Gamer vor dem Bildschirm, der langsam in Pixel übergeht.
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Rechtsextreme Gamer Hass in der Gaming-Community

"Wir müssen die Gamerszene stärker in den Blick nehmen", hat Bundesinnenminister Horst Seehofer nach dem Anschlag von Halle gesagt. Dagegen haben sich auch Gamer aus Magdeburg gewehrt. Und trotzdem gibt es Beweise für erschreckenden Rassismus in Gamer-Plattformen.

Alisa Sonntag
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von Alisa Sonntag, MDR Sachsen-Anhalt

Gamer vor dem Bildschirm, der langsam in Pixel übergeht.
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Nach dem Terroranschlag von Halle sind Online-Spiele erneut Thema der öffentlichen Debatte geworden. Der Grund: Die Art und Weise, wie der Anschlag ausgeführt wurde, erinnert an Ego-Shooter. So hatte Stephan B. eine Liste der Tatwaffen mit Vor- und Nachteilen und eine Liste mit Zielen, die der Täter während des Attentats erreichen will. In Spielen werden diese Ziele Achievements genannt. Er inszenierte den Anschlag in einem Livestream wie ein Ego-Shooter und nutzte zur Übertragung das auf Gamer spezialisierte Streamingportal Twitch.

Grund genug für Bundesinnenminister Horst Seehofer, die Gamer-Szene "stärker in den Blick nehmen" zu wollen. Laut Seehofer kommen viele der Täter und potentiellen Täter aus der Gamerszene. Man müsse deswegen genau hinschauen, ob es sich noch um ein Computerspiel handele oder um die Planung eines Anschlags.

"Es geht nicht ums Töten"

Für die Aussage hat Seehofer viel Kritik bekommen – vor allem aus der Gamer-Community. Auch der Verein "Games & XR Mitteldeutschland" hat sich gegen Seehofers Aussage gewehrt.

Friedrich Lüder, der Vorstandsvorsitzende des Vereins, sagt, Töten sei nicht das, worum es im Spiel ginge. Das Töten sei nur die Mechanik des Spiels, um die Punkte der Spieler zu zählen. Die eigentliche Faszination des Spiels mache der Wettkampf mit anderen und das taktische Denken aus.

Ich sehe das nicht so, dass Leute, die das spielen, das auch in der Realität machen.

Friedrich Lüder, Vorstandvorsitzender des Vereins "Games & XR Mitteldeutschland"

Den Spielern sei bewusst, dass es sich bei den Spielen nur um erschaffene Welten und nicht um die Realität handele. Für die meisten Spieler bedeuteten die Spiele nur Spaß und Wettkampf gemeinsam mit Freunden. Deswegen habe der Verein auch Räume geschaffen, in denen Menschen zum Spielen zusammenkommen könnten.

Extreme Rechte in der Gamer-Community

Doch Roland Sieber hat noch eine andere Seite der Gamerszene kennengelernt. Er hat sich in Bündnissen gegen Rechts engagiert und schreibt über die extreme rechte Szene. Diese, sagt er, besetzt strategisch den vorpolitischen Raum. Dazu gehörte auch die Gamer-Community. In Spielen und dazugehörigen Plattformen könnten extrem Rechte relativ unwidersprochen junge Männer ansprechen und langfristig radikalisieren.

Roland Sieber
Bildrechte: MDR/Roland Sieber

Es gibt auf der Gaming-Plattform Steam und in Discord, ein Chat-Programm für Gamer, Gruppen mit hunderten Mitgliedern, in denen Amoktäter und Rechtsterroristen gehuldigt werden.

Roland Sieber, Rechtsextremismus-Experte

Er erzählt aus seinen Recherchen: Am 16. März 2019 habe es auf Steam 356 Accounts gegeben, die den Namen des verurteilten rechtsextremen Amokläuferns "Anders Breivik" trugen. Viele davon mit seinem Foto als Profilbild. Am Abend des Anschlags am 15. März 2019 in Christchurch mit 51 Toten hätten sich in der Steam-Community 141 Accounts wie der Täter "Brenton Tarrant" genannt. Zehn Tage später seien es 385 gewesen.

