Menschen ziehen durch Köthen, erleuchtet durch Pyrotechnik
Etwa 2.500 Menschen demonstrierten am Sonntag nach dem Tod eines 22-Jährigen, darunter auch Rechtsextreme. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Matthias Strauß

Proteste in Köthen Das gespaltene Ostdeutschland

Rechte Extremisten ziehen im Osten in Orten wie Chemnitz und Köthen durch die Straßen, rufen nach nationalem Sozialismus, zeigen den Hitlergruß und drohen Politikern und Journalisten. Und Tausende Normalbürger reihen sich bei ihnen ein. Viele fühlen sich von den herrschenden Eliten nicht mehr verstanden und werden von diesen nicht mehr erreicht. Wie kann das sein? Ein Erklärungsversuch.

von Falko Wittig, MDR SACHSEN-ANHALT

Menschen ziehen durch Köthen, erleuchtet durch Pyrotechnik
Etwa 2.500 Menschen demonstrierten am Sonntag nach dem Tod eines 22-Jährigen, darunter auch Rechtsextreme. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Matthias Strauß

These 1: Vertreter von Religionsgemeinschaften haben in Ostdeutschland weniger Einfluss und stoßen auf größere Ablehnung.

In Ostdeutschland sind rund 80 Prozent der Menschen kein Mitglied einer Kirche. Die Zahl der Konfessionslosen hat sich nach dem Ende der DDR noch erhöht. Über die einzige freigewählte Volkskammer der DDR 1990 hieß es: "zwei Drittel der Abgeordneten bekennen sich zur evangelischen oder katholischen Kirche, obwohl sieben von zehn Menschen in der DDR ohne Kirchenbindung sind."

Dagegen ist in Westdeutschland die Mehrheit der Bevölkerung bis heute konfessionell gebunden. In einem überwiegend nichtreligiösen Umfeld wie in Sachsen-Anhalt ist der Einfluss der Kirchen auf die Meinungsbildung der Bevölkerung also begrenzt. Teilweise befindet sie sich im offenen Widerspruch zur Mehrheitsmeinung. Klar ist: Die Kirchen leisten einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Doch sie erreichen mit Friedensgebeten wie jetzt in Köthen nur einen Bruchteil der Bevölkerung. Denn viele nichtreligiöse Bürger können damit nichts anfangen.

Dass der Islam im säkularisierten Osten auf besonders viel Ablehnung stößt, insbesondere, wenn er sich mit einem fundamentalistischen Glaubensverständnis präsentiert, ist angesichts der fortgeschrittenen Säkularisierung kaum verwunderlich. Erschwerend kommt hinzu, dass die durchaus vorhandenen liberalen Muslime mit klarem Bekenntnis zu Deutschland und der Trennung von Staat und Religion in diesem Land keine Lobby haben. Stattdessen bestimmen konservativ-fundamentalistische Organisationen wie der Zentralrat der Muslime oder das Erdogan-Sprachrohr DITIB – der Dachverband der türkisch-islamischen Moscheegemeinden in Deutschland – die Agenda und untergraben die Trennung von Staat und Religion.   

These 2: Die von Westdeutschen dominierten Eliten leben in einer anderen Welt als viele Ostdeutsche.

In Ostdeutschland stammen die Eliten der Gesellschaft bis heute vorwiegend aus dem Westen. In Sachsen-Anhalt trifft das auf die Mehrheit der Minister und Staatssekretäre zu. An dieser Tendenz ändert auch ein ostdeutscher Ministerpräsident nichts.

Eine Analyse der Sozialwissenschaftler Ronald Gebauer, Axel Salheiser und Lars Vogel über ostdeutsche Eliten kam im vergangenen Jahr zu dem Schluss, dass sich in den neuen Ländern die aus dem Westen stammende Eliten immer wieder selbst reproduzieren. Gerade in den Schaltstellen von Verwaltung, Justiz und Wirtschaft seien Ostdeutsche bis heute deutlich unterrepräsentiert.

Viele Menschen in Ostdeutschland fühlen sich mit ihren Biographien von Meinungsführern und Entscheidungsträgern aus dem Westen nicht verstanden und bevormundet. Dazu kommt noch, dass zu den Eliten meist Akademiker gehören und sie oft der Oberschicht und der gehobenen Mittelschicht zuzuordnen sind. In einem Bundesland wie Sachsen-Anhalt, wo besonders viele Menschen in einfachen Verhältnissen leben, verstärkt das die Entfremdung der Lebenswelten.  

