Verhaltenspsychologe im Interview Corona und die Psyche: "Gerade jetzt wäre es nötig, andere anzulächeln"

Daniel George
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Für viele ist die Corona-Pandemie auch eine psychische Krise – besonders im Lockdown. Verhaltenspsychologe Florian Kaiser aus Magdeburg erklärt, warum ein positiver Umgang miteinander immer wichtiger wird.

Lachen in Corona-Krise
Ein einfaches Lächeln kann gerade unheimlich wertvoll sein, sagt Verhaltenspsychologe Florian Kaiser. Bildrechte: MDR/Max Schörm

Sachsen-Anhalt steckt mitten im Lockdown – und über eine Verlängerung wird angesichts anhaltend hoher Infektionszahlen bereits diskutiert. Abstandsregeln, Kontaktbeschränkungen, Homeoffice oder Homeschooling – für viele Menschen ist die aktuelle Situation aus unterschiedlichen Gründen belastend. Fest steht inzwischen: Corona beeinflusst auch unsere Psyche.

Deshalb sagt der Sozialpsychologe Florian Kaiser jetzt: "Uns ist gar nicht bewusst, was es bedeutet, wenn alle leiden, dass wir uns gemeinsam in eine noch negativere Stimmungslage katapultieren. Das passiert gerade: Jeder kämpft mit seinen Ängsten und Problemen und wir ziehen uns alle noch ein Stück weiter nach unten, weil wir alle gemeinsam schlecht drauf sind. Wir beachten das zu wenig."

Sein Ratschlag lautet deshalb: "Wenn wir im Supermarkt sind, wird der andere nur noch argwöhnisch betrachtet als Quelle der Bedrohung. Dabei wäre es gerade jetzt im zweiten Lockdown, umso länger die Pandemie dauert, nötig, einen Witz oder positive Bemerkung zu machen, andere mal wieder anzulächeln – auch, wenn es nur unter der Maske ist." Denn sonst seien die negativen Folgen der Pandemie länger und stärker spürbar.

"Wir halten das noch relativ lange aus"

Kaiser ist Verhaltenspsychologe an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg. Er rät den Menschen für die Lockdown-Zeit: "Man sollte sich nicht auf das fokussieren, was gerade nicht erlaubt ist oder was man nicht kann, sondern auf das, was man noch kann und erlaubt ist. Ablenken ist eine andere Möglichkeit."

Das Schwierige seien in den vergangenen Monaten unter anderem auch die immer wechselnden Maßnahmen gewesen. Klare Maßnahmen "würden unser Leben einfacher machen", sagt Kaiser, denn: "Sich jeden Tag neu einzustellen, die täglichen Abläufe neu zu organisieren, ist wirklich ein Problem für die Menschen. Die meisten von uns sind Gewohnheitstiere. Wir stellen uns langfristig auf Routinen ein und schaffen uns so Freiräume. Jetzt können viele keine Routinen mehr durchhalten. Das ist anstrengend. Man muss immer wieder neu planen, sich neu absprechen - und das sorgt für Konflikte."

Corona Telefon Seelsorge 21 min
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Mi 13.01.2021 15:00Uhr 21:15 min

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Eine Lehre der bisherigen Corona-Zeit? "Was uns allen in der Zwischenzeit klar geworden sein sollte, ist, dass wir soziale Wesen sind. Wie wichtig es ist, Austausch zu haben, sei es in der Schule oder auf der Arbeit", sagt Florian Kaiser. Dort sind wir vor der Pandemie jeden Tag anderen Leuten begegnet und konnten, ohne groß zu überlegen, mit ihnen interagieren. Die Pflege von Sozialkontakten wird erwartbar, zumindest kurzfristig, eine höhere Wertschätzung bekommen."

Und wie lange halten die Menschen den Lockdown psychisch noch aus? "Menschen leben am Nordpol und am Südpol und in allen möglichen Lebensumständen. Wir sperren Menschen in Gefängnisse. Wenn das völlig unzumutbar wäre, sollten wir diese Praktiken überdenken", liefert Kaiser einen Vergleich. "Aber wenn es eine menschliche Eigenschaft gibt, die man nicht genug schätzen kann und nicht unterschätzen sollte, ist es die Anpassungsfähigkeit. Wir halten das noch relativ lange aus. Natürlich vorausgesetzt, wir können uns unser Leben weiterhin leisten und geraten nicht in existenzbedohende Notlagen."

