Interview Politikwissenschaftler: "Die Corona-Krise wird Sachsen-Anhalt am härtesten treffen"

Die Worte des Politikwissenschaftlers Roger Stöcker von der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg klingen hart und vielleicht auch erst einmal paradox. In Sachsen-Anhalt gibt es vergleichsweise wenige Infektionen mit dem Coronavirus. Stöcker prognostiziert in einem veröffentlichten Thesenpapier, dass die Krise Sachsen-Anhalt dennoch besonders hart treffen wird. Ein Interview.

Lächelnder Mann blickt in die Kamera, im Hintergrund ist der Magdeburger Dom
Politikwissenschaftler Roger Stöcker in Magdeburg. Bildrechte: Josie Reuter

"Die Corona-Krise wird ökonomisch wie auch gesellschaftlich einen erheblichen Schaden anrichten. Und vor allem Sachsen-Anhalt wird es im Bundesländervergleich mit am härtesten treffen" – das sind die Worte eines Politikwissenschaftlers von der Universität Magdeburg. In einem Thesenpapier erklärt Roger Stöcker in sechs Punkten, warum die Krise insbesondere für unser Bundesland schwierig wird. Stöcker argumentiert, dass Sachsen-Anhalt hinsichtlich der Wirtschaftskraft und des Wirtschaftswachstums seit Jahren zu den deutschen Schlusslichtern gehört. MDR SACHSEN-ANHALT hat den Wissenschaftler dazu interviewt.

Das sind die sechs Punkte aus dem Thesenpapier (vereinfacht):

  • Vergleichsweise schwache Wirtschaftskraft
  • Vergleichsweise hohe Arbeitslosen- und Sozialhilfequote
  • Hohe Schulabbrecherquote und Lehrermangel
  • Schwacher Netzausbau und Digitalisierung
  • Schwache finanzielle Lage der Kommunen
  • Überdurchschnittliche Zahl der Single-Haushalte – alleinstehende Risikopatienten

Das ist Roger Stöcker

Roger Stöcker ist seit 2018 an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg beschäftigt. Hier ist er als Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bereich der Politikwissenschaften tätig. Stöcker hat Wirtschaftspädagogik, Politikwissenschaft und Geschichte studiert und zu dem Thema "Das Parteiensystem Sachsen-Anhalts" promoviert. Unter anderem war Stöcker mehrfach Gastdozent in den USA.

Stöcker ist außerdem aktives Mitglied der SPD im Salzlandkreis.

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Stöcker, ist es nicht zu früh für eine Prognose, wenn noch nicht einmal die Dauer der Corona-Beschränkungen feststeht?

Roger Stöcker: Die Aussage ist eine relative im Bezug zu anderen Bundesländern. Und da kann man schon sagen, dass die Startbedingungen, die Sachsen-Anhalt hatte, schlechter waren. Und dass wir aus dieser Krise, egal wie lange sie dauern wird, wahrscheinlich auch schlechter rausgehen.

Ich kann es ja vielleicht an einem metaphorischen Beispiel erklären. Wenn sie eine Grundschulklasse haben und 16 Schüler gehen nach den Sommerferien aufs Gymnasium. Dann hat natürlich der Schüler mit der 1+ bessere Karten, sich an die erhöhten Leistungsanforderungen zu gewöhnen, als jemand, der im unteren Mittelfeld war und sich immer so ein bisschen durchmogeln musste.

Sie haben prognostiziert, dass viele Unternehmen die Krise nicht überstehen werden. Kann man das auch prozentual benennen?

Das ist erstmal eine Mutmaßung, dass nicht jedes Unternehmen durch diese Krise durchkommen wird. Klar ist, die Kleinteiligkeit der Struktur in Sachsen-Anhalt macht es unwahrscheinlich schwer. Ein Konzern oder Dax-Unternehmen hat natürlich ganz andere Rücklagen als der kleine oder mittelständische Betrieb und hat es dementsprechend auch etwas leichter, über mehrere Wochen zu kommen.

Diese Resistenz, diese ökonomischen Krise zu überwinden, das sehe ich bei kleinen Unternehmen eher kritisch und da kann es durchaus sein, dass einige Unternehmen ums Überleben kämpfen. Wie viele es treffen wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht mal der beste Volkswirt sagen.

Sie sprechen ja auch von kurz-, mittel- und langfristigen Folgen. Können Sie die noch ein bisschen erläutern?

Ich gehe nicht davon aus, dass in den nächsten sechs Monaten klar sein wird, ob viele Betriebe diese Krise ohne nachhaltigen Schaden überstehen. Das wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Gerade wenn man jetzt anfängt, Kredite aufzunehmen – ob man überhaupt in der Lage ist, diese Kredite wieder abzuzahlen.

