Interview Hausärzte: "Problematische Situation, aber noch kein flächendeckender Mangel"

Über den Mangel an Hausärzten wird schon lange diskutiert. Ein Problem, das ganz Deutschland betrifft, doch vor allem die ländlichen Regionen. Was sind die Gründe, welche Lösungen gibt es? MDR SACHSEN-ANHALT sprach dazu mit Burkhard John, dem Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung sowie Torsten Kudela vom Hausärzteverband.

MDR SACHSEN-ANHALT: Wie ist derzeit die Situation bei den Hausärzten in Sachsen-Anhalt?

Burkhard John
Burkhard John Bildrechte: Burkhard John

Dr. Burkhard John, Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt: Im Moment haben wir noch keinen flächendeckenden Ärztemangel. Wir haben zwar in manchen Bereichen eine problematische Situation und haben punktuell auch Bereiche, wo der Arzt nicht mehr da ist. Dies ist aber nicht überall so. In den nächsten Jahren wird sich die Lage aber verschärfen, denn wir haben relativ viele ältere Ärzte und junge Kollegen rücken nicht in entsprechender Anzahl nach. Wir haben verschiedene Bereiche, wo die Lage bei den Hausärzten schon jetzt angespannt ist. Das betrifft nicht nur die Altmark, sondern auch das Mansfelder Land oder den Wittenberger Bereich. Und selbst in Dessau, einer großen Stadt, können sich über 15 Hausärzte noch niederlassen.

Dr. Torsten Kudela, Hausärzteverband Sachsen-Anhalt e.V.: Wir haben zu wenige Hausärzte, ohne Frage. Der Mangel hat sich noch verschärft, weil die Ärzte zum Teil mit noch anderen Dingen beschäftigt sind. Wir müssen beispielsweise mehr dokumentieren, Gutachten schreiben oder Anfragen beantworten.

Grafik zu Bereichen in Sachsen-Anhalt mit Unterversorgung an Hausärzten
Bereiche in Sachsen-Anhalt mit einer Unterversorgung an Hausärzten (rosa markiert) Bildrechte: Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt

Was sind Ihrer Meinung nach die Auslöser für die derzeitige Lage gerade in den ländlichen Regionen?

Arzt sitzt an seinem Schreibtisch
Torsten Kudela Bildrechte: MDR/SAH

Dr. Torsten Kudela: Zum einen bieten Großstädte oft mehr Freizeitangebote und Annehmlichkeiten. Das zweite: In einer Stadt wie etwa Magdeburg versorgt ein Hausarzt im Schnitt etwa tausend Patienten. Wenn Sie aufs Dorf gehen, sind es etwa 1.800. Die Kollegen dort müssen sehr viel mehr arbeiten. Und wenn die Ärzte oder Ärztinnen nicht aus der Region stammen, werden Sie die auch nicht dahin verpflanzen können. Wer in einer Stadt groß geworden ist, möchte meist auch da bleiben.

Dr. Burkhard John: Viele junge Mediziner wollen heutzutage gern als angestellte Ärzte arbeiten und das ist oft in Städten einfacher möglich. Diese Kollegen wollen sich nicht mehr unbedingt als Hausärzte niederlassen und das damit verbundene wirtschaftliche Risiko eingehen. Ein wichtiger Faktor ist auch die Anzahl der Studienplätze. Diese wurde mit der Wende in Deutschland deutlich reduziert. Wir brauchen jetzt mehr Studienplätze für Medizin, auch hier in Sachsen-Anhalt. Die Ausbildung dauert natürlich ihre Zeit, denn nach dem Studium kommen in der Regel nochmal sechs Jahre Weiterbildung hinzu, aber das Problem wird uns auch noch lange begleiten.

Es gibt die Landarztquote der Landesregierung oder Orte wie Osterburg, die ihren Medizinstudenten ein Stipendium bieten. Welche anderen Wege sehen Sie noch, um den Ärztemangel auf dem Land zu beheben?

Ein Arzt misst in einer Praxis einer Patientin den Blutdruck.
Bestimmte Aufgaben könnten zukünftig von besonders geschulten medizinischen Personal übernommen werden. Bildrechte: dpa

Dr. Burkhard John: Die Delegation ärztlicher Leistungen an besonders qualifiziertes Personal kann die Hausärzte stark entlasten. Sie können sich dadurch auf die eigentliche ärztliche Tätigkeit konzentrieren und somit auch mehr Patienten versorgen. Wir haben in Sachsen-Anhalt einen sehr hohen Anteil von sogenannten "VERAHs", den Versorgungsassistentinnen und -assistenten in den Hausarztpraxen. Es gibt bei uns mehr als 750 solcher ausgebildeten medizinischen Fachangestellten. An die können wir wesentlich mehr Aufgaben ddelegieren – wie Routinehausbesuche, die Kontrolle im Rahmen von chronischen Erkrankungen oder die Behandlung von chronischen Wunden. In nächster Zeit wird sich ein neues Berufsbild entwickeln, der sogenannte "Physician Assistent". Ein Arzthelfer, der noch mehr Aufgaben übernehmen kann im Auftrag des Arztes. Auch dies wird den Arzt entlasten und die medizinische Versorgung weiter verbessern.

Dr. Torsten Kudela: Eine weitere Entwicklung: Mehrere Ärzte arbeiten in einer Praxis, in etwa vergleichbar mit den früheren Polikliniken. Für die Patienten hat es den Vorteil, dass immer ein Arzt als Ansprechpartner da ist. Und die Ärzte können sich bei Problemen untereinander austauschen.

Wir haben jetzt steigende Prüfungszahlen in den Facharztprüfungen, die die Allgemeinmedizin betreffen. Es sind also etliche Assistenten mehr als noch vor ein paar Jahren, die sich zum Allgemeinmediziner ausbilden lassen. Das macht erst mal Hoffnung.

Die Fragen stellte Karin Roxer.

Quelle: MDR/ahr

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 13. April 2020 | 19:00 Uhr

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