Historiker im Interview Die Treuhand: "Sinnbild für die feindliche Übernahme durch den Westen"

Im März vor 30 Jahren wurde die Treuhandanstalt gegründet. Sie sollte das Volkseigentum für die DDR-Bürger verwalten. Die Gründer hatten dabei etwas anderes im Sinn, als das, was aus der Behörde letztlich geworden ist. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit Historiker Marcus Böick über eine der umstrittensten Behörden der deutschen Wiedervereinigung und ihre Folgen bis heute gesprochen.

Ein Mann mit Brille steht vor einem Gemäuer.
Der Historiker Marcus Böick hat zur Treuhand geforscht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Böick, aus Ihrer Sicht, wie tief sitzen die Narben der Treuhand im Osten im Jahre 2020?

Ich denke, das ist noch sehr präsent, vor allem unter betroffenen älteren Ostdeutschen. Da ist die Treuhandanstalt so eine Art Symbol geworden für viele negative Erfahrungen, Niederlagen, Entwertungen, die man nach der Wiedervereinigung auf persönlicher Ebene erlebt hat. Bis heute hat sich das ein Stück weiterentwickelt und steht sinnbildlich für eine feindliche Übernahme des Ostens durch den Westen.

Auf der anderen Seite begrüßen die meisten Menschen die Vereinigung und die neuen Möglichkeiten in der Politik, der Wirtschaft, im Konsum und die Freiheiten, die man hat, auch für die jüngeren Generationen. Es ist ein sehr gemischtes Bild und die negativen Seiten – die Schattenseiten, die Enttäuschungen, die Ernüchterungen – werden ein Stück weit zur Treuhandanstalt geschoben. Von daher ist die Rede von einem Sündenbock, von einem Blitzableiter durchaus nicht von der Hand zu weisen, auch fast 25 Jahre nach Auflösung der Behörde.

Zur Person

Der Historiker Marcus Böick ist 1983 in Aschersleben geboren und in Hettstedt aufgewachsen. Von 2004 bis 2009 hat er Geschichte, Politikwissenschaft, Soziologie und Sozialpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum studiert und ist dort Akademischer Rat am Historischen Institut. Er hat zur Treuhand geforscht und mehrere Publikationen zum Thema veröffentlicht. 2018 ist sein Buch "Die Treuhand. Idee –Praxis – Erfahrungen 1990-1994" beim Wallstein Verlag erschienen.

Die Treuhand steht für Abwicklung, Abzocke, Deindustrialisierung, Bereicherung, Korruption. In Ihrem Buch sprechen Sie sogar von einem "erinnerungskulturellen Zombie der Wiedervereinigung". Wie meinen Sie das?

Die Treuhand war zumindest auf nationaler Ebene lange aus dem Fokus. Das hat in Westdeutschland relativ wenig Leute interessiert und galt irgendwie als abgeschlossen. Aber in Ostdeutschland – gerade unter Älteren – gärte diese Grundstimmung noch. Wenn das Schlagwort Treuhand fiel und fällt, haben Sie sofort ein Grummeln und meistens sehr negative Reaktionen. Viele Menschen können Anekdoten erzählen, haben es aber vielleicht gar nicht selbst erlebt. Aber so tradiert sich das weiter, zum Teil auch zwischen den Generationen, was den Treuhand-Mythos weiter beschleunigt und befestigt.

Auf der anderen Seite haben wir natürlich in den letzten Jahren eine gewachsene Aufmerksamkeit für diese Zeit. Auch in der Politik, in der Öffentlichkeit, in der Wissenschaft interessiert man sich wieder für die Treuhand, quasi stellvertretend für die Umbrüche und für die Konflikte der frühen 90er Jahre nach der Wiedervereinigung. Das ist in den letzten Jahren stärker in den Blickpunkt gerückt und ich denke, das ist generell auch eine gute Sache, dass wir darüber kritisch, aber auch differenziert reden.

Inwieweit könnten die Folgen der Treuhand-Machenschaften den Rechtsruck in der Zivilgesellschaft, den wir ganz aktuell auch erleben, befördert haben?

Da gibt es keine einfache Linie von der Treuhand zur AFD. Das ist sicherlich überzeichnet. Aber man muss festhalten, dass die Enttäuschung und Ernüchterung, die viele Menschen in den frühen 90er Jahre mit repräsentativer liberaler Demokratie und Marktwirtschaft erfahren haben, auch mit diesem Treuhandmodell verknüpft sind. Es wurde auf sehr, sehr schnelle, sehr, sehr radikale Privatisierungen und Umbauarbeiten gesetzt. Das hat bei vielen Menschen das Gefühl des Ausgeliefertseins, der Ohnmacht, der Hilflosigkeit ausgelöst und natürlich den Erstkontakt mit Demokratie und Marktwirtschaft eingetrübt. Und das hat sicherlich auch mittelbare und langfristige Folgen, dass eben die Demokratie westlicher Spielart und auch die Marktwirtschaft in Ostdeutschland nicht so hohe Zustimmungswerte erreicht wie beispielsweise in den alten Bundesländern.

Mit den Erkenntnissen von heute, war die Gründung der Treuhand ein politischer Fehler oder wirklich schlichtweg alternativlos 1990? Was ist Ihr Fazit?

