Künstliche Intelligenz in Sachsen-Anhalt Aus dem Silicon Valley nach Magdeburg

Stephan Schulz
Bildrechte: Anne Hasselbach

Entwickler Alexander Alten-Lorenz hat einst im Sillicon Valley gearbeitet. Inzwischen schwört er auf Sachsen-Anhalt. Mit Cloud-Lösungen aus Magdeburg will er beweisen, dass Künstliche Intelligenz überall funktionieren kann.

Grafik: Gehirn und im Hintergrund ein Computer Motherboard.
Alexander Alten-Lorenz sieht Chancen in Sachsen-Anhalt großes Potenzial für die Nutzung von Künstlicher Intelligenz. Bildrechte: imago/Science Photo Library

Wer sich mit Alexander Alten-Lorenz (49) unterhält und nicht vom Fach ist, bräuchte eigentlich einen Simultanübersetzer oder eine künstliche Intelligenz, die seine Sätze über einen Knopf im Ohr in ein allgemeinverständliches Deutsch überträgt. Alten-Lorenz hat nämlich die Angewohnheit, an allen möglichen und unmöglichen Stellen englische Wörter in seine Sätze einzufügen. Wenn er von Sachsen-Anhalt als Wirtschaftsstandort schwärmt, sagt er beispielsweise: "Es gibt hier eine geringe Bevölkerungsdichte, eine geringe Netzabdeckung und das sind wunderbare use cases, um eine KI zu entwickeln."

Porträt eines mittelalten Mannes, mit sehr kurzen grauen Haaren, einer braunen runden Brille und einer hellgrauen Kapuzenjacke, der mit verschränkten Armen vor einem roten Gebäude steht und lächelt.
Alexander Alten-Lorenz Bildrechte: Infinite Devices, Magdeburg

Es ist nicht ganz klar, wann sich seine Sprache zu einer Mischung aus Deutsch und Englisch entwickelt hat. Fakt ist, dass viele junge Leute in der Start-up-Szene, vor allem, wenn sie mit Internet-Technologie zu tun oder mehrere Jahre in den USA gelebt haben, wie Alexander Alten-Lorenz sprechen. Er selbst hat sechs Jahre seines Lebens in den USA verbracht. Er hat dort als Entwickler für Internetkonzerne und Softwareschmieden wie Google, Cloudera und Evariant gearbeitet. Zurück in Deutschland, unterstützte er als Digitalisierungsexperte den Energieversorger Eon dabei, den digitalen Wandel zu vollziehen. Zwischendurch erholte er sich beim Tauchen von seinen Jobs.

Alten-Lorenz bezeichnet sich selbst als Nerd, als Computerfreak, der davon träumt, dass künstliche Intelligenzen der Menschheit schon bald in allen Arbeits- und Gesundheitsfragen helfend unter die Arme greifen werden, damit wir Zeit haben, uns in Reiseabenteuer zu stürzen. "Ich würde ja gern noch miterleben, wie wir ganz selbstverständlich zum Mars reisen."

Ampelsystem für Corona-Abstände

Wenn er seiner Phantasie nicht freien Lauf lässt, arbeitet Alexander Alten-Lorenz an eher irdischen Projekten. Gerade entwickelt er mit seiner Firma "Infinite Devices" ein Produkt, das in der Corona-Krise helfen soll, die Abstandsregeln einzuhalten. "Wir haben Sensoren entwickelt, die zählen, wie viele Menschen in einem Supermarkt, einem Theater oder einem Kino durch die Ein- und Ausgänge gehen. Mit einer Kamera wird zudem der Abstand zwischen den Personen gemessen. Die Leute sehen auf Bildschirmen über eine Art Ampelsystem, ob sie genügend Abstand zu ihrem Vordermann haben."

