Kolumne "Corona, voll verpönt!" Eis à la Corona

Stephan Schulz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Corona-Maßnahmen werden in Sachsen-Anhalt gelockert und der MDR-Kolumnist sinniert bei einem Becher Eis über Delphine in Triest, den Sinn und Unsinn von Gästeadressen und Filmklassiker im Autokino.

Eiswaffeln mit verschiedenen Sorten Eis liegen nebeneinander auf einem Tisch.
Eis hilft beim Nachdenken, zumindest unserem Kolumnisten. Bildrechte: IMAGO

Nach Abwägung aller Chancen und Risiken bin ich nun doch den schwedischen Weg gegangen. Er führte mich geradewegs auf die Freiluftterrasse eines italienisches Eiscafés. Der Besitzer des Cafés, ein kleiner kugeliger Mann, der wie Robert de Niro aussieht, hatte seinen Laden den ersten Tag seit Invasion der Fledermausviren wieder geöffnet. Er schien sehr glücklich über die Rückkehr ins Geschäftsleben zu sein. Jeder neue Gast wurde von ihm mit einem freundlichen "Buon giorno!" begrüßt. Dabei hielt er den Neuankömmlingen einen Besenstil hin, an dem die frisch desinfizierte Hand einer Schaufensterpuppe befestigt war. Auf diese Weise konnte er seine Gäste per Handschlag begrüßen, ohne sich über die geltenden Hygienevorschriften hinwegzusetzen. 

Robert De Niro
Könnte auch problemlos in Magdeburg Eis verkaufen: Robert De Niro. Bildrechte: Getty Images

Obwohl es erst früher Vormittag war, herrschte auf der Freiluftterrasse des Cafés bereits reger Betrieb. Junge Familien mit Kindern schleckten bunte Eiskugeln. Rentner sortierten ihre Arztrezepte und tranken dazu in aller Ruhe ein Kännchen Kaffee. Kampfhunde, Möpse und Zwergpudel schliefen unter den Tischen, während ihre Herrchen ein Sandwich verdrückten oder einen frisch gepressten Orangensaft tranken.

Musks Masterplan

Ich setzte mich an einen der begehrten Tische, die in einem gesunden Abstand von zwei Metern um einen Springbrunnen herum aufgebaut waren. Die Kellnerin, eine gut aussehende Italienerin mit russischen Wurzeln und blinkenden Turnschuhen umkreiste den Springbrunnen wie ein kleiner Satellit. Sie hielt ein schwarzes Kästchen mit Tastatur in der Hand, das jedes Mal piepte, wenn sie eine Bestellung ins Innere des Cafés funkte. 

Ich musste beim Anblick der blinkenden Kellnerin an die Starlink-Satelliten denken, die Elon Musk kurz vor Ostern ins Weltall geschossen hat, um die Menschheit von ihrer größten Geißel zu befreien, den langsamen Internetverbindungen.

Die halbe Weltbevölkerung ist wegen der Pandemie dazu verdammt, seit Monaten von zu Hause aus zu arbeiten. An manchen Orten funktioniert das gut, an manchen eher schlecht und an manchen Orten überhaupt nicht. Dort, wo es überhaupt nicht funktioniert, bleibt den Menschen in ihrem Homeoffice nichts anderes übrig, als sich ans Fenster zu stellen und ihren Arbeitgebern Rauchzeichen zu geben. Anderswo, in der Dübener Heide oder der Altmark, klettern die Menschen auf die Dächer ihrer Traktoren und halten verzweifelt ihre Handys und Laptops in die Luft, aber das Internet will einfach nicht zu ihnen kommen. Sie setzen nun all ihre Hoffnung in Elon Musk, der eine Lichterkette aus tausenden Starlink-Satelliten ans Firmament hängen will, dicke Leuchtkugeln, die die Erde umkreisen und jede Lehmhütte, jedes Haus und jeden Palast mit schnellem Internet versorgen sollen.

Tesla-Chef Elon Musk
Schulter an Schulter mit dem Harzer Nacktwanderklub: Elon Musk. Bildrechte: dpa

Weil so ein ehrgeiziges Projekt ohne schnelle Computer und intelligente Softwareprogramme zum Scheitern verurteilt wäre, hat sich Elon Musk die WHO, Bill Gates und Walt Disney sowie das RKI, den Deutschen Steuerzahlerbund und den Harzer Nacktwanderklub mit ins Boot geholt. Die glorreichen Sechs sind den Plänen zufolge für den weltweiten Vertrieb von PCs, Tamagotchis und Softwareprogrammen zuständig und für die Produktion von Mikrochips, ohne die schnelles Internet nur eine Luftblase wäre, ein unerfüllter Traum der Menschheitsgeschichte. 

