Kolumne "Corona, voll verpönt!" Lügen-Pest

Stephan Schulz
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Die hohen Temperaturen erschweren MDR-Kolumnist Stephan Schulz das Schreiben. Beim Versuch, sinnvolle Gedanken zufassen, erinnert er sich an seine letzte Zugfahrt – und an einen seltsam realistischen Traum.

Pestärzte stehn um das Bett eine Erkrankten
Zum Schutz vor der Pest trugen Ärzte im Mittelalter ein Ledergewand und eine Maske. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Everett Collection

Sitze in meiner Küche und schreibe. Nur was? Mir fällt nichts ein. Es ist eindeutig zu schwül draußen, um etwas Vernünftiges zu Papier zu bringen. Dieses schwankende Wetter –  heute Frost, morgen 30 Grad – geht gewaltig auf die Konzentration, auf meine Konzentration. Kann nur noch Stakkato schreiben, Gedankenfetzen notieren. Unwahrscheinlich, dass unter diesen Voraussetzungen ein sinnvoller Text entsteht. Versuche es trotzdem.

Die Landschaft aus dem Zug anbrüllen

Denke an meine letzte Reise. Da saß ich mit meiner Corona-Warn-App im Zug nach Stralsund und beobachtete die vorbeiziehenden Landschaften. Die App leuchtete grün. Mir drohte demnach keine Gefahr. Und auch ich stellte für mich und andere keine Gefahr dar. Das traf sich gut, denn ich brauchte dringend frische Luft. Ich zog meinen alten Freund, den Dietrich, aus der Hosentasche und lehnte wenig später mit ausgebreiteten Armen aus dem Zugfenster. Dabei brüllte ich die Landschaft an. Müssen Sie auch mal machen, die Landschaft anbrüllen. Das ist unglaublich befreiend. Sie werden spüren, wie Sie innerlich gereinigt werden, wenn Sie die Landschaft anbrüllen. Herrlich!

"Sie sind aber unvernünftig", sagte der einzige Passagier in meinem Abteil, eine Frau um die fünfzig. "Wenn ein Strommast kommt, ist die Rübe ab." 

"Sie haben ja recht", entgegnete ich. "Aber seien Sie ehrlich, Sie wollen doch auch mal wieder unvernünftig sein." 

Kurz darauf brüllten wir beide die Landschaft an. Dann schloss ich das Zugfenster wieder und setzte mich brav auf meinen Platz. Meine Corona-Warn-App leuchtete weiterhin grün, Die nächste Gefahrenanalyse wäre erst in zwei Stunden möglich, hieß es auf dem Handydisplay.

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Im Traum zurück ins Mittelalter

Draußen vor dem Fenster flogen jetzt Rapsfelder mit und ohne Windräder vorbei. Immer im Wechsel. Rapsfeld mit Windrädern, Rapsfeld ohne Windräder, Rapsfeld mit Windrädern, Rapsfeld ohne Windräder und immer so weiter. Diese Monotonie der norddeutschen Tiefebene schläferte mich ein.

Im Traum betrete ich das Mittelalter. Die Pest wütet in Europa. Stehe mit langen, zotteligen Haaren auf einem Marktplatz. Es riecht nach Kuh, Katze, Pferd und Schwein. Ich bin ein Abgesandter des Königs und verlese eine Erklärung.

"Haltet Abstand und tragt Eure Pestmasken!", rufe ich einer Menschenmenge zu, die glaubt, das Volk zu sein. Die Menschenmenge ist mit Mistgabeln bewaffnet. Sie steht am Fuße des Magdeburger Doms und buht mich aus.

Niemand will den Impfstoff

"Stoppt die Pest-Lüge", ruft ein bärtiger Alter, der einen gelben Bauarbeiterhelm trägt. Wusste gar nicht, dass es im Mittelalter schon Helme aus PVC gab, denke ich. Denke auch: "Wow, was du im Traum so alles reflektieren kannst. Nicht schlecht!" 

Jemand tippt mir auf die Schulter. Es ist das tapfere Schneiderlein. "Ah, der Medicus", rufe ich begeistert. Ich hebe das kleine Männchen hoch und schwenke es wie eine Flagge, damit jeder im Volk es sehen kann. "Dieser Medicus hier hat einen Impfstoff gegen die Pest entwickelt", rufe ich. "Er wird die Menschheit von der Seuche befreien!" 

