Steigendes Bedrohungsgefühl Jüdisches Leben in Sachsen-Anhalt – vor und nach dem Anschlag in Halle

Auf die Synagoge in Halle ist ein antisemitischer Anschlag verübt worden. Wie es um die jüdische Gemeinschaft in Sachsen-Anhalt steht, welche Hoffnungen und Sorgen sie hat und wie der Anschlag ihren Alltag verändert hat. Teil 3 unserer Serie zum jüdischen Leben in Sachsen-Anhalt.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Maria Hendrischke, MDR SACHSEN-ANHALT

Eine Bildcollage zum Them "Jüdisches Leben".
Gemeindevorsitzende Korshevnyuk über die große Soldarität nach den Anschlägen: Die größte Sorge der jüdischen Gemeinsschaft ist, "dass das ein kurzfristiger Effekt ist, der bald wieder nachlässt". Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Vor den jüdischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt stehen derzeit wegen des Anschlags auf die Synagoge in Halle Polizeiwagen. So auch vor dem Gemeindehaus der liberalen jüdischen Gemeinde Magdeburgs, die etwa 120 Mitglieder hat. Wie lange sie dort noch stehen werden, sei noch nicht klar, sagt die stellvertretende Vorsitzende der Gemeinde, Larisa Korshevnyuk. Gut fühlt sie sich damit nicht. Der Anblick verbreitet eine unheimliche Stimmung und erinnert an den Anschlag in Halle in der vergangenen Woche. Und Korshevnyuk sagt: "Mir ist es peinlich, dass Polizisten vor unserer Tür stehen müssen. Europa sei so schön. "Ich war so stolz auf Deutschland, so begeistert."

Korshevnyuk ist aus der Sowjetunion nach Deutschland geflüchtet – so wie die meisten der etwa 2.000 Juden, die heute in Sachsen-Anhalt leben. Das entspricht nur etwa 0,1 Prozent der Landesbevölkerung. Etwa 1.300 von ihnen gehörten 2018 einer der fünf Gemeinden in Sachsen-Anhalt an, die in Halle, Magdeburg und Dessau angesiedelt sind. Geschätzte 90 Prozent der Mitglieder in deutschen jüdischen Gemeinden seien solche sogenannten Kontingentsflüchtlinge, sagt Sachsen-Anhalts Ansprechpartner für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, Wolfgang Schneiß.

Ohne den Zuzug gäbe es in Sachsen-Anhalt heute womöglich kein jüdisches Leben mehr. Am Ende des Zweiten Weltkriegs lebten nur noch etwa 80 Juden in Magdeburg, 1933 waren es 2.300 gewesen. In Halle überlebten nur 49 Juden die NS-Zeit. 1933 lebten etwa 1.200 in Halle.

Jüdische Gemeinden als Begegnungsort für Zugewanderte

Für viele Juden ist die Gemeinde ein Ort der Begegnung, eine Anlaufstelle bei den Sorgen und Nöten des Alltags. Aber auch ein Ort des Lernens, denn viele Zugewanderte haben in Deutschland erstmals tieferen Kontakt mit religiösen Aspekten des jüdischen Lebens. Da es in Sachsen-Anhalt keine jüdische Schulen oder Kindertagesstätten gibt, sind es die Gemeinden, die junge Menschen dabei unterstützen, die Religion kennenzulernen.

Die jüdischen Gemeindemitglieder in Sachsen-Anhalt haben einen hohen Altersdurchschnitt. Die meisten sind im Rentenalter. Abwanderung spielt eine Rolle – und dass Gottesdienste und religiöses Leben bei Jüngeren eine geringere Bedeutung haben, ähnlich wie bei den Kirchen.

Bedrohungsgefühl in jüdischer Gemeinschaft wächst

Die stellvertretende Gemeindevorsitzende Larisa Korshevnyuk sagt, dass sie der Anschlag von Halle nicht überrascht habe. Sie verweist auf die jährlichen Nazi-Aufmärsche am 16. Januar in Magdeburg, die NPD und rechtsextreme Aussagen von AfD-Politikern. Die Politik habe viel zu lange weggeschaut und zu viel toleriert.

