Mangelnde Kompetenzen der Mitarbeiter Kritik an Wolfskompetenzzentrum – besserer Herdenschutz gefordert

Das Wolfskompetenzzentrum des Landes steht in der Kritik. Weidetierhalter und Experten bemängeln unter anderem eine mangelnde Beratung in Sachen Herdenschutz. Umweltministerin Claudia Dalbert weist die Kritik zurück, will aber reagieren. So soll die Beratungsrichtlinie zum Herdenschutz überarbeitet werden.

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Annette Schneider-Solis, MDR SACHSEN-ANHALT

Pyrenäen-Berghund bei einer Schafherde.
Zu einem guten Herdenschutz gehören Zäune und Herdenschutzhunde – er soll nun in Sachsen-Anhalt verbessert werden. Bildrechte: imago/Steve Bauerschmidt

Kopfschüttelnd steht Uwe Wilberg in seinem Pferch bei Krüssau im Jerichower Land. Ein Schaf ist tot, mehrere sind verletzt. Schon zum achten Mal seit Mitte September hat der Wolf eine seiner Herden heimgesucht. Beim schlimmsten Übergriff wurden zehn Tiere getötet. "Die Kadaver lagen weit verteilt", erinnert sich Uwe Wilbergs Schwiegertochter Bianca Bich. "Wahrscheinlich wurden junge Wölfe angelernt, nicht alle Schafe hatten den typischen Kehlbiss."

Nach jeder Wolfsattacke waren Vertreter des Wolfskompetenzzentrums (WZI) da, nahmen DNA-Proben. Und sie brachten einen Zaun mit einer Litze. Als Leihgabe. Doch die Wölfe, so interpretiert Wilberg die Spuren, seien über diesen Zaun gesprungen.

Weidetierhalter schließen sich zusammen

Peter Schmiedtchen hält das für ausgeschlossen. "Wölfe springen nicht", ist sich der zweite Vorsitzende der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe sicher. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass alle Wolfsrisse auf mangelhaften Herdenschutz zurückgehen."

Vor einiger Zeit haben sich Weidetierhalter zu einer Interessengemeinschaft Herdenschutz plus Hund zusammengeschlossen. Die 20 Mitglieder haben ihren Herdenschutz verbessert. Dazu gehören Zäune und Herdenschutzhunde. Keiner von ihnen, versichert Peter Schmiedtchen, habe seither je wieder ein Problem mit Wölfen gehabt. "Da reichen Zäune von 90 Zentimetern Höhe. Allerdings muss genug Strom drauf sein."

Vorwurf: Beratung zum Herdenschutz nicht ausreichend

Schmiedtchens Vorwurf in Richtung Wolfskompetenzzentrum: "Die Beratung in Sachen Herdenschutz ist mangelhaft. Neue Erkenntnisse seien dort gar nicht bekannt, Kompetenz beim Zaunbau nicht vorhanden, und einigen Mitarbeitern fehle es darüber hinaus auch an sozialer Kompetenz im Umgang mit den Schäfern."

Karte und Übersicht der Wolfsrudel und Wölfe in Sachsen-Anhalt
Bildrechte: Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt | MDR/Schörm/Paul

In Krüssau spitzt sich die Situation zu. In der Nacht zum Montag schlug der Wolf zum achten Mal bei Uwe Wilberg zu. Schon zuvor hatte der Schäfer Rat bei seinem Jagdpächter Randolf Schulz gesucht. Der plädiert für Abschuss.

"Ich habe bereits mit dem Landrat gesprochen", erklärt Uwe Wilberg. "Wir werden wohl einen Antrag stellen." Das wiederum bringt Peter Schmiedtchen in Rage. "Dagegen werden wir gerichtlich vorgehen, denn es kann nicht sein, dass Tiere für menschliche Fehler bezahlen müssen. Weder Wölfe noch Schafe! Hier liegt mangelhafter Herdenschutz aufgrund fehlerhafter Beratung durch das Wolfskomeptenzzentrum vor."

Dalbert weist Kritik zurück

Ministerin Claudia Dalbert stellt sich vor das Wolfskompetenzzentrum. "Die fünf Mitarbeiter dort machten eine gute Arbeit. Sie begutachten Risse und erfassen im Wolfsmonitoring Spuren von Wölfen. Die intensive Beratung zum Herdenschutz gehört nicht dazu."

