Erlass des Bildungsministeriums "Unverantwortlich": Kritik an Vorabi-Klausuren mitten in der Corona-Krise

Luca Deutschländer
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Obwohl die Schulen geschlossen und die Abitur-Prüfungen verschoben sind, sollen Zwölftklässler in Sachsen-Anhalt noch diese Woche Klausuren unter Abiturbedingungen schreiben. Es sind die letzten, ehe das Abitur ansteht. Daran gibt es Kritik. Eine Lehrerin erzählt, warum sie die Entscheidung für unverantwortlich hält.

Abitur
Abiturienten einbestellt: In Sachsen-Anhalt sollen Zwölftklässler in dieser Woche sogenannte Vorabi-Klausuren geschrieben werden. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox

Meike Schiller* ist sauer. Die 32-Jährige ist Lehrerin an einem Gymnasium in Sachsen-Anhalt. Dass Zwölftklässler in dieser Woche Klausuren unter Abitur-Bedingungen schreiben, hält die Pädagogin angesichts der Corona-Krise für falsch. "Ich finde es unverantwortlich", sagt sie gar. Dass es so kommt und Schüler geprüft werden, ist aber ausgemacht. Protest hin oder her.

Das Bildungsministerium bestätigte MDR SACHSEN-ANHALT bereits Sonntagabend, dass noch nicht geschriebene Vorabi-Klausuren in dieser Woche nachgeholt werden können. Ziel sei, Vorprüfungen oder besondere Lernleistungen unter Prüfungsbedingungen abzufordern. Nach Informationen von MDR SACHSEN-ANHALT werden aber nicht an allen Schulen auch wirklich Klausuren geschrieben, mancherorts müssen Schüler auch eine alternative Leistung erbringen, zum Beispiel eine Hausarbeit. Darüber hinaus wurden einige Klausuren unter Abiturbedingungen bereits vor der Corona-Krise geschrieben.

An der Schule, an der Meike Schiller arbeitet, ging es mitten in der Krise am frühen Montagmorgen los. Eine Nachschreibe-Klausur stand an. Möglichst mit ausreichendem Abstand, aber ohne desinfizierte Tische, Stühle oder Türkliniken. Ohne die Entscheidung des Bildungsministeriums hätte es diese Klausur nicht gegeben, sagt Schiller.

Ständig jede Türklinke reinigen? "Nicht machbar."

Vergangenen Freitag habe sie davon erfahren, dass die Klausuren geschrieben werden sollen. Dass das Ministerium sich für diesen Zeitpunkt entschieden hat, versteht die Lehrerin nicht. "Wir haben keine Desinfektionsmittel, wir haben keine Schutzmasken", sagt sie am Telefon. Und überhaupt: Streng genommen müsse ja nach dem Toilettengang die Toilette gereinigt und desinfiziert werden, außerdem jede Türklinke. Nicht machbar, meint die Pädagogin.

Termine für Abiturprüfungen stehen fest

In Sachsen-Anhalt können rund 5.700 Abiturienten wegen der Corona-Krise in diesem Jahr zwischen zwei verschiedenen Prüfungsdurchgängen wählen. Das haben laut Bildungsministerium am Montag die zuständigen Behörden entschieden. Inzwischen gibt es auch feste Zeitpläne.

Der erste Prüfungsdurchgang beginnt am 4. Mai und damit eine Woche später als ursprünglich vorgesehen. Folgende Prüfungstermine sind geplant:

  • 4. Mai: Schriftliche Prüfung im Fach Physik
  • 5. Mai: Schriftliche Prüfung im Fach Mathematik
  • 6. Mai: Schriftliche Prüfung im Fach Chemie
  • 7. Mai: Schriftliche Prüfung im Fach Biologie
  • 8. Mai: Schriftliche Prüfung im Fach Englisch
  • 11. Mai: Schriftliche Prüfung in Fächern ohne zentrale Prüfungen
  • 12. Mai: Schriftliche Prüfung im Fach Deutsch
  • 13. Mai: Schriftliche Prüfung im Fach Französisch
  • 14. Mai: Schriftliche Prüfung im Fach Geschichte
  • 15. Mai: Schriftliche Prüfung im Fach Russisch


Der zweite Prüfungsdurchgang startet dann am 2. Juni. Dafür sind folgende Termine festgelegt worden:

