – es wird immer Menschen geben, die in besonderem Umfang Unterstützung benötigen. Aber wir müssen dafür sorgen, dass jeder seine Fähigkeiten nutzen kann. Inklusion bedeutet nicht, dass jeder studieren soll. Es bedeutet, dass ich die Ressourcen bekomme, die ich brauche, mich aber mit meinen Möglichkeiten einzubringen habe. Jetzt gerade zahlen die Eltern dieser schwerbehinderten Kinder, die vielleicht keine Großeltern zur Betreuung haben, die nicht in einer großen Stadt leben, wo es vielleicht noch mehr Angebote gibt, dass wir keine anständige Bildung auf die Beine kriegen.

Das ist Adrian Maerevoet Adrian Maerevoet ist 1954 in Berlin geboren und Diplom-Pädagoge. Seit 2005 ist er Beauftragter der Landesregierung von Sachsen-Anhalt für die Belange der Menschen mit Behinderungen. Im September 2014 wurde er für weitere fünf Jahre in dem Amt bestätigt. Er ist Ansprechpartner für rund 260.000 Menschen mit Behinderungen in Sachsen-Anhalt, auch diejenigen ohne Schwerbehindertenausweis. Als Mittler ist er das Bindeglied zwischen Menschen mit Behinderungen und Politik und Verwaltung. Unter anderem berät er die Landesregierung, unterbreitet Vorschläge zur Inklusion Behinderter und hat direktes Vortragsrecht beim Ministerpräsidenten und bei der Sozialministerin.

Das Interview führte Christine Warnecke, MDR SACHSEN-ANHALT.

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Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 08. Februar 2018 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Februar 2018, 16:35 Uhr

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2 Kommentare

09.02.2018 15:32 Anton 2

da muß er mal die Merkel fragen die Krank ist,
wenn diese Millionen für Asylanten ausgeben ist für was anderes kein Geld mehr da. Man sollte diregt solche Leute ansprechen alles andere ist sinnlos
aber die müssen sich um ihre Posten kümmern jetzt
damit jeder seine Macht behählt.

08.02.2018 21:19 OHNEWORTE 1

Warum kommen jetzt ploetzlich von allerseiten die Kritiken ???? Ist es doch nicht so kuschelig wie man uns es taeglich einredet ???? Sind die vielen Experten zu jedem Thema jetzt ratlos ????

Wetten dass man die Kritiker jetzt am liebsten als die ewigen Noergler abstempeln moechte .... ???
Alle zu Reichsbuergern,AfD infiltrierte und Nazis abstempeln ??? Nein Frau Merkel,der Kommunismus war frueher - die Buerger wollen keine Diktatur des Politbueros mehr. Sie hatten die Gelegenheit damals ,eine andere DDR zu gestalten....