Das Entwicklerteam um Alten-Lorenz hat das System auf dem Mobilitätstag in Berlin ausprobiert. "Wir waren ganz überrascht, dass die Leute wirklich alle auf die Bildschirme gestarrt und ihre Abstände zum Vordermann korrigiert haben. Mit solchen eher einfachen Produkten wollen wir unseren Beitrag zur Eindämmung der Coronainfektionen leisten."

Screenshot einer Videokonferenz mit vier Menschen: den beiden Podcastmachern Marcel Roth und Stephan Schulz und ihren Gästen Alexander Alten-Lorenz und Doris Aschenbrenner 88 min
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KI, Sachsen-Anhalt und Gesundheit:Wir sprechen mit Doris als Professorin in den Niederlanden und mit Alex als jemand, der auch im Silicon Valley gearbeitet hat. Zwei Bundestagsabgeordnete kommen auch zu Wort.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Fr 06.11.2020 15:33Uhr 88:21 min

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Flache Hierarchien, einfacher Kontakt zu Behörden

Alten-Lorenz ist mit seinem Startup "Infinite Devices" nach Magdeburg gezogen. Spötter mögen da denken, was für ein Abstieg – vom Silicon Valley nach Sachsen-Anhalt. Alten-Lorenz kennt diese vorschnellen Urteile. Er hält sie schlichtweg für falsch. "Bei Google wurde immer gesagt, wenn Du eine Idee hast, dann gehe an einen Ort, wo du möglichst viele Probleme lösen musst. Wenn dein Produkt dort dann läuft, läuft es überall auf der Welt."

Alten-Lorenz meint das nicht negativ: "Sachsen-Anhalt hat enorm viel Potential", sagt er. "Es gibt hier noch flache Hierarchien, so dass man schnell Kontakt zu Ansprechpartnern in den Behörden findet. Man kann sich in kurzer Zeit ein Netzwerk aufbauen, auf das man sich verlassen kann. In den USA haben damals alle spöttisch auf das Silicon Valley geschaut. Niemand konnte sich vorstellen, dass in diesem Gebiet, kurz vor dem Ozean, wo niemand wohnte, etwas Großartiges entstehen würde. Es gab da nur eine Art Erholungsgebiet, mehr nicht und so ähnlich ist das auch mit Sachsen-Anhalt."

Cloud-Lösung aus Magdeburg

Mit einem Partner hat Alten-Lorenz inzwischen ein Entwicklungs- und Vertriebsbüro in einem ehemaligen Schulgebäude in der Nachtweide in Magdeburg eröffnet. Sein Team soll bis 2025 auf vierzig Mitarbeiter anwachsen. Derzeit arbeitet die Startup-Firma an einer extrem sicheren Cloud-Lösung für Unternehmen. "Sie ist DSGVO-konform, weil wir auf US-amerikanische Cloud-Provider verzichten und damit nicht unter den US Cloud Act fallen." Die Abnabelung von Google und Co soll Unternehmen in Europa helfen, sich von den USA und China etwas unabhängiger zu machen."

Pink strahlendes, künstlich anmutendes Gehirn vor abstrakter, an eine Platine erinnernder Oberfläche.
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Für die Neuentwicklung konnte "Infinite Devices" bisher 1,3 Millionen Euro einwerben. Die Investitionsbank des Landes ist über die bmp Ventures AG in die Finanzierung der Startup-Firma aus Magdeburg mit eingestiegen. Denn auch dort träumt man davon, dass Computerexperten aus aller Welt in Sachsen-Anhalt einmal die tollsten Produkte entwickeln. 

Stephan Schulz
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Über den Autor Stephan Schulz, geboren 1972, wuchs in Burg bei Magdeburg auf. Er studierte Germanistik, Soziologie und Politikwissenschaften und stellte fest, dass das Hörsaalwissen nicht weit führt, weil sich die Politik so selten an die Wissenschaft hält. Deswegen schreibt und spricht er so gern darüber.
Stephan Schulz ist seit 2001 festangestellter Redakteur bei MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir. Außerdem ist er einer der beiden Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 12. November 2020 | 12:10 Uhr

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