Das tapfere Schneiderlein zeigt dem Volk seine Impfnadeln. Ich rechne mit Dankbarkeit und Jubelrufe, aber meine Erwartungen werden nicht erfüllt. Stattdessen wird der bärtige Alte, der wie Rumpelstilzchen aussieht, aufmüpfig. "Wir haben Eure Durchlaucht durchschaut", ruft er. "Wir sollen uns impfen lassen, damit wir wie die Fliegen umkippen." 

"Lügenpresse, Lügenpest, wir halten an unseren Globulis fest!", ruft die aufgebrachte Menge. Dann rennen Frauen, Männer und sogar Kinder mit Mistgabeln auf mich zu.

"Ein Hinweis für alle Verschwörungstheoretiker..."

Erwache aus meinem Traum durch eine Durchsage. "Wir wünschen Ihnen eine gute Reise mit der Deutschen Bahn", schallte es aus den Zuglautsprechern. "Wo bin ich? Ah, im Zug nach Stralsund", dachte ich. "Das ging aber schnell. Eben noch Mittelalter, jetzt aufgeklärtes  21. Jahrhundert." Schaute mich um. Das Abteil hatte sich gefüllt. Kaum jemand trug Maske. Nur die Frau, die an meine Vernunft appelliert hatte und ich, wir trugen Maske.

Blühende Rapsfelder
Auf dem Weg nach Stralsund kommt Stephan Schulz an blühenden Rapsfelder vorbei. (Symbolbild) Bildrechte: colourbox

"Zum Schluss noch ein Hinweis für alle Verschwörungstheoretiker bei uns an Bord", schallte es aus den Lautsprechern. "Denken Sie bitte daran, dass die Bundesregierung heimlich Speichelproben sammelt, um Klone von Ihnen zu produzieren, die Sie dann ersetzen sollen. Tragen Sie daher dauerhaft ihre Mund- Nasenbedeckung, um zu verhindern, dass die Regierung an ihre DNS kommt." Der Zugsprecher hatte kaum ausgesprochen, da setzten sich alle Mitreisenden eine Maske auf.

Kontakt mit einem Pestinfizierten

"Man muss dem Volk nur damit drohen, dass es ausgetauscht wird, schon glaubt es jeden Mist", dachte ich. Schaute auf meine Corona-Warn-App, aktualisierte die Risikoermittlung. Das Display verfärbte sich schwarz. "Sie hatten Kontakt mit Pestinfizierten, was nicht sein kann. Deswegen empfehlen wir Ihnen, die App erneut zu laden, um den Fehler zu beheben." 

Mehr gibt es bei diesem schwülwarmen Wetter nicht zu erzählen. Finde, dass ich überraschenderweise doch noch was Sinnvolles geschrieben habe. Gehe nun glücklich und zufrieden ins Wochenende. Adiós! 

Stephan Schulz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über den Autor Stephan Schulz, geboren 1972, wuchs in Burg bei Magdeburg auf. Er studierte Germanistik, Soziologie und Politikwissenschaften und stellte fest, dass das Hörsaalwissen nicht weit führt, weil sich die Politik selten an die Wissenschaft hält. Deswegen schreibt er so gern darüber – als Politikredakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk und auch als Buchautor. 2016 veröffentlichte er den heiter-satirischen Erzählungsband »Bück dich, Genosse!«. Sein neues Buch "Das Leben ist ein Angelteich" ist im Frühjahr 2020 erschienen.

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Quelle: MDR/sp

2 Kommentare

Stephan Schulz vor 13 Wochen

Ein "Dietrich" ist ein Werkzeug zum gewaltfreien Öffnen von Fenstern, in diesem Fall von einem Zugfenster. Im 14. Jahrhundert erhielten Spezialschlüssel scherzhaft Männernamen. Es gab beispielsweise das Peterchen, das Kläuschen und den Dietrich. Während beim Peterchen der Gedanke an Petrus mit dem Himmelschlüssel eine Rolle spielte, dürfte der Dietrich eher auf einen Dieb hindeuten, der jede Tür und jedes Fenster knackt. So ein Dietrich steckt gemeinhin in einer Hosentasche, manchmal auch in einer Brusttasche oder in einem Köfferchen. (Quelle: Wikipedia)

Heike1986 vor 13 Wochen

Ich habe mit einem anderen Verlauf der Geschichte gerechnet, nachdem der Erzähler "seinen alten Freund Dietrich" aus der Hose holte, in dem Zugabteil, welches er mit "der Frau um die fünzig" teilte. Aber gemeinsames Brüllen in die Landschaft und einem Aufenthalt im Mittelalter mit Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern fand ich auch durchaus spannend.

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