Matthias Beyrow
Professor Matthias Beyrow von der FH Potsdam teilt mit uns sein Wappenwissen. Bildrechte: Andrea Hansen/FH Potsdam

#MDRklärt Wappen früher und heute – Experte verrät Trends

Welche Bedeutung haben Wappen heutzutage noch? Gibt es historische Trends? Und was sind eigentlich redende Wappen? Matthias Beyrow ist Professor für Identität und Zeichen an der Fachhochschule Potsdam. Er gilt als Experte im Wappenwissen. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit ihm gesprochen.

Matthias Beyrow
Professor Matthias Beyrow von der FH Potsdam teilt mit uns sein Wappenwissen. Bildrechte: Andrea Hansen/FH Potsdam

MDR SACHSEN-ANHALT: Warum gibt es Wappen überhaupt?

Matthias Beyrow: Historisch gesehen dienten Wappen, also "dekorierte Schilde", dazu Ritter auf dem Feld unterscheidbar zu machen. Später wurden daraus Familien- und Geschlechterwappen sowie Gemeinschafts- oder Amtswappen. Die Gemeinschaftswappen werden von Gemeinden, Städten, Landkreisen, Ländern und Staaten geführt. Sie dienen nach wie vor der unverwechselbaren Kennzeichnung. 

Was bedeuten sprechende Wappen? Warum ist das Wappen von Magdeburg eines?

Die Heraldiker würden lieber von "redenden" Wappen Sprechen. Das sind solche, deren Inhalt einen bildlichen Bezug zum Namen des Wappenträgers besitzt. Die Magd in oder auf der Burg ist eine bildliche Übersetzung von Magdeburg. Die Henne auf dem Berg übersetzt Henneberg, der Wolf auf der Burg Wolfsburg, neun Kirchen stehen für Neunkirchen, ein kriechender Krüppel für Kröpelin.

Heraldik - Heraldiker

Die Heraldik wird auch als Wappenkunde bezeichnet. Sie ist die Lehre von den Wappen und ihrem richtigen Gebrauch. Zur Heraldik zählen verschiedene Bereiche: die historische Entwicklung und Bedeutung von Symbolen auf den Wappen, die Gestaltung von Wappen (Wappenkunst), die Beschreibung der Wappen (Blasionierung) und das Wappenrecht (Regeln, nach denen ein Wappen zu führen ist).

Fallen Ihnen Besonderheiten der Wappen von Halle und Dessau-Roßlau auf?

Halle ist insofern spannend, als dass es auf den ersten Blick ähnliche Zeichenkomponenten verwendet, wie wir sie etwa von der Nationalflagge der Türkei kennen: das Motiv der Mondsichel "Hilal" als eines der bedeutendsten muslimischen Embleme sowie einen Stern, der im islamischen Kontext allerdings fünfzackig statt wie in Halle sechszackig abgebildet wird. Um die tatsächliche Bedeutung und Motivation der Symbolik im Stadtwappen Halles gibt es bis heute keine eindeutig gesicherte Theorie. 

Dessau-Rosslau besitzt ein Wappen, das gevierteilt ist – jedes Viertel steht für einen inhaltlichen Aspekt: Wir sehen einen Brandenburger Adler, den sächsischen Rautenkranz mit dem charakteristischen Hintergrund, eine bei Dessau ansässige Adelsfamilie sowie einen Verweis auf Schifffahrt. Das Wappen transportiert also territoriale, familiäre und lokale Hintergrunde – und Wappen sind als grafisches System dafür vorbereitet, bis zu neun Unterteilungen und damit Aspekte zu transportieren – auch wenn darunter freilich die Darstellbarkeit und Erfassbarkeit der Motive an Grenzen stößt.

Gibt es gewisse historische Entwicklungen/Trends, die Wappen im Laufe der Zeit vollzogen haben?

