Schülerdemos Fridays for Future: "Was da passiert, ist klassische Demokratie"

Applaus und Kritik für die Schüler, die unter dem Slogan "Friday for future" für Umweltschutz demonstrieren. Egal, wie man das Schwänzen der Schule bewertet – der Protest ist als gesellschaftliches Engagement aller Ehren wert, findet Cornelia Habisch von der Landeszentrale für politische Bildung. Sich einzusetzen bedeute nicht, von einem Tag auf den anderen alles richtig zu machen.

Ein Mann hat einen Globuskopf aus Pappmaché
Woche für Woche gehen junge Menschen auf die Straße, um sich für besseren Umweltschutz einzusetzen. Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich

Jeden Freitag demonstrieren Schüler für Umweltschutz. In Sachsen-Anhalt gibt es regelmäßig Demos in Magdeburg, Halle, Dessau und Wernigerode – deutschlandweit sind es mehr als 90. Cornelia Habisch von der Landeszentrale für politische Bildung im Interview über politisches Engagement.

Frau Habisch, in vielen Ländern gehen Schüler freitags auf die Straße statt in die Schule und sorgen mit ihren Demonstrationen für unterschiedlichste Reaktionen, von Ablehnung bis Anerkennung. Was passiert da gerade?

Cornelia Habisch
Cornelia Habisch, stellvertretende Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung Bildrechte: Cornelia Habisch

Cornelia Habisch: Das ist klassische Demokratie. Die Jugendlichen fordern ein, dass die Lebensgrundlagen für ihre Generation und die Generationen nach ihnen von uns, den Erwachsenen, den Entscheidern, gesichert werden. Das findet aus Sicht der Jugendlichen nicht statt. Sie engagieren sich politisch und nehmen ihre Rechte in einer Demokratie wahr - das ist aus meiner Sicht aller Ehren wert.

Über die junge Generation wird immer wieder gesagt, sie sei politisch desinteressiert.

Das stimmt, es wird gesagt, die jungen Leute seien stark konsumorientiert. Ich denke, die Jugendlichen beweisen im Moment das Gegenteil: Sie setzen sich sehr wohl ein und sind bereit, Nachteile in Kauf zu nehmen und auf bestimmte Dinge zu verzichten.

Worauf verzichten sie denn?

Es ist eine Debatte über klimaschädlichen Konsum in Gang gesetzt worden, initiiert von den jungen Leuten. Ich sehe, dass viele sich nun über Flugreisen und so weiter Gedanken machen, dass das Denken durch die Demos immer reflektierter wird. Das Nachdenken weitet sich aus, über den ersten Protest hinaus. Jetzt gilt es, dass wir das aufnehmen, als politische Bildner, als Politik, in Vereinen und Verbänden und den jungen Leuten offen und diskussionsfreudig begegnen.

Es gibt die Kritik, dass die Demonstrationen nur eine kurzfristige Aktion sind, spätestens nach den Sommerferien seien die Proteste wieder vorbei. Sind sie nur eine Eintagsfliege?

Diese jungen Leute engagieren sich individuell und es ist erstmal ein temporärer Protest. Jugendengagement ist heutzutage ja aber oft projekt- und themenbezogen und nicht langfristig in Vereinen oder Verbänden angelegt. 

Wäre es nicht zielführender, sich in Vereinen und Verbänden zu engagieren? Umweltschutzorganisationen kämpfen ja schon länger für viele der Ziele.

Das ist eine Perspektive aus unserer Generation, der schon länger Erwachsenen. Für uns ist das Gang und Gebe, sich in Verbänden zu organisieren. Aber Fakt ist, dass das immer weniger Menschen tun, das Engagement in Vereinen und Verbänden geht zurück. Viele wollen sich engagieren, aber sie tun es eher projektbezogen. Das ist auch jedermann und jederfrau gutes Recht selbst zu entscheiden, in welcher Form er oder sie sich engagiert – das ist auch eine Form von Demokratie. Wenn es in Demos passiert, ist es gut, wenn es in Vereinen geschieht, genauso gut. Wir können uns die Form des Engagements nicht vorschreiben. Und leider gibt es auch sehr viele Unterstellungen in der aktuellen Debatte.

Welche Unterstellungen meinen Sie?

In den sozialen Netzwerken findet man sehr viele, das ist ja leider ein Ort der Polarisierung nicht des Dialogs. Wenn man sich zum Beispiel die Kommentare durchliest, findet man immer wieder pauschale Vorurteile gegen die jungen Leute, sie würden sich klimafeindlich verhalten. Aber woher wissen die Autoren dieser Kommentare eigentlich, wie sich die Schüler privat verhalten? Wer entscheidet denn, wann, wie und wohin man in den Urlaub fährt? Oder welches Auto gekauft wird? Das sind die Entscheidungen der Erwachsenen, nicht der 15-, 16-, 17-Jährigen.

Das heißt, wir Erwachsenen müssen uns überlegen, welches Auto wir anschaffen, ob wir dreimal im Jahr in den Urlaub fliegen und so weiter. Wenn wir diese Überlegungen an die Jugendlichen weitergeben, sind wir schon einen Schritt weiter – aber im Moment ist es andersrum, die Jugendlichen geben es an uns weiter.

Und noch eins: Sich für eine gute Sache einzusetzen heißt ja nicht, von einem Tag auf den anderen alles richtig zu machen. Aber ich bin sicher, dass da ein Diskussionsprozess eingesetzt hat, in den wir Älteren uns einschalten müssen.

Die Fragen stellte Christine Warnecke.

Quelle: MDR/mp,pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 12. April 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. April 2019, 15:03 Uhr