Junge Menschen mit Plakaten in den Händen auf einer Demo.
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Streiks statt Schule "Fridays for Future": Schulpflicht versus Klimaschutz

Unter dem Motto "Fridays for Future" streiken auch Sachsen-Anhalts Schüler für den Klimaschutz und fehlen deshalb unentschuldigt im Unterricht. Viele Erwachsene finden ihr politisches Engagement toll – doch es gibt auch Gegenwind.

Daniel George
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von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Junge Menschen mit Plakaten in den Händen auf einer Demo.
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Große Pause an der Integrierten Gesamtschule "Am Steintor" in Halle: Über den Schulhof rennen mehrere Dutzend kleine Mädchen und Jungs. Sie spielen Fangen, sie lachen, sie necken sich – offensichtlich ganz ohne Zukunftssorgen im Kopf. Wie Kinder eben. Einfach frei.

Doch drei ältere Schüler sitzen am Rand und machen sich sehr wohl Sorgen – sehr große sogar. Denn sie wollen auch künftig in einer Welt leben, in der Kinder unbeschwert spielen können. Sie wollen, dass es ihrer Erde gut geht. Deshalb streiken sie für den Klimaschutz – so wie mittlerweile tausende Schüler im ganzen Land. Unter dem Motto "Fridays for Future" demonstieren sie jeden Freitag, anstatt zur Schule zu gehen.

"Wir haben große Ziele, also müssen wir auch große Zeichen setzen, damit die Politiker merken, dass uns das Thema wirklich wichtig ist", sagt Peter von Lampe, 18 Jahre alt, Schüler der IGS und einer der Organisatoren der Aktionen in Halle. Seine zwei Mitstreiter, ein Junge und ein Mädchen etwa im gleichen Alter, nicken – doch namentlich genannt werden wollen sie lieber nicht. Denn wer als Schüler für den Klimaschutz streikt, der muss sich in Sachsen-Anhalt auf reichlich Gegenwind einstellen.

Probe für das Bildungswesen

Junge Menschen engagieren sich politisch – das finden grundsätzlich fast alle Erwachsenen erst einmal ganz toll. Doch die Demonstrationen haben auch heftige Reaktionen ausgelöst. Denn die Schüler streiken in der Schulzeit und fehlen unentschuldigt im Unterricht.

Peter von Lampe, Initiator der Klimademo Fridays for Future in Halle
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Wichtig ist, dass wir auf die Straßen gehen und Großes fordern. Denn wenn wir Großes fordern, entsteht vielleicht wenigstens etwas Kleines.

Peter von Lampe, Organisator von "Fridays For Future" aus Halle

"Mit den negativen Sachen beschäftigen wir uns gar nicht so sehr, die positiven Rückmeldungen sind viel schöner und bringen uns mehr", sagt das Mädchen aus Halle zwar. Doch der Junge neben ihr erzählt: "Unsere Biologielehrerin hat heute im Unterricht eine Frage gestellt, auf die keiner eine Antwort wusste oder sich zumindest keiner gemeldet hat. Dann hat sie auch so eine Bemerkung in unsere Richtung gemacht nach dem Motto: Freitags für den Klimaschutz auf die Straße gehen, aber keine Ahnung davon haben."

Es sind kleine Spitzen wie diese, die verdeutlichen, auf welche Probe Sachsen-Anhalts Bildungswesen gerade gestellt wird: Politisches Engagement von Schülern auf der einen und Schulpflicht auf der anderen Seite. "Natürlich gibt es diese Pflicht", sagt Peter von Lampe, "aber es gibt auch die Pflicht, uns zu mündigen Bürgern zu erziehen. Und für den Klimaschutz nehmen wir unentschuldigte Fehltage auf dem Zeugnis in Kauf."

WhatsApp-Gruppen: "Wahnsinn, was da abgeht!"

