Kolumne "Corona, voll verpönt!" Joggingrunde mit Bill Gates durch Magdeburg

Stephan Schulz
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Wird der City-Tunnel jemals fertig? Und was will eigentlich Bill Gates? Beim Joggen durch Magdeburg bespricht MDR-SACHSEN-ANHALT-Reporter Stephan Schulz mit Nachbar Aljoscha die großen Fragen unserer Zeit.

Microsoft-Mitbegründer Bill Gates kommt am Flughafen Patna in Bihal, Indien an.
Um das Wirken von bill Gates ranken sich derzeit viele Verschwörungstheorien. (Archivbild) Bildrechte: imago/Xinhua

Jeden Freitag laufe ich mit meinem Nachbarn Aljoscha eine Runde durch den Park. Wir tragen Jogging-Klamotten und Jogging-Schuhe und sehen dadurch wie richtige Jogger aus. Wenn ich ehrlich sein soll, wirken wir aber wie Fußgänger. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen sind wir schon etwas älter, so dass wir es ruhiger angehen lassen können. Wir müssen uns läuferisch nichts mehr beweisen. Zum anderen haben wir uns eine natürliche Laufbarriere antrainiert, ein kleines, aber gepflegtes Bäuchlein.

Der eigentliche Grund aber, warum wir uns kaum von Fußgängern, die es eilig haben, unterscheiden, ist der, dass wir bei unseren Laufrunden die Lage der Stadt Magdeburg, die Lage der Nation und die Lage der Welt erörtern müssen. Das Abarbeiten aller drei Punkte ist eine schweißtreibende Angelegenheit, bei der der Puls sofort in die Höhe schießt, ohne dass wir überhaupt Tempo aufnehmen müssen.

Völlig verschiedene Typen

Das Schöne an Aljoscha und mir ist, dass wir in völlig unterschiedlichen Welten leben. Aljoscha stellt sich zum Beispiel nackt auf den Balkon, wenn er im Internet gelesen hat, dass wir alle zu einer bestimmten Uhrzeit von der ISS gescannt werden sollen, damit die Gesundheitsbehörden eine globale Corona-Fieberkurve erstellen können.

Im nächsten Moment meckert Aljoscha dann über jede Maßnahme, die die Regierung zum Schutz vor Corona getroffenen hat und behauptet, wir werden alle fremd gesteuert. Er ist da in seinen Ansichten unberechenbar und vor allem völlig ambivalent. Ich hingegen glaube weder an Nacktscanner noch an das Ultraböse. Dadurch muss ich mich nicht so häufig aufregen wie Aljoscha.

Sicher ist sicher

Obwohl wir vom Typ her völlig verschieden sind, haben wir immer viel Spaß miteinander.  Aljoscha liefert mir den Stoff, den ich für meine Geschichten brauche, und wir finden jede Woche neue Themen, über die wir uns streiten können. Einer Meinung sind wir eigentlich nur, wenn wir die Lage der Stadt Magdeburg erörtern. "Der City-Tunnel wird wohl nie fertig werden", sagte Aljoscha während unserer gestrigen Laufrunde.

"Ja, das befürchte ich auch", rief ich Aljoscha zu, der wegen der Corona-Pandemie zehn Meter vor mir lief. Wir hatten gehört, dass beim Joggen ein Mindestabstand von zwei Metern nicht ausreicht, um sich wirkungsvoll vor der Seuche zu schützen. Aus diesem Grund liefen wir zehn Meter auseinander. Sicher ist sicher, dachten wir. Allerdings sind wurden Aljoschas und meine Stimmbänder wegen des Abstandsgebots, das wir uns freiwillig auferlegt haben, stark strapaziert.

"Ist es nicht komisch?", brüllte Aljoscha. "Ausgerechnet in der größten Krise der Menschheit ist der Berliner Flughafen fertig geworden. Jene Großbaustelle, die zum Symbol für Inkompetenz und Misswirtschaft geworden ist, die jahrelang als Spottobjekt herhalten musste, diese Baustelle ist mitten in der Pandemie fertig geworden."

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Was passiert am Flughafen?

"Tatsächlich", japste ich. "Woher weißt du das?" "Stand ganz klein in der Zeitung", erwiderte Aljoscha. "Muss ich bei all den Corona-Meldungen glatt übersehen haben", krächzte ich. Mit diesem Wortgeplänkel begann Phase 2 unserer philosophischen Laufrunde, die Erörterung der Lage der Nation. "Ich frage mich, was mit dem Berliner Flughafen passiert, wenn kaum noch Maschinen starten und landen und die Menschen erst wieder in den Urlaub fliegen, wenn ein Impfstoff gefunden ist."

"Ich glaube, dass der Berliner Flughafen demnächst zu einer großen Impffabrik umgebaut wird", sagte Aljoscha. "Das heißt Chipfabrik", entgegnete ich. Es sollte ein Witz sein, aber Aljoscha lachte nicht. Er glaubt fest daran, dass sich jeder einzelne Mensch auf diesem Erdball bald in eine lange Schlange stellen muss, damit Microsoft-Gründer Bill Gates jeden Einzelnen von uns mit der Hand impfen kann. Außerdem habe der Milliardär vor, allen 7,6 Milliarden Menschen einen Chip mit Peilsender und Navigationssystem einzupflanzen, damit wir uns beim Joggen, Wandern oder Pilze-Suchen nicht mehr wie Hänsel und Gretel im Wald verirren. Davon ist Aljoscha überzeugt.

