Kindesmisshandlung Kinderschutzbund: "Blaue Flecken erkennt man, aber manchmal sind die Flecken auf der Seele"

In Querfurt ist ein Kleinkind gewaltsam zu Tode gekommen. Erste Ermittlungen legen nahe, dass es missbraucht wurde. Der Kinderschutzbund erklärt wie man Gewalt erkennen und Kinder schützen kann. Ein Interview mit Andrea Wegner, die Landesgeschäftsführerin vom Kinderschutzbund Sachsen-Anhalt.

Eine Männerhand hält eine Kinderhand fest
Gewalt an Kindern ist für jeden erkennbar, sagt Andrea Wegner vom Kinderschutzbund. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

MDR SACHSEN-ANHALT: Wie stark verbreitet ist häusliche Gewalt in Sachsen-Anhalt? 

Andrea Wegner: Ich halte es für unseriös, Zahlen in diesem Kontext zu nennen, weil es eine hohe Dunkelziffer gibt. Das wissen auch alle Fachkräfte aus diesem Bereich. Wir können es nur hochrechnen anhand der Frauenhäuser, die immer voll sind.

Meistens sind Kinder in dem Umfeld, wo Frauen Gewalt erfahren, mindestens mittelbar betroffen. Das heißt eigentlich, dass sie immer betroffen sind. Auch wenn sie selbst nicht geschlagen werden. Das macht was mit den Kindern.

Können Sie genauer erläutern, was Gewalt mit betroffenen Kindern macht?

Es erzeugt Schuldgefühle. Meistens denken sie, sie haben etwas falsch gemacht und deshalb streiten sich die Eltern. Kinder sind in solchen Situationen ohnmächtig und hilflos, weil sie nichts tun können.

Leider ist es auch so, dass Kinder die Gewalt erfahren, im Erwachsenenalter höchstwahrscheinlich selbst zu Tätern werden. Vor allem, wenn Gewalt in der Kindheit kein Ausnahmezustand, sondern systemisch wiederkehrend war. Das wird dann leider vererbt.

Kann man Betroffene erkennen und unterstützen?

Grundsätzlich kann das eigentlich jeder erkennen, wenn Kinder zu Opfern werden.

Wir müssen wissen, dass Kinder sich in sehr eigener Weise bemerkbar machen, wenn sie nach Hilfe schreien. Man sollte insbesondere hinschauen, wenn sich ein Kind Mühe gibt, nicht aufzufallen.

Seit unserer Gründung versuchen wir in diesem Bereich zu informieren. Es gibt auch Formen von Gewalt, die man nicht sofort sieht. Ein blauer Fleck macht sich schnell bemerkbar, aber manchmal sind die Flecken auf der Seele. Das sieht man nicht sofort. Das heißt, man muss genau hinschauen. Wenn sich das Verhalten eines Kindes total verändert, dann kann das sehr banale Gründe haben, aber es kann tatsächlich auch etwas vorgefallen sein. Es gibt kein Rezept, wie man es richtig erkennen und deuten kann. Jeder Fall ist anders. Deswegen ist der beste Schutz für Kinder, wenn man sie in jedem Fall ernst nimmt. Sie versuchen sich in der Regel mitzuteilen. Aber sie suchen sich selbst aus, wem sie sich öffnen möchten.

Deswegen ist es sehr wichtig in der Nachbarschaft genauer hinzuschauen, beispielsweise wenn man oft Krach hört. 

Was sollte man bei einem Verdacht tun? Welche Ansprechpartner gibt es?

Bei einem Verdacht kann man zum Beispiel mit dem entsprechenden Jugendamt in Kontakt treten. Außerdem gibt es im Internet Beobachtungsbogen als Hilfsmittel, um die Zeichen richtig zu deuten. Mögliche Anzeichen könnten sein, dass Kinder gedanklich abwesend sind, kein Interesse für nichts erbringen und nicht mehr lachen. Wenn ein Kind selbst in einem fröhlichen Moment melancholisch schaut, sollte man Mal nachfragen. Vielleicht ist einfach sein Hamster gestorben oder es gibt eben dramatische Hintergründe. Deshalb sollte jeder für sich der Situation nachgehen.

