Kaninchenzüchter im Interview "Tierschützer sind keine besseren Menschen"

Anfeindungen von Tierschützern – für Kaninchenzüchter ist das inzwischen normal. Im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT erklärt der Chef des Landesverbands der Kaninchenzüchter in Sachsen-Anhalt, warum er gelassen mit diesen Anfeindungen umgeht – und betont, dass sich in Sachen artgerechter Haltung schon viel getan hat.

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Hennings, auf der Facebookseite von MDR SACHSEN-ANHALT sind unter dem Beitrag über Kaninchenzüchter aus Welbsleben Kommentare wie "furchtbare Haltung" oder "Tierquälerei vom feinsten" zu lesen, verfasst von Tierschützern. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Kritiken wie diese lesen?

Mike Hennings, Vorsitzender des Landesverbands der Kaninchenzüchter Sachsen-Anhalt: Die zunehmende Vermenschlichung des Nutztieres Kaninchen beschreibt den Konflikt ziemlich gut. Wenn ein Kaninchenliebhaber ein Kaninchen als Freund oder Familienmitglied betrachtet, dann ist das mit den Vorstellungen einer Haltung und Zucht des Rassekaninchenzüchters nur schwer in Einklang zu bringen. Wir quälen unsere Tiere nicht, da auch wir daran interessiert sind, gesunde und vitale Zuchttiere zu halten. Gegen solche Vorwürfe wehren wir uns also entschieden. Denn nur wenn unsere Häsinnen beste Voraussetzungen vorfinden, können sie ihre Jungtiere großziehen. 

Tierschützer – zum Beispiel von der Initiative "Glückliche Kaninchen" – kritisieren Züchter für die Vermehrung von Kaninchen. Die Tierheime seien sowieso schon voll bis übervoll, heißt es da. Das führe, so die Kritik, dazu, dass noch mehr Kaninchen allein in zu kleinen Käfigen gehalten würden.

Wir vermehren keine Kaninchen, sondern wir züchten nach vorgegebenen Kriterien Rassekaninchen. Damit soll erreicht werden, dass unsere Rassen möglichst erbfest erhalten bleiben. Nur so können wir alte Haustierrassen nach Aussehen und Eigenschaften erhalten. Für unsere Zuchten gelten entsprechende Vorgaben, welche Größe an Gehegen für welche Rasse vorgehalten werden müssen. Diese werden in jährlichen Stallbegehungen durch die Vereine als Selbstverpflichtung überprüft und Mitglieder aufgefordert, erkannte Mängel abzustellen. Ebenso verhält es sich mit dem Standort der Stallanlage. So dürfen diese nicht in der Zugluft oder prallen Sonne stehen. Unsere reinrassigen Kaninchen werden zur Zucht benötigt und landen nicht in den Tierheimen. 

Unsere reinrassigen Kaninchen werden zur Zucht benötigt. Sie landen nicht in Tierheimen.

Stichwort Tierhaltung. Genau das kritisieren die Tierschützer ja: Dass in der Zucht viele Tiere allein in Käfigen gehalten werden. Das sei nicht gut für die Tiere, sagen auch Tierärzte.

Wir betrachten Kaninchen als landwirtschaftliche Nutztiere wie zum Beispiel Rinder, Schweine, Hühner, Enten und Gänse. Dafür wurden die Kaninchen vor über 300 Jahren domestiziert. In den beiden Weltkriegen und auch in der DDR dienten die Kaninchen zur Versorgung der Bevölkerung mit Weißfleisch. In den vergangenen 30 Jahren ist die wirtschaftliche Nutzung der Kaninchen allerdings stark in den Hintergrund getreten und unsere Ziele beschränken sich heute auf die Erhaltung der Artenvielfalt. Dafür sind wir steuerrechtlich als gemeinnütziger Verein zur Förderung der Tierzucht von der Finanzverwaltung des Landes Sachsen-Anhalt anerkannt.

