IHK Magdeburg Präsident Wolfgang März
Der Präsident der Industrie- und Handelskammer Magdeburg, Wolfgang März, ist mit der bisherigen Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt nicht zufrieden. Bildrechte: MDR/Frank Wehmeyer

Interview IHK: "Behörden müssen Flüchtlingen unkompliziert erlauben zu arbeiten"

Die Industrie- und Handelskammer Magdeburg ist unzufrieden darüber, wie es mit der Integration von Geflüchteten auf dem Arbeitsmarkt vorangeht. Der Hauptgeschäftsführer der IHK, Wolfgang März, fordert bürokratische Hürden abzubauen. Er will mehr Sprachkurse für Migranten. Unternehmen könnten Flüchtlinge zunächst als einfache Arbeitskräfte einstellen und sie zu Fachkräften weiterbilden.

IHK Magdeburg Präsident Wolfgang März
Der Präsident der Industrie- und Handelskammer Magdeburg, Wolfgang März, ist mit der bisherigen Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt nicht zufrieden. Bildrechte: MDR/Frank Wehmeyer

MDR SACHSEN-ANHALT: Wie würden Sie den Stand der Dinge bei der Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt beschreiben? 

Wolfgang März: Die Situation ist nicht befriedigend, sie ist für uns ernüchternd. Es ist nicht das eingetreten, was wir uns erhofft haben. Die Gründe dafür sind leicht zu erklären: Die deutsche Wirtschaft ist wahrscheinlich die qualitativ beste der Welt. Wir haben hohe Ansprüche an Qualität, Quantität, an Pünktlichkeit und viele Sachen mehr und da ist es nicht so einfach ausländische Arbeitnehmer in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Aber es wird Stück für Stück besser.

Unterfüttern wir es mit Zahlen: Etwa 17.000 Geflüchtete in Sachsen-Anhalt könnten einer Arbeit nachgehen, nur 30 Prozent von ihnen haben einen Job. Wie betrachten Sie das?

Das wird Stück für Stück mehr. Unsere Firmen bemühen sich. Viele sind sehr sozial eingestellt und bemühen sich mit kleinen Schritten, diese Leute an unser Arbeitsniveau heranzuführen. Vor allem auch im Ausbildungsbereich: Wir haben zur Zeit rund 400 Azubis mit Migrationshintergrund, die in  unseren Firmen arbeiten und es werden kontinuierlich mehr. Obendrein wissen unsere Firmen: Sie müssen mit dem Potential leben, was da ist.

Die meisten der beschäftigten Flüchtlinge arbeiten nur auf Helferniveau. Was muss getan werden, um andere Ebenen in der Berufshierarchie zu öffnen?

Also was sich erstmal ändern muss: Alle Flüchtlinge müssen eine Chance haben 100-prozentig Deutsch zu lernen. Da muss die öffentliche Hand wesentlich mehr tun. Da gibt es viel Nachholbedarf. Und zum anderen müssen auch die bürokratischen Hürden fallen, die in unseren Verwaltungen bisher bestehen – und vor allen Dingen unterschiedlich sind. 

In Sachsen-Anhalt wird in jedem Landkreis unterschiedlich entschieden, ob diejenigen arbeiten dürfen, ob sie nicht arbeiten dürfen, und, und, und. Da brauchen wir eine Einheitlichkeit. Und obendrein eine wirtschaftsfreundliche Zuneigung zu den Betrieben.

Zu der Qualität: Sicherlich, wenn Sie solche Leute bei sich einstellen wollen, die schlecht Deutsch sprechen, wenig praktische Erfahrung haben – die kann man erstmal nur als Helfer einstellen. Wir haben aber auch viele gute Beispiele. Die entwickeln sich und werden irgendwann auch ordentliche Fachkräfte werden. Aber der Prozess dauert wesentlich länger, als wir es erwartet haben.

Welche Bürokratie-Hürden gibt es zum Beispiel? Und was müsste getan werden, um sie zu überwinden?

Die Verwaltungen müssen unkompliziert den Leuten erlauben zu arbeiten und denen eine Sicherheit geben. Sodass sie wissen: Wenn sie eine Lehre anfangen, dass sie die auch in Deutschland abschließen können und dass sie hier arbeiten können. Ansonsten sind die Leute demotiviert und werden nicht den Arbeitswillen aufbringen, den wir eigentlich brauchen. 

Nochmal: Die Qualität der deutschen Wirtschaft ist weltweit immer noch die beste – und dafür brauchen wir leistungsfähige und willige Arbeitnehmer.

Welche Bedenken haben denn ihre Mitgliedsbetriebe zum Beispiel, Flüchtlinge einzustellen? Wie geht die IHK mit diesen Bedenken um?

Bedenken? Die Unternehmen brauchen Fachkräfte. Und die Fachkräfte sind die Flüchtlinge erstmal nicht; das sind Arbeitskräfte. Die Unternehmen müssen die sich selber 'backen'. Und sie wissen: Die Unternehmen sind alle im Zeit und Leistungsdruck – und da ist es natürlich schwierig, jemanden über eine lange, lange Zeit an Qualität und Leistung heranzuführen. Aber das machen die Unternehmen immer mehr. Ich denke: Langfristig werden wir das Problem lösen.

Was haben denn die Unternehmen davon, wenn sie die Chance nutzen und Menschen bei sich im Betrieb integrieren, die geflüchtet sind?

Wir haben allgemein ein Fachkräfte-Problem. In vielen Firmen fehlen einfach die Köpfe. Wir können teilweise in manchen Betrieben nicht die volle Leistung bringen. Und es ist das Interesse der Unternehmen Fachkräfte zu finden – oder ich sag erstmal: Arbeitskräfte zu finden und daraus letztendlich Fachkräfte zu machen. Das Interesse der Unternehmerschaft ist sehr groß.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Roland Jäger.

Quelle: MDR/rj

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | MDR SACHSEN-ANHALT | 26. Oktober 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2019, 10:13 Uhr

1 Kommentar

aus Elbflorenz vor 6 Wochen

Wieviele Arbeitslose unter den schon länger hier Lebenden gibt es eigentlich?

Oder waum sollen hier alle arbeiten dürfen - ohne Vorrangklausel für Einheimische oder Mangelberufsprüfung?

Mehr aus Sachsen-Anhalt