Arbeitgeber droht während Corona-Pandemie "Wenn Sie ins Homeoffice gehen, brauchen Sie nie wieder kommen"

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Unternehmen müssen ihren Angestellten die Arbeit im Homeoffice ermöglichen – wenn betriebliche Belange nicht dagegen sprechen. Doch nicht wenige Arbeitnehmer fühlen sich ins Büro gedrängt – auch in Sachsen-Anhalt. Zwei von ihnen erzählen, warum – und wie sie damit umgehen, dass Corona in ihren Bürogebäuden offenbar nicht existiert.

Symbolbild Homeoffice
Manche Angestellte wollen während der Corona-Pandemie gerne ins Homeoffice – doch sie dürfen nicht. (Symbolbild). Bildrechte: MDR/pixaby/Max Schörm

Es war im Dezember 2020, mitten im zweiten Lockdown. Die Corona-Fallzahlen stiegen an, deutlich an. Der Wunsch danach, von zuhause zu arbeiten, wurde größer – und damit die eigene Gesundheit und die der anderen zu schützen.

"Also habe ich bei meiner Vorgesetzten nachgefragt", erzählt Sebastian*. Doch sie habe nur geantwortet: "Wenn Sie ins Homeoffice gehen, brauchen Sie nie wieder kommen."

Seit Ende Januar müssen Unternehmen ihren Angestellten die Arbeit im Homeoffice ermöglichen, wenn betriebliche Belange nicht dagegen sprechen. Geregelt ist das durch eine Verordnung des Bundesarbeitsministeriums.

Doch mehrere Umfragen deuten daraufhin: Derzeit arbeiten weitaus weniger Menschen im Homeoffice, als es möglich wäre. Nicht wenige Arbeitnehmer fühlen sich offensichtlich ins Büro gedrängt.

#MDRklärt So wird kontrolliert, ob Unternehmen Homeoffice anbieten

Überall da, wo es möglich ist, sollen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen ins Homeoffice gehen können – so die Corona-Verordnung des Bundesarbeitsministeriums. Wer sich nicht daran hält, dem drohen empfindliche Strafen.

So wird kontrolliert, ob Unternehmen Homeoffice anbieten
So wird kontrolliert, ob Unternehmen Homeoffice anbieten Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
So wird kontrolliert, ob Unternehmen Homeoffice anbieten
So wird kontrolliert, ob Unternehmen Homeoffice anbieten Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
Das Landesamt für Verbraucherschutz kontrolliert vor allem Betriebe in Branchen mit hohem Ansteckungs-Risiko.
Das Landesamt für Verbraucherschutz kontrolliert vor allem Betriebe in Branchen mit hohem Ansteckungs-Risiko. Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
Aber es geht auch Hinweisen nach. Diese werden aber zunächst auf Plausibilität geprüft.
Aber es geht auch Hinweisen nach. Diese werden aber zunächst auf Plausibilität geprüft. Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
Kontrolliert wird zunächst, wie der Arbeitsschutz an die Corona-Lage angepasst wurde. Wie er umgesetzt wird, wird dann vor Ort kontrolliert.
Kontrolliert wird zunächst, wie der Arbeitsschutz an die Corona-Lage angepasst wurde. Wie er umgesetzt wird, wird dann vor Ort kontrolliert. Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
Dafür sind 130 Kontrolleure im Einsatz.
Dafür sind 117 Kontrolleure im Einsatz. Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
Bei festgestellten Verstößen geben die Beamten vor Ort Hinweise und beraten zur Umsetzung der Arbeitsschutz- und Hygienemaßnahmen.
Bei festgestellten Verstößen geben die Beamten vor Ort Hinweise und beraten zur Umsetzung der Arbeitsschutz- und Hygienemaßnahmen. Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
Sollten sich Arbeitgeber nicht die Vorschriften und die notwendigen Maßnahmen umzusetzen, darf das Amt aber Maßnahmen anordnen. Verstöße gegen solche Anordnungen könnten mit einem Bußgeld von bis zu 30.000 Euro sanktioniert werden.
Sollten sich Arbeitgeber nicht die Vorschriften und die notwendigen Maßnahmen umzusetzen, darf das Amt aber Maßnahmen anordnen. Verstöße gegen solche Anordnungen könnten mit einem Bußgeld von bis zu 30.000 Euro sanktioniert werden. Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
Die häufigsten Verstöße: Arbeitgeber bieten Kein Homeoffice an und Arbeitgeber, die keine Masken anbieten.
Die häufigsten Verstöße: Arbeitgeber bieten kein Homeoffice an und Arbeitgeber, die keine Masken anbieten. Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 10. Februar 2021 | 19:00 Uhr

