Aufnahme eines hellgrünen Flyers mit der Aufschrift: DozentInnenmangel.
Die "Arbeitsgemeinschaft DozentInnenmangel" macht unter anderem mit Flyern auf ihr Anliegen aufmerksam. Bildrechte: MDR/Marie-Kristin Landes

"AG DozentInnenmangel" Wie Studenten an der Uni Halle für eine bessere Lehrerausbildung kämpfen

Den Lehrermangel mit mehr Lehramtsstudierenden bekämpfen – klingt plausibel. Allerdings brauchen mehr Studierende auch mehr Dozenten und Dozentinnen. Genau da hakt es an der Universität Halle, sagt die "AG DozentInnenmangel". Auf einer Podiumsdiskussion will die Gruppe über die Probleme sprechen. Doch das Wissenschaftsministerium hat schon vorab seinen Standpunkt deutlich gemacht. Aus seiner Sicht gibt es keinen Mangel.

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Jacqueline Schulz

von Marie-Kristin Landes, MDR Sachsen-Anhalt

Aufnahme eines hellgrünen Flyers mit der Aufschrift: DozentInnenmangel.
Die "Arbeitsgemeinschaft DozentInnenmangel" macht unter anderem mit Flyern auf ihr Anliegen aufmerksam. Bildrechte: MDR/Marie-Kristin Landes

Überfüllte Seminare, überlastete Dozentinnen und Dozenten, lange Wartezeiten für Korrekturen und Noten – ein Bild, das mittleweile auf viele Studiengänge in Deutschland zutrifft. An der Martin-Luther-Universität Halle sollen vor allem im Lehramtsstudium die Zustände prekär sein. "Beispielsweise im Grundschul- und Förderbereich. In der Germanistik. Wir haben Probleme in den weiterführenden Schulstufen, beispielsweise in der Chemie, in der Biologie", zählt Tabea Pfitzner auf. Pfitzner ist Sprecherin der "AG DozentInnenmangel". Im April haben sie und fünf weitere Studierende die Arbeitsgemeinschaft gegründet. Gleichzeitig schlossen sich mehr als 300 weitere Studierende in einer WhatsApp-Gruppe zusammen, tauschen seitdem ihre Erfahrungen aus. Und die sind teilweise extrem.

Zwei Jahre Wartezeit für ein Seminar

Porträt einer jungen Frau mit schulterlangen schwarzen Haaren und dunkler Winterjacke lächelt.
Tabea Pfitzner studiert Grundschullehramt und ist die Sprecherin der "AG Dozentinnenmangel". Bildrechte: MDR/Marie-Kristin Landes

"Ich habe zwei Jahre vergeblich versucht, ein Seminar zu belegen", erzählt AG-Mitglied Pauline Brack. Leider kein Einzelfall. Das Problem: Wer Grundseminare nicht absolviert, weil es zu wenige Plätze gibt, kann Aufbauseminare nicht belegen. Die Studienzeit verschiebt sich damit nach hinten. Natürlich halten sich sowieso nicht alle an die Regelstudienzeit. Aber: "Es gibt genauso Studierende, die daran gebunden sind, die Zeit einzuhalten – aus familiären Gründen, aus geldtechnischen Gründen. Das Bafögamt erwartet von uns, dass wir die Regelstudienzeit einhalten", erklärt AG-Sprecherin Tabea Pfitzner.

Intern ist all das schon länger bekannt. Nur haben viele Lehramtsstudierende und Dozentinnen und Dozenten bisher geschwiegen – auch, weil es bisher Notlösungen gab. Beispielsweise, indem viel mehr Studentinnen und Studenten in ein Seminar gelassen wurden, als offiziell erlaubt. "Wir durften uns in Fensterbänke setzen oder standen halt am hinteren Ende der Räume. Oder es wurden auf Kosten der Freizeit der Dozenten teilweise eben Zusatzseminare angeboten", sagt Tabea Pfitzner.

Mittlerweise hat die Universität dem einen Riegel vorgeschoben.

Aus Brandschutzgründen dürfen seit Sommersemester 2019 nur noch so viele Studierende in einen Raum, wie vorgeschrieben. "Also es gab wirklich Situationen, in denen 60 Personen vor einem Raum standen und bis auf die 23 eingeschriebenen mussten alle anderen gehen", erzählt Tabea Pfitzner.

Mehr Studierende brauchen auch mehr Dozenten

Grund für die knappen Kapazitäten ist die stark gestiegene Zahl der Lehramtsstudierenden. Begannen 2014 noch 478 Erstsemester ein Lehramtsstudium in Halle, sind es laut Statistischem Landesamt 2018 bereits 926 Erstsemester gewesen. Ein Anstieg, der politisch gewollt ist. Schließlich braucht Sachsen-Anhalt dringend mehr Lehrer. Mindestens 800 Plätze muss die Universität Halle seit Wintersemester 18/19 für Lehramtsstudierende bereitstellen. Dafür erhält sie zusätzliches Geld.

