Kolumne "Corona, voll verpönt!" Herrentag und Corona: Himmelfahrtskommando 2020

Stephan Schulz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Unseren Kolumnisten beschäftigen kritische Kommentare von Lesern, die seine Kolumne nicht als Satire verstehen – und ihn für einen sozialistischen Revolutionsführer halten. Zum Herrentag schmiedet er mit Nachbar Aljoscha einen Plan, wie er beweisen kann, dass er ein waschechter Kapitalist ist.

Der Bollerwagen von Florian Hackbarth
Himmelfahrt ist Herrentag. MDR-SACHSEN-ANHALT-Kolumnist Stephan Schulz hat dazu eine Geschäftsidee. (Symbolbild) Bildrechte: Florian Hackbarth

Jeden Tag trinke ich mit meinem Nachbarn Aljoscha einen Corona-Kaffee auf der Bank vor unserem Haus. Dabei gilt auch für uns: Abstand halten! Wir haben die Holzbank, auf der wir sitzen, extra mit einem Zollstock ausgemessen, damit uns die Fledermausviren, die beim Sprechen durch die Luft fliegen, nichts anhaben können. 

Die Bank ist exakt zwei Meter lang. Damit wir den gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von 1,50 Meter auch wirklich einhalten, sitzt Aljoscha mit seiner rechten Pobacke auf der Bank, ich mit meiner linken. Die anderen beiden Pobacken schweben frei in der Luft. In dieser Sitzhaltung philosophieren wir über die Höhen und Tiefen des Lebens. 

Herrentag ohne Gesundheitsgefahr

Neulich überlegten wir, wie wir den Herrentag 2020 verbringen könnten, ohne uns und andere gesundheitlich zu gefährden. Aljoscha setzt sich normalerweise ein Flieder-Hütchen auf und zieht mit einem Bollerwagen, in dem sich drei Kästen Bier und ein Ghettoblaster befinden, durch die Gegend. Ich selbst kenne diesen Männlichkeitskult nur vom Hörensagen, weil ich den Herrentag traditionell immer im Wald auf einem Hochstand verbringe, um Christus dabei zuzusehen, wie er in den Himmel fährt. 

Wegen der Pandemie werden Aljoscha und ich in diesem Jahr auf unsere Rituale verzichten. Wir werden uns einfach gemütlich auf unsere Bank setzen, die Pobacken schweben lassen, die frische Luft genießen und eins, zwei, drei, vier, fünf Bierchen trinken. Mehr nicht! 

Gesundheitsamt unter Sicherheitskonzepten begraben

Weil wir nicht so genau wissen, ob unsere Sitzgemeinschaft bereits als Freiluftkneipe gilt, haben wir ein Sicherheitskonzept mit Beweisfotos und Bleistiftskizzen entworfen und es dem Gesundheitsamt zur Prüfung zugeschickt. Wir wollen uns amtlich bestätigen lassen, dass wir am Herrentag auf unserer Bank sitzen dürfen, um Prost zu sagen.

Klappstühle mit Hinweisschildern bitte Abstand zu halten in einem Biergarten.
So wie die Gastronomen (Foto) wollte auch Stephan Schulz das Sicherheitskonzept für seinen Kaffeeklatsch genehmigen lassen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch leider haben wir noch keine Antwort erhalten. Ich bin deswegen mit dem Fahrrad zum Gesundheitsamt gefahren, um zu gucken, was da los ist. Als ich in die Straße, in der sich die Behörde befindet, einbog, bestätigte sich meine Vermutung, dass die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes in Arbeit ersticken. Die Behörde war nicht mehr zu sehen. Sie lag begraben unter einem Berg von Sicherheitskonzepten, der bis kurz unter die Himmelspforte reichte. 

Maske aus Tschernobyl-Zeiten

Aljoscha wollte mir vorhin beim Corona-Kaffee erst nicht glauben, was mit den Gesundheitsämtern passiert ist. Aber als ich an Ring- und Zeigefinger leckte und ihm schwor, immer nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen, hatte er keine Zweifel mehr. 

Aljoscha, der immer etwas übertreiben muss, trug übrigens bei unserer ersten Corona-Kaffeerunde noch eine ABC-Maske aus den Beständen einer untergegangenen Armee. An der Maske war ein Schlauch befestigt, der wie ein kleiner Elefantenrüssel aussah. Wenn Aljoscha den Rüssel in seinen Kumpelbetrüger steckte, konnte er seinen Kaffee in Bruchteilen von Sekunden wegschlürfen. Aus Virologen-Sicht dürfte sich Aljoscha damit die Auszeichnung "Held der Pandemie-Bekämpfung" verdient haben.

