Männerarbeit in Sachsen-Anhalt Geschwellte Brust war gestern – ein Interview über Männerbilder

Christi Himmelfahrt, ein kirchlicher Feiertag, wird auch als Vatertag gefeiert – und vielerorts noch immer mit Horden betrunkener Männer in Verbindung gebracht. Dabei sind inzwischen auch viele Familien unterwegs. Das Männerbild hat sich gewandelt. In der evangelischen Kirche Mitteldeutschland gibt es die sogenannte Männerarbeit. Sie liegt bei Gottfried Muntschik vom Christlichen Verein Junger Menschen. Uli Wittstock sprach mit ihm über Körperkraft, die Krise des Mannes und Fragen von Respekt.

Mann und Kinder laufen an Wand mit Superman-Graffito vorbei
Bei Superman war Körperkraft noch Statussymbol. Im Arbeitsleben kommt es auf die kaum noch an – sagt Gottfried Muntschik (Symbolbild). Bildrechte: imago images / VWPics

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Muntschik, wann ist der Mann ein Mann, das fragte im Jahr 1984 Herbert Grönemeyer. Mehr als 35 Jahre später ist diese Frage immer noch aktuell. Vor allem der ostdeutsche Mann kommt dann schnell in den Blick. Der habe mit der Wende durch den Jobverlust sehr viel mehr Probleme gehabt als die ostdeutsche Frau. Gibt es eine Krise des Männerbildes?

Gottfried Muntschik: Was Sie da beschreiben, ist kein Ost-West Problem. Es gibt ja auch den Niedergang des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet, und weltweit beobachten wir die massiven Veränderungen in der Arbeitswelt. Denken Sie an die Landwirtschaft, wo man viele Jahrtausende mit Muskelkraft gearbeitet hat, das ist vorbei. Heute sind die Berufe hoch technisiert. Und das ändert natürlich vieles. Denn Körperkraft ist für Männer immer noch ein wichtiges Element, doch auf die kommt es im Arbeitsleben immer weniger an.

Hat das nun in gewisser Weise zu einem Autoritätsverlust geführt?

Da sprechen Sie ein heikles Thema an. Autorität ist ja etwas, das man sich nicht selber geben kann. Das war früher oft nur mit geschwellter Brust möglich, sich so eine Autorität zu verschaffen, die aber schnell verpuffte. Ich glaube, dass es für Männer heute ein großes Problem gibt mit dem Thema Respekt. Frauen bringen den Männern keinen Respekt entgegen und das macht Männer wütend und unsicher. Da ist es auch wenig hilfreich, wenn man von Gleichberechtigung spricht.

Das sind starke Vorwürfe. Wo zeigt sich denn dieser mangelnde Respekt?

Das ist zum Beispiel die Art, über Männer zu reden. Das ist verbunden mit der Bitte an die Frauen, mal sich selbst zu prüfen: Wie rede ich mit meiner Freundin oder mit meiner Arbeitskollegin über meinen Mann. Und dann geht es auch um das Bewerten von Tätigkeiten der Männer. Männer definieren sich gerne über das Tun. Wenn Frauen das nervt, weil sie viel lieber gemeinsam auf der Couch sitzen würden und nicht akzeptieren können, dass der Mann lieber die Wohnung renoviert, dann fühlen sich Männer missverstanden.

Gottfried Muntschick
Bildrechte: CVJM Familienarbeit Mitteldeutschland e.V.

Wer ist Gottfried Muntschik? Gottfried Muntschik ist Geschäftsführer des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) Familienarbeit. Muntschick ist schwerpunktmäßig in Sachsen-Anhalt unterwegs und betreut den Bereich Männerarbeit. Mit der Männerbrille schaut er auf Themen wie Freundschaft, kreative Lebensplanung oder Emotionalität.

Das stellt nun die Frage – brauchen wir einen Männerbeauftragten?

Auf keinen Fall. Ich glaube, dass auch die Frauenbeauftragten eher wenig für die Frauen bewegt haben. Politisch haben sie sicherlich Einfluss, aber zugleich muss man ja feststellen, dass in vielen Bereichen die Ungerechtigkeit nicht weniger geworden ist. Das hören jetzt viele wahrscheinlich nicht so gerne, aber ich bin der Meinung, dass mit Beauftragten wenig zu erreichen ist. 

Aber inzwischen gibt es das andere Männerbild: Väter die den Kinderwagen schieben, Elternteilzeit nehmen und sich früh auch um kleine Kinder kümmern, das ist doch eine ziemlich deutliche Entwicklung.

Wir hier im CVJM konzentrieren uns ja vor allem auf die Rolle der Männer als Väter, und da hat sich in den letzten Jahren tatsächlich viel geändert. Man sieht bei den Schwangerschaftsvorbereitungskursen immer häufiger Männer sitzen und man merkt, dass die Männer auch Interesse haben, in den Kreissaal mit zu gehen. Das ist ein schöne Tendenz. Da ist also schon ein deutlicher Wandel spürbar. Bisher war ja für Männer so ein Kind erst präsent, wenn es in die Hand genommen werden konnte, während die Frau da schon neun Monate Vorlauf hatte. Die Männer nehmen nun aktiver an der Schwangerschaft teil und sind damit auch viel besser eingebunden in die ersten Lebensjahre des Kindes.

Also das Männerbild ändert sich, das merkt man ja auch in der Erziehung ziemlich deutlich.

Also dieser gestrenge und strafende Vater, der nach der Arbeit nach Hause kam, die Vergehen der Kinder präsentiert bekam und über die dann zu richten hatte – die sind ja glücklicherweise vorbei. Deshalb ist es ja gut, dass es eine partnerschaftliche Erziehung gibt und die Männer da ihren Part finden. Das geht aber nur, wenn das mit den Frauen gemeinsam passiert, auch in der Unterschiedlichkeit wie man Erziehung versteht. Da ziehen sich leider Männer immer häufiger zurück.

Also haben die Männer aus Ihrer Sicht resigniert?

Das sehe ich mit einiger Sorge. Männer gehen in eine Art Emigration und kämpfen nicht mehr für ihre Interessen. Das sind die Frauen uns weit voraus, weil sie auch verbal für ihre Sachen einstehen. Die Männer ziehen sich dann eher zurück und respektieren ihre Niederlage. Ich glaube, dass die Männer sich gegenseitig ermutigen müssten. Die alte Idee der Stammtische könnte sich ja wieder stärker etablieren. Oder von mir aus auch Fahrradtouren unter Freunden zum Himmelfahrtstag, um ein neues Selbstbewusstsein zu tanken.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Quelle: MDR/mg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 21. Mai 2020 | 16:40 Uhr

2 Kommentare

KlausTh vor 6 Wochen

Die "Emigration" von Männern hat m.E.auch damit zu tun, dass der mediale und politische "Wind" ihnen ins Gesicht bläst. Immer wieder wird an ihnen kein gutes Haar gelassen, wer sich dagegen wehrt oder gar jammert, wird als Macho, Ewiggestriger, Frauenfeind, Rechter o.ä. kritisiert oder es wird Hohn über ihn ausgeschüttet. Da resigniert dann eben doch mancher.

Realist62 vor 6 Wochen

Zitat: ,, Da resigniert dann eben doch mancher." Oder wird zum Mitläufer. Das kann man wohl schreiben, wenn man sich noch als echter Mann fühlt.

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