Ich frage mich ja, wie Bill Gates das machen will. Also ich hätte nicht die Geduld, so viele Menschen persönlich zu impfen und ihnen einen Mikrochip einzupflanzen. Bei aller Nächstenliebe, aber ich bin doch kein Samariter. Da bekäme ich ja graue Haare und taube Arme, wenn ich 7,6 Milliarden Menschen eine Spritze verabreichen müsste. Zudem würde die Zeit unerbittlich gegen einen arbeiten. Bill Gates wäre mumifiziert, wenn er mit seinem Impfprogramm fertig wäre.

Blick auf den Hauptstadtflughafen BER
Was passiert wirklich am Berliner Flughafen BER? Stephan Schulz und Aljoscha haben da verschiedene Ansichten. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Pockennarben als Erkennungszeichen

So viel Selbstaufopferung traue ich dem Milliardär nicht zu. Aljoscha hat trotzdem Angst vor dem Onkel aus Amerika. Ich versuche ihn dann immer zu beruhigen und erzähle ihm die Geschichte von der Frau im weißen Kittel, die in der zweiten Klasse zu uns an die Schule kam und uns gegen Pocken impfte. Ich habe davon zwei 1-Cent-große Einschusslöcher am linken Oberarm zurückbehalten.

Früher dachte ich, dass uns damit ewige Gesundheit geschenkt werden sollte, heute weiß ich, dass diese Impfung eine reine Vorsichtsmaßnahme war. Falls der Sozialismus mal abdanken sollte. Wir DDR-Geborenen sollten uns in einem postsozialistischen Zeitalter an den Pockennarben wiedererkennen. Das war der Plan. Und so ist es auch gekommen.

Schafft sich der Kapitalismus ab?

Wer heute am Strand entlang läuft, muss niemanden mehr fragen: "Und? Woher kommst du? Osten oder Westen?" Man muss sich nur den linken Oberarm der Strandgänger anschauen und schon weiß man, ob derjenige hinter dem Eisernen Vorhang oder im Goldenen Westen aufgewachsen ist. Selbst im Bett muss man nicht mehr viel reden. Man guckt sich den linken Arm seiner neuen Liebe an und weiß, welche Art der Sozialisierung sie erfahren hat.

Als ich Aljoscha von meinen Impferfahrungen aus dem vorigen Jahrhundert erzählte, kam er ins Grübeln. "Das würde ja bedeuten, dass der Kapitalismus auch abdanken müsste, wenn Bill Gates uns mit einem Chip, der in einen Impfstoff eingerührt wird, markieren würde." Ich nickte ihm für diese Erkenntnis anerkennend zu. "Es wäre keine Zwangsimpfung, Aljoscha, sondern eine reine Vorsichtsmaßnahme, damit wir uns in einem postkapitalistischen Zeitalter an den Piep-Geräuschen unter unserer Haut wieder erkennen." "Aber der Kapitalismus schafft sich doch nicht selbst ab", kombinierte Aljoscha. "Das wäre doch völlig absurd."

NWO der Echsenmenschen

Ich freute mich, dass ich meinen Nachbarn zum Nachdenken gebracht hatte. Wir liefen für einen Moment in Frieden und Einigkeit und in einem Sicherheitsabstand von zehn Metern schweigend durch den Park, dann drehte sich Aljoscha zu mir um und durchbrach die Stille mit den Worten:

"Ich glaube trotzdem, dass diese ganze Corona-Seuche nur dazu gemacht ist, damit die Echsenmenschen die NWO ausrufen können."

Jedes Mal, wenn Aljoscha Abkürzungen verwendet, stecken wir mitten in Phase 3 unserer philosophischen Laufrunde, in der Erörterung der Lage der Welt. In dieser Phase verliere ich oft den Anschluss. NWO? Was soll das wieder heißen? Neues Wohnen für Echsenmenschen? Oder Nordrhein-Westfälische Ornithologengesellschaft? Mir war es zu peinlich, Aljoscha nach der Bedeutung von NWO zu fragen, denn er guckt immer so schadenfroh, wenn er etwas weiß, was ich nicht weiß.

Am Ende wird abgerechnet

Diese Schmach wollte ich mir ersparen. Am Ende unserer Laufrunde wollte mir Aljoscha noch einreden, dass wir bald alle für unsere Sünden bezahlen müssen und das da Unsummen an Geld zusammenkommen werden, die ohne Ausnahme auf die Konten von Bill Gates zu transferieren wären. "Jetzt verkaufe mir doch nicht jeden alten Hut als Neuigkeit", rief ich Aljoscha zu. "Ist doch logisch, dass alles Geld, was wir für Essen, Trinken, Klamotten und Lebenssünden ausgeben, an Bill Gates geht. Es heißt doch nicht umsonst im Englischen: "The Bill please!"

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Quelle: MDR/olei

2 Kommentare

Stephan Schulz vor 2 Wochen

Liebe Denkschnecke, Sie erschüttern meine zentrale Orientierung nicht. Ich weiß, dass es diese Impfung auch in Westdeutschland gab. Sie wurde nur, wie sie richtig bemerken, früher als in der DDR eingestellt. Ich freue mich übrigens, dass Sie meine Texte ernst nehmen, allerdings würde ich mich noch mehr freuen, wenn ich Sie zum Lächeln bringen könnte.

Denkschnecke vor 2 Wochen

Auf die Gefahr hin, eine zentrale Orientierung von Herrn zu erschüttern: Auch Wessis tragen Male der Pockenimpfung am Oberarm. Jedenfalls wenn sie bis Mitte der 70er geboren wurden.

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