Neben Hakenkreuz-Schmierereien auf Friedhöfen und Drohbriefen an die Gemeinde, die offensichtlich antisemitisch motiviert sind, sind es besonders die subtileren Formen der Ausgrenzung, von denen sich die Menschen bedroht fühlen.

Wolfgang Schneiß, der Ansprechpartner für jüdisches Leben in Sachsen-​Anhalt, hat aus der jüdischen Gemeinschaft erfahren, dass das Bedrohungsgefühl zunehme, auch wenn die von der Polizei erfassten antisemitischen Straftaten in den vergangenen Jahren nicht gestiegen sind. Doch Vorfälle mit antisemitischem Bezug werden zum Teil nicht angezeigt oder bewegen sich laut Schneiß in einer Grauzone, die strafrechtlich nicht relevant ist.

Die Sendung "Hart aber fair" berichtete am Montag, dass 44 Prozent der Juden in Deutschland überlegen, ihre Heimat zu verlassen. Gilt das auch für Juden in Sachsen-Anhalt? Die Soziologin Olga Goldenberg sagt, das Gefühl, auf gepackten Koffern zu sitzen, sei zwar vielen Juden bekannt. Die Verunsicherung sei aktuell groß und nicht unbegründet. Aber: Wer bereits seine Heimat verlassen musste, der kenne auch die Schattenseiten der Migration.

Polizeiüberwachung keine Lösung

Larisa Korshevnyuk, stellvertretende Vorsitzende liberale Jüdische Gemeinde zu Magdeburg
Larisa Korshevnyuk von der liberalen Jüdische Gemeinde zu Magdeburg Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Die jetzige Polizeiüberwachung von jüdischen Einrichtungen sei jedenfalls keine Dauerlösung, meint Korshevnyuk. "Wir müssen ändern, was in den Köpfen der Menschen vorgeht." Das sei sehr schwer und werde nicht von heute auf morgen funktionieren, räumt sie ein. Schließlich hätten sich antisemitische Einstellungen über Jahre hinweg entwickelt und festgesetzt. Sie fordert von Politikern, nicht länger wegzusehen und in ihrem Vorgehen gegen Antisemitismus konkret zu werden. Außerdem sei es wichtig, die Wirtschaft zu fördern. Denn wer sich von Armut bedroht sehe, suche eher einen Schuldigen – und mache beispielsweise die Juden verantwortlich.

Nach dem Anschlag in Halle hat die jüdische Gemeinschaft viel Solidarität erfahren. "Ich glaube, die größte Sorge der jüdischen Gemeinschaft ist, dass das jetzt ein kurzfristiger Effekt ist, der bald wieder nachlässt", sagt Schneiß. Deshalb spricht er sich dafür aus, sich Signale der Verbundenheit zu überlegen, die nachhaltig und dauerhaft sind. Ein Beispiel dafür seien Stolpersteine und damit zusammenhängende Aktionen. Bei den jüdischen Kulturtagen, die in Halle am 27. Oktober und in Magdeburg am 23. Oktober beginnen, können Interessierte zudem das aktuelle jüdische Leben und die Gemeinschaft in Sachsen-Anhalt kennenlernen.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT - in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/mh

Zuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2019, 12:53 Uhr

1 Kommentar

ossi1231 vor 4 Wochen

Die Polizei zirka auf Ludwig-Wucherer-Straße 8, 06108 Halle (Saale)
(Kreuzung Ludwig-Wucherer-Straße Schillerstraße, Halle)
Der Schütze Ludwig-Wucherer-Straße 11, 06108 Halle (Saale)
(Kreuzung Ludwig-Wucherer-Straße Lessingstraße, Halle)

das macht 70 Meter Fußweg ... den Sachverhalt und die daraus resultierenden Fragen zu bennenen sind Bürger leider Chancenlos, oder?

In einer solch "komischen" Gesellschaft wo die Staatsmacht sich bemüht einen Straftäter zu erreichen wächst ein Bedrohungsgefühl nicht nur in der jüdischen Gemeinschaft.

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