Der Politologe Dr. Thomas Kliche von der Hochschule Magdeburg-Stendal.
Der Politikpsychologe Thomas Kliche von der Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) kann Hintergründe Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Interview Politikpsychologe Kliche: "Schülerproteste bringen Gemeinwesen voran"

Unter dem Motto "Fridays for Future" gehen seit Wochen auch in Sachsen-Anhalt Schüler am Freitag auf die Straße. Daran gibt es Kritik, etwa, wenn die Jugendlichen deshalb den Unterricht schwänzen. Aber wie ist dieser Protest der Schüler gesellschaftspolitisch zu bewerten? MDR SACHSEN-ANHALT hat dazu mit dem Politikpsychologen Thomas Kliche von der Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) gesprochen.

Der Politologe Dr. Thomas Kliche von der Hochschule Magdeburg-Stendal.
Der Politikpsychologe Thomas Kliche von der Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) kann Hintergründe Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Kliche, was ist von den Schülerdemonstrationen zu halten?

Thomas Kliche: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Aber: Bevor die Schwalben kommen, kommt der Sommer nicht. Das heißt, was wir hier vor uns haben, ist etwas qualitativ Neues. Dass nämlich junge Leute wirklich ganz laut sagen, was mit Händen zu greifen ist: 'Ihr alten Säcke macht uns die Welt kaputt und denkt doch mal darüber nach, ob ihr das verantworten könnt. Wir sind auch bereit, Regeln zu brechen, wenn ihr unsere Interessen nicht vernünftig berücksichtigt.' Und das ist etwas, was eine Grunderfahrung dieser Generation zu sein scheint: Diese jungen Menschen sind die letzten zehn Jahre aufgewachsen mit gesellschaftlichem Nichtstun, politischem Versagen bei den Klimazielen und gleichzeitig jeden Tag irgendeiner Nachricht über Umweltkatastrophen, die wir in der Zukunft ausbaden können. Wir haben also diese Plastikstrudel in den Weltmeeren, die inzwischen größer als Europa sind, und niemand tut etwas dagegen. Und diese Grunderfahrung bringt offenbar diese Menschen auf neue Ideen.

"Fridays for Future" Nach den Zeugnissen zur Klima-Demo

Schüler demonstrieren auf dem Domplatz in Magdeburg
Unter dem Motto "Fridays For Future" sind wieder mehrere Hundert Schüler und Studenten für mehr Klimaschutz in Sachsen-Anhalt auf die Straße gegangen. Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich
Schüler demonstrieren auf dem Domplatz in Magdeburg
Unter dem Motto "Fridays For Future" sind wieder mehrere Hundert Schüler und Studenten für mehr Klimaschutz in Sachsen-Anhalt auf die Straße gegangen. Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich
Fridays For Future - Demo in Halle
Sie demonstrierten in Halle, Dessau-Roßlau, Wernigerode und Magdeburg. Bildrechte: MDR/Stefan Bringezu
Schüler und verkleideter Eisbär demonstrieren mit Schildern vor Magdeburger Landtag
In der Landeshauptstadt gingen rund 200 Schüler und Studenten nach der Ausgabe der Zeugnisse auf die Straße. Ihre Protestroute zog sich vom Domplatz über den Hasselbachplatz bis zur Otto-von-Guericke-Straße. Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich
Fridays For Future - Demo in Halle
In Halle wurden rund 100 Demonstranten gezählt. Unter ihnen auch eine Schulklasse aus Eisleben, die sich ebenfalls nach der Zeugnisausgabe auf den Weg gemacht hatte. Bildrechte: MDR/Stefan Bringezu
Ein Zeugnisblatt
Apropos Zeugnisse: Auch Bildungsminister Marco Tullner erhielt am Freitag eins – ausgestellt von "Mutter Natur". Das Ergebnis: mangelhaft in den meisten Fächern.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 08. Februar 2019 | 14:00 Uhr

Quelle: MDR/agz
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Was wäre nun, wenn die Jungen und Mädchen für etwas anderes demonstrieren würden? Das ist auch ein Argument von Bildungsminister Tullner. Er meint, es gebe auch Themen, die mit weniger Wohlwollen begleitet würden und dennoch wichtig sind. Was denken Sie, Herr Kliche, wie würde dann der Widerhall ausfallen?