Auf seiner Internetseite allerdings bietet das WZI diese Beratung ausdrücklich an. Nach Ansicht von Peter Schmiedtchen fehlt es den Mitarbeitern allerdings an der nötigen Kompetenz. Die werde in den Ausschreibungen für die Stellen auch nicht gefordert. Dort sei ein Hochschulabschluss die Voraussetzung. Besser wäre es nach Ansicht des Wolfsschützers, wenn erfahrene Weidetierhalter diese Aufgabe übernähmen.

Bilder vom Wolfskompetenzzentrum Iden

Infarotaufnahme Wölfe bei Nacht im Wald
Das erste Wolfsrudel (seit der Ausrottung) wurde im Jahr 2000 in Sachsen registriert. Bildrechte: Wolfskompetenzzentrum Iden
Infarotaufnahme Wölfe bei Nacht im Wald
Das erste Wolfsrudel (seit der Ausrottung) wurde im Jahr 2000 in Sachsen registriert. Bildrechte: Wolfskompetenzzentrum Iden
Zwei Wölfe auf Lichtung im Wald
Seither haben sich die Tiere ausgebreitet – von Ostsachsen über Brandenburg und den Norden Sachsen-Anhalts bis nach Niedersachsen. Bildrechte: Wolfskompetenzzentrum Iden
Wölfe auf Lichtung im Wald
Das letzte Wolfsmonitoring ergab in Deutschland 73 Wolfsrudel und 20 Wolfspaare – das sind mehr als 800 Tiere. Bildrechte: Wolfskompetenzzentrum Iden
Wölfe auf Waldweg
Wölfe haben sich vor allem auf ehemaligen Truppenübungsplätzen oder Tagebau-Flächen angesiedelt ... Bildrechte: Wolfskompetenzzentrum Iden
Wölfe auf Waldweg
... kommen aber immer wieder auch in die Nähe menschlicher Siedlungen. Bildrechte: Wolfskompetenzzentrum Iden
Wolf auf Waldweg
Seit der Rückkehr des Wolfs wurden in Deutschland etwa 4.000 Risse von Nutztieren durch Wölfe registriert. Bildrechte: Wolfskompetenzzentrum Iden
Wolf auf Waldweg
Für das Jahr 2019 hat das Land Sachsen-Anhalt 240.000 Euro zur Förderung von Herdenschutz-Maßnahmen eingeplant. Bildrechte: Wolfskompetenzzentrum Iden
Wolf auf Waldweg schaut in Kamera
Das Revier eines Wolfsrudels erreicht Größen zwischen 200 und 250 Quadratkilometer. Bildrechte: Wolfskompetenzzentrum Iden
Wolf auf Waldweg
Laut einer Forsa-Umfrage meinen 78 Prozent der Bundesbürger, der Wolf könne in Deutschland leben – auch wenn es dadurch zu Problemen kommt. Bildrechte: Wolfskompetenzzentrum Iden
Wolf im Wald
In Sachsen-Anhalt ist bei Wolfssichtungen das Wolfskompetenzzentrum Iden (WZI) erster Anprechpartner. Bildrechte: Wolfskompetenzzentrum Iden
Zollstock an Wolfsspur im Sand
Die Experten dort sichten Wolfsspuren und werten sie aus.

Dieses Thema im Programm:
FAKT IST! | 29. April 2019 | 22:05 Uhr

Quelle: MDR/agz
Bildrechte: Wolfskompetenzzentrum Iden
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Ministerin will nachbessern

Das könnte künftig tatsächlich der Fall sein. Ministerin Dalbert sicherte zu, die Beratungsrichtlinien zu überarbeiten und ein Budget für externe Berater einzustellen. Die dann auf Augenhöhe, sozusagen von Schäfer zu Schäfer, mit Betroffenen sprechen. So eine Lösung schwebte auch Peter Schmiedtchen vor, und sie wird nach Zusicherung der Ministerin jetzt auf den Weg gebracht.

Weißes Hinweisschild mit dem Logo von Sachsen-Anhalt und der Aufschrift -Landesamt für Umweltschutz Wolfskompetenzzentrum-
Das Wolfskompetenzzentrum des Landes Sachsen-Anhalt hat seinen Sitz in Iden bei Osterburg im Landkreis Stendal. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

So lange wird die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe mit ihrer Task Force auf eigene Kosten helfen; gemeinsam mit der IG Herdenschutz plus Hund hilft die betroffenen Weidetierhaltern nach Wolfsrissen. Mit speziellen Zäunen und Hunden. Mehrere hunderttausend Euro hat das bislang gekostet. Auch Uwe Wilberg hat einen Zaun bekommen. Der ist hoch und hat fünf zusätzliche Litzen. Nachdem er aufgebaut war, hatte er Ruhe vorm Wolf. Doch nun steht der Zaun in der Garage. Da Wanderschäfer wie Uwe Wilberg alle zwei Tage mit ihrer Herde weiterziehen, müsste der Zaun immer wieder auf- und abgebaut werden. Ohne Hilfe ist das nicht zu schaffen.

