Schauspieler Heinrich Schafmeister "Sachsen-Anhalt ist kein goldenes Pflaster für Schauspieler"

Schauspieler sind reich, haben ein entspanntes Leben – und gelernt haben sie auch nichts. Die Liste der Vorurteile ließe sich fortführen. Nur: Die meisten dieser Vorurteile sind falsch. Denn finanziell ist die Situation vieler deutscher Schauspieler weitaus schlechter, als viele annehmen dürften. Schauspieler Heinrich Schafmeister erzählt, welche Tücken sein Beruf mit sich bringt – und warum er es trotzdem liebt, Schauspieler zu sein.

Luca Deutschländer
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von Luca Deutschländer, MDR SACHSEN-ANHALT

Heinrich Schafmeister bei der Aufzeichnung der NDR-Talkshow Bettina und Bommes im NDR-Studio auf dem Messegelände.
Heinrich Schafmeister arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten als Schauspieler für Film, Fernsehen und Theater. Er ist außerdem Vorstandsmitglied im "Bundesverband Schauspiel". (Archivfoto) Bildrechte: IMAGO/EmojiOne

Heinrich Schafmeister sieht das alles recht pragmatisch. Ob er jungen Menschen raten würde, hauptberuflich Schauspieler zu werden? Schafmeisters Antwort: "Das war noch nie zu empfehlen und ist auch jetzt nicht empfehlenswert. Aber wer es denn unbedingt machen will, macht es trotzdem. So wie ich."

Heinrich Schafmeister muss es wissen. Er arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten als Schauspieler. Der Mann kennt die Branche – und das Publikum kennt ihn. Schafmeister hat Filme gedreht, er hat in Fernsehserien mitgespielt, außerdem am Theater. In diesen Tagen probt er im hessischen Bad Hersfeld, wo Anfang Juli die Festspiele eröffnet werden.

Hier und jetzt spricht er zwar auch als Schauspieler – eher aber als der Mann, der seit 13 Jahren ehrenamtliches Vorstandsmitglied im "Bundesverband Schauspiel" ist, der größten deutschen Berufsorganisation für Schauspieler.

Der "Bundesverband Schauspiel"

Den "Bundesverband Schauspiel" – mit dem Zusatz Bühne, Film, Fernsehen und Sprache (BFFS) – gibt es in seiner jetzigen Form seit 2006. Damals war er auf Anregung der Schauspielersektion der Deutschen Filmakademie gegründet worden. Der Verband hat sich inzwischen zur Gewerkschaft für Berufsschauspieler entwickelt. Seit 2014 sieht sich der BFFS für alle "festen" und "freien" Schauspielerinnen und Schauspieler in Deutschland zuständig. Er hat, Stand Februar 2019, mehr als 3.400 Mitglieder – fast die Hälfte von ihnen stammt aus der Region Berlin/Potsdam. Ein Großteil der Mitglieder sind nach Angaben von Vorstandsmitglied Heinrich Schafmeister Bühnenschauspieler.

Zu den Erfolgen des Verbands gehören nach eigenen Angaben ein verändertes Gesetz bei der Arbeitslosengeld 1-Regelung, durch das "die soziale Benachteiligung" von kurz befristeten Schauspielern abgemildert worden ist. Außerdem hat der BFFS im Laufe der Jahre mehrere Tarifverträge für Schauspieler unterzeichnet. Bei vielen Projekten arbeitet der Verband mit der Gewerkschaft Verdi zusammen.

Als Mitglied im "Bundesverband Schauspiel" weiß Schafmeister: "Die wirtschaftliche und soziale Situation von Schauspielern war immer schon bescheiden. Zwei Drittel sind arbeitslos, viele können ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten, geschweige denn eine Familie ernähren."

