Nach Vorwürfen gegen Polizei in Magdeburg Rassismus und Macho-Kultur: Experte plädiert für unabhängigen Polizeibeauftragten

Thomas Vorreyer
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Professor Rafael Behr war selbst Polizist, nun forscht er zur Kultur in der Polizei. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit ihm über die neuen Rassismus-Vorwürfe gegen die Bereitschaftspolizei in Magdeburg gesprochen und warum es Behr nicht überrascht hat, dass es eine Polizistin sein soll, die jetzt auspackt.

Ein Mann und eine Frau in Uniformen der Polizei Sachsen-Anhalt unterhalten sich
Gegen die Polizei in Sachsen-Anhalt gibt es neue Rassismus-Vorwürfe (Symbolbild) Bildrechte: imago images / ecomedia/robert fishman

MDR Sachsen-Anhalt: Eine anonyme Person, die sich als Polizistin der Bereitschaftspolizei in Magdeburg ausgibt, hat sich in einem Brief an das Innenministerium gewandt. Sie berichtet von rassistischen Schmähungen unter Beamten der Polizei, von einer "rechten Machokultur", Stammtischparolen, betrunkenen Kollegen, Zugführern, die davon wüssten, aber nicht einschritten. In Chatgruppen sollen verfassungsfeindliche Inhalte geteilt worden sein. Professor Behr, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Polizeikultur, waren selbst Polizist. Haben Sie die Vorwürfe überrascht?

Rafael Behr: Nein, gar nicht. Das Ausmaß ist beängstigend, aber qualitativ ist das nichts Neues. Machokultur, Saufgelage, das Wegsehen von Führungskräften – das ist alles auch früher dagewesen. Neu sind nur die Chatgruppen.

Professor Rafael Behr – das ist unser Experte

Rafael Behr
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Rafael Behr arbeitete früher als Gruppenführer einer Hundertschaft und Polizeikommissar in Hessen. Er hat Verwaltungswirtschaft und Soziologie studiert, seit 1992 arbeitet er in der Lehre und Wissenschaft. Aktuell ist er Professor für Kriminologie und Soziologie an der Hochschule der Polizei in Hamburg und leitet dort die "Forschungsstelle Kultur und Sicherheit" (FoKuS). Ein Teil seiner Veröffentlichungen ist auf der Website der Hochschule frei verfügbar.
akademie-der-polizei.hamburg.de

Was wir lange nicht gehört haben, ist die Selbstverständlichkeit, mit der derzeit wieder rassistische, rechtsextreme Symboliken und Sprüche ausgetauscht werden. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die durchaus Sorge macht. Die Polizisten machen mit bei einem allgemeinen Trend, Grenzen zu überschreiten.

Die Person hat sich anonym gemeldet. Was bedeutet das für die Aufklärung?

In der Wissenschaft arbeiten wir mit dem Begriff "Code of Silence", der "Mauer des Schweigens" in der Polizeikultur. Diese Mauer wird aber immer wieder durchbrochen. Das müsste man fördern. Fälle wie dieser zeugen davon, dass der Druck innerhalb der Polizei größer wird und dass nicht alle unter einer Decke stecken.

Es kommt nicht von ungefähr, dass es eine Frau ist. Gerade die jungen, weiblichen Kolleginnen brechen eher aus diesen Regeln aus. Sie sind nicht so leicht verführbar für machistische und rechtsextreme Traditionen bzw. Sprüche. Den Weg der anonymen Meldung hat sie offenbar gesucht, weil die Polizei keine Stelle hat, an die sich so jemand wenden kann.

Hinweis an Leserinnen und Leser Sie möchten sich mit uns über die Vorwürfe gegenüber der Landespolizei austauschen? Sie arbeiten selbst im Polizeidienst oder befinden sich gerade in der Polizeiausbildung und würden uns gerne Ihre Erfahrungen schildern? Dann erreichen Sie unseren Reporter Thomas Vorreyer über thomas.vorreyer@mdr.de oder anonym und verschüsselt über Threema: YSJK89FX.

Die Grünen-Fraktion im Magdeburger Landtag fordert, einen unabhängigen Polizeibeauftragten einzusetzen. Unterstützen Sie diese Forderung?

Durchaus. Wichtig ist die Unabhängigkeit. Denn selbst wenn der Beauftragte der Staatssekretär im Innenministerium wäre: Er kennt Leute unter, über und neben sich. Er ist eingebettet in eine Organisationsstruktur. Und wenn die "Polizei" heißt, dann agiert sie auch in der Logik der Polizei.

Eine unabhängige Stelle könnte eine andere Autorität entwickeln, etwa wenn sie vom Landtag mandatiert wird – und nicht vom Innenminister. Ein "closed job" wie der Polizeidienst könnte so aufgebrochen werden. Beide Seiten würden profitieren.

