Fall Querfurt und die Folgen Das Dilemma der Jugendämter und mögliche Auswege

Der Tod eines Kleinkindes in Querfurt wirft die Frage auf, ob das Jugendamt Fehler gemacht hat. Eine bundesweit beachtete Studie der Hochschule Koblenz zeigt, dass es in den Jugendämtern zahlreiche Probleme und Hürden gibt.

Jugendamt
Aufgabe des Jugendamtes ist es Erziehungsberechtigte bei der Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern zu unterstützen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Nach dem Tod eines zweijährigen Kindes in Querfurt am vergangenen Wochenende wird darüber diskutiert, ob das Jugendamt sich korrekt verhalten hat. Nachbarn berichteten in Interviews mit MDR SACHSEN-ANHALT, sie hätten das Jugendamt gewarnt, es habe aber niemand reagiert. Das Jugendamt wies die Vorwürfe zurück und übergab alle Akten der Staatsanwaltschaft. Es steht also Aussage gegen Aussage.

Todesfälle wie in Querfurt lösen oft eine große Skepsis gegenüber dem Jugendamt aus. Durch die Studie "Berufliche Realitäten im ASD: die Herausforderung sozialpädagogischer Arbeit heute" der Hochschule Koblenz wurden die Arbeitsbedingungen und internen Strukturen der Jugendämter genauer unter die Lupe genommen. MDR SACHSEN-ANHALT hat angesichts des Falles in Querfurt mit einer der Autorinnen gesprochen.

Probleme

Der interne Umgang mit den Fällen unterscheidet sich in den einzelnen Jugendämtern voneinander, weil sie kommunal selbstverwaltet werden. Die Studie zeigt aber deutlich, dass es übergreifende Probleme gibt. Demzufolge kommt unter anderem die Einarbeitung von neuen Kolleginnen und Kollegen zu kurz und es ist grundsätzlich zu wenig Zeit für die einzelnen Fälle. Außerdem haben die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter häufig sehr viel Dokumentationsaufwand. Die Sozialarbeiterin und Forscherin Thora Ehlting meint, es sei auf jeden Fall ein guter Anfang, wenn man die Dokumentationsverfahren verschlanken würde. „Ich denke man muss mehr Zeit in die Hausbesuche stecken. Es sollte mehr Gespräche mit den Kindern geben. Meistens wird mit Erzieherin, Lehrerin und Eltern gesprochen. Also mit vielen Erwachsenen. Aber die wenigsten haben die Zeit und die Muße, mit den Kindern ein Vertrauensverhältnis aufzubauen“.

Gesetzliche Rahmenbedingungen

Wenn das Kindeswohl gefährdet ist, dann ist das Vorgehen in den einzelnen Jugendämtern zwar unterschiedlich, aber es gibt klare gesetzliche Rahmenbedingungen. Beispielsweise ist vorgeschrieben, dass bei der Einschätzung der Gefährdung nach dem Mehraugenprinzip entschieden werden muss. Ganz praktisch bedeutet das, dass mindestens zwei pädagogische Fachkräfte vor einer endgültigen Entscheidung die Umstände in der Familie beurteilen müssen. Das heißt zum Beispiel, dass zwei Fachkräfte gemeinsam einen unangekündigten Hausbesuch bei der Familie machen müssen. Danach werden die Ergebnisse im Amt mit den Kolleginnen und Kollegen besprochen. Dann gibt es eine Entscheidung, ob ein Antrag auf Sorgerechtentzug beim Gericht gestellt werden soll. Dieser Prozess kann sich in die Länge ziehen. Sowohl bürokratisch als auch wegen ganz banalen Gründen wie Erkrankung und Ausfall der zuständigen Person.

Bei ganz akuten Fällen gibt es gesetzlich die Möglichkeit, Kinder sofort in Obhut zu nehmen. In dem Fall werden die Kinder zuerst sicher untergebracht und dann wird beim Familiengericht ein Antrag auf Unterbringung gegen den Willen der Eltern gestellt.

Lösungsvorschläge

Ehlting erzählt, dass es in manchen Jugendämtern einen sogenannten Krisendienst oder Kinderschutzdienst gibt. Das sind dann extra Fachkräfte, die bei akuten Fällen eingesetzt werden. „Mit einem Krisendienst kann man in Gefahrensituationen schneller reagieren. Die Fachkräfte, die das regelmäßig machen haben einen geschulteren Blick für so etwas. Die kann man dann zum Beispiel auch spezieller qualifizieren und für schwierige Dialoge schulen. Das ist wichtig, weil die Familien sich in solchen Fällen meistens bedroht fühlen. Sie werden nämlich für die Art wie sie leben kritisiert und machen deshalb erst einmal dicht“, beschreibt Ehlting. Mit bestimmten Gesprächstechniken könne man mit den Eltern in einen besseren Kontakt kommen und mehr Bereitschaft für eine Zusammenarbeit bewirken.

Wichtig sei auch ausreichend Personal, am besten ein Personalüberhang. Dann könnten Kollegen einspringen, sobald eine Fachkraft erkrankt oder aus sonstigen Gründen ausfällt.

