Erfahrungen von Angestellten Arbeit im Homeoffice: Eine Frage der Privilegien

Daniel George
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Sachsen-Anhalt arbeitet während der Corona-Pandemie im Homeoffice – zumindest dort, wo es möglich ist. Im letzten Teil unserer Themenwoche schildern Angestellte ihre Erfahrungen. Welche Chancen und Probleme sie sehen.

Homeoffice Symbolbild
Im Büro oder von zuhause aus arbeiten? Bei vielen Angestellten ist es aktuell ein Mix. Bildrechte: MDR/Pixabay/Max Schörm

Stefan Weißwange – 43 Jahre alt – IT-Projektleiter

Der Hallenser arbeitet für ein IT-Unternehmen und war bereits vor der Corona-Pandemie von Zeit zu Zeit im Homeoffice. Mittlerweile arbeitet der 43-Jährige komplett von daheim.

"Mir ist die Situation und mir ist auch das Privileg meiner Situation durchaus bewusst. Ich wohne in einer Stadt. Ich habe einen breiten Internetanschluss. Ich habe eine Geschäftsleitung, die das Homeoffice massiv unterstützt. Meine Kinder sind groß. Das heißt: Die Faktoren, die das Homeoffice bei vielen Leuten erschweren oder unmöglich machen, gibt es bei mir einfach nicht", sagt Weißwange.

Und weiter: "Ich stehe früh völlig entspannt auf, mache mir einen Kaffee, setze mich an meinen Arbeitsplatz und fange an zu arbeiten. Wenn man mal zwischendurch einkaufen muss, oder mal ein Paket kommt, dann macht man das mal schnell. Das Einzige, was schwierig war, ist diese Umstellung, dass man nur noch zuhause ist. Ich arbeite zuhause, ich wohne zuhause. Da muss man für sich Abstände schaffen und versuchen, das zu differenzieren. Es war relativ schwer am Anfang, über das Wochenende den Rechner auszulassen oder abends nicht nochmal schnell am Rechner zu gucken, vielleicht kommt ja doch noch eine E-Mail."

Welche Herausforderungen und offenen Zukunftsfragen Stefan Weißwange für das Arbeiten im Homeoffice sieht, erklärt der Hallenser im Video:

Torsten Kreissl – 38 Jahre alt – Personalentwickler

Der Magdeburger arbeitet bei einer großen Versicherungsagentur und ist dort für die Personalentwicklung zuständig. Auch er arbeitete bereits vor der Corona-Pandemie von zuhause aus. Mittlerweile wechselt er zwischen der Arbeit am heimischen Laptop und dem Büro.

Kreissl sagt: "Ich habe im Homeoffice mehr Ruhe und kann konzentrierter arbeiten. Außerdem kann ich mir so auch mal eine kreativere Umgebung schaffen, weil ich zum Beispiel etwas lauter Musik anmache, was im Büro natürlich nicht geht."

Ein Vorteil von Kreissl gegenüber anderen Angestellten: Er hat keine Kinder. "Diese Doppelbelastung fällt bei mir weg." Die größte Herausforderung im Homeoffice? "Nicht zu verlottern", sagt er. "Ich ziehe mir jeden Morgen meine Jeans an, als würde ich ins Büro gehen. Es ist zwar verlockend, den ganzen Tag nur in Jogginghose rumzulaufen, aber das gibt dir doch ein anderes Gefühl."

Seinem Arbeitgeber ist der 38-Jährige dankbar – zum einen für die Möglichkeit, überhaupt von daheim zu arbeiten und zum anderen für die Bereitstellung der technischen Infrastruktur. Auch nach der Corona-Pandemie will das Unternehmen es seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ermöglichen, mobil zu arbeiten.