Von einem unabhängigen Polizeibeauftragten würden beide Seiten profitieren. Die Polizei merkt: 'Wir haben überhaupt nichts zu verbergen.' Und die Hinweisgeber müssen anders als heute keinen Karriereschaden fürchten.

Die Polizei merkt: "Wir haben überhaupt nichts zu verbergen" – es geht eben nicht um den berühmten Generalverdacht. Und die Hinweisgeber, die sich an die Stelle wenden, müssen anders als heute, keinen Karriereschaden fürchten, sollte rauskommen, an wen sie sich gewendet haben.

Bereits im Oktober wurde in Sachsen-Anhalt eine unabhängige Sonderkommission einberufen, die institutionellen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in der Landespolizei untersuchen soll. Geleitet wird die von Uta Wilkmann, einer hochrangigen Beamtin aus dem Ministerium für Justiz und Gleichstellung. Was kann so eine Kommission bewirken?

Es wird ein Stein in Wasser geworfen. Und der wird Wellen erzeugen. Jeder Versuch von Aufklärung ist erstmal besser, als alles unter der Decke zu lassen. Man wird Erfahrungen sammeln und dann möglicherweise erkennen, dass man innerhalb eines bürokratischen Apparats nicht so viele freiwillige Stimmen hören wird, die Auskunft geben, über das, was passiert ist.

Mitentscheidend ist, welche Fragen gestellt werden dürfen. Und welche nicht. Ob eine Sonderkommission etwa für strafprozessuale Tätigkeiten mandatiert ist, sie Telefone sicherstellen oder Computer durchsuchen kann.

Das kann die jetzige Kommission nicht.

Wir wissen aus Untersuchungen zum SEK in Mecklenburg-Vorpommern, dass Einheiten wie die Bereitschaftspolizei sehr schweigsam sind. Sie halten dicht und geben nicht bereitwillig Auskunft. Da muss man abwarten, mit welchem Geschick und welchem Nachdruck die Kommission jetzt arbeitet.

Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist die sogenannte "Cop Culture". Welche Rolle spielt die hier?

"Cop Culture" ist nach innen gerichtet, an die Polizisten "vor Ort", die Praktiker. Sie brauchen zum Teil andere Regeln als in der Bürokratie. Eine Basisregel lautet: Wir sind die Guten. Eine andere: Wir halten zusammen. Diese Cop Culture ist normativ indifferent und geht nicht immer mit den Menschenrechten konform. Da kann es schon mal sein, dass man eine Bestrafung an Ort und Stelle als gerecht empfindet und durchgehen lässt.

Wenn Vorgesetzte da nicht genau hinschauen wollen, wird Cop Culture gefährlich. Schon die Haltung 'Wir sind die Könige' kann zu so einer Macho-Kultur führen, wie sie jetzt als Vorwurf im Raum steht.

Es ist eine mündliche Kultur, die sich durch Erzählungen von einer Generation in die andere hinein entwickelt. Solche Praktiken wie Feierlichkeiten in der Bereitschaftspolizei sind immer gespeist von Elementen der Tradition, von Verschwiegenheit und Geborgenheit. Da kann alles passieren; von Erniedrigung und bis Überhöhung.

Wenn Vorgesetzte da nicht genau hinschauen wollen, wenn sie nicht wissen wollen, in welchen Gedankenwelten sich ihre Mitarbeiter bewegen, wird Cop Culture gefährlich. Schon die Haltung "Wir sind die Könige" kann zu so einer Machokultur führen, wie sie jetzt als Vorwurf im Raum steht.

Jemand aus der Polizei sagte mir, solche Schmähungen, wie sie in dem Schreiben zitiert werden, basierten nicht auf Rassismus, sondern auf Erfahrungswerten. Nehmen Polizisten andere Menschen zu sehr durch die Brille "Kriminalität" wahr?

Das eigentliche Problem ist, dass niemand den Polizisten dabei hilft, das Geschehene zu deuten. Polizeibeamte nehmen ihren Dienst sehr moralisch wahr. Und wenn sie ihre Autorität nicht anerkannt sehen, wird es sehr schnell eng mit der Toleranz. Die Polizei arbeitet immer mit Ausschnitten der Gesamtgesellschaft zusammen.

Polizeigewerkschaften nennen als Grund für Entgleisungen und Gewaltexzesse oft, dass die Arbeit so schwierig sei. Das gilt für andere Berufe aber auch, nehmen sie nur Sozialarbeit, Pflege, Psychiatrie oder auch die Arbeit in einer Arbeitsagentur. Das kann also keine Entschuldigung sein.

"Das ist aber nicht so gemeint", sagen dann manche.

Doch, es ist genauso gemeint, wie es gezeigt wird. Junge Polizisten sind in der Regel relativ gut ausgebildet. Da kann man nicht einfach sagen, sie wüssten nicht, was sie tun. Diese Lust an der Überschreitung von Normen, die, glaube ich, gibt es einfach. Und dieses Phänomen macht auch vor Polizisten nicht halt.

