Pfleger im Krankenhaus
Ein Pfleger im Krankenhaus bei der Arbeit. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gesundheitswesen in Sachsen-Anhalt Die Problem-Spirale in der Pflege: Geld, Bürokratie, Personalmangel

Sachsen-Anhalts Bevölkerung wird älter. Da ist es wichtig, genügend Pflegekräfte zu haben – zum Beispiel in Krankenhäusern, aber auch in Seniorenheimen. Doch in der Branche herrscht Fachkräftemangel. Und das ist in vielen Bereichen ein echtes Problem. Für die Patienten und deren Versorgungsicherheit, aber auch für überlastetes Pflegepersonal, dessen Situation den Beruf für Nachwuchs nicht sonderlich attraktiv macht. Der letzte Teil unserer Wochenserie zum Personalmangel im Gesundheitswesen.

MDR-Redakteur Falko Wittig
Bildrechte: MDR/Martin Paul

von Falko Wittig, MDR SACHSEN-ANHALT

Pfleger im Krankenhaus
Ein Pfleger im Krankenhaus bei der Arbeit. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

20 Jahre lang hat der Hallenser Matthias Lummerzheim als Pfleger im Krankenhaus gearbeitet. Zwei Drittel seines Berufslebens, seit 1989. Vor zehn Jahren hatte er dann genug davon. Heute ist Lummerzheim Teamleiter bei einem ambulanten Intensiv-Pflegedienst. Der 49-Jährige hat eine Nachtschicht vor sich, als wir miteinander sprechen. Zwölf Stunden kümmert er sich um einen Dauerpatienten, der auf Pflege rund um die Uhr angewiesen ist. Dazu kommt noch eine Stunde für die 50 Kilometer Anfahrt zur Arbeit im Raum Querfurt, am Morgen geht es dann eine Stunde zurück nach Halle. Ins Krankenhaus mit seinen achteinhalb-Stunden-Schichten möchte Lummerzheim aber nicht zurück. "Zu stressig", winkt er ab. Der Pfleger engagiert sich im DBfK, dem Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe.

Auf sechs Patienten kommt eine Pflegerin

Krankenschwestern bei einem Patienten auf einer Intensivstation
Krankenschwestern bei der Arbeit auf einer Intensivstation. Bildrechte: imago/Rainer Weisflog

2017 arbeiteten in Sachsen-Anhalt rund 39.000 Menschen in der Pflege, wie aus einer aktuellen Studie der Nord/LB zum Fachkräftemangel in diesem Bereich hervorgeht. Zwei Drittel davon arbeiten bei ambulanten oder stationären Pflegediensten, knapp 30 Prozent in Krankenhäusern. Entgegen dem bundesweiten Trend ist die Zahl der Pflegekräfte in Sachsen-Anhalt von 2005 bis 2017 gesunken – um rund zwei Prozent. Zugleich geht aus den Daten hervor, dass eine Vollzeitkraft in der Pflege 2017 etwas weniger Patienten betreuen musste als 2005. Statt 6,3 sind es statistisch nun 5,9 Patienten. In der Studie der NordLB schreibt Autor Eberhard Brezski, "dass die Pflegebelastung unterschiedlich beurteilt werden kann und im Untersuchungszeitraum zumindest keine signifikante Verbesserung erfahren hat." Rund 110.000 Sachsen-Anhalter sind pflegebedürftig. In knapp der Hälfte der Fälle übernehmen Angehörige die Betreuung, doch in der Mehrzahl der Fälle müssen Profis wie Matthias Lummerzheim ran.

Zu wenig Pflegefachkräfte

Die Studie der Nord/LB zeigt einen Fachkräftemangel in Sachsen-Anhalt auf. Demnach waren 2018 durchschnittlich 11.100 Pflegekräfte arbeitslos gemeldet. Zugleich gab es 15.700 offene Stellen. Diese konnten aber von vielen arbeitslosen Pflegekräften nicht besetzt werden. Denn oft standen nur Pflegehelfer zur Verfügung, gesucht wurden aber Fachkräfte. Auch bei Altenpflegern gab es zwar ausreichend Helfer, aber unzureichend Fachkräfte. Der Anteil der Leiharbeit in der Kranken- und Altenpflege hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen: In der Krankenpflege von 12.000 in 2014 auf 22.000 in 2018, in der Altenpflege von 8.000 auf 12.000 Beschäftigte. In der Studie heißt es: "Dahinter steht der Aspekt, dass Leiharbeitsunternehmen häufig mit überdurchschnittlichen Löhnen, Mitbestimmungsrechten bei Dienstplänen und bezahlten Überstunden werben."

