Corona-Lockdown für die Kultur "Schockstarre": Freie Theater in Sachsen-Anhalt arbeiten an offenem Brief

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Der Kulturszene steht der nächste Lockdown bevor: Theater müssen im November geschlossen bleiben, vielen freien Künstlerinnen und Künstlern brechen die Aufträge weg. Deren Interessenvertretung in Sachsen-Anhalt will trotz "Schockstarre" nun nach vorn sehen – und arbeitet an einem offenen Brief.

Rote Sitzreihen in einem Theater
Diese Plätze bleiben im November leer: Die Kulturbranche muss die nächste Zwangsschließung hinnehmen. Bildrechte: imago images / fStop Images

Maria Gebhardt muss noch einmal alles sortieren. Auf dem Rechner vor ihr flimmern die Regierungserklärung der Kanzlerin, die Statements der Ministerpräsidenten vom Vorabend. Nachrichten im Messenger warten darauf, beantwortet zu weden. Die Stimmung am Tag danach ist mies. Es ist der Tag, nachdem die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder neue drastische Einschränkungen verkündet haben, um die zweite Corona-Welle einzudämmen. Einer von vielen Beschlüssen: Sämtliche Freizeitveranstaltungen sind den ganzen November über tabu. Kinos müssen schließen, Opern ebenso. Und Theater. Der Vorhang, er wird im November geschlossen bleiben.

Das Verantwortungsbewusstsein der Branche hat nichts genützt

Maria Gebhardt muss jetzt viel organisieren. Gebhardt ist Geschäftsführerin des Landeszentrums freies Theater in Sachsen-Anhalt – und als solche die Interessenvertreterin der freien Theater und der freien Theatermacherinnen und -macher. 80 freie Theaterschaffende sind Mitglied des Vereins, ebenso viele freie Theaterpädoginnen und -pädagogen. Wer Maria Gebhardt jetzt, in dieser Situation, am Telefon nach ihrem Emotionen fragt, bekommt den Begriff "Schockstarre" zur Antwort. Und er hört die Enttäuschung heraus, die Gebhardt, für gewöhnlich eine quirlige und gut gelaunte Frau, jetzt umtreibt.

Wie viele andere Kulturschaffende betont auch sie, es gebe doch keinen Nachweis, dass die Ansteckungsgefahr bei einem Theaterbesuch besonders hoch sei. Wie viele andere sagt auch sie, es seien doch auch die Verantwortlichen der Kulturszene gewesen, die die Hygiene- und Abstandsregeln besonders verantwortungsbewusst umgesetzt hätten. Eine Ansteckung im Theater? Sei doch nicht bekannt. Genützt hat es nichts. Der "Teil-Lockdown", er kommt. Für die Kultur ist er ein "Lockdown total", sagt der Kulturrat.

Eine Frau sitzt telefonierend vor einem Rechner.
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Wir spüren das große Bedürfnis, den Theatermacherinnen und -machern etwas Produktives, etwas Unterstützendes anzubieten.

Maria Gebhardt Landeszentrum freies Theater Sachsen-Anhalt

Im Vorstand des Landesverbands haben sie noch am Mittwochabend besprochen, wie es jetzt weitergehen kann. Einen offenen Brief wollen sie schreiben, möglichst über Verbandsgrenzen hinweg. "Es wird eine konkrete Positionierung unsererseits geben", sagt Gebhardt. An den Inhalten wird in diesen Stunden gefeilt.

Maria Gebhardt kritisiert, die Bundesregierung habe erneut nicht klar formuliert, was die wirtschaftliche Soforthilfe bedeutet und wer sie bekommen kann. Das müsse jetzt zügig erklärt werden – vor allem, wenn doch, wie vom bayerischen Ministerpräsidenten gesagt, seit Wochen erwartbar gewesen sei, dass es zu solch einem Schritt kommen könnte. "Dann wäre es gut, jetzt auch ein konkretes Instrumentarium zu veröffentlichen", sagt Gebhardt. "Andererseits bekommt der Begriff Soforthilfe für mich inzwischen einen zynischen Beigeschmack." Inzwischen, wenige Stunde nach dem Gespräch mit Maria Gebhardt, hat Sachsen-Anhalts Kulturminister Rainer Robra (CDU) angekündigt, dass die Hilfen ausdrücklich auch für Solo-Selbstständige ausgezahlt werden.

Produktiv sein – im Sinne der Kulturbranche

Aggressiv werden, das wollen sie nicht, sagt Gebhardt. "Wir wollen produktive Vorschläge im Sinne der Akteurinnen und Akteure machen." Ihr Verband werde seiem Motto treu bleiben und nach vorn sehen. Produktiv und sachlich, trotz allem. Maria Gebhardt findet, das passe viel besser zur Kulturszene.

Dann beantwortet sie weiter Nachrichten und schaut Regierungserklärungen. Auf der Suche nach einer Lösung.

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Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 29. Oktober 2020 | 13:00 Uhr

6 Kommentare

Denkschnecke vor 4 Wochen

Erstens haben Sie mein Beispiel nicht verstanden. Auch mit einem gebrochenen Bein würde ich zu gern wieder joggen gehen, kann aber nun mal nicht. Diese gesundheitliche Beeinträchtigung ist auf die Bevölkerung zu übertragen. Ohne eine gewissen Einschränkung, die man nun ertragen muss (und als durschnittlicher Bürger auch ertragen kann, wenn man nur will), sind große Teiler der Bevölkerung ernsten Gefahren ausgesetzt (vgl. die Todeszahlen in Norditalien).
Zweitens: Was sollen denn die "echten" Zahlen sein? Unsere Fachärzte können sehr wohl mit Proben ziemlich leicht einen herkömmlichen (Corona-)virusinfekt (der natürlich auch eine Lungenentzündung verursachen kann) von einem SARS-CoV-2 Virus unterscheiden. Zensiert werden muss hier gar nichts, nur falschen Aussagen widersprochen.

ossi1231 vor 4 Wochen

Doch Frau Merkel kann, denn Sie sollte auf die echten Zahlen der Lungenentzündungen bestehen!
Das Problem mit Coronavirus und schweren Atemwegsinfektion ist nicht neu sondern schon seit 2015 und früher Thema.
So und nun darf der MDR Zensieren.

Denkschnecke vor 4 Wochen

Für die aktuelle Situation der Ansteckungszahlen kann Frau Merkel nun recht wenig, eher das Volk, das offenbar wieder Spaß haben wollte. Klar wollen die Leute auftreten. Aber viele sehen dabei auch, dass ein voller Theatersaal im Moment eben nicht zu realisieren ist. Diese Künstler würden sich einfach freuen, wenn sie wüssten, wovon sie gerade ihre Brötchen (oder ihr Klopapier) bezahlen sollen.
Das vermeintliche Recht auf Spaß ist gerade genau das Problem. Wenn ich mit einer schweren Atemwegsinfektion im Bett liege, möchte ich auch wieder Spaß haben dürfen, kann es aber eben aus naheliegenden Gründen nicht.

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