Übrigens mehr bei Polizisten. Polizistinnen werden von diesen Überschreitungsfantasien nicht so sehr getriggert.

Wir haben über einen unabhängigen Beauftragten gesprochen, um die Kultur bei der Polizei zu verbessern. Was sollte noch getan werden?

Ich arbeite selbst in der Lehre. Nach meinen Erfahrungen werden Polizisten an den Hochschulen nach wie vor relativ formalistisch unterrichtet. Es wird sehr viel Wert auf Prozesse gelegt, darauf, wie man Dinge richtig tut. Der Bereich Ethik/Politische Bildung führt in fast allen Bildungseinrichtungen, die ich kenne, ein stiefmütterliches Dasein.

Eine grundsätzliche Ausbildungsreform kostet Zeit und Geld. Aus den Innenministerien wird uns jetzt schon signalisiert: "Für solche Dinge haben wir zwar ein Ohr, aber kein Budget." 

Das zweite ist der Praxisschock nach der Ausbildung. Die Kluft zwischen Ausbildung und Praxis ist einfach zu groß. Ich schlage vor: Lasst uns Absolventen in den ersten ein, zwei Jahren nach der Ausbildung regelmäßig an die Polizeihochschulen zurückholen. Lasst uns mit ihnen besprechen, was ihre ersten Erfahrungen sind. Genau dort hätten Vereinsamung, Frustration oder Gewaltfantasien einen Platz.

Wenn jemand sagt: 'Ich halte es nicht aus, jeden Tag mit Obdachlosen zu arbeiten', dann ist das ein schweres Thema, dann muss irgendeine Hilfe angeboten werden. Das geschieht aber nicht. Wir überlassen die jungen Leute der Praxis.

Wenn jemand zum Beispiel sagt: "Ich halte es nicht aus, jeden Tag mit Obdachlosen zu arbeiten", dann ist das ein schweres Thema, dann muss irgendeine Hilfe angeboten werden. Das geschieht aber nicht. Wir überlassen die jungen Leute der Praxis.

Auch regelmäßige Reflektionsmöglichkeiten für die Praktiker, also Supervision und Coaching, sind noch selten. Man müsste grundsätzlich darüber nachdenken, ob es nicht andere Entlastungsmöglichkeiten gibt, als sich in einer Gefahrengemeinschaft abzukapseln.

Thomas Vorreyer
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Thomas Vorreyer arbeitet seit Herbst 2020 für die Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Schwerpunkte sind Politik, Gesellschaft und investigative Recherchen. Er ist in der Börde und in Magdeburg aufgewachsen, begann anschließend ein Politikstudium in Berlin. Zuletzt hat er als Redakteur und Reporter beim Online-Magazin VICE.com gearbeitet. In Sachsen-Anhalt ist er am liebsten an Elbe, Havel oder Bode unterwegs.

Quelle: MDR/tv

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20. November 2020 | 19:00 Uhr

29 Kommentare

Lavendel vor 1 Wochen

Entschuldigung, aber NIEMAND macht hier die Polizei zum Prügelknaben der Nation. Es sollte aber jedem klar sein, dass man Probleme innerhalb der Polizei nicht dadurch löst, dass man diese totschweigt. Der bessere Ansatz ist wohl eher sie zu evaluieren, Ursachenforschung zu betreiben und ausgehend davon dann Lösungsansätze zu entwickeln.

Polizei und Justiz haben in aller erster Linie einmal mit Kriminellen Deutschen zu tun. Seltsam dass da kein Polizist zum Deutschenhasser wird, wenn er ständig mit all den Kriminellen sich nicht in unsere Gesellschaft integrierenden Deutschen zu tun hat. Wer nicht in der Lage ist mit den Schattenseiten der Gesellschaft als Polizist umzugehen ohne seine Professionalität und Neutralität zu verlieren, der ist und hat ein Problem.

Fehlverhalten darf nicht totgeschwiegen werden, eine Kultur des Schweigens muss aufgebrochen werden und selbstverständlich muss man auch Hilfsangebote, aber eben auch Möglichkeiten zur anonymen Meldung von Fehlverhalten schaffen

MDR-Team vor 1 Wochen

Dem "jungen Mann" gehen nicht die Informationen aus, sondern er bietet einen sicheren Weg an, sich uns mitzuteilen. Das ist eine durchaus gängige Recherche-Methode, die vor allem dazu dient, die Quelle zu schützen.

Magdeburg1963 vor 1 Wochen

Der Aufruf des MDR-Journalisten sich doch anonym zu melden, wenn man etwas zu der Problematik beizutragen hat, hat einen äußerst faden Beigeschmack. Auch wenn es (hoffentlich) nicht so gemeint ist, entsteht der Eindruck, dass dem guten Mann die Informationen ausgehen.

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