Über Mike Hennings Mike Hennings ist seit 2013 Vorsitzender des Landesverbands der Kaninchenzüchter in Sachsen-Anhalt. Von Beruf ist er Bundespolizist. Hennings lebt im Altmarkkreis Salzwedel und hält drei Rammler und drei Häsinnen. Rasse? Angora weiß Rotaugen, laut Hennings eine der ältesten Kaninchenrassen überhaupt. Pro Jahr werden bei dem 42-Jährigen nach eigenen Angaben 15 bis 20 Jungtiere geboren. Für seine Zucht wurde Mike Hennings mit der Tierzuchtplakette des Landes Sachsen-Anhalt in Gold ausgezeichnet. Hennings ist mit der Zucht und Haltung von Kaninchen groß geworden. "Ich kann bei meinen Tieren entspannen", sagt er. Sein Antrieb? "Die Jungtiere von Geburt an aufwachsen sehen."

Haben Sie als Verband denn auf die Kritik der Tierschützer reagiert?

Ja. Wir haben in den vergangenen Jahren die Vorgaben der Stallgrößen nach oben angepasst. Viele Züchter sind aber sowieso dazu übergegangen, ihren Tieren größere Boxen anzubieten. Also größer, als das Mindestmaß es vorschreibt. Die Erfahrung zeigt, dass Kaninchen in größeren Gehegen wesentlich vitaler sind. Außerdem wurde die Fütterung in den vergangenen Jahren auf strukturreiches Futter umgestellt. Und: Es gibt Vorgaben, dass den Kaninchen Heu und Wasser stets zur Verfügung stehen muss. Wir als Landesverband sorgen dafür, dass unsere Kaninchen gegen die RHD und RHDV-2 kostengünstig geimpft werden.

Nichtsdestotrotz pochen Tierschützer darauf, dass Kaninchen nicht allein gehalten werden sollten.

Eine durchgängige Gruppenhaltung kann aber nicht gewährleistet werden. Sowohl die Häsinnen als auch die Rammler vertragen sich in der Regel nicht durchgängig. Für eine planmäßige Zucht ist eine Einzelhaltung erforderlich. Bei verschiedenen wissenschaftlichen Studien der Universität Marburg wurde nachgewiesen, dass es zu Rangkämpfen mit schweren Verletzungen kommen kann, wenn nicht ausreichend Platz und Rückzugsmöglichkeiten für die Tiere bestehen. Da ein Kaninchen genetisch bedingt bis zu zehn Mal pro Jahr Junge bekommen kann, würden sich unsere Bestände entsprechend explosionsartig entwickeln. Kastration kommt für uns aber nicht in Frage, dann wäre eine Zucht nicht mehr möglich.

Tierschützerin Johanna Bonnekoh hat bei MDR SACHSEN-ANHALT genetische Zahnfehlstellungen beklagt, die bei der Zucht entstanden sind und viele Probleme machen. Was unternehmen Sie, um so etwas zu verhindern?

Genetische Zahnfehlstellungen sind in der Kaninchenzucht bekannt. Dies kann aber ebenso in einer nicht zuchtmäßigen Verpaarung auftreten, wenn der Rammler und die Häsin diesen genetischen Defekt zum Beispiel rezessiv in sich tragen. In einem Wurf kann dieser Defekt sichtbar in Erscheinung treten. Bei einer konsequenten Führung eines Zuchtbuches lassen sich solche genetischen Problemstellungen schnell feststellen und diese Verpaarungen dürfen und werden nicht fortgeführt. Bei einer Bewertung würden diese Tiere mit "nicht befriedigend" von der Bewertung ausgeschlossen und sind aus der Zucht zu nehmen. Zahnfehlstellungen kommen in der Regel aber nicht sehr häufig vor.