Der Soziologe Michael Hartmann sagte kürzlich in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung": "Je reicher Personen in den Eliten aufgewachsen sind, umso unproblematischer sind für sie gesellschaftliche Ungerechtigkeiten. (…) Das Problem liegt darin, dass sie aufgrund ihrer Herkunft die gesellschaftliche Wirklichkeit anders wahrnehmen – und diese Wahrnehmung für die einzig sinnvolle halten."

These 3: Die klassischen Medien haben ihren Einfluss auf Teile der ostdeutschen Bevölkerung verloren. 

Auch bei der Mediennutzung spaltet sich die Gesellschaft immer weiter. Die klassischen Medien verlieren an Lesern, Zuschauern und Hörern. Die Auflagen der wichtigsten Regionalzeitungen Sachsen-Anhalts haben sich innerhalb von zwei Jahrzehnten ungefähr halbiert. Noch größer ist der Leserverlust bei der größten Boulevardzeitung Deutschlands. Die Zeiten, in denen sich die Zuschauer nur zwischen einer Handvoll Fernsehprogramme entscheiden konnten und abends millionenfach die gleiche Sendung verfolgten, sind vorbei. Die Medienlandschaft zeigt sich in Zeiten fortschreitender Digitalisierung und Globalisierung genauso fragmentiert wie die bundesdeutsche Gesellschaft.

Nur zum Teil können klassische Medien ihre Klientel heute alternativ im Internet binden oder erweitern. Stattdessen haben Online-Medien mit teils fragwürdigem Hintergrund und Verständnis von Journalismus regen Zulauf. Wer sich nur dort informiert, dürfte ein anderes Weltbild bekommen als Zuschauer der Tagesschau oder des Regionalportals von MDR SACHSEN-ANHALT. Die PR-Berater von Politikern und Meinungsführer haben die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung mittlerweile meist erkennt: Sie folgen dem Trend zum Online-Medienkonsum und verbreiten ihre Botschaften an ihre Zielgruppen mit Vorliebe direkt. Beispielsweise via Facebook, Twitter oder Instagram. Man will sich nicht darauf verlassen, dass die eigene Botschaft am nächsten Tag in der Zeitung steht oder im Radio läuft.

These 4: Bürger erfahren vor allem von Problem-Migranten, weil die positiven Beispiele für Integration keine Schlagzeilen bringen.

Klassische Medien müssen sich im verschärften Wettbewerb um Aufmerksamkeit mit guten Geschichten behaupten. Besonders beliebt ist dabei die personalisierte Darstellung von Konflikten und Skandalen. Es muss immer noch ein bisschen lauter und sensationeller sein als bei der Konkurrenz. Dies führt zum Beispiel in der aufgeheizten Migrationsdebatte dazu, dass vor allem über die Problemfälle gesprochen wird. So sorgt – völlig zu Recht – der Gewalttäter aus Afghanistan, der Hassprediger aus der Türkei oder die Sozialhilfebetrügerin aus Rumänien für Schlagzeilen.

Was aber oft untergeht, sind die Tausenden positiven Beispiele von Integration in Sachsen-Anhalt. Menschen, die dieses Bundesland jeden Tag voranbringen, aber nicht auffallen. Die Ärztin aus der Ukraine, der Gastwirt aus Vietnam, der Handwerker aus Polen oder die Krankenschwester aus Albanien. Ihre Geschichten sind für viele Medien weniger spannend als die über den jugendlichen Intensivtäter aus Nordafrika. Extremisten nutzen das kriminelle Verhalten eines Teils hier lebender Ausländer dazu, um alle in Sachsen-Anhalt lebenden Migranten zu diskreditieren, gerne noch solche mit deutscher Staatsangehörigkeit. Doch kein Bürger, der hier seine Steuern zahlt und mit seiner Familie die Werte des deutschen Grundgesetzes lebt, muss sich von Extremisten mit Dreck bewerfen und mit ausländischen Kriminellen in einen Topf stecken lassen. Ein normaler Köthener wird auch nicht die Abschiebung einer albanischen Krankenschwester oder eines vietnamesischen Gastronomen fordern, nachvollziehbarerweise aber die eines afghanischen Mehrfachstraftäters, dessen Integration in die deutsche Gesellschaft offensichtlich gescheitert ist. 

