Kolumne "Corona, voll verpönt!" Aljoschas Sparzentrale für Künstler

Stephan Schulz
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MDR-Kolumnist Stephan Schulz und sein Nachbar Aljoscha erleben Skurriles während der Corona-Zeit. Aljoscha ist mal wieder verreist. Diesmal schaut er sich Steuerspartipps im Ausland ab – besonders von Groß-Konzernen. Alles für den guten Zweck.

Rote Decken hängen als Markierung für verkaufbare Plätze während einer gemeinsamen Demonstration von Künstlern, Veranstaltern und Unternehmen der Veranstaltungsbranche unter dem Motto "Ohne uns ist Stille" auf dem Theaterplatz.
Aljoscha hat gute Ideen, um der Kulturszene zu helfen. Bildrechte: dpa

Mein Nachbar Aljoscha ist abgehauen. Einfach so, ohne Tschüss zu sagen. Anfangs dachte ich, er wäre in eine Baugrube gefallen. Das wäre typisch für ihn gewesen. Er fällt gern in Gruben, Schächte und Löcher.

Neulich zum Beispiel steckte er im Hinterhof unseres Mietshauses in der Regenwassergrube fest. Ich hatte ihn um Hilfe rufen hören als ich von der Arbeit nach Hause kam. Aljoscha hatte versucht seinem Hausschlüssel, der ihm aus der Hand gefallen war, hinterherzukrabbeln. Dabei war er auf halber Strecke mit seinem Allerwertesten hängengeblieben.

Wie im russischen Märchen

Zwei Baurbeiter zwischen Kies und Schutt arbeiten am Wandgerüst des Magdeburger Citytunnels.
Die Tunnelbaustelle am Damaschkeplatz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als ich ihn entdeckte, ragten seine Beine wie die eines tauchenden Schwans aus der Grube. Ich alarmierte umgehend die Hausgemeinschaft. Kurze Zeit später spielten wir "Das Rübchen" nach – ein russisches Märchen. Ich zog und zog an Aljoschas Beinen, aber es gelang mir nicht, ihn aus der Grube zu ziehen. Erst als die Nachbarn Rolli, Flitzi und Atomino, meine Frau, die Kinder, die Hunde Tobi und Balu und meine Wenigkeit mit vereinten Kräften an Aljoschas Beinen zogen, kam er wieder ans Tageslicht und war gerettet.

Anfang der Woche als Aljoscha von der Bildfläche verschwand, schaute ich am späten Abend in der Regenwassergrube nach ihm. Aber da war er nicht. Ich fuhr deshalb zur Tunnelbaustelle am Damaschkeplatz in Magdeburg und fragte einige Tunnelarbeiter im Schein der Flutlichter, ob ihnen etwas Ungewöhnliches aufgefallen sei. Aber die Arbeiter schüttelten nur den Kopf. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass mein Nachbar in ihren Tunnelbeton gefallen sein könnte und dort nun über die Sommermonate aushärtet. Ich selbst war mir da nicht so sicher und wollte schon die Polizei informieren, da meldete sich Aljoscha per E-Mail aus Malta bei mir.

Wer systemrelevant ist

"Setz Dich in den nächsten Flieger nach Valletta", schrieb Aljoscha. "Ich weiß jetzt, wie wir die freie Kunst-, Theater- und Musikszene in Deutschland retten."

Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass Aljoscha und ich ohne Kultur nicht leben können. Wir sind seit Wochen stinksauer, weil ausgerechnet die Menschen, die unser Leben verschönern, also die Puppenspieler, Gesangslerchen, Akrobaten, Charakterdarsteller und Feuerspucker als nicht systemrelevant angesehen werden. Während sich Toilettenpapierproduzenten an Corona gesundstoßen, kämpfen die Künstler um ihre Existenz. Deswegen hatten wir in letzter Zeit häufiger beim Corona-Kaffee darüber diskutiert, wie wir den freien Kulturschaffenden helfen können.

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Lebenszeichen aus Malta

Dingli-Klippen auf Malta
Malta: nicht nur für Urlauber verlockend Bildrechte: IMAGO

Aljoscha schrieb mir nun aus Valletta, dass ihm die ultimative Rettungsidee gekommen sei. Er will nach dem Vorbild der Deutschen Lufthansa ein Büro anmieten und alle Steuern, die Künstler in Deutschland zahlen müssten, nach Malta umleiten, zu einem wesentlich geringeren Steuersatz. So bliebe für die Künstler am Ende des Monats endlich der eine oder andere Cent zum Leben übrig, meinte mein Nachbar.