Die Accounts hätten Fotos, Manifest und Tatvideos des Attentäters verbreitet. Das versuche die kommerzielle Plattform Steam aktuell, zu unterbinden. Wie viele der Accounts aus Sachsen-Anhalt stammten, lasse sich schwer zurückverfolgen. Denn nur wenige der Nutzer gäben online ihren echten Wohnort an.

Ein Videospiel macht keine Amoktäter

Sieber sagt, Menschen, die mit dem Gedanken spielten, eine Amoktat zu begehen, fühlten sich von Gewaltszenen angezogen. Allerdings nicht nur im Spiel, sondern auch in Literatur, Musik oder in Filmen. "Niemand wird Amoktäter oder Terrorist, nur, weil er ein Videospiel spielt."

David Begrich
David Begrich wünscht sich mehr pädagogische Arbeit online. Bildrechte: imago/Christian Schroedter

Ähnlich argumentiert auch David Begrich vom Verein Miteinander e.V., der sich für eine offene, plurale und demokratische Gesellschaft in Sachsen-Anhalt einsetzt. Er sagt: "Die Ästhetisierung von Gewalt in Spielen – das muss man nicht mögen, ich mag es auch nicht." Einen direkten Zirkelschluss ziehen zu jemandem, der wirklich rausgehe, sich eine Waffe greife und schieße – das könne man aber nicht.

Beide Experten sind sich einig: Ego-Shooter sind nicht der Grund dafür, dass Menschen Amok laufen. Dennoch: "Wir haben eine massive Vernetzung und Radikalisierung der deutschen und der internationalen extremen Rechten über Chats, Foren und Gruppen in Games und auf Plattformen für Gamer", sagt Roland Sieber. Er kritisiert, dass die Gamer-Community den Ernst der Lage nicht erkenne. Indem sie die Vorwürfe abwehrten und auswichen, machten sie das Problem noch größer.

Es braucht Online-Sozialarbeit

Wie auch im Fußball brauche es in der Gaming-Szene Initiativen gegen Rassismus, Antisemitismus und Sexismus. Wenn die Gamer und Gamerinnen nicht gegen den toxischen Anteil in der Gaming-Szene aktiv würden, würden Politik und Ermittlungs- und Sicherheitsbehörden das Problem angehen.

Wenn die Gaming-Szene Überwachung und Verbote zuvor kommen will, muss diese ihren Arsch hochbekommen und die Probleme angehen.

Roland Sieber, Rechtsextremismus-Experte

Auch Begrich warnt davor, die Online-Community könnte zu stark überwacht werden: "Sicherheitsbehörden brauchen Fachkräfte, die sich technisch und soziologisch im Internet bewegen können – aber es braucht auch eine Balance, wir wollen im Internet ja nicht vollkommen überwacht werden." Er sieht auch Bedarf für eine Art Online-Sozialarbeit: "All das, was wir in der Realität haben: Prävention, politische Bildung, pädagogische Angebote – brauchen wir auch im Internet." So könnte es laut Begrich Personen geben, die als Sozialarbeiter online auf relevanten Plattformen und in entsprechenden Gruppen sichtbar seien und dort Hilfsangebote machten. Schließlich fänden sich die meisten Prozesse und Konflikte, die es in der Realität gebe, auch online wieder.

Alisa Sonntag
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Über die Autorin Neugierig ist Alisa Sonntag schon immer gewesen - mit Leidenschaft auch beruflich. Aktuell beendet sie ihre Master in Multimedia und Autorschaft und International Area Studies in Halle. Dabei schreibt sie außer für den MDR SACHSEN-ANHALT unter anderem auch für das Journalismus-Startup The Buzzard.

