Interview Jugendforscherin: Schülerproteste bewirken politische Mobilisierung

Bis die Fridays-for-Future-Bewegung aufkam, galten Jugendliche als wenig politisch interessiert. Nun zeigen die Proteste das Gegenteil. Wie die Klima-Demos die Schüler mobilisieren, erklärt die Soziologin Martina Gille. Sie forscht am Deutschen Jugendinstitut. Zu ihren Schwerpunkten zählen gesellschaftliches Engagement und Wertorientierungen von Jugendlichen.

Eine Frau mit langen dunklen Haaren lächelt. Sie sitzt vor einem Schriftzug -Deutsches Jugendinstitut-.
Soziologin Martina Gille glaubt, die Fridays-for-Future-Bewegung kann Schülern helfen, politische Orientierung zu gewinnen. Bildrechte: Deutsches Jugendinstitut/Martina Gille

MDR SACHSEN-ANHALT: Lange wurden Kinder und Jugendliche als unpolitisch wahrgenommen. Seit den Fridays-for-Future-Demos haben wir einen anderen Eindruck. Sind Schüler politischer als lange gedacht?

Martina Gille: Man muss berücksichtigen, dass Kinder und Jugendliche noch nicht ein so großes Interesse an Politik haben. Aber wir wissen auch, dass in jüngerer Zeit eine Politisierung stattgefunden hat und dass Themen wie Umwelt, Gesundheit, Klimawandel die jungen Leute eher interessieren.

Die Erwachsenen-Gesellschaft findet es gut, dass sie das machen.

Ich denke, Greta Thunberg hat da eine Menge junger Menschen mobilisiert – und sie erfahren hier in der Bundesrepublik Deutschland ja auch viel Unterstützung von der etablierten Politik. Selbst die Bundeskanzlerin hat sich zu diesen Schülerprotesten positiv geäußert und sie darin bestärkt weiterzumachen und die Erwachsenen zu ermahnen, diesem wichtigen Thema nachzugehen.

Geht es bei den Protesten nur um Klimawandel – oder stecken noch andere Motive dahinter?

Ich sehe schon in erster Linie das Thema Klimawandel. Für junge Leute ist das sehr wichtig. Natürlich ist das ein Thema, was die nachwachsende, die zukünftige Generation interessiert – und auch interessieren muss.

Was ist das Deutsche Jugendinstitut? Das Deutsche Jugendinstitut ist ein außeruniversitäres Forschungsinstitut, das sich mit Jugend- und Familien-Themen beschäftigt. Es wird weitestgehend vom Bundesfamilieninstitut finanziert. Es hat seinen Sitz in München und betreibt eine Außenstelle in Halle.

Sie hatten bereits Greta Thunberg erwähnt, die für die Schüler ein wichtiges Vorbild ist. Sie hat viele Nachahmer gefunden – wie ist ihr das gelungen?

So etwas geht nur über die digitalen Medien, die spielen da eine ganz große Rolle. Die Proteste gibt es ja nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Die Wahrnehmbarkeit ist sehr viel besser geworden, auch für die jungen Leute, die über die sozialen Medien kommunizieren.

Klimawandel ist auch ein Thema, das den Leuten auf den Nägeln brennt, auch der Erwachsenengesellschaft. Sie erfahren sehr viel Unterstützung in ihren Protesten. Die Erwachsenen-Gesellschaft findet es gut, dass sie das machen.

Gibt es noch mehr Punkte, die Greta Thunberg zu einem Vorbild für die Schüler machen und die sie von anderen Vorbildern unterscheiden?

Sie ist sehr beeindruckend, weil sie diesen Protest erst einmal für sich allein gestartet hat und erst sechszehn Jahre alt ist – sie wirkt zumindest fast wie ein Kind. Es ist sehr beeindruckend, wie hartnäckig sie in ihrem Protest ist, und dass sie sich nach und nach ihre Follower aufgebaut hat.

Sie betonen die Unterstützung, die die Bewegung bekommt. Aber es gibt auch den totalen Gegeneindruck. Beispielsweise hat sich die Diskussion in Deutschland viel um die Schulpflicht gedreht – auch in unserer eigenen Berichterstattung. Das eigentliche Anliegen der Schüler, die Klimapolitik, trat in den Hintergrund.

Ich verstehe diese Diskussion. Natürlich hat die Schule auch die Schulaufsicht. Sie muss ja garantieren, dass die Schülerinnen und Schüler behütet sind – und das sind sie natürlich nicht, wenn sie auf eine Demonstration gehen und aus den Klassenräumen raus gehen. Das sind auch einfach Haftungsfragen, die da zählen.

Die sagen: Uns ist das Thema so wichtig, dass wir dafür auch den Schulunterricht opfern.

Es ist deutlich gemacht worden, dass man diese Proteste nicht nur während der Schulzeit machen sollte, sondern eben auch in der Freizeit. Natürlich spielt das Thema Schulleistungen für junge Leute eine Rolle. Es will ja auch keiner zurückfallen in seinen Leistungen, weil er protestieren geht. Das ist das Dilemma.

Trotzdem könnte es auf die Schüler wirken, als ob an ihrem eigentlichen Anliegen vorbeidiskutiert wird. Haben sie diesen Eindruck?

Ich denke einerseits ist es gut, dass sie es während der Schulzeit machen, sonst wäre es nicht so ein starkes Thema – oder gar kein Thema. Die öffentliche Wahrnehmung und Aufmerksamkeit wäre nicht so hoch, wenn die Schüler das in der Freizeit machen würden. So ist das Thema sehr viel brisanter und wichtiger geworden, weil man wertvolle Schulzeit opfert, um protestieren zu gehen. Insofern hatten die Proteste mehr Aufmerksamkeit und vielleicht mehr Durchsetzungskraft. Und von der Schülerseite verstehe ich das auch, dass die sagen: Uns ist das Thema so wichtig, dass wir dafür den Schulunterricht opfern.

Wie nachhaltig ist die Fridays-for-Future-Bewegung?

Da kann man nur spekulieren. Sie haben vielleicht die Chance, länger fortzubestehen. Und sie haben bei den Schülerinnen und Schülern vielleicht ein Stück weit eine politische Mobilisierung bewirkt, dass sie sich zukünftig mehr mit Politik oder politischen Themen auseinandersetzen – oder generell mehr politisch beteiligen. Denn die Jugend ist eine sehr wichtige Phase, in der man politische Orientierung erwirbt, wo man Dinge ausprobiert. Auch solche Beteiligungsformen sind interessant für junge Leute. Sie schöpfen Erfahrungen daraus und es hat vielleicht Auswirkungen, auch für ihr späteres Engagement.

Die Fragen stellte Roland Jäger.

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Obwohl die Demonstration erst am Nachmittag stattfanden, kamen 150-200 Schüler. Bildrechte: MDR/Michael Gerdes

Quelle: MDR/rj

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSEN-ANHALT | 11. März 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. März 2019, 17:48 Uhr

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