Homeoffice, Homeschooling, Haushalt Sind Frauen die Verliererinnen der Corona-Krise?

Daniel George
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Umfragen zeigen: Frauen schultern auch während der Corona-Pandemie den Großteil der Kinderbetreuung und Hausarbeit. Die Arbeit im Homeoffice verstärkt die Belastung. Warum Soziologen eine Rückkehr zu alten Geschlechterrollen vermuten.

Symbolbild Homeoffice
"Für Frauen ist das, was wir Doppelbelastung nennen, ganz stark zu verzeichnen", sagt die Soziologin Heike Ohlbrecht über Homeoffice im Lockdown. Bildrechte: MDR/pixabay/Max Schörm

Manchmal muss Denise alles auf einmal sein: Mutter, Ehefrau, Lehrerin, Haushälterin, Köchin und Angestellte. "All diese Rollen zu bedienen", sagt die 36-Jährige, "geht einfach nicht, wenn du im Homeoffice arbeitest." Doch genau das muss die Sachbearbeiterin aus Magdeburg während der Corona-Pandemie. "Die Nerven", sagt sie, "liegen da irgendwann blank."

Verschärft die Corona-Krise die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern? Sind Frauen die Verliererinnen der Pandemie?

"Über diese Fragen wird in den Sozialwissenschaften derzeit kontrovers diskutiert", sagt Heike Ohlbrecht, Soziologin an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. "Viele Befunde deuten auf eine Retraditionalisierung des Geschlechterverhältnisses hin – also, dass sich alte Geschlechterrollen in der Zeit des Lockdowns wieder verstärken."

Heike Ohlbrecht, Soziologin an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg 4 min
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Fr 12.02.2021 14:00Uhr 03:30 min

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"Du kannst einfach nicht konzentriert arbeiten"

Die Geschichte von Denise ist nur ein Beispiel von zahlreichen. Sie steht symbolisch für all die Mütter, "die über ein hohes Belastungsniveau berichten", wie Heike Ohlbrecht sagt. Im ersten Lockdown führte die Soziologin eine große Online-Umfrage durch, die sich auch mit dem Wohlbefinden durch die Arbeit im Homeoffice beschäftigte.

Eine Erkenntnis: "Für Frauen ist das, was wir Doppelbelastung nennen, ganz stark zu verzeichnen. Sie müssen sich um die Kinder kümmern, den Haushalt managen, häufig noch kochen für den Mann, der auch im Homeoffice ist, Homeschooling leisten, die sozialen Kontakte managen via Telefon und sonst wie zu den Familienangehörigen, die man derzeit ja nicht treffen darf."

Viel für einen Menschen. Zu viel, erzählt Denise: "Du kannst einfach nicht so konzentriert arbeiten im Homeoffice", sagt die Mutter zweier Kinder im Grundschulalter. "Telefonieren ist auch ganz schwierig." Weil die Kinder beschäftigt werden wollen und vor allem Unterstützung beim Homeschooling benötigen. "Die Schule gibt sich wirklich Mühe und wir sind technisch gut ausgestattet", sagt die 36-Jährige, "aber die Kinder sind gar nicht darauf vorbereitet, mit den Programmen zu arbeiten. Sie brauchen da einfach Hilfe."

Ihr Mann sei von seinem Arbeitgeber auch dazu angehalten, im Homeoffice zu arbeiten. Sie teilen sich die Hausarbeit und Kinderbetreuung auf, so gut es geht – nur in der Regel würden sich die alten Geschlechterrollen mehr oder weniger doch durchsetzen, erzählt sie. Denise sei froh, wenn sie den einen oder anderen Tag doch im Büro verbringen kann.

#MDRklärt So wird kontrolliert, ob Unternehmen Homeoffice anbieten

Überall da, wo es möglich ist, sollen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen ins Homeoffice gehen können – so die Corona-Verordnung des Bundesarbeitsministeriums. Wer sich nicht daran hält, dem drohen empfindliche Strafen.

So wird kontrolliert, ob Unternehmen Homeoffice anbieten
So wird kontrolliert, ob Unternehmen Homeoffice anbieten Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
So wird kontrolliert, ob Unternehmen Homeoffice anbieten
So wird kontrolliert, ob Unternehmen Homeoffice anbieten Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
Das Landesamt für Verbraucherschutz kontrolliert vor allem Betriebe in Branchen mit hohem Ansteckungs-Risiko.
Das Landesamt für Verbraucherschutz kontrolliert vor allem Betriebe in Branchen mit hohem Ansteckungs-Risiko. Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
Aber es geht auch Hinweisen nach. Diese werden aber zunächst auf Plausibilität geprüft.
Aber es geht auch Hinweisen nach. Diese werden aber zunächst auf Plausibilität geprüft. Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
Kontrolliert wird zunächst, wie der Arbeitsschutz an die Corona-Lage angepasst wurde. Wie er umgesetzt wird, wird dann vor Ort kontrolliert.
Kontrolliert wird zunächst, wie der Arbeitsschutz an die Corona-Lage angepasst wurde. Wie er umgesetzt wird, wird dann vor Ort kontrolliert. Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
Dafür sind 130 Kontrolleure im Einsatz.
Dafür sind 117 Kontrolleure im Einsatz. Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
Bei festgestellten Verstößen geben die Beamten vor Ort Hinweise und beraten zur Umsetzung der Arbeitsschutz- und Hygienemaßnahmen.
Bei festgestellten Verstößen geben die Beamten vor Ort Hinweise und beraten zur Umsetzung der Arbeitsschutz- und Hygienemaßnahmen. Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
Sollten sich Arbeitgeber nicht die Vorschriften und die notwendigen Maßnahmen umzusetzen, darf das Amt aber Maßnahmen anordnen. Verstöße gegen solche Anordnungen könnten mit einem Bußgeld von bis zu 30.000 Euro sanktioniert werden.
Sollten sich Arbeitgeber nicht die Vorschriften und die notwendigen Maßnahmen umzusetzen, darf das Amt aber Maßnahmen anordnen. Verstöße gegen solche Anordnungen könnten mit einem Bußgeld von bis zu 30.000 Euro sanktioniert werden. Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
Die häufigsten Verstöße: Arbeitgeber bieten Kein Homeoffice an und Arbeitgeber, die keine Masken anbieten.
Die häufigsten Verstöße: Arbeitgeber bieten kein Homeoffice an und Arbeitgeber, die keine Masken anbieten. Bildrechte: MDRklärt,Pixabay/Max Schörm
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 10. Februar 2021 | 19:00 Uhr