  • 2. Juni: Schriftliche Prüfung in Fächern ohne zentrale Prüfungen
  • 3. Juni: Schriftliche Prüfung im Fach Deutsch
  • 4. Juni: Schriftliche Prüfung im Fach Französisch
  • 5. Juni: Schriftliche Prüfung im Fach Englisch
  • 8. Juni: Schriftliche Prüfung im Fach Mathematik
  • 9. Juni: Schriftliche Prüfung im Fach Physik
  • 10. Juni: Schriftliche Prüfung im Fach Biologie
  • 12. Juni: Schriftliche Prüfung im Fach Chemie
  • 15. Juni: Schriftliche Prüfung im Fach Geschichte
  • 16. Juni: Schriftliche Prüfung im Fach Russisch

Die Lesart des Bildungsministeriums ist ein wenig anders: Am Montagnachmittag heißt es aus der Behörde lediglich, die Klausuren seien "gestattet". Demnach geht es um jene Klausuren, die "erforderlich sind, um zur Prüfung zur Erlangung des Abiturs zugelassen zu werden". Das Ministerium stellt darüber hinaus klar, dass dabei natürlich die gängigen Regeln eingehalten werden müssen, um eine weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen. Sprich: Wer erkennbare Symptome des Coronavirus zeigt, darf nicht mitschreiben. Jeder wird gefragt, ob er in den vergangenen zwei Wochen im Ausland war – oder Kontakt zu infizierten Personen hatte. Und: Zwischen den Schülerinnen und Schülern muss ein Abstand von 1,5 Metern gewährleistet sein, außerdem sollen Grüppchen-Bildungen vermieden werden, am besten auch auf dem Schulhof.

Meike Schiller hält vieles von dem für nicht realistisch. "Wenn mehr als 80 Schüler Klausuren schreiben, kann man nicht gewährleisten, dass dieser Abstand eingehalten wird", sagt sie. Man könne die Schüler zwar belehren, räumt die 32-Jährige ein. Aber: "Es sind trotzdem Schüler und Kinder. Da müssen wir uns nichts vormachen."

An ihrer Schule werden diesen Mittwoch die Mathe-Klausuren geschrieben, erzählt die Lehrerin. Ein wesentlicher Teil der gut 80 Schüler des Jahrgangs wird dann unter anderem in der Aula sitzen und Aufgaben lösen. Und selbst, wenn einige Schülerinnen und Schüler in anderen Räumen untergebracht werden: Meike Schiller findet nicht gut, so viele Menschen in einem Raum zu versammeln. Das hätte lieber auf die Zeit verschoben werden sollen, wenn Ausgangsbeschränkungen gelockert werden und der Schulbetrieb wieder normal läuft, findet sie.

Verordnung des Landes lässt Ausnahmen zu

Verboten ist die Ansammlung von Schülern allerdings nicht grundsätzlich. Ein Blick in die Verordnung des Landes zur Eindämmung des Virus zeigt: Versammlungen mit mehr als zwei Menschen sind aktuell zwar verboten. Es gibt allerdings Ausnahmen, auf die sich offenbar auch das Bildungsministerium beruft. In Paragraph 1, dritter Absatz, steht, dass "unvermeidbare Zusammenkünfte und Ansammlungen" – etwa aus prüfungsrelevanten Gründen – von dem Verbot ausgenommen sind. Man habe dieses Vorgehen auch mit dem Landes-Gesundheitsministerium abgestimmt, betont das Bildungsministerium.

Nur: Sind die Prüfungen wirklich so wichtig, dass man sie als "unvermeidbar" bezeichnen kann? Lehrerin Meike Schiller findet: Nein. Es wäre vermeidbar, meint sie. "Aber Herr Tullner sieht das vermutlich anders", sagt Schiller und lacht. Als "unvermeidbar" bezeichnet der Bildungsminister die Prüfungen am Montagnachmittag im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT zwar nicht. Tullner sagt jedoch, dass der Abitur-Jahrgang 2020 die Chance haben soll, ein Abi von gleichem Wert und gleicher Qualität wie alle anderen Jahrgänge abzulegen. "Das sogenannte Vorabi ist eine Leistungserbringung, die die Vornote für das Abitur überhaupt möglich macht", erklärt der Bildungsminister.

So gehen andere Bundesländer mit der Situation um

In vielen Bundesländern – darunter auch Sachsen-Anhalt – sind die schriftlichen Abiturprüfungen wegen der Corona-Krise verschoben worden. In anderen Ländern dagegen wird dieser Tage regulär Abitur geschrieben – in Hessen beispielsweise. Lokale Medien berichten dort von desinfizierten Tischen und einem großen Abstand zum Vordermann, den alle Schülerinnen und Schüler während und auch im Vorfeld der Prüfung einhalten müssen.

