Kolumne "Corona, voll verpönt!" Maskenball

Stephan Schulz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Bundesregierung empfiehlt das Tragen von Masken, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Eine Tragepflicht gibt es in Sachsen-Anhalt nicht. Dabei hätte unser Kolumnist kein Problem mit dem Masken-Tragen – wenn er dafür endlich Freunde und Familie wiedersehen könnte.

Im Schaufenster eines Modegeschäft stehen Schaufensterpuppen mit Atemmasken
Masken sind neuerdings angesagt. Kein Problem für MDR-Kolumnisten Stephan Schulz, wenn er damit wieder Familie und Freunde treffen kann. (Symbolbild) Bildrechte: MDR /Karina Heßland

Vor Ausbruch der Corona-Pandemie griff Constanze, die Apothekerin, zum Pfefferspray, wenn ein Mann mit Maske nachts an der Medikamentenausgabe stand und Einlass begehrte.

Mittlerweile sind die bösen Buben nicht mehr so leicht zu erkennen, weil sich immer mehr Menschen im Kampf gegen die Seuche vermummen. Deswegen versprüht Constanze jetzt erst einmal Freundlichkeit statt Reizgas. Schließlich will sie niemanden zu Unrecht in die Flucht schlagen. "Was wünschen Sie?", fragt Constanze die Maskenträger. "Einen Erkältungssaft für die Nacht oder die Kasseneinnahmen?" 

Gefährlich sind nun die Nicht-Vermummten

Auch Mike, der Tankstellenpächter, hat seine Sicherheitsvorschriften den neuen Gegebenheiten angepasst. Früher nahm er sofort einen Baseballschläger zur Hand, wenn an seinen Zapfsäulen Männer mit Masken auftauchten. Heute bietet Mike vermummten Gestalten schon mal einen Gratis-Gutschein für einen extrem bitteren Morgenkaffee an. Oder er schwatzt ihnen eine extra Komfortwäsche fürs Auto auf.  

Die Einzigen, die sich noch an die alten Sicherheitsvorschriften klammern, sind die Mitarbeiter der Banken und Sparkassen. Sie haben ihre Filialen für den Publikumsverkehr fest verrammelt, weil sie den Maskenmenschen nicht über den Weg trauen. Dabei sind die wirklich gefährlichen Menschen diejenigen, die keine Masken tragen, sagen die Wissenschaftler des Robert-Koch-Instituts. Das ist eine Kehrtwende um 180 Grad.

Maskenproduktion in Heimarbeit

Am Anfang der Pandemie hatten dieselben Wissenschaftler der Bevölkerung noch empfohlen, auf das Tragen von Masken zu verzichten, da gegen das Coronavirus keine Maske gewachsen sei. Nur bei medizinischem Personal würden Masken eine gewisse Schutzwirkung entfalten, so die Wissenschaftler. Das aufmerksame Volk witterte eine Finte und machte sich sofort daran, sich selbst zu schützen. Aus allen Häusern surrten plötzlich Nähmaschinen, während das liebste Geräusch der Deutschen, der Lärm der Autos, immer mehr verstummte. 

Die Bürger nähten sich ihre Masken von nun an selbst. Anfangs nur für den Eigenbedarf, dann in immer größeren Mengen. Aus der Hilfe zur Selbsthilfe ist inzwischen ein florierender Wirtschaftszweig geworden, einer von wenigen in der Corona-Krise. 

Atemschutzmasken, das neue Gesicht des Landes

Wo genäht wird, passieren allerdings auch Fehler. So hatten einige Maskenproduzenten damit begonnen, ihre Staubsaugerbeutel zu verarbeiten. Natürlich in guter Absicht. Doch die Staubsaugerbeutel hatten die Angewohnheit, sich im Gesicht ihrer Träger festzusaugen und ihnen den Atem zu nehmen. Viel hätte nicht gefehlt und die Mortalitätsrate der Bevölkerung wäre wegen der Staubsaugermasken rapide angestiegen.

Das Robert-Koch-Institut gab deshalb die Empfehlung heraus: Näht so viele Masken wie ihr nur könnt, nehmt Baumwollschlüpfer, Schals, BHs, Socken, Krepppapier oder Kaffeefilter, aber bitte keine Staubsaugerbeutel. Mit diesem RKI-Appell brachen alle Dämme.

Atemschutzmasken wurden das neue Gesicht des Landes. Es gibt sie in allen Farben und Formen.

Masken: empfohlen, aber nicht befohlen

Ein Selfie von zwei Menschen mit Atemmaske
Die Maskenträger legen Wert auf individuelles Design. Bildrechte: MDR/Laura Caracciola

Die Maskenträger legen viel Wert auf ein individuelles Design. Sie sticken sich Herzchen, Emojis und Gruselfratzen auf die Masken oder die Vereinsfarben ihrer Fußballclubs. Die Modeindustrie treibt diesen Trend unaufhaltsam mit voran und auch die Fernsehsender stehen bereits in den Startlöchern. Sie planen Maskenshows zum Raten und Mitsingen. Wladimir Kaminer, mein Lieblingsschriftsteller, hat am Donnerstag in seiner Corona-Livestream-Lesung verkündet, dass noch in diesem Jahr die Sendung "Germanys next Top Maske" an den Start gehen wird. Ich nehme an mit Henry Maske als Moderator. 

Während in China, Österreich und anderen Ländern das Tragen von Masken längst verpflichtend ist, eiern deutsche Politiker noch rum. Der bayrische Ministerpräsident Söder will die Maskenpflicht, doch sein Amtskollege Laschet aus Nordrhein-Westfalen hat sich bei der Kanzlerin mit lascheren Sicherheitsregeln durchgesetzt. Die Maxime lautet jetzt: Wir empfehlen die Maskenpflicht, befehlen sie aber nicht. An diesem Beispiel lässt sich erkennen: Deutschland ist kein einig Maskenland. 

Ich selbst habe kein Problem damit, eine Maske zu tragen. Ich würde mich sogar in Frischhaltefolie einschlagen, wenn ich mich im Gegenzug endlich wieder mit meinen Eltern und Freunden treffen dürfte. 

Veranstaltungstipp

Hof on Air: Live-Lesung mit Stephan Schulz aus dem Moritzhof, Samstag,18.04.2020, 19 Uhr

Stephan Schulz, Autor und Angler in Personalunion, berichtet über Treffen mit berühmten Anglern, unter denen Ernest Hemingway nicht fehlen darf, aber auch Personen wie Angela Merkel auftauchen, von deren Angelleidenschaft die Welt bisher nicht wusste. Schulz tischt Storys auf, die lustig, skurril und alle selbst erlebt sind – also garantiert kein Anglerlatein. Hier geht‘s zum Facebook-Livestream der Lesung.

Stephan Schulz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über den Autor Stephan Schulz, geboren 1972, wuchs in Burg bei Magdeburg auf. Er studierte Germanistik, Soziologie und Politikwissenschaften und stellte fest, dass das Hörsaalwissen nicht weit führt, weil sich die Politik selten an die Wissenschaft hält. Deswegen schreibt er so gern darüber – als Politikredakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk und auch als Buchautor. 2016 veröffentlichte er den heiter-satirischen Erzählungsband "Bück dich, Genosse!". Sein neues Buch "Das Leben ist ein Angelteich" ist im Frühjahr 2020 erschienen.

Quelle: MDR/mh

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