Zum Schutz gegen Viren hätte mein Nachbar die ABC-Maske auch gern aufbehalten, aber nicht zum Kaffeetrinken. Der Gummischlauch, durch den er das Koffein inhaliert hatte, war mit einem weißen Pulver beschichtet gewesen, das den guten Geschmack des Kaffees völlig verdorben hatte. Aljoscha erzählte mir, dass sein Opa die Maske bei Löscharbeiten am Kernkraftwerk Tschernobyl getragen hatte und sie sein liebstes Erbstück sei. "Ich bin froh, dass die Maske nach so vielen Jahren noch einmal zum Einsatz gekommen ist", trötete er. Dann zog er sich die Maske vom Kopf und setzte sie nie wieder auf. Seither verstehen wir uns akustisch auch wieder besser, wenn wir unseren Corona-Kaffee trinken. 

Unerkannte Satire

"Was bedrückt dich, mein Freund?", sagte Aljoscha am Vorabend des Herrentages zu mir. "Hattest du wieder Fanpost?"
"Ja, eine Frau aus Niedersachsen hat mir geschrieben. Also genau genommen hat sie nicht mir geschrieben, sondern der Tagesschau, obwohl ich mit der Tagesschau so viel zu tun habe wie der Postbote mit dem Eismann. Sie hat sich darüber beschwert, dass ich in meiner letzten Kolumne 'Joggen mit Bill Gates' behauptet habe, dass wir DDR-Geborenen uns in einem postsozialistischen Zeitalter an den Pockennarben wiedererkennen sollten. Ich hatte damit zu verstehen geben wollen, dass man Verschwörungserzählungen aller Art mit Vorsicht genießen sollte."
"Ich weiß", sagte Aljoscha. "Der Wink mit dem Zaunpfahl war eindeutig."

"Ja, für dich, aber nicht für die aufmerksame Leserin. Sie ist erbost, dass ich unterschlagen habe, dass auch einige unserer westdeutschen Landsleute ein-Cent-große Einschusslöcher am Oberarm zurückbehalten haben, wenn sie schon etwas älter sind. In Westdeutschland gab es die Pockenimpfung nämlich auch, sie wurde nur etliche Jahre früher eingestellt als in der DDR."
"Satire ist doch nicht dazu da, die Welt so abzubilden wie sie ist", sagte Aljoscha. 
"Das ist ja das Problem", sagte ich.

Ich glaube, einige meiner Leser merken nicht, dass ich satirisch schreibe.

Sowas von kapitalistisch

Ich griff zum Handy und rief die E-Mail ab, die mir die Kollegen von der Tagesschau weitergeleitet hatten. "Achtung, Aljoscha – ich zitiere: "Es wäre gut, wenn Sie den Artikel von Stephan Schulz berichtigen würden, da sonst der falsche Eindruck entsteht, der 'böse Kapitalismus' hätte nicht für die Gesundheit 'seiner' Kinder gesorgt." Ich hatte kaum ausgesprochen, da fiel Aljoscha vor Lachen von der Bank, ich guckte traurig hinterher. 

"Das ist nicht witzig, Aljoscha! Die Dame denkt wahrscheinlich, ich bin dem Lenin-Mausoleum in Moskau entsprungen und wandele nun als neuer Revolutionsführer im Zombie-Gewand durch die bunte Republik Deutschland. Dabei war ich schon im realexistierenden Sozialismus ein waschechter Kapitalist. Meine Eltern besaßen damals ein kleines Haus mit Plumpsklo auf dem Hof. An die Holztür des Klos tackerte ich Bravoposter von Bands wie Depeche Mode, The Cure oder Sisters of Mercy. Ich fotografierte die Poster ab, ließ sie in Postkartengröße entwickeln und verkaufte sie für vier Mark das Stück an meine Klassenkameraden.

Im Bügelwahn

egale mit verschiedener Schokolade im Supermarkt
Bunt eingewickelte Schokoladentafeln: eine Goldgrube für unseren kapitalistischen Kolumnisten. (Symbolbild) Bildrechte: imago/imagebroker

Mein Vater, der zu jener Zeit Etikettier-Maschinen für Getränkeflaschen baute, brachte zudem graue Pappeimer von der Arbeit mit. Anfangs transportierten wir damit nur Kohlen, mit denen unser Kachelofen beheizt wurde. Später bunkerte ich die Pappeimer für meine Zwecke. Ich war auf die Idee gekommen, die grauen Eimer mit buntem Schokoladenpapier des ‚Klassenfeindes‘ zu bekleben, um sie anschließend für 20 DDR-Mark zu verkaufen."

"Daraus entwickelte ich einen Bügelwahn. Ich bügelte die Milka-Lila-Kuh, den Sarotti-Mohr, die Alpina-Berge und vieles mehr. Alles, was aus dem Westen kam und bunt aussah, wurde von mir geplättet. Sobald die Schokoladenpapiere oder Bier-Etiketten glatt waren, klebte ich sie mit Kittifix auf die grauen Pappeimer. Dann gingen sie in den Privatverkauf. Ich konnte mich vor Anfragen kaum retten konnte. So hatte ich als Schüler immer reichlich Geld in den Hosentaschen. Heute blutet mir das Herz, wenn meine Kinder das schönste Schokoladenpapier achtlos wegwerfen."

