Zerstörte Gärten und mehr Wildunfälle Wildschwein-Jagd mitten in Dessau

Umgepflügte Sportplätze, zerstörte Garageneinfahrten und geplünderte Schrebergärten: Die Wildschweine rund um Dessau und in anderen Städten werden immer mehr. Damit steigen auch die Wildunfälle. Ein Warnsystem entlang der Bundesstraße nach Dessau sollte Abhilfe schaffen. Doch die Wildschweine vermehren sich schnell und passen sich anders als ihre Artgenossen den Städten an. Eine riesige Herausforderung – nicht nur für Stadtjäger.

Wildschweinerotte mit Frischlingen
Wildschweine dringen immer weiter in die Städte vor. Das bringt viele Probleme mit sich. Bildrechte: MDR/Derk Ehlert

Auf der Suche nach neuen Lebensräumen drängen Wildschweine nun auch zunehmend in Dörfer und Städte. Andreas Tietz ist Stadtjäger in Dessau. Nach eigenen Angaben geht er etwa fünfmal pro Woche auf die Pirsch – und das mitten in Dessau.

Es kommt schon häufiger vor, dass wir die Schweine bis 500 Meter am Zentrum haben.

Andreas Tietz

Im Sommer gebe es wenig Schwarzwild im Stadtzentrum, sagt Tietz. Doch sobald die Felder abgeerntet seien, würden sich die Schwarzwild-Rotten wieder rund um Dessau verteilen, sagt Tietz. Und es werden immer mehr, sodass der Stadtjäger immer häufiger zur Waffe greifen muss. Dafür brauchen die Stadtjäger eine Sondergenehmigung, denn normalerweise ist die Jagd in der Stadt verboten. Auch in der Nacht und in den Abendstunden müssen die Jäger mit Spaziergängern, Joggern oder Fahrradfahrern rechnen.

Die Scheu vor dem Menschen ist verloren

Ihre Scheu vor den Menschen haben die Wildschweine längst verloren. Deshalb begrüßt es so mancher Bewohner, dass die Tiere in Städten wie Dessau gejagt werden dürfen. Denn die Hinterlassenschaften sind unübersehbar und oft ein Ärgernis: umgepflügte Sportplätze, zerstörte Garageneinfahrten und geplünderte Schrebergärten. In Dessau rüsten inzwischen viele Kleingärtner und Hausbesitzer auf und versuchen ihre Grundstücke mit speziellen Elektrozäunen vor den Schweinen zu schützen.

Anfangs waren die Schwarzkittel nur in Randbereichen der Stadt unterwegs. Mittlerweile aber sind sie in ganz Dessau zu finden, manchmal sogar am Tag und mitten im dichten Straßenverkehr.

Guido Siebert ist der Stadtförster von Dessau. Etwa 30 Wildschweine pro Jahr erlegt er in Dessau, meist mit der Schusswaffe. Doch auch in Dresden, Leipzig oder Magdeburg wird Schwarzwild geschossen, denn die Tiere haben sich in den Städten massiv ausgebreitet. In Berlin werden inzwischen jährlich etwa 3.000 Wildschweine erlegt. Seit Jahren gilt die deutsche Metropole auch als Hauptstadt der Wildschweine.

Forschung in Berlin, der Wildschwein-Metropole

Berliner Forscher vom Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung haben für Forschungszwecke 13 Stadtwildschweine mit GPS-Sendern ausgestattet. Durch die Chips wissen die Forscher, wo sich die Wildtiere zu einem bestimmten Zeitpunkt aufhalten. Auch lässt sich durch Aktivitätssensoren sagen, was die Tiere gerade machen.

Mit den Ergebnissen gelangen den Forschern vom Leibniz-Institut spektakuläre Einblicke in das geheime Leben von Wildschweinen in der Stadt. Denn oftmals leben ganze Schwarzwild-Familien direkt vor der Haustür, ohne dass wir sie bemerken. Die Wissenschaftler fanden auch heraus, dass sich Stadtwildschweine völlig anders verhalten als ihre Artgenossen im Wald. Diese meiden die Nähe des Menschen und reagieren empfindlich auf Straßenlärm und Verkehr.

Stadtwildschweine dagegen suchen ganz bewusst verkehrsnahe Lagen, um zu schlafen und sich auszuruhen. Hier fühlen sich die Tiere sicher – vor allem vor Konflikten mit freilaufenden Hunden. Vor ihnen haben Wildschweine panische Angst und können so auch für den Menschen äußerst gefährlich werden.

Es ist eigentlich so, dass von Wildschweinen unmittelbar keine große Gefahr ausgeht. In Berlin ist es so, dass am häufigsten Angriffe zu registrieren sind, wenn freilaufende Hunde im Zusammenhang stehen. Dann sind die Tiere schon wehrhaft und greifen teilweise auch an.

Konstantin Börner, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierkunde Berlin

Wildschweine, die die Stadt einmal erobert haben, vererben diese Information an ihre Nachkommen. Das heißt: Frischlinge, die in der Stadt geboren werden, bleiben auch hier. Das konnten die Berliner Wildforscher anhand genetischer Untersuchungen herausfinden.

Die Gefahr auf den Straßen

Anders als ihre Artgenossen auf dem Land sind Stadtschweine friedliche Gesellen und tolerieren den Menschen selbst in unmittelbarer Nähe. Die Gefahr, die von ihnen ausgeht, liegt ganz woanders. Einsätze zu Verkehrsunfällen mit Wildtieren gehören für den Einzugsbereich der Polizeiinspektion Dessau-Roßlau mittlerweile fast zur täglichen Routine.