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Widersprüchliche Forschungsergebnisse

Forschungsarbeiten zeigen widersprüchliche Ergebnisse, was die Rückkehr zu alten Geschlechterrollen anbelangt. Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung kommt auf Basis einer Online-Befragung zu dem Schluss, dass zumindest teilweise von einer Retraditionalisierung der Geschlechterverhältnisse auszugehen ist. "In der Pandemie verschärft sich die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern: Frauen reduzieren häufiger ihre Arbeitszeit, ihr Anteil an der Sorgearbeit nimmt noch weiter zu", heißt es dort. Das deckt sich mit den alltäglichen Beobachtungen vieler Menschen.

Dagegen stehen unter anderem die Befunde einer Online-Befragung des Institus für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Demnach schultern Frauen auch während der Pandemie den größeren Teil der Kinderbetreuung und der Hausarbeit. Allerdings ist laut der Befragung der Anteil der Männer, die sich stärker an der Kinderbetreuung beteiligen, in dieser Zeit deutlich gestiegen.

Die Soziologin Heike Ohlbrecht sagt: "Wir müssen beobachten, wie sich das nach dem ersten Lockdown entwickelt hat." Deshalb wird die Online-Befragung aus Magdeburg mit Fokus auf die Auswirkungen der Heimarbeit fortgesetzt. Wie Frauen die Belastung als weniger belastend empfinden könnten? "Eine Strukturierung des Alltags wird immer wieder erwähnt", sagt Ohlbrecht. "Dass man da Arrangements trifft, die für beide Partner zufriedenstellend sind. Dass man sich da versucht, besser einzuteilen. Dass die Berufstätigkeit der Mütter natürlich auch gesehen wird und ermöglicht wird."

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Arbeiten, wenn die Kinder schlafen

Ein besonderer Stressfaktor in der Corona-Krise: die Kinderbetreuung. Schulen und Kindergärten bieten im Lockdown maximal Notbetreuung an. "Homeoffice ist gerade für Eltern sehr herausfordernd", sagt Heike Ohlbrecht. "Bei kleinen Kindern ist das besonders schwierig, denn sie halten sich natürlich nicht an Bürozeiten."

Ohlbrecht sagt: "Wir sehen generell beim Homeoffice, dass die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben wieder stark verschwimmen und es im Homeoffice auch häufig zu Mehrarbeit kommt. Eltern leisten diese Mehrarbeit dann abends, wenn die Kinder schlafen. Und das ist natürlich nicht der Gesundheit förderlich und führt eben auch zu starker Belastung."

Doch bei aller Belastung: Die Soziologin kann auch von erfreulichen Erkenntnissen der Online-Befragung berichten. "Die Ergebnisse zeigten auch, dass Familien mehr Zeit nutzen konnten für sich und das auch als eine Art Zeitgeschenk erlebt haben, weil zum Beispiel das Pendeln zum Büro wegfällt. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann flexibler gestaltet werden." Wenn denn bei all den Rollen überhaupt noch Zeit bleibt.

Daniel George
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Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt. Bei MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet er seitdem als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur arbeitet, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

MDR, Daniel George

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 10. Februar 2021 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

Ricwei11 vor 2 Wochen

Wir DDR Frauen...!!??? wenn ich das schön höre! Das waren doch ganz andere Zeiten. Ich hasse diese Vergleiche! Das ist genau die Generation, die jetzt aufmuckt. Die Generation der Babyboomer, die meinen sie wären ja so arm dran.
Der Druck heutzutage ist immens! Und durch Corona wurde dies noch verstärkt.
Wir sollen zu Hause arbeiten und Kinder betreuen, hat keine DDR Frau gemacht, Kinder wurden mit 6 Monaten in die Krippe gebracht am frühen Morgen und 17 Uhr wieder geholt. Klar kennen Sie das momentane Leben vieler Familien nicht!

Atheist vor 2 Wochen

Meine Güte was für ein Gejammere wir DDR Frauen haben Kindererziehung, Beruf, Haushalt.. unter ganz anderen Bedingungen hinbekommen.
Gewöhnt euch endlich ab Frauen unter Natur und Sprachschutz stellen zu müssen, wir kommen auch ohne Mitleid klar,

Karl Schmidt vor 2 Wochen

Meine Güte, wir sollten die Zukunft gestalten aber nicht die Vergangenheit.

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