Menschen zum Schmunzeln bringen

Aljoscha lag noch immer lachend auf dem Boden, ich hingegen spürte, wie ich innerlich immer aufgewühlter und trauriger wurde. Ich kniete mich zu meinem Nachbarn, nahm seine Hände und redete unter Nichtbeachtung aller Sicherheitsvorschriften energisch auf ihn ein.

 "Als in China eine erkältete Schildkröte auf eine halbtote Fledermaus nieste und diese ganze Pandemie ihren Lauf nahm, verkroch ich mich ängstlich in meiner Wohnung und ging nicht mehr an die frische Luft, obwohl frische Luft das Immunsystem stärkt. Irgendwann kam ich dann zu der Erkenntnis, dass ich mich von meiner Angst nicht lähmen lassen will. Ich habe deshalb angefangen, die Kolumne 'Corona, voll verpönt!' zu schreiben. Ich wollte Menschen zum Schmunzeln bringen.

Aber irgendwie scheint das nicht zu funktionieren. Von allen Seiten rollen die Fans an und haben irgendetwas zu nörgeln. Sie nennen sich Denkporsche, Denkvolvo, Denkvolkswagen und Denktrabi und sitzen zu Hause im Schutze der Anonymität vor ihren PCs und feuern ihre Denksalven ab. Ich kriege da echt einen Fön, Aljoscha!"

"Ach, du darfst das nicht so persönlich nehmen", sagte mein Nachbar. "In einer Zeit, in der Satire nur noch verstanden wird, wenn man andere als Ziegenficker bezeichnet, ist es kein Wunder, dass manche Leser denken, du schreibst Nachrichten."

Kapitalisten-Beweis

Aljoscha griff zu seiner Thermoskanne und schenkte Kaffee nach. "Ich finde, wir sollten der aufmerksamen Leserin aus Niedersachsen beweisen, dass du ein waschechter Kapitalist bist", sagte Aljoscha. "Lass uns überlegen, wie wir uns in der Corona-Krise ähnlich wie VW und TUI gesundstoßen können." Wir falteten die Hände und dachten nach. 

Männer stehen auf der Straße in Zwönitz und betrachtene inenHandwagen. Der ist voller Bier und Colaflaschen.
Zielgruppe der Himmelfahrtskommando-Shirts. (Symbol- und Archivbild) Bildrechte: André März

"Ich hab’s", rief Aljoscha keine fünf Minuten später. "Morgen, am Herrentag, wird so viel Testosteron unterwegs sein, dass die Infektionszahlen bestimmt wieder in die Höhe schießen. Lass dir die Überschrift 'Herrentag wird zum Himmelfahrtskommando!' sichern. Die lässt sich bestimmt gut verkaufen."

"Ich habe eine bessere Idee, Aljoscha! Wir drucken T-Shirts mit der Aufschrift 'Himmelfahrtskommando 2020'. Die reißen uns die Leute garantiert aus den Händen." Aljoscha war begeistert. "Super Idee! Ich fahre gleich los und kaufe T-Shirts", rief er.

Wir sind nun zu einer Nachtschicht auf dem Dachboden verabredet. Aljoscha bewahrt dort eine alte Druckmaschine auf. Wir wollen sie wieder zum Laufen bringen und die ganze Nacht hindurch T-Shirts bedrucken. Am Herrentag werden wir dann auf der Bank vor unserem Haus sitzen, Bierchen und Käffchen trinken und die Himmelfahrt-Shirts verkaufen. Auf dass der Rubel rollt, liebe Freunde!

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Quelle: MDR/mh

2 Kommentare

Stephan Schulz vor 7 Tagen

Liebe Denkschnecke, es gibt nichts, was Ihnen leid tun müsste. Im Gegenteil: Ich bin Ihnen dankbar, dass mir dank Ihres Decknamens eine neue abstruse Geschichte eingefallen ist. Und mit dem Fanbrief an die Tagesschau hatten Sie ja auch nichts zu tun. Deswegen haben Aljoscha und ich soeben beschlossen, dass wir Sie in unsere Mitte aufnehmen werden, sobald wir alle wieder enger zusammenrücken können, ohne andere zu gefährden. Ihr einleitender Satz "Ich bin leider kein Denkporsche, sondern nur eine Denkschnecke..." hat uns sehr zum Schmunzeln gebracht. Vielen Dank dafür! Liebe Grüße, auch von Aljoscha... ;-)

Denkschnecke vor 7 Tagen

Lieber Herr Schulz,
ich bin leider kein Denkporsche, sondern nur eine Denkschnecke, aber offenbar hat Sie meine kleine sachliche Korrektur an Ihrer letzten Kolumne etwas getroffen. So war das wirklich nicht gemeint. Ich Besserwisser (mit westlichem Migrationshintergrund) hätte wohl deutlicher äußern sollen, dass mir der augenzwinkernde Grundton beim Lesen durchaus bewusst geworden ist. Tut mir leid, ich nehme als Buße heute einen zusätzlichen Feiertagsschluck auf Ihr Wohl und einen weiteren auf das von Aljoscha.

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