Die Fledermauserklärung

Während ich noch über die Zukunft des Internets nachdachte, hörte ich plötzlich Stimmen. Genauer gesagt eine Stimme. Ich hob den Kopf und schaute in zwei funkelnde Augen. Sie gehörten der gut aussehenden russischen Italienerin. "Bitte ausfüllen!", sagte sie. "Das ist die neue Realität." 

Sie legte mir eine Erklärung zur "Eindämmung der Fledermausviren" auf den Tisch, die jeder Gast nach bestem Wissen und Gewissen unterschreiben sollte. So hatte es das Corona-Kabinett gemeinsam mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband beschlossen.

Fledermaus
Muss sich eigentlich gar nicht erklären: die Fledermaus. Bildrechte: Colourbox

"Wer die Erklärung nicht ausfüllt, kann nicht bedient werden", erklärte mir die Kellnerin. Ich wunderte mich darüber, dass wenige Meter entfernt tausende Menschen unbehelligt und dicht gedrängt durch eine überdachtes Einkaufscenter laufen durften, während hier, auf meiner italienischen Freiluftterrasse, die Kellnerin dazu verpflichtet war, persönliche Daten von ihren Gästen abzufragen. Offiziell sollte das jeweils zuständige Gesundheitsamt durch das Sammeln von Gästeadressen und Gästetelefonnummern in die Lage versetzt werden, Infektionsketten nachzuvollziehen. Das klang ehrenwert, aber mit Blick auf das benachbarte Einkaufscenter nicht logisch. Ich füllte die Fledermauserklärung trotzdem aus, weil ich endlich meine Bestellung aufgeben wollte. Ich wählte einen Latte Macchiato und einen Schwedeneisbecher mit extra Schuss Eierlikör.

Himalaya in Sicht

Beim Verzehr desselben dachte ich über die neue Normalität nach. Wir fahren weniger Auto, wir steigen nicht mehr in Flugzeuge, wir wollen unsere Urlaube nicht mehr am Ballermann, sondern am Baggersee oder an der Ostsee verbringen, und wir nehmen uns mehr Zeit für die Familie, sofern wir eine Familie haben. Wer keine Familie hat, guckt entspannt Netflix-Serien und rettet sich so durch die Pandemie.

Gleichzeitig erholt sich die Natur. In den Hafenbecken von Triest und Cagliari tummeln sich wieder Delphine. In den Kanälen von Venedig ist das Wasser mittlerweile so klar, dass man die Schlammschichten am Grund der Lagunen sehen kann und in der indischen Großstadt Jalandhar posten die Menschen begeistert Fotos vom Himalaya-Gebirge, das wegen der zurückgegangenen Luftverschmutzung wieder klar und deutlich am Horizont zu sehen ist, zum ersten Mal seit 30 Jahren.

Dirty Dancing

Wofür Greta Thunberg und die Kinder dieser Welt seit langem mühselig kämpfen, gelingt nun einem kleinen Virus innerhalb eines Fledermausflügelschlags. 

Wenn der Zellhaufen nicht so gemeingefährlich wäre, könnte man ihn für seinen unermüdlichen Einsatz für die Umwelt glatt küssen. Doch küssen ist in der Pandemie verboten. Wehmütig schauen wir zurück in die Vergangenheit, als wir Menschen noch ausgelassen feiern und tanzen durften. Der Gedanke an diese Zeit, in der sich mehr als fünf Menschen in einem Raum aufhielten, kommt uns wie eine ferne Erinnerung vor, wie ein Kapitel aus einem Märchen.

Szene aus Dirty Dancing
Sichert das Überleben der Menschheit und Jennifer Greys: Patrick Swayze. Bildrechte: IMAGO

Es gab damals vollbesetzte Kinos, ausverkaufte Theater und ausgelassene Rockkonzerte, auf denen Menschen freiwillig und ohne Angst ihre schweißtriefenden Körper aneinander rieben. Sie redeten ohne Maske miteinander und einige Mutige küssten sich sogar mitten ins Gesicht. Heute muss man für solche waghalsigen Aktionen in den Untergrund gehen oder ins Autokino, die derzeit wie Pilze aus dem Boden schießen. Autokinos sind die Plätze, auf denen die Menschheit ihr Überleben sichern wird, zu Filmklassikern wie "Pretty Woman", "Dirty Dancing" oder "La Boum, die Fete", mit oder ohne Maske, ganz egal, Hauptsache mit Leidenschaft. 

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Quelle: MDR/mx

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