Interview Volkssolidarität über Kita-Sozialarbeit: "Es muss Geld auf den Tisch"

Cornelia Kurowski leitet das Kinder-, Jugend- und Familienwerk der Volkssolidarität. Sie hat eine klare Erwartungshaltung beim Thema Sozialarbeit in Kindertagesstätten.

Weltkinderhaus Magdeburg
Cornelia Kurowski vom Kinder-, Jugend- und Familienwerk der Volkssolidarität in der Kita "Weltkinderhaus". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR SACHSEN-ANHALT: Was unterscheidet in einer Kita die Aufgabe einer Sozialarbeiterin von der einer Erzieherin?

Cornelia Kurowski: Eine Erzieherin hat einen Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsauftrag und die Sozialarbeiterin würde sich darüber hinaus viel mehr den Familien zuwenden. Laut Bildungsprogramm haben wir bereits Familienarbeit zu leisten. Aber die erschöpft sich aufgrund der Zeiten und Möglichkeiten auf Elterngespräche zur Entwicklung des Kindes. Eine Sozialarbeiterin würde das soziale Umfeld der Familie besser ablichten können und dort Hilfen leisten.

Wir haben viele junge Familien, die uns seit der Wende verloren gegangen sind. Die vermitteln ihren Kindern nur das, was sie selber auch kennengelernt haben. Das reicht aber für viele Kinder heute nicht aus, um in der Welt, in unserem Land, in der Zukunft als Mensch Bestand zu haben. Wir möchten diese Familien unterstützen, damit wir sie mitnehmen.

Wie sind die Kitas in Sachsen-Anhalt derzeit mit Sozialarbeitern ausgestattet?

Nach meinem Wissenstand ist in Sachsen-Anhalt der Kinder-Sozialarbeiter noch überhaupt nicht integriert. Wir haben hier im "Weltkinderhaus" eine Übergangslösung, die wir aus dem Bundesprojekt "Frühe Chancen" haben: Wir haben eine Sprachfachkraft. Aber aus meiner Sicht ist Sozialarbeit nicht der Hauptauftrag, den diese Kollegin hat. Sie hat andere Aufgaben zu bewältigen.

Ansonsten sind wir in Sachsen-Anhalt wirklich noch in den Kinderschuhen, was Kita-Sozialarbeit betrifft. Dabei diskutieren wir schon lange darüber: In der Armutskonferenz 2014 in Magdeburg war im Ergebnis in jedem Workshop zu lesen: Wir brauchen mehr Sozialarbeit in Kitas. Nun steht im März die nächste Armutskonferenz an, und dort ist es wieder ein Thema.

Sie sagen, Sie seien 100-prozentig davon überzeugt, dass Sozialarbeit in Kitas wichtig sei. Warum?

Zum einen, weil die Kita der ideale Ort ist, um Familien und Kinder anzusprechen und abzuholen. Ein Kindergartenkind kommt nicht alleine in die Einrichtung. Wir haben zwei Mal am Tag einen Familienangehörigen da, der das Kind betreut, zu uns bringt und abholt – der über das Kind Bescheid weiß. Und Familien, die in Problemlagen sind, aber auch Familien, in denen Eltern durch hohe Berufstätigkeit stark in Anspruch genommen werden, haben häufig Probleme, die oft gar nicht erkannt werden; die aber sofort in der Einrichtung bearbeitet werden können.

Was sind das für Probleme, von denen Sie sprechen?

Es geht los bei Familien, die neu bei uns angekommen sind. Die brauchen Unterstützung in vielen Bereichen: Anmeldungen, Abmeldungen, Kindergeld beantragen, sich einen Schein für die Straßenbahn holen. Wo bekomme ich Essensgeld für das Kind her? Wo gibt es Unterstützung für ein Kind, das einen Sprachfehler hat und schwer ankommt? Unsere Flüchtlingskinder, die schwer traumatisiert sind, die brauchen Ansprechpartner. Das versuchen wir hier in der Kita zu übermitteln und zu vermitteln. Natürlich fassen die Eltern zu meinen Kollegen hier im Haus zuerst Vertrauen – zu den Erzieherinnen, die sie jeden Tag sehen. Darum ist hier der ideale Ort zu sagen: Gehen Sie einfach die Treppe hoch, da ist die Sozialarbeiterin, sprechen Sie die an. Die hat Zeit für Sie.

Was wird denn im Rahmen des Projektes "Frühe Chancen: Sprache und Integration", bereits getan?

Während der ersten Jahre war der Fokus ausschließlich auf die Kinder gerichtet, auf das Ankommen der Kinder. Also auf Sprachvermittlung und Sprachentwicklung. Dort wurden im Haus viele Sachen ausprobiert: Tandem-Lesen, größere Kinder aus der Schule kamen wieder zurück in die Kita, Mehrsprachigkeit. Die Eltern kamen und machten Koch- und Backkurse.

In der Zwischenzeit ist man aber in der Evaluation des Projektes darauf gestoßen, dass viel mehr Netzwerkarbeit nötig ist: Also, dass Strukturen, die schon vorhanden sind, gebündelt werden müssen. Wir wissen häufig nicht, was drei Straßen weiter für eine Hilfsstelle neu implementiert wurde und welche Aufgaben sie hat. Also muss jemand rausgehen, muss das herausfinden und muss sagen: Das ist ein Partner für uns, mit dem arbeiten wir zusammen.

Was muss aus Ihrer Sicht passieren, damit Sozialarbeit in Kitas ausgeweitet werden kann?

Es muss Geld auf den Tisch. Dass diese Arbeit wichtig ist und notwendig ist und dass sie einen Sinn hat – darüber sind sich alle einig. Alle, die in unserer Initiativgruppe tätig waren. Aber es steht und fällt mit der Finanzierung.

Wer aktuell beobachtet hat, was die Novellierung des Kinderförderungsgesetzes für einen Auswuchs an Mitteln in diesem Bereich notwendig macht, der weiß: Wenn wir jetzt um die Ecke kommen und möchten Sozialarbeit, die auch noch aus diesem Topf bezahlt wird – dann wird es schwierig.

Wenn sich alle einig sind, wie Sie sagen: Warum werden die Stellen dann nicht finanziert?

Aktuell verhandele ich mit den Landkreisen, die ja laut Kinderförderungsgesetz weiterhin für mich zuständig sind. Ich kann dort sicherlich eine Stelle reinplanen und sagen: Ich möchte eine Sozialarbeiterin oder einen Sozialarbeiter für meine Kitas haben – und dann sagen die, es sei kein anrechenbares pädagogisches Personal und treten auf die Bremse.  

Quelle: MDR/rj

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | MDR SACHSEN-ANHALT | 23. Januar 2019 | 19:00 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

Mehr aus Sachsen-Anhalt