Trauermarsch-Demontranten bei einer Demonstration in Chemnitz rufen "Wir sind das Volk"
Demonstranten vor dem Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz. Die von Rechten geprägten Proteste waren der Auslöser für #DerAndereOsten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

#DerAndereOsten Der Osten kann auch anders sein

Der Osten besteht nicht nur aus Rechtsextremisten, sagt der Blogger Stefan Krabbes. Der Hallenser hat sich deshalb den Hashtag #DerAndereOsten ausgedacht. Und hat damit einen Nerv getroffen: Mittlerweile twittern zahlreiche Menschen ihre Geschichten rund um ihre Erfahrungen und Erlebnisse in Ostdeutschland.

von Falko Wittig, MDR SACHSEN-ANHALT

Trauermarsch-Demontranten bei einer Demonstration in Chemnitz rufen "Wir sind das Volk"
Demonstranten vor dem Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz. Die von Rechten geprägten Proteste waren der Auslöser für #DerAndereOsten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als Stefan Krabbes die Bilder von rechtsextremen Demonstranten in Chemnitz sah, wollte er etwas tun. Auch er fühlt Trauer und Betroffenheit nach dem gewaltsamen Tod eines 35-jährigen Deutschen nach einem Angriff durch Ausländer. Aber den Blogger aus Halle stört, dass das Schicksal des Opfers von Rechtsextremisten politisch instrumentalisiert wird, so wie auch der Tod eines 22-Jährigen in Köthen.

Krabbes will zeigen, dass Sachsen, Sachsen-Anhalt und die anderen ostdeutschen Bundesländer noch ein anderes Gesicht haben als das von Menschen, die den Hitlergruß zeigen und nach nationalem Sozialismus rufen. Zum Beispiel das von Ostdeutschen, die als Fußballtrainer, bei der Feuerwehr, im Kirchenchor oder in der Flüchtlingshilfe aktiv sind.

Deshalb startete der Netzaktivist mit Grünen-Parteibuch am 2. September bei Twitter den Hashtag #DerAndereOsten. Gleich am ersten Tag setzte Krabbes elf Tweets ab, darunter diesen:

Rechtsextreme im Osten nicht die Mehrheit

Später hat er die Aktion auch in seinem Blog erklärt. Zur beabsichtigten Botschaft von #derandereosten sagte Krabbes im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT: "Wir haben ein Problem mit Rechtsextremisten, aber sie bilden im Osten nicht die Mehrheit. Sie sind vielleicht lauter, aber sie halten diesen Laden nicht am Laufen. Das sind wir." Dabei sieht sich der Blogger, der in Sachsen-Anhalt lebt und in Berlin arbeitet, gar nicht als Ostdeutscher, sondern als deutscher Europäer. "Ich versuche, all mein Tun und Denken an europäischen Werten auszurichten." 

Ein Mann steht vor einem Gewässer und lächelt in die Kamera.
Der Blogger Stefan Krabbes hatte die Idee für #DerAndereOsten. Bildrechte: Stefan Krabbes

Mit seinen 31 Jahren ist Krabbes zu jung für eine Ost-Biographie. Das bundesdeutsche Bildungs- und Wirtschaftssystem hat ihn geprägt. Aber als Sohn ostdeutscher Eltern sagt er auch: "Ich glaube, dass es mir und meiner Generation total gut möglich ist, beide Mentalitäten zu verstehen." Dadurch könne er eher Widersprüche erkennen als Generationen, die nur in der DDR oder im Westen groß geworden seien. Der Osten habe eher auf das Kollektiv und den starken Staat gesetzt, im Westen sei dagegen Individualismus angesagt gewesen und das Staatsempfinden ein geringeres. "Ich glaube, das sind Mentalitäten, die darf man nicht werten. Die muss man zur Kenntnis nehmen." Wichtig sei es, mit den Ostdeutschen über ihre Probleme ins Gespräch zu kommen. Krabbes glaubt, dass der Ost-West-Konflikt weiter eine Rolle spiele. Ostdeutsche fühlten sich noch immer nicht anerkannt für ihre Lebensleistung. "Ich will nicht, dass der Laden den Bach runtergeht, weil wir vielleicht zu wenig miteinander gesprochen haben."

