#miteinanderstark Richterausbildung zu Corona-Zeiten: Videochat statt Seminarraum

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Jacqueline Schulz

Die Personaldecke an Sachsen-Anhalts Gerichten ist dünn. Das Land braucht dringend mehr Staatsanwälte und Richter. Für Referendare gilt deshalb auch in Zeiten von Corona: Die Ausbildung muss weitergehen. Richter Christian Konert trifft seine Referendare statt am Landgericht Magdeburg jetzt einmal pro Woche im Videochat.

Schwarzes Mikrofons neben einem Monitor
Die Referendare des Landgerichts Magdeburg lernen die Theorie jetzt per Videochat. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Home-Office heißt es derzeit auch für Sachsen-Anhalts angehende Richter. Erst am 1. März hat ihr Referendariat begonnen. Doch bevor es so richtig los gehen kann, schlägt das Coronavirus zu. Normalerweise beginnt das zweijährige Referendariat mit einer Zivilstation. Für insgesamt vier Monate werden die angehenden Richter praktisch an einem Land- oder Amtsgericht ausgebildet. Doch kurz vor dem Ende der dreiwöchigen Einführungsphase, werden Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperre verhängt.

Mann mit hellblauem Hemd sitzt auf einer beigen Couch vor einem Monitor
Richter Christian Konert unterrichtet seine Arbeitsgemeinschaft nun digital. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Donnerstag hatte ich den letzten Unterricht, Freitag war ich in einer Verhandlung in Stendal und da zeichnete sich ja so langsam ab, dass die ganze Geschichte mit dem Virus problematischer wird," erzählt Richter Christian Konert, der die theoretische Ausbildung am Landgericht Magdeburg übernimmt. Seine unkomplizierte Lösung: Die Arbeitsgemeinschaft der neuen Referendare trifft sich jetzt digital per Videochat.

Theorieunterricht im Wohnzimmer

Urteile als Zivilrichter schreiben – die Grundlagen dafür kann Christian Konert auch vom Wohnzimmer aus vermitteln. "Grundsätzlich: Ich bespreche das Gleiche. Ich habe auch die selben Möglichkeiten. Ich kann ein Tafelbild erstellen und die Referendare sehen, wie ich dazu komme", so der Richter. Statt in einem Seminarraum findet der Unterricht jetzt einmal pro Woche online statt. Jeden Montag von 9 Uhr bis teilweise 15 Uhr. Referendarin Anna Katharina Wilke ist froh, dass ihr Theorieunterricht so weitergeht.

Zwei Monitore stehen direkt nebeneinander. Auf dem hinteren ist ein Dokument mit der Überschrift "Teilerledigungserklärung" geöffnet.
Videochat und Unterrichtsmaterial – so sieht es aus, wenn die Arbeitsgemeinschaft derzeit lernt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ersetzen könne der Videochat die eigentlichen Arbeitsgemeinschaften aber nur bedingt. Gestik und Mimik, der gemeinsame fragende Blick in die Runde, wenn mal etwas nicht verstanden wird – all das fehlt. "Das ist ja teilweise so ein bisschen wie Fernsehgucken. Man guckt sich die Folien an, die nacheinander ablaufen und ich glaube, da schweift man doch eher ab als im persönlichen Gespräch," sagt die 26-Jährige.

Was fehlt ist Praxis

Doch für Referendare wie Anna Katharina Wilke gibt es derzeit ein viel größeres Problem als eingeschränkte Kommunikation beim Gruppen-Videochat. Da an vielen Gerichten nicht zwingend notwendige Verhandlungen verschoben werden, fehlt ein erheblicher Teil der Praxis. "Also am Gericht beim Einzelausbilder, dass man in die Verhandlung mit reingeht, die vielleicht auch selber leitet, eine Beweisaufnahme anfertig – da entsteht schon ein Nachteil, wenn das für mehrere Wochen ausfällt", erklärt Anna Katharina Wilke.

Eine junge Frau mit dunklen langen Haaren und pink-weiß gestreiftem Hemd sitzt an ihrem Arbeitsplatz.
Anna Katharina Wilke befürchtet, dass ihrer Ausbildung Praxis fehlt, wenn die Pandemie noch länger anhält. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Natürlich können sie auch zu Hause Akten bearbeiten. Doch das ersetzt nicht die praktische Zeit vor Ort. Fest steht: Bis Mitte April wird sich an der Situation erst einmal nichts ändern. Auch Ausbilder Christian Konert, der Richter am Amtsgericht Aschersleben ist, hat all seine Verhandlungen verschoben. Er wird erst einmal weiter ausschließlich digital vom Wohnzimmer unterrichten. Immerhin: Sein Angebot ist mittlerweile auch für die Referendare der anderen Landgerichte offen. Damit ihnen – zumindest was die Theorie betrifft – kein Nachteil entsteht.

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Jacqueline Schulz

Über die Autorin Marie-Kristin Landes ist in Dessau-Roßlau geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur zog es sie für ein Politikstudium erst nach Dresden, dann für den Master Journalistik nach Leipzig. Praktische Erfahrungen sammelte sie bei der Sächsischen Zeitung, dem ZDF-Auslandsstudio Wien und als freie Mitarbeiterin für das Onlineradio detektor.fm. Nach ihrem Volontariat beim Mitteldeutschen Rundfunk arbeitet sie jetzt vor allem für MDR Kultur und das Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt. Wenn sie nicht gerade für den MDR unterwegs ist, ist sie am liebsten einfach draußen. Zwischen Meer oder Berge kann sie sich dabei genauso wenig wie zwischen Hund oder Katze entscheiden.

Quelle: MDR/mkl

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