Pflegepersonal häufiger krank

Dazu kommt Personalmangel durch Krankheit. Kranken- und Altenpfleger sind besonders häufig krank, wie Daten der Krankenkassen AOK, Barmer und TK belegen. So heißt es im AOK-Fehlzeitenreport 2019:

Einige der Berufsgruppen mit hohen Krankenständen, wie Altenpfleger, sind auch in besonders hohem Maße psychischen Arbeitsbelastungen ausgesetzt.

AOK-Fehlzeitenreport 2019
Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zur Vorlage für den Arbeitgeber liegt auf einer Versichertenkarte.
Pflegekräfte sind besonders häufig arbeitsunfähig. Bildrechte: dpa

Dem Gesundheitsreport der BARMER für 2019 ist zu entnehmen, dass im Vorjahr deutschlandweit Fachkrankenpfleger und Altenpfleger insgesamt rund einen Monat im Jahr arbeitsunfähig waren. Damit spielen sie statistisch in einer Liga mit Postzustellerinnen, Berufskraftfahrern und Wachschützern. Das durchschnittliche BARMER-Mitglied war dagegen im Laufe des Jahres nur 18 Tage krank, in Sachsen-Anhalt allerdings 22 Tage. Jeder zwölfte Altenpfleger und jeder 13. Fachkrankenpfleger ist statistisch in Deutschland im Krankenstand. Ein etwas besseres Bild zeigen die Daten der Techniker Krankenkasse über ihre Krankenversicherten in Sachsen-Anhalt. Doch auch dort waren Berufstätige in Pflegeberufen mit insgesamt 24 Tagen im vergangenen Jahr deutlich häufiger krank als der durchschnittliche Sachsen-Anhalter mit 19, wie aus dem Länderreport 2019 "Pflegefall Pflegebranche?" hervorgeht. 

Arbeitsbelastung durch Pflegepersonalmangel

Vom DBfK heißt es in einer Stellungnahme auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT, Hauptursachen für Mangel an Arbeitskräften sei "die Arbeitsbelastung, die wiederum hauptsächlich aus dem eklatanten Pflegepersonalmangel resultiert". Zudem sei das Image des Pflegeberufs hinderlich, dazu komme die Bezahlung, die gemessen an der Verantwortung, vergleichsweise schlecht sei.

So gibt es vergleichsweise viele Pflegende, die erst kurz im Berufsleben stehen und bereits nach kurzer Zeit wieder das Handtuch werfen. Pflegefachpersonen leiden vor allem unter dem enormen Zeitdruck und den belastenden Arbeitsbedingungen, die durch die hohe Zahl der pflegebedürftigen Personen bedingt ist, die eine einzelne Pflegefachperson zu versorgen hat. Wir müssen versuchen, die Menschen durch bessere Arbeits- und Rahmenbedingungen im Beruf zu halten. Ein sehr großer Anteil der Fachkräfte flüchtet leider aufgrund der Arbeitsbelastungen auch in Teilzeit.

Stellungnahme DBfK

Berufsverband sieht Versorgungsengpässe im ländlichen Raum

Besonders groß seien die Probleme im ländlichen Raum, hier komme es mit mitunter zu "großen Versorgungsengpässen". Der DBfK warnt davor, die Fachkraftquoten zu senken. "Damit sinkt nicht nur das Ansehen des Berufsbilds sondern auch die Qualität der pflegerischen Versorgung. Aus unserer Sicht lässt sich der Fachpersonenmangel nur durch eine deutliche Verbesserung der Attraktivität des Pflegeberufs beheben.“