Und dann sehe ich noch eine ganz große Gefahr bei mittel- und langfristigen Folgen, die die Isolation auslösen könnte. Das habe ich ja auch in dem Text geschrieben, dass das natürlich auf die Psyche und die Physis der Menschen Auswirkungen haben könnte. Und erste Auswirkungen sehen wir schon. Das sagen Experten, Ärzte und Psychologen bereits: Dass häusliche Gewalt, die Scheidungs-, und Trennungsraten hochgehen. Und auch das mangelnde Bewegung dazu führt, dass daraus Spätfolgen entstehen können.

In welchem Zusammenhang stehen diese psychischen und physischen Probleme zum Markt?

Die Menschen brauchen Hilfe. Medizinische, psychologische Versorgung – das sind Kostenfaktoren. Hinzu kommt natürlich, dass die Leute, wenn sie denn vorher am Arbeitsmarkt integriert waren, auch sehr schnell aus dem Arbeitsmarkt rausfallen können.

Grundsätzlich müssen wir auch attestieren, dass sich der Arbeitsmarkt durch diese Krise wahrscheinlich wandeln wird. Wir hatten ja in den letzten Jahren das Problem, dass viele Betriebe Fach- und Nachwuchskräfte gesucht haben und der Stellenmarkt ja zu einem Bewerbermarkt geworden ist. Die Unternehmen haben um junge Menschen und Fachkräfte geworben. Und das könnte in so einer Krise einhergehen mit dem Verlust von Arbeitsplätzen. Ich erinnere an die späten neunziger Jahre, als die Arbeitslosigkeit relativ hoch war. Die Betriebe hatten eine große Auswahl an Arbeitskräften.

Was wäre denn Ihre Empfehlung an die Politiker?

Ich denke, Aufgabe der Wissenschaft ist es, in so einer Krise immer zunächst perspektivische Probleme aufzuzeigen. Ich weiß, dass dieser Zeitpunkt jetzt vielleicht für politische Akteure etwas früh ist. Sie sind erstmal damit beauftragt, diese Krise zu lösen und den größtmöglichen gesundheitlichen Schaden abzuwenden – und danach den volkswirtschaftlichen, gesellschaftlichen Schaden. Viele arbeiten sicherlich am Limit.

Dennoch muss ja irgendwann der Punkt beginnen, wo wir uns über die Zeit nach Corona Gedanken machen müssen. Ich habe natürlich Stand heute kein fertiges Lösungsrezept. Grundsätzlich aber wird es um Investitionen gehen. Man wird nachhaltig, kreativ und unkonventionell investieren müssen. Es gibt ja schon Bundesländer, die weitaus größere Summen bewegen und weitaus größere Investitionsprogramme als wir aufnehmen. Wir werden auch Konjunkturprogramme brauchen.

Zeitgleich oder fast zeitgleich bricht auch eine kommunale Finanzkrise aus, die ja auch sehr stark schon in der Realität eintrifft. Erste Landkreise sind quasi zahlungsunfähig. Da muss es eine starke staatliche Kombinationslösung geben. Wir brauchen Investitionen auch in Themen, die in den letzten Jahren aus meiner Sicht stiefmütterlich behandelt wurden, in die physische Gesundheit unserer Schüler. Das Thema Ernährung und Sport muss wieder einen sehr starken Stellenwert kriegen. Es ist erschreckend, dass wir als Bundesland im Vergleich die höheren Adipositasraten haben und Diabetes und Herzkreislauferkrankungen viel stärker verbreitet sind. Da muss der Staat ansetzen und auch Geld investieren.

Insgesamt sind Ihre Prognosen ja recht pessimistisch. Was können die Kleinunternehmer tun, um aus der Krise bestmöglich rauszugehen?

Ich finde meinen Text gar nicht so pessimistisch. Es ist am Ende des Tages eine Gegenstandsanalyse, dass hier gerade von den Startbedingungen her mehr getan werden muss als anderswo. Aber am Ende des Tages entsteht ein Opportunitätsfenster – ein Fenster der Möglichkeiten.

Die Politik neigt dazu, die eingetretenen Pfade nur ungern zu verlassen und bestimmte Prozesse sehr langsam und durchdacht anzugehen. Und jetzt gerade öffnet sich ein Fenster, wo man wirklich mal die Möglichkeiten hat, auch in Form von Großinvestitionen zu handeln.

Sicherlich wird es viele Unternehmen geben, die sich neu erfinden müssen. Ganz viele Veranstaltungen werden auch in den nächsten zwei, drei, vier Monaten wahrscheinlich so nicht stattfinden, wie sie geplant waren. Es werden aber neue Wege gesucht, zum Beispiel durch das Streaming.