Wie die Zukunft des Arbeitens aussehen könnte, erklärt Coworking-Experte Tobias Kremkau bei MDR SACHSEN-ANHALT:

Tobias Kremkau, Coworking-Experte 11 min
Bildrechte: MDR/Kremkau

Mi 10.02.2021 17:08Uhr 11:21 min

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/landespolitik/video-490880.html

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Video

Anne – 33 Jahre alt – IT-Dienstleisterin

Die Mutter zweier Kinder (drei und zehn Jahre alt) arbeitet als IT-Dienstleisterin aktuell drei Tage im Homeoffice und zwei Tage im Büro. Ihren Nachnamen will sie hier lieber nicht lesen, das Thema ist für viele Angestellte offenbar ein heikles. Das wird bei den Recherchen deutlich.

Obwohl Anne aus Osterweddingen sagt: "Mir gefällt das Arbeiten im Homeoffice. Ich spare mir die Pendelzeit von einer Stunde pro Tag und habe so mehr Zeit für meine Familie." Ihr Mann arbeitet ebenfalls im Homeoffice. Die Kinder gehen in die Notbetreuung.

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"Natürlich wäre das schlimmer, wenn die Kinder den ganzen Tag zuhause wären. Selbst so gibt es noch Momente, wo wir alle wegwollen", sagt Anne. "Mit noch kleineren Kindern zuhause und einer kleinen Wohnung wäre das Homeoffice einfach nicht machbar."

Was sie am Arbeiten von daheim mag? "Die ständigen Schnattereien im Büro fallen weg, ich bin effektiver im Homeoffice", sagt sie. "Außerdem kann ich mir meine Arbeitszeit flexibel einteilen, muss bloß zwischen 9 und 12 Uhr erreichbar sein. Das schafft einfach einen großen Zeitgewinn für das Private." Gearbeitet wird dann eben, wenn die Kinder schon schlafen.

Warum die Soziologin Heike Ohlbrecht auch durch die Arbeit im Homeoffice während der Corona-Pandemie eine Rückkehr zu alten Geschlechterrollen vermutet, erklärt sie bei MDR SACHSEN-ANHALT:

Heike Ohlbrecht, Soziologin an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg 4 min
Bildrechte: MDR/OVGU

Fr 12.02.2021 14:00Uhr 03:30 min

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/landespolitik/video-490814.html

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Video

Patrick Schumann – 48 Jahre alt – Vertriebsleiter

Der Magdeburger arbeitet als Regionalleiter bei einem Elektrounternehmen. Er ist viel unterwegs, mit Kunden im Kontakt – auch während der Corona-Pandemie noch relativ oft. Zwei Tage pro Woche arbeitet er daheim.

"Wenn ich die ganze Woche im Homeoffice wäre, wäre ich nicht so effizient", sagt Schumann. Er muss es wissen. Schließlich arbeitet er bereits seit 15 Jahren jeden Freitag im Homeoffice und hat Erfahrungen gesammelt.

"Wenn ich alleine bin, funktioniert das wunderbar. Aber wenn die Kinder zuhause sind, wirst du abgelenkt, da kannst du dich nicht richtig konzentrieren", sagt der Vater eines 18 Jahre alten Sohnes und einer 13 Jahre alten Tochter. "Es gibt so viele mögliche Ablenkungen. Du räumst doch mal die Spülmaschine aus oder der Postbote klingelt. Und dann bist du raus aus deinem Arbeitsrhythmus. Du musst dich wirklich zwingen, nebenbei keine Hausarbeit zu machen."

Und, so seine Erfahrungen in seiner Branche: "Das persönliche Gespräch mit den Kunden ist digital nicht zu ersetzen. Du musst ihnen auch mal was zum Anfassen, zum Ausprobieren in die Hand geben, etwas erklären. Deine Körperhaltung spielt eine Rolle. Du bekommst ein ganz anderes Gefühl für dein Gegenüber. Das ist digital viel schwieriger."

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt. Bei MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet er seitdem als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur arbeitet, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

MDR, Daniel George

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 10. Februar 2021 | 19:00 Uhr

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