Fazit

Daniel Roi, AfD
Der AfD-Kreisvorsitzende von Anhalt-Bitterfeld, Daniel Roi, bei einer Kundgebung in Köthen am Montag. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Martin Krause

Die starke Säkularisierung, von Westdeutschen dominierte Eliten und der Bedeutungsverlust klassischer Medien erschweren es, signifikante Teile der Bevölkerung in Ostdeutschland zu erreichen. Wer mit unzufriedenen Menschen einen ernsthaften Dialog führen will, darf sich nicht nur in seinem vertrauten und kontrollierbaren Umfeld bewegen, sondern muss sich dem Diskurs auch dort stellen, wo es weh tut – auf der Straße, auf den Plätzen und an den Stammtischen. Der AfD gelingt das derzeit scheinbar besser als anderen Parteien. Die rechte Partei wird sich allerdings entscheiden müssen, ob sie die Unzufriedenen in die bundesdeutsche Gesellschaft wieder integrieren möchte oder weiter aufhetzen, bis sie dieses Land, seine freiheitliche Verfassung und die Häuser friedliebender Migranten in Brand stecken.

Es war richtig, dass Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) am Montag davor warnte, Teilnehmer des Köthener Trauermarsches vom Sonntag pauschal in die rechte Ecke zu stellen. Für viele Einwohner gab es offenbar eher das Bedürfnis, mit anderen Bürgern auf der Straße zu trauern als in einer Kirche. Das macht sie noch nicht zu Nazis, auch wenn offenkundige Nazis bei dieser Veranstaltung ihr Gift versprühten. Mit pauschalen Beschimpfungen treibt man Teilnehmer solcher Umzüge nur in die Arme der Extremisten, die vom nationalen Sozialismus und einem ausländerfreien Osten träumen.

MDR-Redakteur Falko Wittig
Bildrechte: MDR/Martin Paul

Über den Autor Falko Wittig ist im Osten Deutschlands geboren. Dort lebt und arbeitet er auch heute gerne. Nach vielen Jahren beim Rundfunk Berlin-Brandenburg ist der Diplom-Journalist heute bei MDR SACHSEN-ANHALT im Einsatz. Dort arbeitet er in den Redaktionen von Radio, Fernsehen und Online und beschäftigt sich vor allem mit politischen und wirtschaftlichen Themen.

Zu seinen Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt zählen Wernigerode, dünn besiedelte Gebiete entlang der Elbe und im Jerichower Land sowie der Naturpark Dübener Heide.

Quelle: MDR/fw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11. September 2018 | 08:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. September 2018, 17:04 Uhr

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73 Kommentare

13.09.2018 17:27 Arbeitende Rentnerin 73

Schon in der DDR sind wir ver...worden, konnten nur denken, was wir wollten, aber wehe, man hat sich aufgelehnt. Wenigstens das, dachte ich, hat sich geändert, hat es aber nicht. Uns als ewige Jammerer hinzustellen, ist unverschämt, wenn im Westen mal eine Bude zugmacht hat, war das Geschrei groß, was glauben die Westler, was man mit uns gemacht hat unter Beifall der Politiker und Großkonzerne. Wir Frauen brauchen uns gar nicht beleidigen zulassen, die meisten Westfrauen haben nie oder kaum gearbeitet, uns bleibt nicht mal im Rentenalter was anderes übrig, wir tuns aber, bin eine von vielen, die Gäste tun nichts, wie man täglich sieht und wer nicht linientreu denkt, wird als Nazi beschimpft, macht nur so weiter

13.09.2018 16:26 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 72

@ 71:
Zitat "Es sind die konkreten Erfahrungen, die die Leute zu diesen Haltungen gebracht haben, nicht die Form der Propaganda."

Oh, mein Gott!!!
Was für Erfahrungen muß man 'konkret' gemacht haben, damit man es 'für annehmbar' halten kann, mit Neonazis gemeinsam "Sieg Heil!" skandieren zu können?

Ich würde daran festmachen, daß die 'Entnazifizierung' und die 'antifaschistische Erziehung' in einigen Teilen des Sendegebietes "dramatisch fehlgeschlagen ist".

13.09.2018 11:11 Bürger der frühreren DDR 71

These 1: Auf den Seiten dieses Senders kann man die neuesten Ergebnisse zum Missbrauchsskandal und dessen Vertuschung innerhalb der katholischen Kirche nachlesen: Warum sollten die Ostdeutschen solchen Institutionen vertrauen?
These 2: Auch wenn es Karl Marx bestätigt: Das Sein bestimmt eben doch das Bewusstsein.
These 3 und These 4: Es sind die konkreten Erfahrungen, die die Leute zu diesen Haltungen gebracht haben, nicht die Form der Propaganda.