Wildunfälle sind in Sachsen-Anhalt inzwischen die häufigste Ursache für Verkehrsunfälle. Auch in der Polizeiinspektion Dessau-Roßlau. 2018 wurden hier 2.879 Wildunfälle registriert. Das sind durchschnittlich acht pro Tag – allein in Dessau und Umgebung. 

Die Sachschäden durch Wildunfälle sind immens. Schätzungen gehen von acht Millionen Euro jährlich allein in der Region Dessau aus. Deshalb suchen Jäger, Polizeibehörden und das Verkehrsministerium Sachsen-Anhalt seit Jahren intensiv nach geeigneten Präventionsmaßnahmen, mit denen das Wild von der Straße vertrieben wird. 

Grafik mit den Hauptursachen von Verkehrsunfällen in Sachsen-Anhalt (Stand 2018)
Wildunfälle sind die häufigste Unfallursache. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Wildwarnsystem soll Verkehrsunfälle reduzieren

Im Oktober 2018 wurden bundesweit die ersten vier Pilotstrecken eines völlig neuen Wildwarnsystems in Sachsen-Anhalt installiert.

Die Idee der Wildwarnsysteme

Fährt ein Auto durch einen Sensor, gibt der Wildwarner einen Piepton ab, um die Tiere von der Straße fernzuhalten. Dabei sind alle Geräte untereinander vernetzt und reagieren nicht nur auf Autolicht, sondern vor allem auf die Geräusche der Fahrzeuge. Das Neue daran: Das Ganze soll am Tag und in der Nacht funktionieren. Bisher gab es kein Gerät, das am Tag eingesetzt werden konnte.

Christian Hillgruber vom Verkehrsministerium in Sachsen-Anhalt ist für die Prüfung der Teststrecken zuständig. Eine davon liegt an der B184 bei Dessau. Der vier Kilometer lange Straßenabschnitt ist der mit den meisten Wildunfällen im Land. Seitdem die neuen Wildwarnersystem installiert wurden, haben sich die Unfälle von 30 auf 15 pro Jahr halbiert.

Doch auf den anderen drei Teststrecken sind die Ergebnisse weniger überzeugend. Auf einem Testabschnitt gab es sogar mehr Wildunfälle. Ein Hauptproblem der Wildwarner sind die Akkus. Sie werden über Solarzellen aufgeladen. Bei trübem Wetter scheint das nicht immer auszureichen. Bei anderen Geräten gab es Funktionsausfälle – vor allem in den dunklen Jahreszeiten. 2021 sollen die endgültigen Ergebnisse feststehen.

Wildwarnsystem an einem Leitpfosten
Ein neues Wildwarnsystem soll Unfälle mit Wildschweinen verhindern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Landwirtschaft lockt Wildschweine an

Doch woher kommen die Wildtier und warum sind es so viele und werden immer mehr? Noch nie gab es so viele Wildschweine in Deutschland wie heute. Das zeigt sich auch in den Abschusszahlen. 2018 wurden hier 820.000 Schweine geschossen, so viele wie nie zuvor. 1990 waren es gerade mal 230.000.

Der zunehmende Anbau von Mais ist eine der Hauptursachen der Wildschweinplage in Deutschland. Weder Jäger, Hunde, noch Zeit reichen, um die riesigen Anbauflächen zu bejagen. Hinzu kommt der Klimawandel. Carsten Gädeke ist einer der Mitstreiter der Stöberhundgruppe Prignitz – einer Gruppe, die Schwarzwild jagt. Er sagt, dass durch die milden Winter viele Frischlinge überleben. Außerdem würden sich die Sauen durch die vielen Mais- und Rapsfelder in Sicherheit wiegen und könnten sich ohne Ende vermehren.

Ernücherung bei den Stadtjägern

Der Job der Stadtjäger ist kräftezehrend und nicht ungefährlich. Doch auch sie werden das Problem mit den Stadtwildschweinen nicht lösen. Gefahrenabwehr, Vergrämung und massive Zäune – viel mehr wird man gegen die Wildschweine nicht tun können. Denn ihr Siegeszug in die Stadt ist ein ganz natürlicher Prozess, der durch den modernen Städtebau ausgelöst wurde und vieles verändert hat.

Quelle: MDR/ahr

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt – Die Story | 15. Januar 2020 | 20:45 Uhr

2 Kommentare

Gustaf vor 28 Wochen

Herr PHK Mosch arbeitet in der Polizeiinspektion Dessau-Roßlau in der Kühnauer Straße. Er fährt mit Sicherheit nicht Streife und kommt in die Verlegenheit einen Wildunfall aufzunehmen zu müssen. Auch passt ein Audi A6 der Autobahnpolizei nicht so recht zu dem, was täglich auf den Straßen in Dessau unterwegs ist.

Stefan Der vor 28 Wochen

Im Artikel wurde vergessen unseren Umgang mit Abfällen zu thematisieren. Gerade in der Stadt sind Wildschweine auch auf die Hinterlassenschaften von Menschen angewiesen. Schweinesichere Mülltonnen und Abfallbehälter würden auch einiges zur Vergrämung beitragen. Weiterhin stehen Wildschweine auch unheimlich auf offene Komposthaufen in Kleingärten, auf welchen alles landet, was der Mensch an Essenresten und Gartenabfällen zu bieten hat. Wir werden uns mit den Schweinen arrangieren müssen. Ein bisschen mehr Disziplin hilft da ein wenig.

Mehr aus Sachsen-Anhalt