Es gibt aber auch andere Beispiele: Das Nachrichtenmagazin "Spiegel" berichtete am Wochenende, dass Schüler – ebenfalls in Hessen – sich im Vorfeld ihrer Prüfungen umarmten und viel Glück wünschten. Von ausreichendem Abstand sei keine Spur gewesen, kritisierte eine Lehrerin.

Eine Absage der Abitur-Prüfungen, wie sie Schleswig-Holstein zwischenzeitlich ins Gespräch gebracht hatte, ist inzwischen vom Tisch. Die Prüfungen sollen bundesweit geschrieben werden – nur eben zu einem späteren Zeitpunkt.

Zu den Bedenken mancher Menschen wie Meike Schiller sagt Tullner, auch er nehme wahr, dass viele Menschen verunsichert seien. Das Handeln einer Verwaltung habe sich aber an Vorgaben der Gesundheitsbehörden zu orientieren. "Ich bin kein Mediziner oder Virologe", betont Tullner. "Wir setzen die Vorgaben um, die das Gesundheitsministerium uns auf den Weg gegeben hat." Alle Kriterien seien klar benannt, sagt Tullner dann noch.

Meike Schiller wird zu den Klausuren in den kommenden Tagen natürlich in der Schule sein – obwohl sie Bedenken hat. "Glücklich über die Entscheidung ist hier aber keiner", sagt sie stellvertretend für ihr Kollegium und die Leitung ihrer Schule. "Wir wissen nicht so richtig, wie wir mit der Situation umgehen sollen."

*Name von der Redaktion geändert.

Sekundarschüler werden im Mai geprüft Die Abschlussprüfungen an den Sekundarschulen in Sachsen-Anhalt sollen laut Bildungsminister Tullner ebenfalls verschoben werden – und zwar auf "Anfang, Mitte Mai". Dabei würden dieselben Maßstäbe in Sachen Sicherheit und Hygiene gelten wie auch beim sogenannten Vorabi.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 30. März 2020 | 12:00 Uhr

8 Kommentare

Sarah Freier vor 8 Wochen

Ich kann Frau Schillers Bedenken sehr gut nachvollziehen. Hat sich das Bildungsministerium, Gesundheitsamt und die Schule Gedanken darüber gemacht, dass ca. 70 Haushalte + Angehörige + möglicherweise Kollegen in Quarantäne gehen müssen wenn bei nur einem der Schüler eine Infektion im Nachgang festgestellt wird? In der aktuellen Situation, in der die Infektionszahlen in die Höhe gehen, ist eine solche Situation nicht unwahrscheinlich.
In meinen Augen ist es absolut unrealistisch, dass 80 Schüler bei gemeinsamer Ankunft in der Schule den vorgegebenen Sicherheitsabstand einhalten.
Abiturtermine werden verschoben, aber Vorklausuren die sicher auch über eine Ersatzleistung zu erbringen wären, werden genehmigt. Wie passt das zu der aktuellen Situation?

Bruno.B vor 8 Wochen

un das sind auf dem Weg zu Schule ja jede Menge kinder erfohren, na ja konnten halt nichts werden bis auf die paar die überlebt haben. Bitte, kommen Sie doch nicht mit so einem Unsinn. Wir reden hier von der heutigen Zeit, von den heutigen Gefahren und nicht was vor 75 Jahren war. Hat denn jemand mal über den Tellerrand des MInisteriums geschaut hat? Hat jemand mal die Anforderung der 2. Verordnung über Eindämmungsmaßnahmen in diesem Ministerium durchgelesen und den Schulen ein Hand out gegeben, wie man es am besten anstellt? Am Freitag wird dieser Quatsch beschlossen, am Freitag bekommen die Schüller die Termin, am Montag geht es los. Hier hat auch niemand die Noten des Vorabiturs gefordert.

Hans Frieder leistner vor 8 Wochen

Sabeth66. Sie haben es genau getroffen. Wenn ich an meine Schulzeit in den Jahren nachdem 2.WK denke - Gott sei Dank ist es heute nicht mehr so - muß ich immer schmunzeln. Da lag im Winter bei einer "Saukälte" ein halber Meter Schnee auf der Straße und es gab keinen Schulbus. Unterricht war von Montag 7 Uhr - 1.Stunde Latein - bis Sonnabend 13 Uhr. Da hieß es, wenn du was werden willst mußt du da durch. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Schulamt die Schüler absichtlich in Gefahr bringt. Oder setzt sich die Forderung der Hamburger Schülervertretung von heute durch, die Vorabiturklausuren als ABIturzeugnis zu werten. Da werden dann die vorherigen Jahrgänge, die in NC Fächern ein paar Jahre auf einen Studienplatz warten müssen bestraft.

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