"Guter Herdenschutz ist unerlässlich"

Jetzt wird die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe noch einmal Uwe Wilberg zu Hilfe eilen. Um seine Schafe vor Wölfen zu schützen. Vor einen Abschuss dagegen sind hohe rechtliche Hürden gesetzt. "Erst wenn erwiesen ist, dass jedes Mal derselbe Wolf zugeschlagen hat und ausreichender Herdenschutz vorhanden war, ist Entnahme ein zulässiges Mittel", bremst Claudia Dalbert die Hoffnung von Uwe Wilberg.

Eine dauerhafte Lösung sei das ohnehin nicht, ist sich Peter Schmiedtchen von der Interessengemeinschaft Herdenschutz sicher. Wenn ein Wolf verschwinde, komme der nächste. In seinen Augen ist guter Herdenschutz unerlässlich. Und die Beratung dazu werde hoffentlich bald besser werden. "Wir dürfen die Weidetierhalter mit ihren Problemen nicht allein lassen."

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Annette Schneider-Solis arbeitet seit Mai 1994 für den MDR. Sie ist vor allem als Reporterin für Fernsehen, Hörfunk und Online im Land unterwegs. Ihre Themenpalette ist breit. Annette Schneider-Solis ist in Magdeburg geboren, hat in der Nähe von Stendal Zootechnikerin gelernt, das Abi an der Abendschule gemacht und in Leipzig Journalistik studiert. Seit 1985 arbeitet sie als Journalistin, seit 1994 als Freie, vor allem für den MDR, aber auch für die dpa und ab und zu für verschiedene Zeitungen. Lieblingsorte in Magdeburg hat sie viele - dazu gehören der Stadtpark und der Möllenvogteigarten in Magdeburg und die ländlichen Regionen. Vor allem das weite Grünland in der Altmark und die Felder in der Börde.

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20. November 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2019, 13:52 Uhr

4 Kommentare

Steffen 1978 vor 2 Wochen

Ohne Grund wurde dieses Tier von unseren Vorfahren aus unseren Breitengrad nicht verbannt.was muss noch passieren Tote Kinder oder was solche Tiere gehören in Reservate oder abgeschossen und nicht in unsern Lebensraum

Annegret Sproesser vor 2 Wochen

Zur Ansicht des Herrn Schmiedtchen ist zu sagen, dass die katholische Kirche auch lange, wider besseres Wissen, behauptet hat, die Erde sei eine Scheibe und das Zentrum des Universums. Genauso verhält es sich mit dem Glauben passiver Herdenschutz reiche zum Schutz von Weidetieren aus.
Überall, wo es mit Herden, Wölfen und Menschen einigermaßen klappt, werden Wölfe bejagt.
Zum Thema Herdenschutz mit Hunden ist zu sagen, dass nach dem Zusammentreffen von Wolf Schaf und Herdenschutzhund zumindest ein blutiges oder totes Tier am Boden liegt. Leider oft von jedem etwas!

Annegret Sproesser vor 2 Wochen

Der naive Glaube des Herrn Schmiedtchen an die Wirksamkeit von passivem Herdenschutz erinnert mich an die katholische Kirche, die auch lange, wider besseres Wissen, behauptet hat die Erde sei eine Scheibe und der Mittelpunkt des Universums.

Wie überall auf der Welt, wo es mit Herden, Menschen und Wölfen einigermaßen funktioniert, wird die Lösung des Problems aus Bejagung nach Schadenshöhe und leistbarem Herdenschutz bestehen.

Man bedenke, dass Wölfe seit 2004 nicht mehr in der roten Liste der aussterbenden Arten der IUCN aufgeführt werden und die Population zu der die Wölfe in Deutschland gehören ca. 8.000 Individuen umfasst, wovon sich ca. 1.400 das sind knapp 18 % auf ca. 7% der entsprechenden EU-Fläche tummeln. Dies in einem Land, das mit 230 Einwohnern/qkm zu den am dichtesten besiedelten der Welt gehört. Finnland und Schweden, die mit 16 und 23 Einw./qkm deutlich weniger dicht besiedelt sind, dulden ca. 300 Wölfe. Beide Länder sind flächenmäßig mit Deutschland vergleichbar.

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