Etwa 400 Schüler in Halle und 350 in Magdeburg haben bei zwei Demonstrationen bislang für ihre Ziele gestreikt. Sie wollen den Kohleausstieg und sie wollen, dass sich Deutschland stärker einsetzt gegen das Aufheizen der Erde. Sie wollen schlicht die Einhaltung des Pariser Klimaschutzabkommens. "Es geht auch um weitere Themen wie zum Beispiel die Verkehrswende oder ein staatliches Tierschutzlabel", sagt Peter von Lampe, dessen Vorbild aus Schweden stammt: Die 16 Jahre alte Greta Thunberg streikt seit August vergangenen Jahres jeden Freitag für den Klimaschutz und gilt als Vorreiterin für die neue Generation von Polit-Aktivisten.

Urs Liebau
Bildrechte: Liebau

Ich kann versichern, dass den Schülern und Studenten der Klimaschutz wirklich am Herzen liegt. Sie machen das alles nicht nur, weil es gerade cool ist.

Urs Liebau, Organisator von "Fridays For Future" aus Magdeburg

Auch an diesem Freitag wird es in Sachsen-Anhalt wieder Demonstrationen geben – diesmal neben Halle und Magdeburg auch in Dessau-Roßlau. Über WhatsApp organisieren sich die Jugendlichen schnell und unkompliziert. "Wahnsinn, was da abgeht! Die Gruppen platzen mittlerweile aus allen Nähten, die Gruppen haben rein technisch ja immer nur eine Kapazität von 250 Mitgliedern, deswegen entstehen immer mehr", verrät Urs Liebau. Der 24 Jahre alte Student gehört zu den Organisatoren der Magdeburger Demonstrationen. Die Forderung von Politik und Schulwesen, außerhalb der Schulzeit zu demonstrieren, versteht er teilweise: "Wir wollen nicht, dass Schüler, die gerne dabei wären, in Gewissenskonflikte geraten. Deshalb haben wir die Demo an diesem Freitag ja auch auf 12.30 Uhr gelegt, etwas nach hinten also. Da werden die meisten mit ihren Zeugnisausgaben schon fertig sein."

Liebau stellt klar: "Wir wollen nicht, dass das Thema unter der Überschrift 'Schule versus Klimaschutz' läuft. Das wäre falsch. Wir müssen beide Seiten an einen Tisch bekommen und nicht gegeneinander arbeiten. Aber mit den Demos während der Schulzeit erhalten wir nun einmal die größte Aufmerksamkeit. Und ich kann versichern, dass den Schülern und Studenten der Klimaschutz wirklich am Herzen liegt. Sie machen das alles nicht nur, weil es gerade cool ist. Sie wollen sich Gehör verschaffen, weil das Thema sie berührt."

Wie ernst ist es den Schülern?

Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner bezweifelt die Ernsthaftigkeit der Schüler allerdings. "Heute ist es der Klimaschutz, morgen die Angst vor dem Wolf, übermorgen der Weltfrieden", sagte Tullner nach der Demonstration in Magdeburg. Nun legte er nach: "Ich bin mal gespannt, ob sich die Marktplätze auch in der kommenden Winterferienwoche mit engagierten Schülern und Lehrern füllen, die für Klimaschutz sind. Wenn nächste Woche der eine oder andere Schüler darauf verzichtet, mit einem großen CO2-Ausstoß in die Alpen zu düsen und Ski zu fahren und stattdessen sich für den Klimawandel einsetzt, wäre das ein tolles Zeichen." Die Organisatoren aus Halle und Magdeburg haben jedoch bereits angekündigt, aufgrund der Ferien in der kommenden Woche auf eine große Demonstration verzichten zu wollen.

Marco Tullner
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Ich bin mal gespannt, ob sich die Marktplätze auch in der kommenden Winterferienwoche mit engagierten Schülern und Lehrern füllen, die für Klimaschutz sind.