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"Corona existiert bei uns nicht"

Einer von ihnen ist Sebastian. Sebastian heißt gar nicht Sebastian. Seinen richtigen Namen will der junge Mann hier aber lieber nicht lesen. Er ist finanziell auf seinen Job bei einem Medienunternehmen in Sachsen-Anhalt angewiesen.

Deshalb hat er lange überlegt, ob er MDR SACHSEN-ANHALT ein Interview geben soll. Aber er will reden, wenn auch anonym. Seine Tonlage bewegt sich irgendwo zwischen Frustration und Ernüchterung. Denn: "Wie sich unser Unternehmen gegenüber den Arbeitnehmern verhält", sagt er am Telefon, "ist unter aller Sau."

Maskenpflicht? "Gibt es bei uns nicht – weder in den Büros, noch in den Gängen", erzählt Sebastian. Wer doch eine Maske trägt? "Wird nur belächelt. Ich habe das Gefühl: Bei uns, in unserem Bürogebäude existiert Corona nicht."

Konferenzen? "Finden nach wie vor in Präsenz mit vielen Menschen im Großraumbüro statt, obwohl sie ohne Probleme auch virtuell abgehalten werden könnten." Die Chefetage? "Fährt teilweise auf Corona-Demos nach Berlin und droht beim Wunsch nach Homeoffice offen mit Kündigung." Obwohl sich seine Arbeit am Computer ohne Probleme von zu Hause aus erledigen ließe.

Sebastian sagt: Wer sich und andere vor dem Coronavirus schützen will, wird dort nicht ernstgenommen. Sobald er einen anderen Job findet, will er das Unternehmen verlassen.

"Maske nur aufsetzen, wenn das Gesundheitsamt kommt"

Nicht immer sind es die Vorgesetzten, die auf eine Präsenz bestehen. Mancherorts setzen sich die Mitarbeitenden gegenseitig unter Druck. Johanna* darf seit Kurzem im Homeoffice arbeiten. Und die Bürokauffrau sagt: "Für mich ist das der größte Luxus. Ich bin geschützt und muss mich nicht über Kollegen ärgern, die die Maßnahmen ignorieren!"

Aus Angst vor Ächtung will auch Johanna ihren richtigen Namen verbergen. Denn die Erfahrungen des vergangenen Jahres hätten ihr gezeigt, dass "Corona bei uns im Betrieb keine große Rolle spielt", wie sie erzählt. "Ich war die Einzige, die im Büro auf den Abstand geachtet und überhaupt eine Maske getragen hat."

Zwar seien Stoffmasken für alle Mitarbeitenden vor einigen Wochen verteilt worden. Bei der Ausgabe im Büro habe es von einem Vorgesetzten jedoch geheißen: "Ihr könnt die Masken in eure Tasche stecken und sie einfach schnell aufsetzen, wenn das Gesundheitsamt zur Kontrolle kommt."

Tobias Kremkau, Coworking-Experte 11 min
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Mi 10.02.2021 17:08Uhr 11:21 min

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/landespolitik/video-490880.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Von ihren Kollegen und Kolleginnen wurde Johanna als übervorsichtig abgestempelt. Obwohl sie eine Lungenvorerkrankung hat – und das im Kollegium auch bekannt war. Im vergangenen Jahr galt für sie trotz der Corona-Pandemie ständige Anwesenheitspflicht im Büro – obwohl sich ihre Arbeit mit einem Computer und einem Telefon ohne Probleme von zuhause erledigen ließe.

Ihre Angst, sich anzustecken, wurde größer und größer. Genau wie die psychische Belastung. "Ich musste ins Homeoffice", sagt sie im Blick zurück. "Es ging nicht anders." Ihr Arbeitgeber zeigte schließlich doch Verständnis – allerdings erst, als Johanna ankündigte, dass Unternehmen anderenfalls verlassen zu müssen.