Beschäftige flüchten vor Arbeitsdruck in die Teilzeit

Auch bei der Gewerkschaft Ver.di sind die Zustände in der Pflege ein Dauerthema. Landesbezirksfachbereichsleiter Bernd Becker spricht von einem "Riesendruck" auf Pflegepersonal und Medizinisch-technische Assistenten. Seit 2000 gebe es eine Fallpauschale pro Krankenhaus-Patient. "Das führt dazu, dass ganz viele in Teilzeit gegangen und aus dem Beruf ausgestiegen sind." Auch Azubis würden oft das Handtuch werden. "Rollender Dienst" – also etwa der Wechsel im Drei-Schichten-System vom Früh- über den Spät- zum Nachtdienst – sowie das "Holen aus dem Frei" seien unbeliebt. Becker zu MDR SACHSEN-ANHALT: "Man muss den Beruf wieder attraktiver machen."

AMEOS-Konzern in der Kritik

Die Ameos-Klinik von außen
Klinik des AMEOS-Konzerns. Bildrechte: MDR/Mario Köhne

Becker verweist darauf, dass Tarifverträge fast überall nur noch als Haustarifverträge abgeschlossen werden. Deren Vergütungen seien um etwa zehn Prozent schlechter als die Konditionen des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst (TVÖD). Größtes Sorgenkind sei in Sachsen-Anhalt der AMEOS-Konzern, wo es keine Tarifverträge gebe. Becker spricht von einer "Strategie, Tarifverträge zu verhindern." Stammpersonal werde durch den Konzern verringert, um dann Arbeitskräfte aus einer eigenen Gesellschaft auszuleihen. Auch die Ärztegewerkschaft Marburger Bund ist auf AMEOS schlecht zu sprechen.

Der DBfK fordert deutlich höhere Löhne in der Branche. Nach wie vor seien die Lohnunterschiede vom Osten zum Westen gravierend – von 30 Prozent Gehaltsunterschied in der Altenpflege ist die Rede. "Bei einem angemessenen Gehalt, das dem Verantwortungsbereich einer Pflegefachperson gerecht wird, würden sich mehr Menschen für den Pflegeberuf entscheiden, die Arbeit ließe sich besser auf mehrere Köpfe verteilen, der Arbeitsdruck wäre niedriger und der Pflegeberuf wäre insgesamt attraktiver." Der Berufsverband macht sich dafür stark, eine Pflegekammer einzurichten, um berufliche Standards umzusetzen und die pflegerische Versorgung sicherzustellen.

Rettungsanker Leiharbeiter und Antrittsprämien

Durch den Fachkräftemangel sind viele Krankenhäuser auf Leiharbeiter angewiesen. Doch die sind mittlerweile richtig teuer geworden, weil der Arbeitsmarkt auch in Sachsen-Anhalt so leergefegt ist. Für junge Pflegekräfte sei eine Tätigkeit als Leiharbeiter durchaus attraktiv, sagte Ver.di-Gewerkschafter Bernd Becker. Denn sie würden oft besser bezahlt als die Stammbelegschaft. Manche Krankenhäuser locken Pflegefachkräfte offensiv mit hohen Prämien an. Bei Asklepios in Weißenfels werden Neulingen für einen 18-Monats-Vertrag 10.000 Euro "Starterprämie" geboten, zuzüglich Wunschdienstplan. Bei MEDIAN in Magdeburg gibt es 5.000 Euro Antrittsprämie.        

Die Studie der Nord/LB nennt verschiedene Lösungsansätze, um den Mangel an Pflegekräften zu beheben: So sollen Helfer zur Fachkraft weiterqualifiziert werden und Teilzeitkräfte wieder stärker in Vollzeit arbeiten. Ferner sollen Arbeitskräfte aus dem In- und Ausland angelockt werden. Arbeitsabläufe und Dienstpläne müssten effizienter und verlässlicher werden, zum Beispiel durch Digitalisierung. Zudem müsse die Bezahlung besser werden und sich etwas beim betrieblichen Gesundheitsmanagement tun.

Ausländische Arbeitskräfte als Potential

Vor allem das Ausland bietet laut Studie der Nord/LB Potential für neues Personal.

