CDU-Krise Ex-Ministerpräsident Böhmer: Isolierung drängt AfD in Opferrolle

Der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer (CDU), hat vor einer Isolation der AfD gewarnt. Damit werde die AfD in eine Opferrolle gedrängt. Er rät zu einem anderen Umgang mit der Partei – und Aufklärung über Nationalsozialismus.

Wolfgang Böhmer
Der frühere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer, warnt davor, die AfD zu isolieren. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Der frühere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer, hat davor gewarnt, die AfD zu isolieren. Eine Isolation dränge die AfD in eine Opferrolle, so Böhmer. "Man darf nicht den Eindruck erwecken, die demokratischen Parteien seien beleidigt, weil sie nicht gewählt wurden", sagte der 84-Jährige CDU-Politiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Die CDU müsse sich inhaltlich mit der AfD auseinandersetzen, fordert Böhmer. Abgrenzung allein habe schon mit der Linken und ihrer Vorgängerpartei PDS nicht funktioniert. Die AfD sei von "einer erstaunlich großen Zahl von Wählern gewählt worden". Das müsse zur Kenntnis genommen werden – auch, wenn es einem nicht gefalle.

Man darf nicht den Eindruck erwecken, die demokratischen Parteien seien beleidigt, weil sie nicht gewählt wurden.

Wolfgang Böhmer, ehemaliger Ministerpräsident

Wählern erklären, wohin Nationalsozialismus geführt hat

Zugleich müsse den Wählern deutlich gemacht werden, dass Deutschland den Weg des Nationalsozialismus bereits einmal gegangen sei – mit ziemlicher Begeisterung, sagte Böhmer weiter. "Wir wissen, wozu das geführt hat und dass das nicht noch einmal passieren darf." Doch diese Einstellung entstehe beim Wähler nicht dadurch, dass die AfD im Parlament ausgegrenzt werde. "Das muss erklärt werden. Wenn wir die Partei isolieren, dann wird sie in eine Art Opferrolle hinein gedrängt", sagte Böhmer.

Der CDU-Politiker Wolfgang Böhmer war von 2002 bis 2011 Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt.

AfD-Annäherung: CDU-Landeschef Stahlknecht kritisiert eigene Parteifreunde

Parteichef und Innenminister Holger Stahlknecht gestikuliert vor einer Sondersitzung der CDU-Landtagsfraktion im Landtag in Magdeburg.
CDU-Landeschef Stahlknecht hat Zimmer kritisiert. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Am Sonntag hatte der CDU-Fraktionsvize in Sachsen-Anhalt, Lars-Jörn Zimmer, im ZDF-Magazin "Berlin direkt" eine CDU-Minderheitsregierung mithilfe der AfD nicht ausgeschlossen. Am Montag hat ihn CDU-Landeschef Holger Stahlknecht für diese Äußerung scharf kritisiert: Zimmer weiche damit von einem Beschluss der CDU ab. Stahlknecht sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Lars-Jörn Zimmer, jetzt ist Schluss." Zimmer gehört auch zu den Verfassern einer CDU-Denkschrift, die dafür geworben hat, das Soziale mit dem Nationalen zu versöhnen. Zimmer nannte seine Aussage zur AfD am Montag selbst einen Fehler.

Auf Bundesebene hat die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer am Montag ihren Rückzug angekündigt. Sie will auch nicht als Kanzlerkandidatin antreten.

Die CDU ist in eine Krise geraten, als bei der Ministerpräsidenten-Wahl in Thüringen der FDP-Kandidat Thomas Kemmerich von CDU, FDP und AfD gemeinsam ins Amt gewählt worden war. Bei der CDU gilt der Beschluss, nicht mit der AfD zu kooperieren. Kemmerich ist mittlerweile zurückgetreten.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 11. Februar 2020 | 08:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2020, 11:47 Uhr

17 Kommentare

Altmagdeburger vor 8 Wochen

Herr Böhmer genießen sie ihren Ruhestand und wenn sie schon was über ihre CDU sagen möchten, dann räumen sie in der Reihe ihrer Partei auf, wer die Werte der CDU vertritt und wer schon lange nicht mehr.

Der Matthias vor 8 Wochen

"Vogelschiss", "Denkmal der Schande", "wieder stolz sein auf die Leistungen unserer Soldaten im 1. u. 2. Weltkrieg", "dämliche Bewältigungspolitik" u. "erinnerungspolitische 180-Grad-Wende". AFD-Politiker verharmlosen den Anschlag auf die jüdische Synagoge in Halle/S. als bloße "Sachbeschädigung", AFD-MdBs teilen und liken in einer Facebook-Gruppe ("Die Patrioten") eine Fotomontage, die das Konterfei von Anne Frank auf einem Pizza-Karton montiert zeigt ("Die Ofenfrische"). Eine AFD-Besuchergruppe pöbelt im Sommer 2018 bei einem Besuch des ehem. KZ Sachsenhausen herum, Teilnehmer dieser Gruppe leugnen die Existenz von Gaskammern. Ein AfD-MdB (Stephan Protschka) finanziert gemeinsam mit Neonazis die Errichtung eines Gedenksteins für paramilitärische Freikorpskämpfer des 1. Weltkriegs, die später in der SS aufgegangen sind. Der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke ist AFD-Anhänger/Unterstützer! Undundund..
Das Märchen von der angeblich 'bürgerlichen' AFD können Sie Ihrer Oma erzählen!

Denkschnecke vor 8 Wochen

Dafür, dass wesentliche Akteure der Partei eben nicht grundsolide in der Mitte der Gesellschaft stehen, gibt es ja nun wirklich hinreichende und vielfach dokumentierte Belege. Allein die Kampfschrift des Herrn H. bietet reichlich Anlass, sich gemäß Herrn Böhmers Wunsch inhaltlich auseinander zusetzen. Dann man los!

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