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Eine Tastatur mit einem Paragrafen-Zeichen, die langsam zu Pixeln werden.
Viele Menschen wissen nicht, wo online die Grenzen zur Strafbarkeit liegen. Bildrechte: MDR/Collage/Pixabay
Auf roten Computertasten stehen in in jeweils einer Sprechblase die Buchtaben H, A, S, S, die in Pixel übergehen.
Obwohl der Täter von Halle keine direkten Verbindungen zu rechten Gruppierungen hatte, gibt es Zusammenhänge. Bildrechte: MDR/Collage/imago images / Panthermedia

Quelle: MDR/aso

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSEN-ANHALT | 04. November 2019 | 22:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. November 2019, 19:24 Uhr

4 Kommentare

Ines W. vor 5 Wochen

Computerspiele besitzen wie viele anderen Dinge ein Suchtpotential und ihre Entwickler zielen genau darauf hin ab. Von den Kindern und Jugendlichen die diese Spiele nutzen kann man nicht wirklich erwarten, dass sie sich diesen Mechanismen entziehen können. Wenn ich mir den dreizehnjährigen Sohn einer Freundin anschaue, dann verbringt der den ganzen Tag alleine in seinem Zimmer und holt sich gerade mal was zu Essen. Darf er nicht spielen, weil man gemeinsam essen will oder wohin fahren möchte, dann geht das Drama so richtig los. Stecker ziehen ist da oft das einzige was hilft, ohne natürlich die Stimmung zu verbessern.

Der junge ist vereinsamt und diese Einsamkeit treibt ihn dorthin, wo er vermeintliche Freunde hat. Genau auf solche Jugendliche zielen die Rekrutierer von Extremisten, ob die nun die Ideologie der AfD verbreiten wollen oder die des IS.

Mediator vor 5 Wochen

Computerspiele machen aus einem Jugendlichen sicher noch keinen Killer, aber sie haben Begleiterscheinungen die durchaus geeignet sind Jugendliche zu radikalisieren und Rechtextremisten in die Hände zu treiben.

Computerspiele sind oft etwas zutiefst einsames: Man sitzt stundenlang vor seiner Kiste, hat Kopfhörer auf und hat als Beziehungspersonen Menschen die man nie real gesehen hat. So etwas ist gefährlich, selbst wenn es nicht in der Radikalisierung endet!

Diese Plattformen bieten das was Straftäter sich wünschen und was auch Pädophile gerne ausnutzen: Die Chance sich anonym und einfach Kindern und Jugendlichen nähern zu können.

Lungerten Rechtsextremisten früher vor Schulen herum um Rechtsrock CDs zum anfixen zu verschenken so können diese junge Menschen heute gezielt und Anonym im Netz rekrutieren und radikalisieren. Radikalisierung ist ein schleichendes Gift. Wenn man die Bedürfnisse von Jugendlichen erkennt, dann kann man sie sogar nach Syrien in ein Kriegsgebiet locken.

Demokrat vor 5 Wochen

Rechtsextreme Gewalt ist wohl nur eines der Probleme der Gamer-Szene. Allgemein führen Killerspiele, ihr exzessiver Konsum, leicht zur Sucht, Ausstieg aus der Realität, Flucht in eine Parallelwelt. Bewirken ein Abstumpfen gegenüber Gewalt, nebenbei auch Übergewicht und schlechte Gesellschaft, Beziehungslosigkeit. Mancher verirrt sich dabei in rechte Hass-Foren und wird vielleicht tatsächlich zur tickenden Zeitbombe eines Rechtsterroristen, der Amok läuft.
Brandgefährlich wird es wohl dann, wenn sich etwa eine Faszination für reale Waffen und Gewalt entwickelt, rechte Ideologie. Aber die Grenzen sind fließend. Allein schon das ständige pauschale Schuld von sich weisen, bagatellisieren ("Literatur, Musik"), beleidigte Leberwurst spielen der Gamer, pubertäre Unreife, keinerlei Grenzen ziehen wollen in Bezug auf rechts (die AfD lässt grüßen), zu Waffenwahn, Verrohung, Gewalt und Frauenverachtung, machen die Gamer zum Einfallstor für rechte Abgründe und eben so fragwürdig wie die AfD.

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