Die Treuhand wurde ja ironischerweise mit ganz anderen Absichten gegründet, eben zur Bewahrung des volkseigenen Vermögens. Man wollte eine Art Notariatsstelle schaffen, die die Betriebe langfristig absichert. Dann – erst wenige Monate später Währungsunion, DM-Einführung, Treuhandgesetz – hat sich der Zweck um 180 Grad umgekehrt. Da wurde die Treuhandanstalt unter dem Präsidenten Detlev Rohwedder zu einer Privatisierungsagentur umgebaut und dann auch unter Birgit Breuel, der zweiten Präsidentin. Ich denke, im Frühjahr 1990 war das noch eine sehr offene Situation. Natürlich gab es eine ganze Reihe von möglichen Dingen, die man diskutiert hat. Es hätte andere Wege gegeben, aber die politische Wirkung der Volkskammerwahl, der politischen Entscheider, haben diese Möglichkeiten immer weiter verengt, sodass am Ende ein sehr schmaler Korridor übrig blieb, in dem die Treuhand dann unter Birgit Breuel auf schnelle Privatisierung gesetzt hat.

Es gab natürlich Alternativen, wie es in der Geschichte immer Alternativen gibt. Aber je weiter sie im Verlauf gehen, gerade des Jahres 1990, desto weniger spielten die noch eine Rolle. Das, was im späten Jahr 1989, im Frühjahr 1990 diskutiert wurde, schien dann aus einer ganz anderen Zeit zu sein: Als man noch überlegt hatte, machen wir eine sozialistische Marktwirtschaft oder demokratisieren wird das Volksvermögen über Anteilsscheine oder gründen wir Genossenschaften und so weiter. Und das ist eine sehr bemerkenswerte Entwicklung. Natürlich. Aber das ist in Revolutionszeiten natürlich oft der Fall.

Das Interview führte Jens Keller für MDR SACHSEN-ANHALT.

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eingang der Treuhandanstalt am Alexanderplatz in Berlin.
Bildrechte: imago images/Detlev Konnerth

Quelle: MDR/cw

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 01. März 2020 | 19:00 Uhr

7 Kommentare

Mediator vor 34 Wochen

Die Bevölkerung im Osten ist aus meiner Sicht oft nicht sehr ehrlich zu sich selbst, wenn es um die rationale Betrachtung der Wirtschaftsleistung der DDR ging.

Die DDR lag schlicht und ergreifend was die Produktivität ihrer Betriebe anging um Jahrzehnte hinter der BRD zurück. Dementsprechend konkurrenzfähig waren diese Betriebe, als sie zu DM Kosten produzieren mussten und die Absatzmärkte in Ostdeutschland, im ehemaligen Ostblock und auch in Westdeutschland zusammen brachen. Kein Wunder, war man doch in allen drei Absatzmärkten plötzlich zu teuer und musste sich gegen Konkurrenten behaupten.

Sicher hat die Treuhand Fehler gemacht, aber welche realistischen Alternativen gab es? Letztendlich ist die Wiedervereinigung eine absolute Erfolgsgeschichte, hat man es doch geschafft eine bankrotte planwirtschaftliche Einparteiendiktatur in eine prosperierende Demokratie zu verwandeln.

Mediator vor 34 Wochen

Sie haben lediglich mit einer Sache recht: Die Aufgabe der Treuhand war eine Jahrhundertaufgabe, die so vermutlich nie wieder auf eine Behörde zukommen wird. Wenn man sich betrachtet, dass kaum einer in der DDR in einem privatwirtschaftlich geführten und auf Gewinn ausgerichteten Betrieb beschäftigt war, dann kann man sich vorstellen, was es da aufzuarbeiten gab.

Ansonsten können sie ihr Beispiel gerne stecken lassen. Der Staat und und auch kein Privatbetrieb hat die Pflicht auf Teufel komm raus Geld zu verbrennen, nur damit ein veraltetes, ineffizientes und mit zu viel Personal betriebenes DDR Kombinat weiterhin irgend etwa zu teuer am Markt vorbei produzieren kann.

Wenn man ehrlich zu sich selbst ist, dann kann man auch zugeben, dass kaum ein DDR Betrieb ohne massiven Stellenabbau und Investitionen auch nur annähernd konkurrenzfähig zu vergleichbaren Westbetrieben gemacht werden konnte. Ein schmerzlicher, aber notwendiger Prozess, der nach 30 Jahren durchaus viele Erfolge zeigt.

Mediator vor 34 Wochen

Jetzt muss ich aber herzlich lachen:
Die TOP Maschinen der DDR Industrie? Ihnen ist wohl entgangen, dass die DDR es geschafft hat in 40 Jahren der BRD 30 Jahre hinterher zu hinken was die Produktivität anging.

Warum waren denn die DDR betriebe mit ihren angeblichen TOP Maschinen dann nicht konkurrenzfähig gegenüber ihren westlichen Konkurrenten?

Die Wahrheit sieht wohl eher so aus, das man mit veraltetem Maschinenpark meist minderwertige Güter zu teuer und am Markt vorbei produziert hat. In DM kalkuliert und durch in DM entlohnte Arbeiter produziert war das meiste schlicht unverkäuflich und nicht einmal die DDR Bevölkerung wollte ihre eigenen "Marken" nach der Wende noch kaufen.

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