Fehlendes Agrarstrukturgesetz Preisexplosion: Dein Ackerland gehört jetzt mir

MDR-Redakteur Roland Jäger
Bildrechte: Philipp Bauer

Den Bauern in Sachsen-Anhalt wird das Leben derzeit besonders schwer gemacht. Vor allem kleine Bauern leiden unter horrenden Kauf- und Pachtpreisen für ihre Äcker. Für ein Stück Land, das so groß wie eineinhalb Fußballfelder ist, werden derzeit in Sachsen-Anhalt bis zu 40.000 Euro fällig. Investoren und Kapitalgesellschaften drängen weiterhin auf den Markt und kaufen gezielt Flächen auf. Die Politik schafft es bisher nicht, die Preisentwicklung zu stoppen.

Sie scharren mit ihren Krallen und picken die Körner auf, die René Thielicke auf den mit Raureif bedeckten Boden wirft. Die Hühner des Bio-Bauern sind bunt zusammengewürfelt: Verschiedene Traditionsrassen leben in einem abgezäunten Gehege zusammen. Die alten Rassen seien robuster als moderne Züchtungen, meint er. Nur achtzig Hühner und Gänse hält René Thielicke. Er ist Bio-Bauer aus Überzeugung. Ein Massenstall mit Tausenden Tieren könnte wirtschaftlich effektiver sein. Doch der Landwirt vertritt eine andere Philosophie.

Unsere Überzeugung ist, dass auch kleine, vielseitige Betriebe eine Chance haben, zu existieren, wenn die Kunden bereit sind, das mitzutragen. Echte, natürliche Landwirtschaft.

René Thielicke, Bio-Landwirt

Teure Ackerpreise erschweren Landwirtschaft

Thielicke und seine Frau sind Neu-Landwirte: Sie bewirtschaften einen neu gegründeten Hof am Stadtrand von Halle seit 2018. Nur mit viel Glück konnte der Traum vom eigenen Bio-Hof Realität werden.

Als es für René Thielicke darum ging Land zu erwerben, drohte das Projekt zu scheitern: "Uns wurden Flächen angeboten, wo die Kaufpreise bei 30.000 bis 40.000 Euro je Hektar lagen. Und die Pachtpreise im Bereich von 600 bis 800 Euro je Hektar." Diese Summen bedeuteten eine immense Verschuldung, die Thielicke nicht eingehen wollte.

In Sachsen-Anhalt haben sich die Kauf-Preise von Ackerflächen in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Andreas Tietz vom staatlichen Thünen-Institut für ländliche Räume in Braunschweig hat den landwirtschaftlichen Bodenmarkt für ganz Deutschland untersucht. Seine aktuelle Studie zeigt, dass immer mehr Investoren aus anderen Geschäftsfeldern landwirtschaftliche Flächen aufkaufen.

Die nicht-landwirtschaftlichen Käufer drängen viel stärker auf den Bodenmarkt als vor einigen Jahren – und das treibt die Preise natürlich zusätzlich.

Andreas Tietz, Thünen-Institut für ländliche Räume

Zum Teil stiegen die Kauf-Preise schlicht durch die erhöhte Konkurrenz um die Ackerflächen, erläutert Tietz. Ein weiterer Grund seien sogenannte Share Deals.

Share Deals – die Lücke im Gesetz

Share Deals treiben besonders in Ostdeutschland die Boden-Preise in die Höhe. Hier wurden nach der Wende viele ehemalige LPGen in Agar-Genossenschaften oder -GmbHs überführt. Wenn nun die Genossenschaftler ihre Anteile verkaufen – etwa weil sie in den Ruhestand gehen – ist das eine Chance für Investoren, die auf der Suche nach sicheren Anlageformen sind. Indem sie die Geschäfts- oder Genossenschaftsanteile kaufen, kaufen sie die Felder, Äcker und Grünflächen gleich mit. Bauern, die diese Flächen als Pächter bewirtschaften, müssen anschließend oft höhere Pachten an die neuen Besitzer zahlen.

Eigener Acker nur durch Glück

René Thielicke hatte die hohen finanziellen Hürden nur durch die Großzügigkeit eines anderen Landbesitzers überwinden können, erzählt er, während er die Eier seiner Hühner sammelt. Er konnte es sich nicht leisten, Flächen zu kaufen – aber immerhin fand der Neu-Landwirt schließlich ein gutes Pacht-Angebot: "Wir haben durch einen befreundeten Bio-Landwirt Flächen bekommen." Ein anderer Landwirt trat also von seinem Pachtverhältnis zurück, damit René Thielicke die Pachtflächen übernehmen konnte. "Das ist eine sehr große Geste, da sind wir sehr dankbar für."