Der Gewinnung von ausländischen Fachkräften wird – vor allem mit Blick auf die Altenpflege – das größte Potenzial zugesprochen. Schließlich waren 2018 bereits 11% der Altenpfleger aus dem Ausland. Aber auch für die Akquise von Krankenpflegekräften werden ausländische Arbeitsmärkte zunehmend attraktiver. Trotz aller sprachlicher und bürokratischer Hürden stellen ausländische Fachkräfte perspektivisch die erfolgsversprechende Quelle der Fachkräftegewinnung dar.

Nord/LB-Studie Fachkräftemangel Pflege

Dagegen sagt Ver.di-Fachbereichsleiter Bernd Becker: "Ausländische Kollegen werden das Problem nicht lösen." Die Nord/LB-Studie kommt zum Ergebnis, dass sich der Fachkräftemangel vor allem in der Altenpflege wohl noch verschärfen wird. Zur Lösung der Probleme sei "ein abgestimmtes Maßnahmenset nötig, dass den unterschiedlichen Handlungsfeldern Rechnung trägt."

Kritik an unzureichenden Investitionen in Krankenhäuser

Zwei Pfleger schieben eine Patientin in ihrem Krankenhausbett
Zwei Pfleger schieben eine Patientin in ihrem Krankenhausbett. Bildrechte: Fotostelle UKH

Sowohl von Ver.di als auch vom Marburger Bund wird kritisiert, dass das Land Sachsen-Anhalt unzureichend in die Krankenhäuser investiert. "Wenn Daseinsvorsorge gefährdet ist, dann gibt es komischerweise keinen Aufschrei", kritisiert Becker. Er fordert eine Personaluntergrenze in den Krankenhäusern. Länder wie Sachsen-Anhalt müssten zudem ihrer Investitionsverpflichtung nachkommen. Das Pflegestärkungsgesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), womit nun das Personal am Bett aus der Fallpauschale herausgenommen wird, gehe in die richtige Richtung. Außerdem braucht es aus Sicht des Ver.di-Mannes ein Konzept für Standorte im ländlichen Raum, die nicht so schwere Fälle hätten und damit bei Behandlungen jeweils mit weniger Fallpauschalen-Geld auskommen müssten.

Fallpauschale und Pflegebudget

Die Fallpauschale bildet die Grundlage der Vergütung von Leistungen für einen stationären Behandlungsfall im deutschen Gesundheitssystem. Anhand eines Katalogs ist für jede Krankheit festgelegt, wieviel Geld das Krankenhaus für die Behandlung eines Falls von den Krankenkassen bekommt. Die Pauschalen zur Kostenerstattung sind das Ergebnis eines Mittelwerts, der anhand der Verweildauer bei einer Erkrankung in den verschiedenen Kliniken berechnet wird. Egal ob der Patient dann länger in der Klinik bleibt oder es zu Komplikationen kommt – die Fallpauschale bleibt gleich und kann nur in besonderen Fällen durch zusätzliche Gelder ergänz werden. So gibt es einem Bericht der Volksstimme zufolge für eine Hüft-OP 6.700 Euro. Ab 2020 bekommen die Krankenhäuser neben der Fallpauschale ein zweckgebundenes Pflegebudget, um ihre Personalkosten zu decken.

Auch die Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt hält die Finanzierung von Investitionen durch das Land für unzureichend. Geschäftsführer Gösta Heelemann verweist auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT darauf, dass 2017 fast jedes dritte Krankenhaus in Deutschland Verluste geschrieben habe. "Zwar liegen uns für Sachsen-Anhalt keine konkreten Erkenntnisse vor, aber der Insolvenzantrag des Klinikums Burgenlandkreis zeigt doch, dass das in Sachsen-Anhalt nicht anders ist." Der Investitionsstau belaufe sich ohne Uniklinika auf 1,5 Milliarden Euro. Die bevorstehende Ausgliederung des Pflegebudgets aus dem Fallpauschalen-Katalog werde das Problem weiter verschärfen, warnt Heelemann.

Die Rückkehr zum Selbstkostendeckungsprinzip lässt keinen Spielraum mehr für dringend notwendige Investitionen wie z. B. für die Ersatzbeschaffung medizinischer Geräte. Eigenanteile bei großen Fördermaßnahmen wie Baumaßnahmen und Wiederbeschaffung von Großgeräten können nicht mehr aufgebracht werden.