Außerdem müsse man schon bei der Qualifizierung der Sozialarbeiter ansetzen. „Das Thema Kinderschutz sollte ein fester Bestandteil der Ausbildung sein und viel mehr ins Visier kommen“, sagt Ehlting. Ein Problem sei auch, dass es zwar statistisch gesehen immer mehr Sozialarbeiter gebe, aber die Statistik das Personal in Elternzeit und Langzeiterkrankte nicht erfasse. Ehlting sagt, „während der Studie kam raus, dass es sehr schwer ist geeignetes Personal zu finden. Es gibt Jugendämter die inzwischen auf Erzieherinnen und Erzieher oder andere ähnliche Berufsgruppen als Personal zurückgreifen. Das wäre früher unvorstellbar“.

Eine Vereinheitlichung der ganzen Jugendämter sei laut Ehlting nicht unbedingt die Lösung. Jeder Fall sei individuell. „Es erfordert genug Zeit und Ressourcen, um die Interaktion zwischen Kindern und Eltern richtig zu beobachten und deuten“, sagt Ehlting. Die Sozialpädagogin weist darauf hin, dass unabhängig davon wie die internen Abläufe in den Jugendämtern und die Ressourcen in den jeweiligen Kommunen sind, jedes Kind das Recht darauf hat, geschützt und gut betreut zu sein.

Niedrigschwellige Angebote

Ehlting hält für die betroffenen Eltern und Kinder niedrigschwellige Angebote für wichtig. „Die meisten Familien werden nicht von allein kommen und sagen, dass sie eine Gefahr für ihr Kind sein könnten. So schätzt sich eine Familie mit einem Drogenproblem oder Unterstützungsbedarf nicht ein. Sie halten das für eine richtige Lebenssituation, weil sie es vielleicht nie anders erlebt haben. Niedrigschwellige Angebote wie etwa eine Austauschrunde für Mütter könnte helfen, um über Probleme ins Gespräch zu kommen“. Das sei ein wichtiger Anfang für eine gute Arbeit meint Ehlting.

Außerdem empfiehlt die Forscherin: „Wir müssen mehr wahrnehmen was mit den Kindern passiert. Wir sollten uns trauen zu handeln, egal ob wir Fachkraft sind oder nicht. Es ist wichtig die Perspektive, Geschichte und Situation der Kinder ernst nehmen“.

Quelle: MDR/vö

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 16. Juli 2020 | 19:00 Uhr

8 Kommentare

So ist es vor 9 Wochen

Weniger Familien pro Sozialarbeiter (=Viel mehr Personal einstellen) und dieses muss richtig für die Aufgaben ausgebildet werden (vergleichbar einem Master Studium) und auch weiterhin regelmäßig fortgebildet werden. Eine deutlich höhere Bezahlung (höherer Dienst). Ein verbindlicher fachlicher Austausch zwischen mehreren Fachkräften (verschiedener Professionen, also auch Ärzte und Psychologen) über jede Familie in einer Zuständigkeit. Mehr Einbeziehung der Kinder. Und eine unabhängige kontrollierende Stelle, die Beschwerden nachgeht.
Das geht nicht gleich, aber in ein paar Jahren ist das umzusetzen.

Judith vor 9 Wochen

Die Zustände in den Jugendämtern sind schon viele Jahre bekannt....und was passiert?..... Nichts!!!! Neue qualifizierte MitarbeiterInnen,geschweige erfahrene Fachkräfte sind sind kaum noch zu finden.Viele KollegenInnen kommen frisch aus dem Studium und brauchen deshalb monatelange Einarbeitung,die nicht geleistet werden kann,weil es keine erfahrenen KollegenInnen mehr gibt. Viele schmeissen nach kurzer Zeit wieder das " Handtuch" ,da sie die Arbeitsbelastung durch die zu hohe Fallbelastung in Kombination mit der Verantwortung nicht aushalten. Im Kinderschutz zu arbeiten ist richtige harte Arbeit,jeden Tag aufs Neue und braucht Erfahrung!I mache diese Arbeit seit vielen Jahren und weiss wovon ich rede und was meine KollegenInnen leisten. Die Rahmenbedingungen stimmen nicht ( zu hohe Fallzahlen, zu wenig Personal, zu geringe Bezahlung....) ...und zum Schluss möchte ich noch anmerken,dass Jugendämter vielen Familien unterstützende Hilfen zukommen lassen...und ganz viel Positives leisten

Johanna vor 9 Wochen

Hallo, es ist ein Dilemma, da es keine Fallobergrenzen gibt. Bei Vormündern sind es 80, damit eine Gesprächsbeziehung greifen kann mit Vertrauen. Kinder haben das Recht selbständig sich an Jugendämter zu wenden (SGB VIII) und gehört zu werden (Artikel 12 UN Kinderrechtskonvention). Leider steht das Kind oft nicht im Mittelpunkt sondern die Eltern. Es gibt in den Jugendämtern oft kein geschultes Personal welches sich mi kindgerechter Kommunikation auskennt bzw. Ws fehlt die Zeit. Viele betroffene Kinder bemängeln, dass über sie, anstatt mit ihnen gesprochen wird, sie oft keine Mitsprache haben insbesondere auch bei Unterbringung oder Rückführung in die Familie. Laut Artikel 3/1 UN Kinderrechte ist jede Verwaltungsentscheidung - auch bei Trägern- “vorrangig zum Wohl der Kinder “ zu entscheiden!!!!!! Und zu dokumentieren. The best interest of the child. Also unbedingt Fallobergrenzen einführen und ZEIT FÜR ENTSPRECHENDE Kontakte.

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