Hunderte positive Ostdeutschland-Geschichten

Nun wird gesprochen: Eineinhalb Wochen später haben sich schon Hunderte Menschen unter dem Hashtag #DerAndereOsten zu Wort gemeldet, um ihre Geschichten zu erzählen. Krabbes twittert begeistert: "Ihr seid der Wahnsinn! Unglaublich! Eure Geschichten, euer Engagement sind beeindruckend! Wir sind endlich laut." Der 31-Jährige berichtet im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT von teilweise verblüffenden Erzählungen. "Ich finde es immer wieder schön, wenn Leute berichten, dass sie seit Ewigkeiten als Westdeutsche im Osten leben und sich mittlerweile richtig wohlfühlen." Zum Beispiel Twitternutzerin HeikeR. Sie schreibt:

Aber auch ehemalige Ostdeutsche melden sich zu Wort. Wie etwa die Journalistin Sina Fröhndrich, die heute beim Deutschlandfunk in Köln arbeitet:

Der Osten: "Vielseitig, aber manchmal zu leise"

Bundespolitiker springen ebenfalls auf die Aktion auf. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt nahm zwar den Hashtag bei der Generaldebatte im Bundestag nicht in den Mund, würdigte aber eine Minute lang Menschen, die den Osten von seiner anderen Seite zeigen. Danach ließ sie sich so bei Twitter zitieren:

Von einer Kampagne will Blogger Stefan Krabbes trotz des Erfolges nicht sprechen. Er sagt, es gehe ihm um eine Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. "Der Osten ist so vielseitig, aber leider manchmal auch zu leise."

MDR-Redakteur Falko Wittig
Bildrechte: MDR/Martin Paul

Über den Autor Falko Wittig ist im Osten Deutschlands geboren. Dort lebt und arbeitet er auch heute gerne. Nach vielen Jahren beim Rundfunk Berlin-Brandenburg ist der Diplom-Journalist heute bei MDR SACHSEN-ANHALT im Einsatz. Dort arbeitet er in den Redaktionen von Radio, Fernsehen und Online und beschäftigt sich vor allem mit politischen und wirtschaftlichen Themen.

Zu seinen Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt zählen Wernigerode, dünn besiedelte Gebiete entlang der Elbe und im Jerichower Land sowie der Naturpark Dübener Heide.

Quelle: MDR/fw

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | FAKT IST! | 17. September 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2018, 04:28 Uhr

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23 Kommentare

14.09.2018 19:31 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 23

@ 21. Waltersneumann:
Deine Skepsis ist sicherlich nachzuvollziehen, aber nach einer recht langen Zeit der 'Toleranz gegenüber dem Rechtsextremismus' ist dieses #DerAndereOsten nun mal der "erste Tropfen auf den heißen Stein"... der andere allein dadurch ermutigen wird, daß er als "der erste Tropfen den heißen Stein" getroffen hat!

Sinnlos wird es sicherlich nie, gegen Rechtsextremismus aufzustehen!
Aussichtslos wird es nur, wenn dies der "einzige Tropfen auf den heißen Stein" bleibt.

Da ist "der Osten" als 'Gegend' und so jeder einzelne gefragt: "Nazis raus!" sind zwei sehr einfache Worte - man muß sich nur trauen!

14.09.2018 19:07 Mediator an Sachse(15) 22

Sorry, aber sie vom Thema des Artikels ab!

In diesem geht es um das schlechte Image der neuen Bundesländer als Hochburg von Rechtsradikalen und Rechtsextremisten und dass man diesem schlechten Image entgegentreten will, indem man positive Dinge, die es eben auch gibt, hervorhebt.

Ich kann auch nichts dazu, dass wie in Beitrag Nr. 1 von mir erwähnt in den neuen Bundesländern rechtsextremistische Gewaltstraftaten teilweise 13 x so häufig vorkommen wie im Westen.

Ach ja:
Vielleicht sollten sie das Dokument "Politisch
Motivierte Kriminalität im Jahr 2017 - Bundesweite Fallzahlen" einmal genauer lesen und nicht nur eine Zahl herauspicken die ihnen genehm ist.

Mir ist im Prinzip egal aus welcher Motivation heraus eine Straftat begangen wird, aber sie müssen uns nicht für dumm verkaufen:
Bei den politisch motivierten Straftaten überwiegt PMK rechts die PMK links um 100%. Die Definition, was eine Straftat ist liegt übrigens weder bei ihnen noch mir! Lesen sie einfach nach!

14.09.2018 18:27 Waltersneumann 21

@17: Selbst ohne Blockaden ist die Braunkohle irgendwann zuende. Das ist kein nachwachsender Rohstoff.

Da sehe ich schon eher Rechtsradikale und Fremdenfeindlichkeit als das größere Problem. Welcher Fremder will denn in einer Stimmung von Fremdenfeindlichkeit noch Geld in diese Regionen investieren? Das betrifft auch internationale Firmen und Forschungseinrichtungen.

Da bieten sich dann eher andere Bundesländer an, die sich nicht durch Rechtsextremismus ins Gespräch bringen. Die freuen sich dann über die Ansiedelungen aus der Wirtschaft.

Die Aktion #DerAndereOsten ist zwar sehr begrüßenswert. Aber das ist leider nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wenn sich die Anständigen nicht mal langsam gegen die Extremisten zu Wort melden, wird das ganze ziemlich sinnlos sein.