Gösta Heelemann, Geschäftsführer Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt

Personaluntergrenzenverordnung schafft neue Probleme

Krankenhausgesellschaft-Geschäftsführer Gösta Heelemann
Krankenhausgesellschaft-Geschäftsführer Gösta Heelemann. Bildrechte: Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt

Der Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft warnt davor, dass durch wirtschaftliche Fehlanreize im nächsten Jahr Fachpersonal mit Aufgaben belastet wird, von denen die Pflege in der Vergangenheit bereits entlastet wurde. Dies liegt seiner Darstellung zufolge daran, dass im Pflegebudget für die Personalkosten am Bett für pflegeentlastende Maßnahmen nur Kosten in Höhe bis zu drei des Pflegebudgets berücksichtigt werden können. Gerade in den ostdeutschen Krankenhäusern wurde in den letzten Jahren versucht die Pflege zu entlasten und Pflegeaufgaben auch auf andere Berufsgruppen zu übertragen, wie zum Beispiel dem Sozialdienst oder Stationssekretariaten. Liegen die Kosten 2020 über drei Prozent des Pflegekostenbudgets sei damit zu rechnen, dass über eine Rückübertragung der pflegeentlastenden Aufgaben an die Pflegefachkräfte nachgedacht wird. Am Ende könnten pflegeentlastende Tätigkeiten aus finanziellen Gründen wieder beim Fachpersonal landen - mit den politischen Zielen einer Entlastung der Pflegefachkräfte und einer gesteigerten Attraktivität des Berufs sei eine solche Umstrukturierung nicht in Einklang zu bringen, meint Gösta Heelemann.

Das Pflegepersonalstärkungsgesetz hat seit diesem Jahr zur Folge, dass Krankenhäuser in sogenannten pflegesensitiven Bereichen Personaluntergrenzen einhalten müssen. Es geht um Stationen mit Intensivmedizin, Geriatrie, Unfallchirurgie und Kardiologie. So heißt es in der Verordnung, dass in der Intensivmedizin in der Tagschicht für zweieinhalb Patienten eine Pflegekraft verfügbar sein muss, in der Nachtschicht sind dreieinhalb vorgeschrieben. In Magdeburg sind von der Regelung allein neun Bereiche des Universitätsklinikums und acht des Städtischen Klinikums betroffen, wie im August aus der Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der AfD-Fraktion hervorging. Auch das AMEOS Klinikum Schönebeck muss demnach in fünf Bereichen Personaluntergrenzen einhalten.   

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister, spricht bei der 113. Sitzung des Bundestages.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Bildrechte: dpa

Der Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt lässt kein gutes Haar an der gelebten Realität des Gesetzes: "Die bis ins Detail zu dokumentierende Einhaltung von gesetzlich vorgeschriebenen Untergrenzen in personalintensiven Bereichen verhindert einen unter diesen Bedingungen erforderlichen flexiblen Einsatz von Personal. Auch die teilweise überzogen hohen Vorgaben des G-BA zur Personalausstattung in speziellen Fachgebieten wie der Neonatologie erschweren die Arbeit zusätzlich. Mit einer hochbürokratischen Verordnung, die die Realität der Fachkräftesituation verkennt, wird auch hier die ursprünglich positive Intension des Gesetzgebers – für ausreichend Pflegepersonal zu sorgen – ad absurdum geführt."

Ärztegewerkschaft fordert Augenmaß der Politik

Dr. Christine Schneemilch in der Geschäftsstelle der Ärztegewerkschaft Marburger Bund in Magdeburg
Dr. Christine Schneemilch von der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Bildrechte: MDR/Falko Wittig

Ins gleiche Horn stößt Christine Schneemilch, Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Sie beklagt im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT, dass Pflegekräfte aus anderen Bereichen abgezogen würden, um die geforderten Personaluntergrenzen zu erfüllen. "Die Kräfte fehlen aber wieder auf der anderen Seite." Schneemilch spricht von einer Spirale, die dadurch in Gang gesetzt wird. "Wir haben eine Unzufriedenheit in den anderen Bereichen." Gerade Pflegekräfte könnten die Arbeit zum Teil gar nicht mehr leisten und würden länger krank. In der Folge verschlechtere sich die Betreuungssituation.