Der Kaninchenzuchtverband Sachsen-Anhalt Der Landesverband der Kaninchenzüchter ist die Interessensvertretung der Züchter in Sachsen-Anhalt. Ihm gehören nach Angaben von Verbandschef Mike Hennings 2.069 Mitglieder an, darunter 189 Jungzüchter. Der Verband richtet Jahr für Jahr zahlreiche Ausstellungen und Kaninchenschauen aus, zuletzt die Bundesrammlerschau in Halle. Im Mittelpunkt der Zucht steht nach Angaben von Mike Hennings der Erhalt der 387 Kaninchenrassen in Deutschland. "Unsere Jungzüchter lernen, 365 Tage im Jahr Verantwortung für ihre Kaninchen zu übernehmen."

Ein weiterer Vorwurf von Tierschützern, den Sie sicher auch schon gelesen haben: Kaninchenzüchtern gehe es nur ums Geld – sie lieben die Tiere gar nicht. Was entgegnen Sie denen, die das behaupten?

Mit der Kaninchenzucht kann man in Deutschland kein Geld verdienen. Die Kaninchenzucht ist seit Jahren ein ehrenamtliches Hobby. Wenn Sie sich in den Kühltruhen in deutschen Supermärkten umschauen, werden Sie erkennen, dass die dort angebotenen Kaninchen stets aus dem Ausland kommen. Das Argument, wir würden unsere Kaninchen nicht lieben, muss jeder für sich selbst definieren. Ein solches Argument anzuführen, geht dann doch ein wenig zu weit. 

Das geht dann doch ein wenig zu weit.

Tierschützerin Johanna Bonnekoh will Kaninchenzüchter nicht per se die Liebe zu ihren Tieren absprechen. Sie sagt aber, dass sie viele Fälle von falsch verstandener Tierliebe kenne. Da stehe im Mittelpunkt, was das Kaninchen dem Halter geben kann und nicht, was das Tier eigentlich braucht.

Nur, weil Kaninchen dem Menschen etwas geben können, bedeutet es im Umkehrschluss ja nicht, dass Kaninchenliebhaber oder Tierschützer die besseren Menschen sind. Unsere Rassekaninchen erhalten die gleiche Zuwendung, werden gefüttert, gehegt und gepflegt. Sie werden geimpft und einmal im Jahr dem Tierarzt vorgestellt, spätestens bei der Impfung. Ich wiederhole mich gern, aber nur gesunde und vitale Tiere sind in der Lage, Jungtiere aufzuziehen. Wir nehmen für uns in Anspruch, dass unsere Tiere art- und Tierschutzgerecht gehalten werden. 

Unsere Rassekaninchen erhalten die gleiche Zuwendung, werden gefüttert, gehegt und gepflegt.

Haben Sie den Eindruck, dass Verbände wie Ihrer und Tierschützer irgendwann auf einen Nenner kommen können?

Nein! Ich für meinen Teil akzeptiere, dass es andere Sichtweisen zur Haltung von Kaninchen gibt, wenn dass die Gegenseite auch tun könnte, wären wir schon ein ganzes Stückchen weiter. 

Danke für das Gespräch, Herr Hennings.

Die Fragen stellte Luca Deutschländer.

Hinter der Geschichte

Für einen Beitrag über das Vereinsleben in Sachsen-Anhalt hat MDR SACHSEN-ANHALT vor kurzem einen Kaninchenzuchtverein in Welbsleben im Landkreis Mansfeld-Südharz besucht. Auf der Facebookseite von MDR SACHSEN-ANHALT hat der Fernsehbeitrag für viel Kritik gesorgt. Die Redaktion hat diese Kritik zum Anlass genommen, sich noch einmal mit den Vor- und Nachteilen von Kaninchenzucht auseinanderzusetzen. Bei der Recherche hat es sich schwierig gestaltet, mit weiteren Züchtern ins Gespräch zu kommen. Viele wollen auch wegen der mitunter heftigen Anschuldigungen von Tierschützern nicht vor dem Mikrofon reden.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 14. März 2019 | 19:00 Uhr

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