Bildungsminister Marco Tullner über Aktionen in den Ferien

Die Schüler wissen, dass sie nicht perfekt sind. Manche besitzen die neuesten Handys, fahren zum Teil schon mit Autos, tragen Kleidung, die alles andere als Fairtrade ist. "Gerade junge Menschen können ja noch gar nicht perfekt sein oder alles einhalten, wir lernen noch", sagt Peter von Lampe. Aber: "Das sind ja genau die Dinge, für die wir uns einsetzen. Dass das Autofahren teurer wird, dass der Öffentliche Nahverkehr kostenfrei wird zum Beispiel." Wichtig sei aktuell, dass "wir einfach auf die Straße gehen und viel fordern. Denn wenn wir viel fordern, entsteht vielleicht wenigstens etwas Kleines. Darüber hinaus hinterfragen sich die Jugendlichen dann auch selbst, kaufen sich vielleicht doch lieber eine Mehrweg- anstatt einer Plastikflasche. Das ist ein längerfristiger Prozess."

Geldbußen fürs Schwänzen möglich

Doch wie geht es jetzt weiter in den Schulen? Bereits Ende Januar sorgte ein Schreiben von Eva Feußner, Staatsekretärin im Bildungsministerium, für Aufregung. In dem Papier, das MDR SACHSEN-ANHALT vorliegt, heißt es unter anderem: "Jede Schule meldet Demonstrationen von Schülerinnen und Schülern während der Unterrichtszeit unverzüglich an das Landesschulamt." Weiter heißt es: "Auch die elterliche Gestattung […] entbindet […] nicht" von der Schulpflicht. Im Falle von Schulpflichtverletzungen könne es "geboten und notwendig sein", mit Geldbußen und "Zwangsgeldverfahren gegen Erziehungsberechtigte" zu reagieren. Bislang blieb es nach Recherchen von MDR SACHSEN-ANHALT jedoch bei unentschuldigten Fehlstunden.

"Ich habe das Gefühl, dass die demonstrierenden Schüler sich der drohenden Sanktionen sehr wohl bewusst sind", sagt Niklas Steinhoff, Vorsitzender des Landesschülerrates. "Dass sie dennoch protestieren verdeutlicht aber eigentlich, wie wichtig ihnen das Thema ist." Viele Schüler seien jedoch von eventuellen Erziehungsmaßnahmen in Folge des Fernbleibens vom Unterricht abgeschreckt. "Ich könnte mir vorstellen, dass die Bewegung noch größer wäre, hätten viele die Möglichkeit, ohne Verweise daran teilzunehmen."

Drei Meldungen von drei Magdeburger Schulen seien bislang eingegangen, erklärte Stefan Thurmann, Pressesprecher des Bildungsministeriums, auf Anfrage. Wie viele Schüler unentschuldigt gefehlt hätten, könne jedoch nicht beziffert werden. Die Schulen hätten lediglich gemeldet, dass und nicht wie viele Schüler gestreikt haben. Thurmann sagte: "Wir wollen durch die Meldungen einfach einen Überblick erhalten, wie breitgefächert die Teilnehmer sind. Wir stehen in Sachsen-Anhalt ja noch ganz am Anfang der Debatte." Zu möglichen Geldbußen sagte er: "Die Schulpflicht ist ein Gesetz, daran muss man sich halten. Aber es wird niemand direkt zum Ordnungsamt rennen. Wir beobachten das Ganze erst einmal mit einer gewissen Gelassenheit."