Na, den haben wir doch. Der heißt Pegida. Das ist jetzt kein Jugendprotest, aber das ist öffentliche Stellungnahme mit regelmäßigen, relativ kleinen Demonstrationen für eine außerordentlich unappetitliche Sache. Und auch da ist der Widerhall ja sehr widersprüchlich. Und die Fragen, die uns solche Bewegungen stellen, sind welche, die uns dazu bringen, Stellung zu nehmen, die unsere Routinen durchbrechen, die unsere Bequemlichkeit aufbrechen. Und das ist etwas Verdienstvolles, weil in der ein oder anderen Weise bringt es unser Gemeinwesen voran, unsere Demokratie.

Überblicken die Kinder und Jugendlichen eigentlich die Dimension dessen, was sie da fordern? Streng genommen müssten ja dann zum Beispiel alle ihre Handys abgeben, deren Bestandteile teilweise unter fragwürdigen Bedingungen produziert werden. Dann lassen sich viele von ihren Eltern im dicken Diesel zur Schule fahren, vom Skiurlaub mal ganz zu schweigen, wo ganze Hänge abgeholzt werden, damit die Pisten immer besser werden. Das alles ist doch auch Klimapolitik – so werfen es ihnen vor allem Ältere vor. Tut man den Jungen da Unrecht?

Ja, so ist das – moralisch widersprüchlich. Und wir reden jetzt von etwas völlig Neuem. Gerade deshalb sind diese Demonstrationen der Jugendlichen ja so wichtig. Wir reden von Bedingungen für Teilen und von Bedingungen für Verzicht. Und das ist eine Frage, die sich den Jungen viel mehr stellen wird als den Älteren. Denn wenn die Älteren alles ratzefatz weggefressen und kaputtgemacht haben, dann werden die Jungen zwangsweise teilen und verzichten müssen. Deshalb ist es auch in Ordnung, dass man ihnen diese Frage stellt. Aber sie werden natürlich sagen: 'Freunde, wir haben längst damit angefangen. Wo sind denn die Vegetarier, wo sind denn die Veganen? Das sind doch die Jungen. Also: Wir stellen unseren Lebensstil um. Und es gibt bei uns auch die, die hinterherhinken und zum dritten Mal nach Malle fliegen und sich die Birne wegsaufen müssen. Aber es gibt auch die, die einsichtig sind. Und für unsere Generation ist es so offen wie für eure. Aber wir müssen eine Auseinandersetzung über moralische Politik in Gang bringen, sonst ist unsere Zukunft gefährdet.'

Die Fragen stellte Norma Düsekow.

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Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 08. Februar 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Februar 2019, 18:31 Uhr

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30 Kommentare

11.02.2019 08:17 Ichich 30

Hey, wieder der Lieblingsexperte des mdr, Kliche, der via mdr auch schon über "internationale Finanströme" informieren wollte. Jetzt ist er auch Experte für Klimawandel. Vielleicht fragt man beim mdr mal den Westdeutschen Kliche, wie die Schüler in den 80er Jahren mit Demonstration gegen "Waldsterben" und "Ozonlöcher" instrumentalisiert wurden.

10.02.2019 15:48 Sonja 29

@ 2 8 nicht mansche Politiker sondern die gesamte Regierung benötigen das.

10.02.2019 11:39 Komischer Beruf 28

Ich kann ja verstehen, dass mancher Politiker bisweilen
einen Psychologen benötigt,
aber eine Person, die beides
auf sich vereinigt, dürfte schon
an Schizophrenie leiden und
selbst therapiebedürftig sein.