Sicher sei, dass "die Corona-Pandemie etwas ist, das uns über einen langen Zeitpunkt alle beschäftigt: unsere Gespräche, unsere Tagesabläufe. Da werden wir nachträglich feststellen, dass das Spuren hinterlässt."

Portraitforo eines älteren Mannes mit Brille
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Es wäre gerade jetzt im zweiten Lockdown, umso länger die Pandemie dauert, nötig, einen Witz oder positive Bemerkung zu machen, andere mal wieder anzulächeln – auch, wenn es nur unter der Maske ist.

Florian Kaiser, Sozialpsychologe von der Uni Magdeburg

Zur Person

Florian Kaiser ist seit Anfang November 2008 Professor für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg.

Zu seinen Forschungsgebieten gehören individuelle Einstellung, Einstellungs-Verhaltenskonsistenz, Person-Situationsinteraktion, evidenzbasierte Politikunterstützung, großskalige Einstellungsänderung und Verhaltenssteuerung.

Thematisch interessiert ist er an Umweltschutz, Umweltbildung für nachhaltige Entwicklung, Stress und Gesundheit.

Kaiser promovierte 1992 an der Universität Bern und wurde 1999 an der Universität Zürich habilitiert.

Studie zu psychischer Gesundheit während Corona-Pandemie

Welche seelischen Spuren die Pandemie hinterlässt, untersucht die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums aktuell in einer Online-Umfrage. "Die Corona-Pandemie ist für viele auch eine psychische Krise", sagt Sarah Wolter, die an der Studie beteiligt ist. "Wir wollen verstehen, warum manche Menschen besonders stark reagieren. Oder auch, was einen Menschen davor schützt, in der Corona-Krise psychisch zu erkranken."

Die Forscher erhoffen sich Erkenntisse "zum Beispiel, was die häusliche Gewalt angeht", sagt Wolter. "Das sind bislang im negativen Sinne beeindruckende Zahlen. 25 Prozent der nicht alleinlebenden weiblichen Teilnehmer und 28 Prozent der nicht alleinlebenden männlichen Teilnehmer unserer Studie sind von Anfang Mai bis Anfang Juni letzten Jahres Opfer von häuslicher Gewalt geworden." Hauptsächlich handele es sich dabei um seelische Gewalt.

Wolter erklärt weiter: "Es ist zu vermuten, dass die Depressivität bei Menschen mit der individuellen Betroffenheit von den Maßnahmen zusammenhängt. Je stärker man betroffen ist, umso gestresster und anfälliger für Depressionen ist man möglichweise." Erste Ergebnisse der Studie werden demnächst erwartet.

Daniel George
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Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt. Bei MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet er seitdem als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur arbeitet, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 15. Januar 2021 | 19:00 Uhr

3 Kommentare

wenz jeisflog vor 5 Wochen

Was vom Leben übrig bleibt, ist arbeiten und schlafen. Freizeitaktivitäten finden nicht mehr statt und Menschen vereinsamen. Da hilft es auch nicht mir selbst einen Witz zu erzählen oder ein noch so nettes Telefonat mit den Verwandten zu führen. Denen geht es genauso. Die einzigen die sich freuen können sind die Hersteller von Antidepressiva, Alkohol und anderen Betäubungsmitteln...

MDR-Team vor 5 Wochen

Sie könnten ja beispielsweise ihre Freunde und Familie anrufen und sich so eine schöne Zeit zusammen machen für einige Minuten oder Stunden. Natürlich ersetzt das keinen persönlichen Kontakt, aber es kann trotzdem die Gemütslage heben.

SusiB. vor 5 Wochen

Ist ja alles gut und schön einen Witz erzählen und anlächeln. Wenn keiner da ist , der Kühlschrank freut sich bestimmt. Meine ganze Familie ist weit verstreut und darf nicht herkommen und ich nicht hinfahren.

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