Kommentar Schule – der verschwundene Ort oder: Wie Eltern die Coronakrise überstehen

Lernen per App, Üben auf Internetseiten und Nachfragen per Chat oder Videokonferenz. Eigentlich ist "MDR SACHSEN ANHALT"-Reporter Marcel Roth ein Fan von digitalen Werkzeugen – er macht den Podcast "Digital leben". Aber als Vater wünscht er sich in der Coronakrise eher einfache Lösungen, mehr Engagement und Ideenreichtum von den Lehrern.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

von Marcel Roth, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Schild mit der Aufschrift «Schule geschlossen» hängt an der Eingangstür des Gymnasiums in Bad Waldsee in Baden-Württemberg
Das Coronavirus hat das Schulsystem in ganz Deutschland lahmgelegt. Bildrechte: dpa

Die Rufe sind natürlich da: Nutzt digitale Werkzeuge, wenn Kindergärten und Schulen geschlossen sind, damit die Kinder auch weiter lernen! Genauso die großzügigen Angebote von großen Konzernen und kleinen Start-Ups, die ihre Plattformen und Dienstleistungen öffnen und kostenlose Zugänge anbieten. Das ist grundsätzlich gut, auch wenn manche Anbieter sicher auf zukünftig zahlende Kunden spekulieren.

Aber wir Eltern haben gerade andere Sorgen als eine Software oder App zu installieren, einen Zugang zu einer Online-Dienstleistung anzulegen oder Häkchen bei Datenschutz-Bestimmungen zu setzen. Wir Eltern haben eines: unsere Kinder rund um die Uhr Zuhause. Unsere Kinder, die ihre Freunde nicht sehen können. Unsere Kinder, die nicht auf Spielplätze gehen können. Unsere Kinder, die nicht in Kinos gehen können. Unsere Kinder, die ihre Großeltern nicht treffen dürfen. Unsere Kinder, die vielleicht kein Ostern feiern so wie sie es kennen. Unsere Kinder, die wir vielleicht nicht einmal gern mit zum Einkaufen nehmen. Unsere Kinder, deren Tagesstruktur zusammengebrochen ist. Unsere Kinder, denen wir Essen machen. Unsere Kinder, die wir lieben und um die wir uns kümmern.

Mit unseren Kindern YouTube gucken

All das sollte vorgehen. Natürlich sollen Kinder weiter lernen in diesen Krisenzeiten. Aber sie und uns mit komplett neuen Tools und Arbeitsmethoden zu überhäufen: Das geht nicht. Abgesehen davon, dass die Internetverbindung vielleicht nicht ausreicht oder nicht alle Familien die richtigen Geräte haben, müssen wir pragmatisch sein.

Auch wenn es mir total gegen den Strich geht: Lasst die Kinder das nutzen, was sie und auch wir Eltern kennen. Und was ist das zu allererst? YouTube! Einfach zu bedienen und voll mit einem Riesenschatz Bildung. Und das lässt sich auch mit den derzeit haufenweise verschickten Arbeitsblättern der Lehrer kombinieren. Setzen wir uns mit unseren Kindern hin, suchen und gucken YouTube: Mathe mit "Mathe by Daniel Jung" oder "Lehrerschmidt", Geschichte oder Sozialkunde mit MrWissen2Go, Deutsch mit "musstewissen" von funk, dem jungen Netzwerk von ARD und ZDF.

Appell an die Lehrer: Sprecht mit unseren Kindern!

Die einzigen, von denen man verlangen kann, dass sie sich gerade umorganisieren, sind die Lehrer, die Bildungs- und Erziehungsprofis: Schickt nicht nur Arbeitsblätter und Aufgaben herum! Wollt ihr wirklich "nur" Häkchen machen und Hausaufgaben kontrollieren? Kommt mit euren Schülern ins Gespräch! Die Zeit dafür ist jetzt da: Keine Schulklingel stört, kein Sportverein ruft. Schüttet nicht einfach nur Wissen in unsere Kinder. Organisiert Gruppen mit drei, vier Schülern, mit denen ihr eine Videokonferenz macht.

Sprecht mit unseren Kindern! Auch und vor allem darüber, was sie gerade bewegt. Empathisch und optimistisch. Denn neben den Eltern und Großeltern seid ihr die einzigen, die den Kindern in dieser Zeit Halt geben können. Darin seid ihr professioneller als wir Eltern, die nie eine emotionale Distanz zu ihren Kinder aufbauen können und wollen. Ich finde, auch das ist jetzt die Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über Marcel Roth Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei "MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir". Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR-SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

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Quelle: MDR/jr

Zuletzt aktualisiert: 20. März 2020, 15:18 Uhr

2 Kommentare

Altlehrer vor 7 Tagen

Mit Verlaub, aber die Vorschläge werden immer spaßiger. Videokonferenzen mögen für Journalisten und Redakteure eine Selbstverständlichkeit sein. Die Realitäten in Sachsen-Anhalt sind andere. Ich verfüge über DSLlight 0,38 MBit/s, die Schüler haben häufig weder Laptop noch DSL. Das LTE-Volumen vom Handy ist teuer und begrenzt. Sicher gibt es im städtischen Umfeld, an Gymnasien und Privatschulen bessere Rahmenbedingungen, aber in der Fläche fehlt einfach eine geeignete Infrastruktur. Auch wenn Landespolitiker gerne das Gegenteil behaupten.

Mutti50 vor 1 Wochen

Kitas und Schulen geschlossen, warum eigentlich, wenn diese Eltern dann ihre Kinder schnappen und in ein Fastfood Restaurant gehen, das tatsächlich geöffnet hat. Deren Mitarbeiter mit gewissen Abstand dort die Gäste bedienen müssen, weil sie keine andere Wahl haben, als wäre nichts. So schlimm kann ja dann die ganze Corona Krise nicht sein. Denn genau auch da tummeln sich verschiedene Bevölkerungsgruppen, wo Mitarbeiter auch nicht erkennen können ob diese Gäste diesen Virus in sich tragen. Glauben denn die Arbeitgeber der Virus wird vor der Restauranttür abgeschüttelt und wenn man das Restaurant wieder verlässt, dann mitgenommen. Ist es denn tatsächlich nötig das man die Mitarbeiter solchen Risiko aussetzt und darauf hofft das keine infiziert wird. Und die Chefs aber selber nicht nach ihren Läden schauen ob alles in Ordnung ist. Soll das denn alles egal sein. Kann man so ignorant sein. Also nochmal Fazit, so schlimm ist es dann wohl doch nicht. Geld regiert die Welt. Verantwortungslos

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