Nun muss man unterscheiden: Es gibt Schauspieler, die von Engagement zu Engagement wechseln. "Freie" sozusagen. Und es gibt solche, die befristet an einem Theater beschäftigt sind. Mal für eine Spielzeit, manchmal auch über zwei Saisons. "Feste" also. Wobei Heinrich Schafmeister am Telefon das Wörtchen "Feste" immer in Anführungszeichen setzt. "Wenn man diese Schauspieler nicht mehr will, verlängert man ihren Vertrag einfach nicht. Der Kündigungsschutz ist unterirdisch", sagt er.

Zwei Drittel sind arbeitslos, viele können ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten, geschweige denn eine Familie ernähren.

Heinrich Schafmeister, Schauspieler

Dabei gehe es denen, die für eine oder zwei Spielzeiten beschäftigt sind, immer noch besser als den "Freien". Davon, regelmäßig sozialversichert zu sein, können die nämlich nur träumen. "Für die Rente ist das eine Katastrophe", sagt Schafmeister. "Das Sozialsystem in Deutschland ist nicht für Leute wie uns ausgerichtet", meint er und spielt damit vor allem auf die an, die kurz beschäftigt sind, zum Beispiel in Fernsehserien. Wer in einer der vielen SOKOs im deutschen Fernsehen eine Episodenhauptrolle spielt, der wird laut Schafmeister für zwei bis drei Drehtage beschäftigt – viel zu kurz, um später einmal Arbeitslosengeld zu bekommen.

Das alles klingt dramatisch. Denen, die am Anfang ihrer Karriere stehen, sollte all das aber klar sein, sagt Schafmeister. Er sieht das eben pragmatisch.

Schauspieler ist der schönste Beruf der Welt, den man nicht weiterempfehlen kann.

Heinrich Schafmeister | Schauspieler

Was Schafmeister beschreibt, deckt sich auch mit den Ergebnissen einer Studie, die die Universität Münster vor knapp zehn Jahren erhoben hat. Darin nennt immerhin gut ein Drittel der befragten Schauspielerinnen und Schauspieler die eigene finanzielle Situation schlecht bis sehr schlecht. Mehr als 80 Prozent sagen aber auch, dass sie sich wieder für ihren Job entscheiden würden. Die Liebe zum Beruf scheint also zu überwiegen.

Die Studie "Viel Ehre, aber kaum Verdienst"

Für die Studie "Viel Ehre, aber kaum Verdienst" wurden online 710 Schauspielerinnen und Schauspieler befragt. Dazu hatten das Westfälische Wilhelms-Institut Münster und die Forschungsgruppe Bema im Jahr 2010 aufgerufen.

Einige wesentliche Erkenntnisse der Studie zeigen:

  • Der Großteil der Schauspielerinnen und Schauspieler ist befristet beschäftigt (72,9 Prozent) – und zwar häufig befristet auf weniger als ein Jahr.
  • Im Schnitt verdient der Großteil der Schauspielerinnen und Schauspieler monatlich bis zu 2.520 Euro brutto.
  • Die meisten Studienteilnehmer schätzen ihre finanzielle Situation als gut (14,1 Prozent), befriedigend (22,5 Prozent) oder ausreichend (22,6 Prozent) ein. Nur 6,6 Prozent beschreiben ihre finanzielle Situation als sehr gut.
  • Für die Finanzierung des Lebensunterhalts sind Partner (20,5 Prozent), Familie (14,4 Prozent) oder Beschäftigungen in anderen Branchen (35,8 Prozent) wichtig. Knapp 80 Prozent leben ausschließlich von ihrer Schauspielertätigkeit (Mehrfachantworten waren möglich).


Vom Bundesverband für Schauspiel heißt es, dass sich an den wesentlichen Zahlen seit 2010 kaum etwas verändert hat.

Nun hängt der Erfolg eines Schauspielers immer auch davon ab, ob er zu "wandern" bereit ist. Heinrich Schafmeister sagt, dass er und seine Kollegen ein "fahrendes Volk" sind. Und das müssen insbesondere Schauspieler in Sachsen-Anhalt auch sein, wenn sie nicht gerade eine befristete Anstellung an einer Bühne hierzulande haben.