Wer da in diesem Bereich jetzt sein Glück findet, der kann durchaus auch gute Chancen haben, gestärkt aus dieser Krise rauszugehen. Da gibt es, auch ganz viele andere Beispiele im Bereich der Nahrungslieferung. Vielleicht sind das alles Entwicklungen, die uns nachhaltig prägen werden.

Das heißt also, um dem Kleinunternehmer etwas an die Hand zu geben, dann wäre es, nach kreativen Lösungen zu suchen?

Ja, das hört sich einfach an. So ist es natürlich nicht. Das ist aber vielleicht der einzige Vorteil dieser ganzen Katastrophe, dass man wirklich mal ein bisschen Zeit hat, über grundsätzliche Dinge nachzudenken. Und das machen, glaube ich, gerade auch ganz viele Menschen in diesem Land. Wir denken darüber nach, was unsere tägliche Arbeit überhaupt für einen Mehrwert hat, ob diese Arbeit überhaupt zukunftsfähig ist.

Und ich glaub allein mit diesem Gedankengang werden sich viele Leute hinterfragen, ob ihr Geschäft grundsätzlich in zehn, zwanzig Jahren noch existent ist. Vielleicht nutzt man diesen Freiraum für eine gewisse Neujustierung. Und ich weiß, dass das in den meisten Branchen nicht funktionieren wird. Für einen Fleischerbetrieb wird es eher schwierig, auf online umzuswitchen. Ich verstehe schon, dass die Existenzängste überwiegen und dass man da erst einmal schaut, wie man überhaupt seinen Betrieb am Leben erhält.

Was können Sie denn jedem persönlich auf den Weg mitgeben?

Den Optimismus darf man grundsätzlich nie verlieren. Wir werden uns sicherlich über die nächsten Monate mit bestimmten Einschränkungen beschäftigen müssen. Aber die ersten Lockerungen werden in den nächsten Wochen kommen. In Österreich wurde der Startschuss gegeben, erste Geschäfte zu öffnen. Das ist, denke ich, ein ganz wichtiges Signal an die Leute, die von ihrem Geschäft leben und gerade auch kein Kurzarbeitergeld und keine anderen Substitution erfahren, dass sie wissen, es geht irgendwann wieder.

Ein zweites Signal, was die Leute ein Stück weit auch optimistisch stimmen kann, ist das man in dieser Krise ja nicht allein so schlecht dasteht. Wäre das eine Krise, die begrenzt ist auf die Europäische Union oder auf die Bundesrepublik, wäre das natürlich im weltweiten Vergleich ein Problem. Da es aber eine globale Krise ist und meiner Ansicht nach wahrscheinlich auch im amerikanischen Raum und demnächst im südamerikanischen Raum viel härter eintritt als bei uns, haben wir zumindest die Gewissheit, dass uns keiner wegrennt.

Das Interview führte Olga Patlan.

Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 05. April 2020 | 17:00 Uhr

19 Kommentare

W.Merseburger vor 7 Wochen

Ich möchte ihnen satirisch antworten: Eine Universität kommt auch gut ohne Politikwissenschaften und andere ... aus. Als der Marxismus-Leninismus an den DDR-Universitäten abgeschafft wurde, verblieben immer noch Unis. Was der Professor noch vergessen hat, Sachsen Anhalt ist gegenwärtig im Coronaranking an drittletzter Stelle in der BRD. Wie furchtbar!!°! Auch hier sind wir wieder mal ganz hinten und die Bayern haben wie immer die Nase vorn. Denken sie einmal darüber nach.

Rebekka G. vor 7 Wochen

Viele verstehen nicht, dass Dr. Stöcker hier lediglich die Lage im Land analysiert und daraus resultierend eine Perspektive formuliert. Er will weder das Bundesland schlecht machen, noch irgendwem auf den Schlips treten. Er macht lediglich seine Arbeit als Wissenschaftler. Wenn Ihnen seine Aussagen inhaltlich nicht gefallen - diskutieren Sie doch alle einfach darüber, anstelle über seine Person. Das wäre nämlich erfrischend Konstruktiv.

Rebekka G. vor 7 Wochen

Es ist auch nicht seine Aufgabe, Handlungsempfehlungen zu geben. Er analysiert die Situation aus einer wissenschaftlichen Perspektive, und das ist, gelinde gesagt, auch sein Job als Professor. Die Lehrstühle wären nicht entbehrlich, weil die Universität dann keine mehr wäre, sondern lediglich eine FH. Daraus würden andere - und durchaus auch weniger- Fördermittel resultieren, was dann dem Ruf der Uni und der Stadt und dem Bundesland durchaus schaden würde. Ich wäre froh, wenn Sie in Zukunft Ihre Forderungen noch einmal durchdenken.

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