Verlängerte Sperrung des Köthener Bahnhofs "Die Betroffenen werden mehr als stöhnen"

Der Bahnknoten Köthen soll noch bis Mai gesperrt sein. Ursprünglich sollten die Züge ab Dezember wieder fahren. MDR-Bahn-Experte André Plaul war von der verlängerten Sperrung überrascht. Vor allem für Köthen sei die Situation verheerend. Ein Interview.

Ein E-Lok steht unweit eines Wasserturmes im Bahnhof der Stadt Köthen im Kreis Anhalt-Bitterfeld.
Auf dem Bahnhof in Köthen werden noch bis Mai 2020 keine Züge fahren. Bildrechte: dpa

MDR Sachsen-Anhalt: War zu erwarten, dass der Bahnhof länger als geplant gesperrt bleibt?

André Plaul: Mich hat es ehrlich gesagt überrascht. Denn natürlich hat MDR SACHSEN-ANHALT regelmäßig zum den Stand der Bauarbeiten nachgefragt. Der Projektleiter Marcel Rothe hatte uns Anfang August zwar gesagt, dass nicht mehr in allen Punkten der Zeitplan genau eingehalten werden könne. Er war dennoch zuversichtlich, den 15. Dezember als Termin halten zu können. Vier Wochen später und damit einen Monat vor Deadline nun einerseits zu sagen, wir schaffen es nicht, und andererseits weitere fünf Monate Sperrung in Aussicht zu stellen – das ist denkbar ungünstig.

Die Bahn erklärt die plötzliche Verlängerung der Sperrung mit Problemen bei der Entwässerung. Ist das plausibel?

MDR SACHSEN-ANHALT Autor Reporter Radio Online André Plaul
André Plaul ist erklärter Bahn-Fan. Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Ja, durchaus: Wenn die Tiefenentwässerung eine umfangreichere Angelegenheit ist, läuft jetzt allen Beteiligten die Zeit davon. Sobald Bodenfrost ansteht, geht da nichts mehr. Die zusätzlichen Monate sind damit zu erklären, dass die Frostperiode auch erst wieder vorbei sein muss. Und ohne Stellwerkstechnik – die sollte hier verlegt werden – lässt sich auch nicht sowas wie ein provisorischer Zugverkehr einrichten.

Gibt es bei Bahn-Baustellen häufig solche Probleme?

Sofern es nicht um Großprojekte – wie Stuttgart 21 – geht, bewundere ich ehrlich gesagt, wie gut Bahn-Baustellen normalerweise über die Bühne gehen. Da wird mit Monaten Vorlauf minutiös geplant, welche Trassen frei sind, welche Züge umgeleitet werden, welche ausfallen, wofür Ersatz-Züge oder Busse inklusive Fahrer organisiert werden müssen. Ich konnte mir das bei dem Bahnhofsumbau Magdeburg zum Beispiel einmal anschauen. Der Baustellenplan hat eine ganze Zimmerwand gefüllt, Zeile für Zeile, Tag für Tag: wer, was, wann, wo?

Da wird also an mehreren Stellen gleichzeitig disponiert: Die Baustelle selbst, der Verkehr und das Personal ringsum und schließlich der Fahrplan. Als Fahrgäste sehen wir ja nur Letzteres. Und der Fahrplan ist eine Art Gesetz. Danach sind Anschlüsse getaktet – an den großen Bahnhöfen, auch über Landesgrenzen hinaus. Jeder Zug, der nicht nach Plan fährt, bringt die Sache durcheinander. Über Tage, Wochen, Monate potenziert sich das natürlich.

Welche weiteren Auswirkungen hat die Sperrung?

Zunächst ist der für 15. Dezember geplante neue Fahrplan obsolet. Laut Bahn soll nun der bisher geltende Baustellen-Fahrplan fortgesetzt werden. Die Intercity-Züge zwischen Halle und Magdeburg werden weiter über Bitterfeld und Dessau umgeleitet. Ebenso einige Regionalzüge. Im Fernverkehr wird es aber weiter nur alle zwei Stunden eine Direktverbindung geben. Zwischen Sachsendorf, Köthen und Halle werden weiter Busse statt Bahnen fahren. Auch zwischen Bernburg und Köthen.

Und: Auch die Regionalzüge zwischen Burg und Magdeburg werden weiter ausfallen, weil ein Teil der Strecke für die Umleitungen gebraucht wird. Da ist die Eisenbahnbrücke über die Elbe in Magdeburg das Nadelöhr.

Was bedeutet das für Bahnfahrer?

Es bleibt bei längeren Fahrzeiten. Mit dem Intercity zwischen Magdeburg und Halle ist das etwa eine halbe Stunde Zeit mehr, im Regionalverkehr ebenso. Wer zusätzlich auf Busse angewiesen ist, hat weitere Komforteinbußen: Fahrräder oder Kinderwagen lassen sich selten reibungslos mitnehmen. Hinzu kommt Stress, wenn zusätzlich umgestiegen werden muss.

Gerade im Vor- und Weihnachts-Reiseverkehr bedeutet das: Viele Reisepläne werden über den Haufen geworfen. Viele werden mehr Zeit und zusätzliche Umstiege einplanen müssen – mit Koffern und Geschenketüten im Gepäck keine angenehme Vorstellung.

Ein Warnschild Überschreiten der Gleise verboten an einer S-Bahn-Haltestelle im Kölner Norden
Bildrechte: imago/Future Image

Was glaubst du, wie werden die Betroffenen reagieren?

Die Betroffenen werden mehr als stöhnen. Gerade jetzt, wo der Endspurt der Baustelle abzusehen war. Die Vorfreude nach einem halben Jahr mit Behinderungen und geänderten Reiseplänen – privat wie beruflich – ist nun weggewischt. Und nicht zu vergessen: Jetzt kommen die kalten Monate des Jahres. Wer nun auf seinen Anschlusszug oder Schienenersatzverkehr warten muss, steht dafür nicht gern im Kalten.

Welche Folgen hat die Sperrung für die Stadt Köthen?

Aus meiner Sicht ist die Situation auch für die Stadt Köthen verheerend. Als Kreisstadt, Hochschulstandort und auch kulturelles Zentrum nur eingeschränkt erreichbar zu sein, gibt kein attraktives Image.

Über André Plaul Aus der Altmark in die Landeshauptstadt: André Plaul gehört seit 2010 zum Team von MDR SACHSEN-ANHALT. Zuvor konnte sich der gebürtige Stendaler bereits ein Journalistik-Studium und ein multimediales Volontariat beim MDR in Leipzig in den Lebenslauf schreiben. Bei MDR SACHSEN-ANHALT betreut André mit Leidenschaft das Frühprogramm im Radio – und die Nachrichtenseiten im Netz.

Seine Freizeit widmet er mit Vorliebe dem Thema Eisenbahn. So ist er auch im Funkhaus in diesen Dingen Ansprechpartner Nummer eins.

Quelle: MDR/aso

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 06. November 2019 | 10:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2019, 14:55 Uhr

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