Denn, so Schafmeister: "Sachsen-Anhalt ist kein goldenes Pflaster für Schauspieler." Das überrasche ihn aber auch nicht, sagt er mit Verweis auf die wenigen Profitheater im Land. Noch ernster sei die Lage für die, die ihr Geld mit Film, Fernsehen oder Synchronsprechertätigkeiten verdienen möchten – dann jedenfalls, wenn sie Sachsen-Anhalt nicht verlassen wollen. "Die Produzenten für Film und Fernsehen halten sich in den großen Metropolen Berlin, Köln, Hamburg oder München auf, vielleicht noch in Leipzig oder Frankfurt."

Und, wie Schafmeister nach einer kurzen Pause hinzufügt: "Nicht in Sachsen-Anhalt."

Bekommt Magdeburg eine "Akademie für Musik und Darstellende Kunst"?

Magdeburg könnte eine "Akademie für Musik und Darstellende Kunst" bekommen. Das sehen Pläne vor, über die der städtische Kulturbeigeordnete Matthias Puhle Anfang Mai informiert hat – und über die am 13. Juni der Stadtrat abstimmen soll. Eine Sprecherin der Stadt sagte MDR SACHSEN-ANHALT, dass die Akademie 2025 eröffnet werden soll. Laut Matthias Puhle sollen in der Akademie Musiker, Musiklehrkräfte, Tanzlehrer und Regisseure ausgebildet werden. Das Projekt ist Teil von Magdeburgs Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas.

Sollte der Stadtrat der Akademie Mitte Juni grundsätzlich zustimmen, wäre die erste Hürde genommen. Bis zur Eröffnung der Akademie wäre es aber noch ein langer Weg. Schon jetzt ist allerdings klar, dass junge Leute in Kooperation unter anderem mit den Puppentheatern in Sachsen-Anhalt, der Theaterballettschule oder dem Telemann-Zentrum in Magdeburg ausgebildet würden.

Über Heinrich Schafmeister Heinrich Schafmeister arbeitet seit 1984 als Schauspieler – am Theater und in Film und Fernsehen. Zuvor hatte er Schauspiel an der Folkwangschule in seiner Geburtsstadt Essen studiert. 1998 gewann Schafmeister den Bayerischen Filmpreis – für seine Interpretation der Rolle des Sängers Erich A. Collin im Kinofilm "Comedian Harmonists". Der heute 62-Jährige wirkte außerdem unter anderem in den Serien "Um Himmels Willen", "Soko Köln", "Alles Klara" oder in "Der Staatsanwalt – Null Toleranz" mit. Er stand für die Kinofilme "Abseitsfalle" (2012), "Kaiserschmarrn (2010) oder "Eines Tages" (2009) vor der Kamera.

Seit Gründung des Bundesverbands Schauspiel im Jahr 2006 ist er ehrenamtliches Vorstandsmitglied des Verbands. Aktuell probt er für das Musical "Funny Girls", das bei den Bad Hersfelder Festspielen aufgeführt wird. Schafmeisters spielt die Rolle des Produzenten Florenz Ziegfeld. Am 12. Juli ist Premiere.

Schafmeister lebt in Berlin und Köln.

Quelle: MDR/ld

Zuletzt aktualisiert: 08. Juni 2019, 19:12 Uhr

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3 Kommentare

10.06.2019 22:05 Baldur von Ascanien 3

seltsam seltsam.......................

09.06.2019 13:08 wwdd 2

Man sollte eben das anbieten, was der Markt will und einen letztendlich ernähren kann. Ansonsten muß man sich einen anderen Job suchen. Warum sollte es bei Künstlern anders sein?

09.06.2019 09:17 Sachse43 1

2000 Euro Brutto nennt er also verheerend, oder spricht er von anderen Darstellern?

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT Er beschreibt die gesamte Situation von "Freien" und zeitweise "Festen" und welche Auswirkungen das – auch auf die Rente – hat.

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