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Angst vor der Kündigung

In Sachsen-Anhalt arbeiten aktuell weniger Menschen im Homeoffice als beim ersten Lockdown. Das geht aus Recherchen von MDR SACHSEN-ANHALT hervor. Zu einem ähnlichen Befund kam auch die Hans-Böckler-Stiftung. Sie geht davon aus, dass lediglich 14 Prozent der Menschen in Deutschland im Homeoffice arbeiten. Im Frühjahr seien es doppelt so viele gewesen. Offiziell werden die Zahlen von Heimarbeit allerdings nicht erfasst, da die Entscheidung bei den Unternehmen liegt.

Trotzdem ist sich Sebastian sicher: "Es gibt viele Unternehmen, die das mit dem Homeoffice weitaus besser machen als wir." Seine Schilderungen seien keineswegs repräsentativ – auch wenn ihm Freunde von ansatzweise ähnlichen Verhältnissen bei anderen Firmen berichtet hätten. "Was bei uns abgeht", sagt er, "ist wirklich unfassbar."

Was er unternehmen könnte? Sich bei der Gewerkschaft oder dem Landesamt für Verbraucherschutz beschweren. Doch: "Ich weiß nicht", sagt er mit reichlich Unsicherheit in der Stimme, "ob es gut wäre, da schlafende Hunde zu wecken." Er hat Angst um seinen Job. Denn wenn er ins Homeoffice geht, braucht er ja gar nicht erst wieder kommen.

*Name von der Redaktion geändert. Der echte Name ist der Redaktion bekannt.

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt. Bei MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet er seitdem als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur arbeitet, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

MDR, Daniel George

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 10. Februar 2021 | 19:00 Uhr

19 Kommentare

tim regenbogen vor 2 Wochen

Das muss man sich mal vorstellen. Da geht der Mittelstand malochen, egal wie das Wetter is, für die is Corona dann natürlich nicht so schlimm, die Krankenschwestern und Altenpflegerin wissen nicht wo denen der Kopf steht, geschweige dem Risiko dem sie ausgesetzt sind, viele Händler krachen in den Ruin, während eine Person aus dem öffentlichen Dienst sich beschwert , weil sie die Heizkosten des AG verbraucht, damit sie es warm hat im Büro. Und dann möchte man es noch bequemer haben und am liebsten zuhause bleiben.und man neidvoll zum Nachbarn rüberschaut, weil der im Homeoffice arbeitet , weil er aus der Fahrzeugindustrie kommt. Fahrzeugindustrie is ein dehnbarer Bereich, oder glauben sie das er in seiner Wohnstube, Autos zusammenbauen tut? Das der größte Anteil an Corona Toten überwiegend ältere Leute sind, daran sind nicht die Froinde der Leerdenkerbewegung schuld! Daran is die Bundesregierung schuld unter Führung der Bundeskanzlerin.

Denkschnecke vor 2 Wochen

Solche Theorien klingen ja gut und scheinen attraktiv zu sein. Ich verstehe nur immer noch nit, welche Interessen die politischen Eliten haben sollten, die Verschuldung des Staatshaushalts hochzutreiben, nachdem für Jahrzehnte das Dogma der größten Regierungspartei war, diese so gering wie möglich zu halten.

Mcharly vor 2 Wochen

Bei uns ist es das selbe. Ich fahre aktuell ins Büro setzt mich hin und telefoniere Kunden an bzw warte auf Anrufe. Immer im Wechsel mit anderen Kollegen. Auf meine Frage beim ersten Lockdown warum ich das den nicht Zuhause machen könnte, hieß es erst, Datenschutz bla Keks... Nur benutze ich einen Laptop und auf ein Mobilfunk Gerät der Firma.. Wäre also kein Problem. Jetzt beim 2. Lockdown druckste ein Vorgesetzter rum... Ja Chef will das nicht. Wieso weshalb warum wüsste er auch nicht. Und den Mund auf machen traut sich keiner weil jeder Angst um seinen Arbeitsplatz hat.

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