Im Zweifelsfall kann man sich an Netzwerkstellen für Kinderschutz wenden. Somit könnte man vielleicht auch gemeinsam mit einer Fachkraft die Familie ansprechen.

Welche Anlaufstellen und Ansprechpartner gibt es für Kinder?

Es gibt zum Beispiel den Kinder- und Jugendnotdienst. Ab 14 Jahren können sich Kinder alleine an ein Jugendamt wenden. Jüngere Kinder müssen das in Begleitung von einem Erwachsenen machen.

Das Wichtigste, um Kinder zu ermutigen ist, dass man sie ernst nimmt. Der beste Schutz ist eigentlich Beteiligung, weil Kinder vertrauen und öffnen sich nur, wenn sie ernst genommen werden.

Welche präventiven Ansätze gibt es für Eltern?

Es gibt eine Vielzahl von Angeboten für Eltern. Über verschiedene Träger gibt es sogenannte Elternkurse. Beim Kinderschutzbund gibt es den Kurs "Starke Eltern-Starke Kinder"

Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik sind auch häufig Kinder im Erwachsenenalter betroffen. Woran liegt das, wie sind die Zahlen zu verstehen?

Kinder können leider in jedem Alter zu Opfern werden. Es dauert sehr lange, bis sie das dann nach außen tragen, weil sie denken, es könnte noch schlimmer werden.

Es gibt auch eine hohe Dunkelziffer bei Kleinkindern und behinderten Kindern. Deshalb ist es doppelt so wichtig, da hinzuschauen.

Man sollte lieber einmal zu oft, als zu wenig fragen. Wenn man sich unsicher ist, kann man sich an Fachpersonal wenden. Die können auch anonymisiert beraten und Hilfestellung geben, bevor das Jugendamt hinzu gezogen wird.

Hier gibt es Hilfe

  • Kinder- und Jugendtelefon: 116 111
  • Elterntelefon: 0800 111 0550

Quelle: MDR/vö

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 13. Juli 2020 | 19:00 Uhr

5 Kommentare

Elsburg vor 3 Wochen

"Man" darf auch hier wohl nicht wirklich anprangerndes drnken, geschweige den schreiben.

Tatsache ist, auch in sehr asozialen Lebesverhältnissen 'steckende' Kinder "gehören" grundrechtlich zu den Eltern(teilen), was die Rechtsprechung in begründeten Fällen anders regeln darf.
Dazu gibt's keinerlei zwingend fortgebildete (Fach)Richter, die oft überfordert inkompetent oder uninteressiert lasch begründend das Kindeswohl nicht erkennen (wollen) +damit bequem kurzen Prozeß machen. Oft sind aber auch die dann ggf einsetzende ersetzende Fürsorge(einrichtung) nicht geeignet, da auch garnicht hinreichend unabhängig +höchst qualtätsvoll engmaschig begleitet auch kontrolliert wird zG Kindeswohl +~schutz!
Es gibt zu wenig gute 👍 +zuviel untaugliche 👎 Pflegeeinrichtungen od.ggf.Familien, die auch nicht bestens geschult noch dahin gefördert werden - Naturinstinkt reicht da garNICHT !

Die vielen Corona-Mrd€ zur Wirtschaft ok-für diese Ki Mrd€ produziert gute Staatsbüger, nicht deren Elternteil!

Blumenfreund vor 3 Wochen

Der Staat müsste die Kinder schützen und sie aus diesen asozialen Familien herausnehmen !
Aber nein, die Kinder sind dem Staat anscheinend völlig egal.
Sie werden nicht vor ihren gewalttätigen Eltern geschützt !!

jackblack vor 4 Wochen

Was soll Jugendamt oder Polizei bei solchen Assi-Familien ausrichten, an alle Schlauberger, würden sie unter Lebensgefahr so eine Wohnung betreten ??? Hinterher sind alle schlauer, es gäbe schon Mittel dagegen--- aber DIE darf man NICHT schreiben !!!!!!

Mehr aus Sachsen-Anhalt