Im ersten Moment dachte ich, typisch Aljoscha, der kann es nicht lassen, zweifelhafte Geschäfte zu machen. Aber dann nahm ich das Handelsblatt zur Hand. Aus der Zeitung ging hervor, dass die Deutsche Lufthansa tatsächlich Steuerflucht mit Hilfe kleiner Tochterfirmen begeht. In Malta betreibe der Konzern ein Zwei-Mann-Büro, das in guten Jahren rund 185 Millionen Euro Gewinn gemacht haben soll, durfte ich lesen. Ich könnte mich darüber jetzt aufregen. Mach ich aber nicht. Stattdessen freue ich mich darüber, dass Aljoscha das erfolgreiche Steuersparmodell der Deutschen Lufthansa nun auf die freie Kunstszene übertragen will.

Überhaupt bin ich der Auffassung, dass man von Großkonzernen lernen sollte. Man muss lautstark seine Bruchlandung ankündigen, fleißig nach Staatskohle rufen und vor allem möglichst wenig Steuern in Deutschland zahlen und schon schnürt die Bundesregierung ein milliardenschweres Rettungspaket. Die freie Kunstszene ist im Vergleich dazu viel zu zahm.

Eine Künstlersteuer-Sparzentrale

Künstlerische Darstellung eines
Lieber zur Suppenküche oder auf die Barrikaden? Bildrechte: Colourbox.de

Die Musiker, Schriftsteller, Schauspieler, Artisten und Tellerwäscher gehen lieber zur Suppenküche, als auf die Barrikaden. Oder sie leuchten historische Gebäude rot an, erfreuen damit die Bevölkerung und bekommen dafür nichts außer ein Dankeschön und ein wenig Applaus vom Balkon. Aljoscha sagt immer, Künstler sind viel zu menschenfreundlich, viel zu lieb. Ich glaube, da hat er nicht ganz unrecht. Deswegen begrüße ich es, dass Aljoscha nun eine Künstlersteuer-Sparzentrale auf Malta gründen wird, auf das alle Kulturschaffenden so wie die Lufthansa endlich wieder durchstarten können.

Aljoscha will mich übrigens als Teilhaber in seinem Büro auf Malta haben. Aber ich werde vorerst in Magdeburg bleiben. Mir ist nämlich auch eine Idee gekommen, wie man die Theater- und Konzertsäle wieder vollbekommt. Im Podcast von Dr. Drosten  - oder war es im Podcast von Prof. Kekule? -  habe ich neulich gehört, dass Flugzeuge so gut belüftet seien, dass Fledermausviren kaum eine Chance hätten im Himmel von Mensch zu Mensch zu springen. Deswegen dürfen die Fluggesellschaften ihre Maschinen ja auch wieder bis auf den letzten Platz ausbuchen. Nur zwischen den Sitzreihen auf der linken und rechten Seite eines jeden Fliegers muss ein Gang von 80 Zentimetern frei bleiben, was für die Fluggesellschaften kein Problem darstellt, weil solche Gänge schon vor Corona zur Standardausrüstung gehörten.

Alles eine Frage der Belüftung

In Theatern, Kinos und Konzertsälen hingegen müssen die Zuschauer noch immer in einem gesunden Abstand zueinander sitzen. Angeblich, weil in diesen Kultureinrichtungen die Belüftung nicht so ausgeklügelt ist wie an Bord eines Flugzeuges. Ich überlege deshalb, groß ins Propellergeschäft einzusteigen, also ins Belüftungspropellergeschäft. Man könnte zum Beispiel den Kartenabreißern und Platzanweisern Propeller auf den Rücken schnallen, damit sie wie "Karlsson auf dem Dach" herumfliegen und für frische Luft im Publikum sorgen. Da bekäme der Ausdruck "Der schwedische Weg" einen ganz neuen Sinn.

Stephan Schulz
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Über den Autor Stephan Schulz, geboren 1972, wuchs in Burg bei Magdeburg auf. Er studierte Germanistik, Soziologie und Politikwissenschaften und stellte fest, dass das Hörsaalwissen nicht weit führt, weil sich die Politik selten an die Wissenschaft hält. Deswegen schreibt er so gern darüber – als Politikredakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk und auch als Buchautor. 2016 veröffentlichte er den heiter-satirischen Erzählungsband "Bück dich, Genosse!". Sein neues Buch "Das Leben ist ein Angelteich" ist im Frühjahr 2020 erschienen.

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Quelle: MDR/jh

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