EuGH zur Genschere Forscher kritisieren Urteil als "wissenschaftlichen Rückschritt"

Wer bei der Produktion von Lebensmitteln auf die sogenannte Genschere setzt, muss das beim fertigen Produkt als Gentechnik kenntlich machen. So hat es der Europäische Gerichtshof im Juli in einem Grundsatzurteil entschieden. Die einen sehen den Verbraucherschutz gestärkt, Forscher kritisieren einen "wissenschaftlichen Rückschritt". Die Entscheidung des Gerichts sei ein Rückschlag für die Pflanzenzüchtung in ganz Europa, kritisiert der Leiter des Leibnitz-Instituts in Gatersleben.

Nahaufnahme von Weizen
Weizen im Gewächshaus des IPK in Gatersleben: "Riesenvorteil für die Landwirtschaft" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat entschieden: Wer bei der Produktion von Lebensmitteln die Genschere einsetzt, muss das fertige Produkt im Supermarkt als gentechnisch verändert kennzeichnen. "Enttäuschend", meint das Leibnitz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben. Direktor Andreas Graner betont im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT jetzt, die Genschere funktioniere sehr viel präziser und mit weniger Risiko als konventionelle Mutationszüchtung. Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes sei deshalb ein Rückschlag – sowohl für die Forschung, als auch für die "Pflanzenzüchtung in ganz Europa", kritisierte Graner.

In dem Forschungszentrum in Gatersleben im Salzlandkreis forschen Wissenschaftler mit der Genschere, um etwa beim Weizen den Ertrag zu steigern. Das bedeutet, dass der Anteil der Körner im Verhältnis zur grünen Biomasse höher als bislang ist, erklärt Jochen Kumlehn, Arbeitsgruppenleiter Pflanzliche Reproduktionsbiologie. "Es geht im Prinzip darum, Pflanzen kleiner zu machen", erläutert er.

Für die Landwirtschaft sei das ein Riesenvorteil – allein, weil die Pflanzen dann nicht mehr so leicht umfallen könnten. Das sei jetzt noch anders: "Wenn Sie an fast reifen Feldern vorbeifahren, sehen Sie, dass ganze Bereiche umgeknickt sind", so Kumlehn. Wenn die Pflanzen mithilfe der Genschere aber kleiner werden, seien sie standfester. "Und je kürzer und standfester die Pflanze ist, desto mehr Ertrag bekommen wir vom Feld", erklärt der Wissenschaftler.

Forscher in Gatersleben und anderswo treiben mit der Genschere einen Prozess voran, der für das menschliche Auge unsichtbar ist. An einer vorher definierten Stelle schneiden sie die DNA einer Pflanze auf – mit der sogenannten Genschere.

Nach dem Schnitt repariert die Zelle die DNA – so wie sie es immer tut, wenn Erbgut beschädigt ist. Die Forscher hoffen darauf, dass bei diesem Prozess eine Genveränderung, also eine Laune der Natur, entsteht. Im besten Fall trägt die DNA anschließend die verbesserten Eigenschaften – ist in diesem Fall also kleiner, standfenster und hat für den Landwirt am Ende einen höheren Ertrag zur Folge. Forscher züchten auf diese Weise etwa widerstandsfähigere Pflanzen.

Grafik, die eine Genschere simuliert
Mit der Genschere wird die DNA einer Pflanze an einer bestimmten Stelle aufgeschnitten. Hinterher repariert die Zelle diese Stelle. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit dem Urteil des EuGH ist aber klar: Selbst wenn nach dem Schnitt keine fremde DNA eingepflanzt wird und ausschließlich alte DNA herausgeschnitten wird, muss das beim fertigen Lebensmittel am Ende gekennzeichnet werden. Und nicht nur das: Die Produkte müssen auch auf ihre Umweltverträglichkeit und Sicherheit geprüft werden. Das war im Vorfeld des Gerichtsurteils unklar – dann etwa, wenn die Genschere mit dem Namen Crispr zum Einsatz kommt. Die Richter orientierten sich beim Urteil an den Regeln der EU für gentechnisch veränderte Organismen. Diese Regeln sollen dafür sorgen, die menschliche Gesundheit zu schützen.

Nahaufnahme eines Schildes beim Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über das IPK Gatersleben Das IPK in Gatersleben bezeichnet sich selbst als führende wissenschaftliche Einrichtung auf den Gebieten von Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung. Seine Arbeit trage zur "Erhaltung, Erforschung und Nutzbarmachung der Kulturpflanzenvielfalt" bei. Das Institut sieht es als seine Aufgabe, mit seiner Forschung zur Bewältigung globaler und umweltbezogener Herausforderungen beizutragen.

Der Deutsche Bauernverband hatte die Entscheidung des Gerichts bereits nach Bekanntwerden des Urteils kritisiert. Präsident Joachim Rukwiek sagte, das Urteil verbaue die Möglichkeiten, mit Hilfe von Pflanzenzüchtung auf die Herausforderungen des Klimawandels zu reagieren. Ähnlich hatte sich auch Sachsen-Anhalts Landesbauernverband geäußert. Anders der Deutsche Bauernbund Sachsen-Anhalt, der den Einsatz von Gentechnik grundsätzlich ablehnt: Von dort hieß es, man habe Bedenken hinsichtlich der Genschere.

"Gentechnik weder auf dem Acker noch auf dem Teller"

Bundesumweltministerin Julia Klöckner (CDU) lobte das Urteil im Juli als rechtliche Klarstellung. Der Verbraucherschutz habe Vorrang. Zustimmung für das Urteil kam auch von den Grünen in Sachsen-Anhalt. Die agrarpolitische Sprecherin der Fraktion, Dorothea Frederking, sprach von einer guten Entscheidung. "Da die Menschen nach wie vor Gentechnik weder auf dem Acker noch auf dem Teller wollen, ist es gut, dass es ein strenges Beobachtungs- und Zulassungssystem geben wird", so Frederking.

Beim IPK in Gatersleben geht man unterdessen davon aus, dass in Folge des Urteils weniger Forschungsgelder fließen werden.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 29.08.2018 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/ld

Zuletzt aktualisiert: 01. September 2018, 19:14 Uhr

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5 Kommentare

02.09.2018 13:51 reiner202 5

Endlich wurde einmal etwas richtig entschieden .

02.09.2018 09:40 Horst Uwe 4

So so. Es ist also ein Rückschritt, wenn man gentechnische Eingriffe nicht mehr verschleiern kann... Weizen wird im Übrigen seit den 70ern "entwickelt". Allerdings durch Züchtung. Worauf dabei niemand geachtet hat, war der Glutengehalt. Der hat sich "aus Versehen" ver50facht und das überfordert natürlich so manchen Körper. Aber eigentlich auch nich schlimm, weil man da ja andere (aufwendigere) Produkte verkaufen kann. Sozials ist, was Arbeit schafft. Ja ja....

01.09.2018 21:37 wilfried Polack 3

In erster Linie geht es darum ob es dem Verbraucher gut geht. Dann kommt erst die Landwirtschaft dran.