Bauernbund: Politik muss eingreifen

Die meisten kleineren Bauern, die Land kaufen oder pachten müssen, haben weniger Glück als René Thielicke. Der konservative Deutsche Bauernbund, der viele Einzelbauern vertritt, fordert deshalb die Politik auf, zu handeln. Die Verschiebung der Flächen aus der Hand von Genossenschaftlern und Agrarbetrieben in den Besitz von Investoren sei bereits weit vorangeschritten, sagte der Präsident des Bauernbundes, Kurt-Henning Klamroth: "Wir wissen von Fällen in Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg, wo jetzt Größenordnungen von mehreren Tausend Hektar in der Hand von einigen wenigen Personen sind."

Wir sind einfach nicht mehr in der Lage, gegen fremdes Kapital ein breit gefächertes Bodeneigentum zu garantieren.

Kurt-Henning Klamroth, Präsident des Deutschen Bauernbundes

Eine zentrale Forderung des Bauernbundes ist deshalb, die Share Deals zu unterbinden. Dann könnte Bauern, die Land pachten müssen, nicht weiterhin der Acker unter dem Traktor weggekauft werden.

Welche Geschichte wir gern erzählt hätten MDR SACHSEN-ANHALT hat ursprünglich versucht, mit Bauern ins Gespräch zu kommen, die direkt von Share Deals betroffen sind: Bauern, die Land gepachtet haben, das über einen Share Deal an einen Investor verkauft wurde. Doch keiner der betroffenen Bauern, mit denen wir Kontakt hatten, wollte vor der Kamera seine persönlichen Erfahrungen schildern. Alle verwiesen darauf, auf gute Beziehungen zu den neuen Eigentümern angewiesen zu sein.

Zeitgemäßes Gesetz fehlt

Weg vom kleinen Biohof bei Halle, hinein in den Magdeburger Landtag: Immerhin einige Tiere finden sich sogar hier. Einige kleine Figuren von Schweinen, Rindern und Pferden stehen zur Dekoration im Büro der agrarpolitischen Sprecherin der Grünen.

Dorothea Frederking arbeitet gemeinsam mit Abgeordneten von SPD und CDU an einem Agrarstrukturgesetz, das die Preisexplosion bei landwirtschaftlichen Flächen stoppen soll: "Der Boden ist die Produktionsgrundlage für die landwirtschaftlichen Betriebe", sagt sie. "Wir als Politik sind dringend gefordert, hier gegenzusteuern und eine Regulierung auf den Weg zu bringen, die es zumindest ermöglicht, das außerlandwirtschaftliche Kapital zum Teil zurückzudrängen und eine gewisse Preisdämpfung zu erreichen."

Keine einfachen Lösungen

Bereits in der letzten Regierungskoalition von SPD und CDU hatte der damalige Landwirtschaftsminister Hermann Onko Aeikens (CDU) ein solches Gesetz angestrebt – und war damit gescheitert. Die jetzige Koalition arbeitet an einem Gesetzentwurf. Welche Instrumente genau genutzt werden sollen, um die Preissteigerungen zu stoppen und die Konzentration der Flächen in den Händen weniger Investoren zu verhindern, ist noch nicht bekannt.

Der agrarpolitische Sprecher der Union, Guido Heuer, sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Da gibt es mehrere Möglichkeiten, die diskutiert werden müssen. Eine Lösung muss rechtssicher sein – das heißt das Verhältnis bei natürlichen, juristischen Personen und so weiter, muss klar geregelt sein. Da sind wir in Gesprächen." Nach außen vertreten die Fraktionen eine einheitliche Position. Auch die CDU erkennt die Forderungen des Bauernbundes an.

Bauern hoffen auf normales Preisniveau

Bio-Bauer René Thielicke zeigt seine Gemüsebeete. Sie sind mit Stroh abgedeckt, darunter stecken noch seine letzten Möhren im Boden. "Die schmecken am besten, kurz bevor der Frost kommt", meint er. "Richtig saftig."

Thielicke hatte Glück. Er hat das Land, auf dem seine Beete, der Acker und das Grünland sind, zu guten Konditionen pachten können. Aus Idealismus will er auch weiterhin nur diese kleine Fläche bewirtschaften und nicht expandieren.

Bauern, die hingegen auf konventionelle Anbaumethoden setzen – also große Flächen mit großen Maschinen bewirtschaften und mehr Tiere halten – sind stärker als er darauf angewiesen, dass sich die Preisentwicklung normalisiert.

MDR-Redakteur Roland Jäger
Bildrechte: Philipp Bauer

Über den Autor Roland Jäger arbeitet seit 2015 für den Mitteldeutschen Rundfunk – zunächst als Volontär und seit 2017 als Freier Mitarbeiter im Landesfunkhaus Magdeburg. Meist bearbeitet er politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen – häufig für die TV-Redaktionen MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE und Exakt - Die Story, auch für den Hörfunk und die Online-Redaktion. Vor seiner Zeit bei MDR SACHSEN-ANHALT hat Roland Jäger bei den Radiosendern Rockland und radioSAW erste journalistische Erfahrungen gesammelt und Europäische Geschichte und Germanistik mit Schwerpunkt Medienlinguistik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg studiert.

Quelle: MDR/rj

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 27. Januar 2019 | 12:00 Uhr

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