Hier ist ein bisschen Augenmaß von der Politik gefordert, dass wir mit solchen Gesetzen nicht vielleicht das Gegenteil erzielen.   

Dr. Christine Schneemilch, Landesvorsitzende Marburger Bund
Die Notaufnahme der Uniklinik in Magdeburg.
Die Notaufnahme der Uniklinik in Magdeburg. Bildrechte: MDR/ André Plaul

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft setzt statt Personaluntergrenzen auf ein neues Konzept zur Bemessung des Pflegepersonals, das Ende des Jahres gemeinsam mit der Gewerkschaft Ver.di und dem Deutschen Pflegerat vorgelegt werden soll. Krankenhausgesellschaft-Geschäftsführer Heelemann zufolge brauchen die Kliniken vor allem mehr Personal, um die Arbeitsbelastung der Pflegenden verringern und altersbedingt ausscheidendes Personal kontinuierlich ersetzen zu können.

Dokumentation als Ärgernis

Pfleger Matthias Lummerzheim möchte nicht zurück ins Krankenhaus, wo er früher auf der Intensivstation und in der Anästhesie gearbeitet hatte. "Die Dokumentation ist das Schlimmste." Wer sich als Pfleger im Krankenhaus zu sehr reinhänge, mache sich bei seinen Kollegen womöglich schnell unbeliebt: Als Positivbeispiel, das andere Pflegekräfte schlechter dastehen lässt. "Vieles bleibt auf der Strecke, dadurch schleicht sich menschliches Fehlverhalten ein." Als Patient müsse man sich das aber nicht gefallen lassen.

Überstunden wegen Personalmangel  

Der 49-jährige Hallenser arbeitet als Teamleiter seines ambulanten Pflegedienstes laut Vertrag 174 Stunden im Monat. Tatsächlich kommt er nach eigenen Angaben derzeit eher auf 200. Das Ganze bei 16 Euro Stundenlohn. In München käme er auf etwa 25 Euro, erzählt Lummerzheim. Doch die ambulanten Pflegedienste hierzulande könnten kaum kostendeckend arbeiten, das Geld der Krankenkassen sei nicht ausreichend. Zudem beschäftigt ihn die ständige Personalknappheit. Für die ambulante 24-Stunden-Intensivpflege seines Patienten brauche man mindestens vier Pfleger, berichtet Lummerzheim. Momentan seien es drei, dazu kämen zwei Springer und eine Aushilfskraft. Jeder Krankheitsfall beim Personal ist da schnell ein Problem, fremde und nicht vertraute Pflegekräfte bei den Gepflegten und deren Familienangehörigen manchmal nicht gern gesehen. Lummerzheim. "Es muss sich strukturell etwas ändern."

Im Landtag beschäftigt sich seit diesem Jahr eine Enquete-Kommission mit der Herausforderung, die Gesundheitsversorgung und Pflege in Sachsen-Anhalt konsequent und nachhaltig abzusichern. Die Mitglieder informieren sich zur Situation in den Gesundheitsberufen, der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum und den Herausforderungen durch die Digitalisierung. Bis zur Landtagswahl 2021 bleibt der Kommission Zeit, zukunftsträchtige Lösungen zu entwickeln - zum Wohle von Pflegerinnen und Patienten.

MDR-Redakteur Falko Wittig
Bildrechte: MDR/Martin Paul

Über den Autor Falko Wittig ist im Osten Deutschlands geboren. Dort lebt und arbeitet er auch heute gerne. Nach vielen Jahren beim Rundfunk Berlin-Brandenburg ist der Diplom-Journalist heute bei MDR SACHSEN-ANHALT im Einsatz. Dort arbeitet er in den Redaktionen von Radio, Fernsehen und Online und beschäftigt sich vor allem mit politischen und wirtschaftlichen Themen. Zu seinen Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt zählen Wernigerode, dünn besiedelte Gebiete entlang der Elbe und im Jerichower Land sowie der Naturpark Dübener Heide.

Quelle: MDR/fw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 05. Oktober 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2019, 18:16 Uhr

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