Wappen liegt eine verbindliche Beschreibung ihres motivischen Inhalts zu Grunde, die so genannte "Blasonierung". Dort steht, in welchen Farben und mit welchen Eigenschaften ein Wappenmotiv dargestellt werden soll – die Ausführung der Darstellung selbst ist nicht reglementiert und darf durchaus zeitlichen Moden unterliegen, solange die Darstellung heraldisch korrekt bleibt. Diese Idee von "Beschreibung" ist hochmodern und versteht sich wie eine Basis für ein gelegentlich notwendiges Redesign im Sinne einer optischen Auffrischung oder technischen Anpassung.

Welche Bedeutung haben Wappen heutzutage noch, gerade im Vergleich zu modernen Logos? Welchen Grad der Identifikation besitzen Sie für die Bevölkerung noch?

Ein Wappen transportiert als Signal, unabhängig von dem Motiv das es trägt, Werte wie Verbindlichkeit, Stabilität und Offizialität. Das ist wie geschaffen für behördliche Strukturen und Ergebnis einer kulturellen Prägung in unserem Kulturkreis. Auch Unternehmenszeichen machen sich dieses Wirkprinzip bisweilen zunutze, denken Sie an die Logos von Porsche, UPS oder HUK Coburg, um nur einige zu nennen.

Je nachdem, wie offensiv Stadtwappen genutzt werden, besteht bei vielen Bürgern aus der Vertrautheit heraus eine positive Identifikation. Die Stadt Rom gibt ein schönes Beispiel: Dort ist das Wappenmotiv, die im Diagonal angeordneten Lettern SPQR (für "Senatus Populusque Romanus") eine historische Widmung an die Bürger und auf jedem Gullydeckel und jedem Plakat abgebildet. Diese Präsenz sorgt für Stolz und Identifikation mit der Stadt – man kann dies aber nicht für jede Stadt generalisieren.

Heraldische Motive haben indes den großen Vorteil, inhaltlich "neutral" zu sein. Sie wollen lediglich "markieren" und versuchen – anders als Logos – nicht zwangsläufig, Vorteile oder Merkmale auszudrücken, also werblich zu agieren. Gerade dies wird der Komplexität städtischer Strukturen selten gerecht.

Wappen sind meist sehr kleinteilig und somit nicht sehr gut auf Social Media verwendbar. Der Fußballverein Juventus Turin hat deswegen sein Wappen geändert und es modernisiert. Inwiefern machen modernisierte Wappen Sinn? Sollten Städte darüber nachdenken?

Logo des Vereins Juventus Turin auf einem Kleidungsstück.
Das neue Logo von Juventus Turin Bildrechte: imago/ZUMA Press

Städte müssen in der Tat darüber nachdenken – ihnen ist mit der Blasonierung wie oben beschrieben aber auch ein Rahmen von Möglichkeiten gegeben, solange die Motivik adäquat visuell übersetzt wird. Bei Juve verhält es sich etwas anders: Fußballvereine unterliegen keiner amtlichen Blasonierung – sie besitzen Wappen meist aus traditionellen Gründen, weil zu ihrer Gründungszeit Wappen en vogue waren und es keine Markenzeichen gab, wie wir sie heute kennen. Für die mediale Präsenz sind Wappen oder besser "Embleme" gleichwohl sehr praktisch, da sie als visuelle Kürzel schnelle Wiedererkennbarkeit gewährleisten, etwa in Tabellen, auf Spielstandeinblendungen, Flaggen etc.

Wenn Juve nun aus dem Buchstaben "J" in doppelter Linienführung eine Schildform bildet, so ist das deshalb sinnfällig, weil das Haupterkennungsmerkmal der Spieler dieses Vereins eben das Schwarz-Weiß gestreifte Trikot ist. Hier kombinierte man also populäre Merkmale mit dem Initial und einer Schildform – also ein 3-in-1, das zudem visuell in seiner Komplexität reduziert ist und daher viel universeller angewendet werden kann. Ein Fußballverein ist aber auch ein Unternehmen, das in der Verwendung und Gestaltung seiner Zeichen autonom agieren kann, weil es keiner offiziellen Heraldik unterliegt. Juventus hat jetzt ein Logo in Wappenform.

Die Fragen stellte Fabian Frenzel.

Quelle: MDR/agz

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2019, 15:51 Uhr

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