Eine Grafik zeigt den Anstieg der Lehramtstudiereden im ersten Semestern an der Universtität Halle.
Bildrechte: MDR/Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt

Laut Wissenschaftsministerium sind das seit 2016 jährlich 975.000 Euro, 2019 fließen sogar rund zwei Millionen Euro. In den kommenden Jahren werden die Zuschüsse weiter wachsen. "2020 3,65 Millionen Euro, im Jahr 2021 5,28 Millionen Euro [...] und in den Jahren 2023 bis 2026 insgesamt ca. 14,5 Millionen Euro für die Kapazitätserhöhung auf 800 Studienanfängerplätze in der Lehrerbildung", heißt es auf Nachfrage von MDR SACHSEN-ANHALT.

Angesprochen auf die Kritik der "AG DozentInnenmangel" erklärt das Wissenschaftsministerium zudem, dass die Universität von organisatorischen Anpassungsproblemen berichtet habe. Die seien ebenfalls aufgrund der erhöhten Kapazität in den Lehramtsstudiengängen zustande gekommen. Die Probleme seien identifiziert und mit den Betroffenen "gemeinsam verbessert worden", schreibt das Ministerium. "Das bedeutet nicht, dass es einen 'DozentInnenmangel' gibt."

Universitätsleitung begrüßt Engagement

Porträt des Rektors der Universität Halle, Christian Tietje, im Büro.
Rektor Christian Tietje unterstützt die Studierenden, erklärt aber auch, dass es keinen Mangel in dem Sinn gibt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das sieht die "AG DozentInnenmangel" anders. Gelöst seien die Probleme beispielsweise nur, weil aus kleinen Seminaren größere Vorlesungen gemacht oder Module neu strukturiert wurden, argumentiert sie. Darunter leiden jedoch Betreuung und Qualität. Und was sagt die Universitätsleitung? Rektor Christian Tietje unterstützt das Anliegen der Studierenden. Er sagt aber auch: "Ein Mangel würde bedeuten, dass wir tatsächlich die Lehre nicht gewährleisten können. Das würde ich bestreiten. Die Situation ist hier und da angespannt. Das wird man sagen können."

Über das zusätzliche Geld für insgesamt 63 Stellen bis 2027 sei die Universitätsleitung sehr dankbar. "Das sind allerdings Stellen, die sind befristet in der Finanzierung bis zum Jahr 2027 und es ist vor diesem Hintergrund schwer, Dozentinnen und Dozenten zu finden, die gerne unbefristet Tätig sein wollen." Im Klartext: Diese Stellen sind unattraktiv. Dazu kommen viel zu wenig Räume für Seminare und Vorlesungen. Mindestens ein großes weiteres Gebäude ist laut Tietje nötig. Erste Neuanmietungen seien gerade vor drei Wochen realisiert worden.

Podiumsdiskussion mit Wissenschafts-, aber ohne Bildungsminister

Für ihre bisherige Arbeit hat die "AG DozentInnenmangel" viel Zuspruch bekommen. Vor allem in den vergangenen Wochen haben sich auch immer mehr Dozierende gemeldet. "Die Hemmschwelle ist gebrochen," berichtet die AG. Allerdings gibt es auch Kritik aus den eigenen Reihen. "Wir haben negative Reaktionen erhalten von wegen, es würden keine Probleme bestehen oder spätestens in einem Semester wäre alles geklärt," sagt Sprecherin Tabea Pfitzner.

Abhalten lässt sie sich davon aber nicht. Die groß geplante Podiumsdiskussion am 20. November 2019 steht. Auf dieser geht es den AG-Mitgliedern nicht darum, "Jemandem den schwarzen Peter zuzuschieben", betont die AG-Sprecherin. Sie wollen vielmehr gemeinsam Lösungen finden – und sich einfach wieder auf das Studium konzentrieren. Immerhin: Zugesagt hat neben dem Zentrum für LehrerInnenbildung und der Universitätsleitung
auch das Wissenschaftsministerium.

Nur aus dem Bildungsministerium erhielt die AG DozentInnenmangel eine Absage. MDR SACHSEN-ANHALT teilte das Ministerium mit, es habe zwar großes Interesse an einer funktionierenden Lehrerausbildung. Allerdings oblägen die Rahmenbedingungen für Forschung und Lehre dem Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung.

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Jacqueline Schulz

Über die Autorin Marie-Kristin Landes ist in Dessau-Roßlau geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur zog es sie für ein Politikstudium erst nach Dresden, dann für den Master Journalistik nach Leipzig. Praktische Erfahrungen sammelte sie bei der Sächsischen Zeitung, dem ZDF-Auslandsstudio Wien und als freie Mitarbeiterin für das Onlineradio detektor.fm. Nach ihrem Volontariat beim Mitteldeutschen Rundfunk arbeitet sie jetzt vor allem für MDR Kultur und das Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt. Wenn sie nicht gerade für den MDR unterwegs ist, ist sie am liebsten einfach draußen. Zwischen Meer oder Berge kann sie sich dabei genauso wenig wie zwischen Hund oder Katze entscheiden.

Quelle: MDR/mkl

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 19. November 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. November 2019, 15:59 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus Sachsen-Anhalt