Schulleiter kritisiert Verständnis für Streiks

Für die Zukunft müssen jedoch Lösungen her – und dazu ein Dialog zwischen den Organisatoren und den Verantwortlichen des Bildungswesens. Wünschenswert sei eine Verlegung der Streiks auf den Nachmittag, sagt Reimund Märkisch, Schulleiter des Norbertusgymnasiums Magdeburg. Einige seiner Schüler nahmen an der ersten Demonstration teil. "Das Recht zu demonstrieren, die Demokratie, haben wir ja früher selber auf den Straßen erstreikt", sagt er. "Dass sich Jugendliche jetzt wieder mehr mit politischen Themen auseinandersetzen, ist nur zu unterstützen." Aber: "Wenn es so wie bei der schwedischen Schülerin wäre, dann hätte das zur Folge, dass du als Schüler vielleicht so viele unentschuldigte Fehlstunden hast, dass du in einem Fach nicht benotet werden kannst und nicht versetzt wirst."

Dietrich Lührs ist Schulleiter des Domgymnasiums in Magdeburg. Auch Schüler seiner Schule waren bei der Demonstration dabei. "Ich habe sie nicht freigestellt. Es wurden unentschuldigte Fehlstunden eingetragen", sagt Lührs. "Mich überrascht die Akzeptanz der Streiks in der Öffentlichkeit, dass das so toll gefunden wird", so der Schulleiter. "Wir müssen uns alle an Regeln halten. Das muss alles nicht während der Schulzeit sein. Außerdem sollte man bei sich selbst anfangen. Ich bin sofort dabei, wenn die Schüler sagen, wir können das Schulgebäude um ein, zwei Grad runterheizen. Das kam bislang aber noch nicht." Doch auch Lührs ist offen für Kompromisse. Denkbar seien vereinzelte Projekttage, etwa zur Zeit der Demonstrationen, sagt Lührs. "Dann erwarte ich von Gymnasiasten aber, dass da etwas intellektuell Anspruchsvolleres entsteht, als der Ausruf: 'Wer nicht hüpft, der ist für Kohle.'"

Doch vorerst hüpfen Peter von Lampe und seine Mitstreiter weiter. Sie basteln Plakate und halten Reden, malen mit Kreide auf die Straßen. Genau wie in Magdeburg und Dessau, mit Unterstützung von Schülern aus anderen Städten. Sie alle verstehen sich als Teil eines großen Ganzen, dem Kampf für den Klimaschutz. "Dass wir viel Gegenwind bekommen, zeigt doch nur, dass etwas passiert, dass wir auf dem richtigen Weg für Veränderungen sind", sagt Peter von Lampen. Die große Pause neigt sich dem Ende entgegen. Und er sagt dann noch: "Wenn wir uns für gar nichts einsetzen würden, würde es doch einfach so weitergehen." Und das – da sind sich die Schüler einig – darf es nicht.

Daniel George
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Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung als Sportredakteur und berichtete hauptsächlich über die besten Fußballklubs Sachsen-Anhalts: den 1. FC Magdeburg und den Halleschen FC.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 07. Februar 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Februar 2019, 20:52 Uhr

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70 Kommentare

10.02.2019 19:44 Fakt 70

@Dieter, #69:

Auch Ihre 1000 US-Wissenschaftler sind eine Minderheit. Aber gut, die 1000 - und Sie natürlich - sind schlauer als das Gros der Wissenschaftler. Da es nicht lohnt, sich mit den Leugnern abzugeben noch ein Tipp: Google hilft - obwohl man auch dort auf unseriöse Seiten irgendwelcher Verschwörungstheoretiker trifft.

10.02.2019 18:27 Dieter 69

Fakt 65.
Erstmal geht es nicht um Mehrheiten, sondern um Wahrheiten- die Wissenschaftsgeschichte gehen viele Fälle, in denen die Wahrheiten nicht von Mehrheiten vertreten wurden.
Auch die Aussage, dass die Mehrheit der Wissenschaftler die CO2 Variante vertritt, ist fragwürdig. Es gibt in den USA 1000 Wissenschaftler, die diese ablehnen bzw. für falsche halten. Wer Karriere machen will, kann sich kaum gegen diese CO2 Klimavariante äußern.

10.02.2019 17:57 Paule 68

Wir waren doch alle mal in dem Alter, wo Geikel vor Schule ging

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