Schriftzug Ärztehaus auf einem Hausdach.
Dr. Christine Schneemilch: "Bis jetzt wird Patientensicherheit groß geschrieben. Wenn es aber weiter zu Personalmangel kommt, dann kann man eine Patientengefährdung nicht ausschließen." Bildrechte: imago/Marius Schwarz

Ärztegewerkschaft Marburger Bund im Interview "Bis jetzt wird Patientensicherheit sehr groß geschrieben"

Dr. Christine Schneemilch ist Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund in Sachsen-Anhalt. Im Interview spricht sie über die größten Probleme im Gesundheitswesen aus Sicht der Ärzteschaft. Sie sagt: Nicht nur viele Pfleger seien überlastet, sondern auch viele Ärzte. Patienten müssten sich aber noch keine Sorgen um ihre Versorgung machen. Doch das sei für die Zukunft nicht auszuschließen. Teil 2 unserer Wochenserie zum Personalmangel im Gesundheitswesen.

MDR-Redakteur Falko Wittig
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von Falko Wittig, MDR SACHSEN-ANHALT

Schriftzug Ärztehaus auf einem Hausdach.
Dr. Christine Schneemilch: "Bis jetzt wird Patientensicherheit groß geschrieben. Wenn es aber weiter zu Personalmangel kommt, dann kann man eine Patientengefährdung nicht ausschließen." Bildrechte: imago/Marius Schwarz

MDR SACHSEN-ANHALT: Was ist aus Sicht des Marburger Bundes die größte Herausforderung für das Gesundheitswesen in Sachsen-Anhalt?

Dr. Christine Schneemilch: Da gibt es eine ganze Menge zu tun. Wir möchten, dass im Land garantiert wird, dass wir eine flächendeckende Versorgung für unsere Patienten haben. Wir brauchen eine vernünftige Krankenhausplanung. Und wir brauchen – weil das überall fehlt – Investitionen. Die Länder sind eigentlich verpflichtet, an alle Krankenhäuser Investitionen zu tätigen. Diesen Verpflichtungen sind sie in letzter Zeit nur ungenügend nachgekommen. Da braucht es jetzt wirklich Modelle, die tragfähig sind, damit Krankenhäuser nicht - so wie zum Beispiel in Zeitz im Burgenlandkreis - Insolvenz anmelden müssen. Wir brauchen außerdem Gesetze von der Politik, die mit Augenmaß gemacht werden. Wir haben das Gesetz zu Personaluntergrenzen in den Krankenhäusern, was besonders das Pflegepersonal betrifft. Da es aber an Personal fehlt in diesen Bereichen, werden Pflegekräfte aus anderen Bereichen abgezogen, um das Gesetz zu erfüllen. Die fehlen aber wieder auf der anderen Seite. Die Pflegekräfte können zum Teil diese Arbeit gar nicht mehr leisten, werden länger krank. Dadurch kommt es zu einer schlechteren Betreuungssituation. Das ist eine Spirale, die unbedingt gestoppt werden muss. Hier ist ein bisschen Augenmaß von der Politik gefordert, dass wir mit solchen Gesetzen nicht das Gegenteil erzielen.

Wie sieht es bei den Ärzten mit dem Krankenstand aus? Laut AOK-Fehlzeitenreport werden Ärzte deutlich seltener krank als Pflegekräfte.

Dr. Christine Schneemilch in der Geschäftsstelle der Ärztegewerkschaft Marburger Bund in Magdeburg
Dr. Christine Schneemilch in der Geschäftsstelle der Ärztegewerkschaft Marburger Bund in Magdeburg Bildrechte: MDR/Falko Wittig

Viele Ärzte sind nicht bei der AOK versichert, sondern bei den Ersatzkassen oder den privaten Kassen. Ich denke, die Fehlzeiten werden auch im Ärztebereich ansteigen, weil sich die Ärzte auch ihrer selbst bewusst werden. Lange Zeit galt die Meinung: Ein Arzt darf nicht krank sein. Wir haben ein Problem, was psychische Erkrankungen betrifft. Wir haben junge Kollegen, die sich nicht mehr in der Lage sehen, ihre Arbeit durchzuführen, weil sie psychisch durch die viele Arbeit, durch fehlende Weiterbildung und fehlende Betreuung so belastet sind und sich dann krank melden. Gerade psychische Erkrankungen und Suchterkrankungen sind in der Ärzteschaft gestiegen.

Manche Außenstehende werden sagen: Aber dafür bekommen die Ärzte auch sehr viel Geld. Die sollen sich nicht so anstellen.

Das sieht immer ganz gut aus, was man auf dem Lohnstreifen oben sieht, aber wenn man dagegen aufrechnet, wieviel Zeit man investiert in der Klinik, wie lange gearbeitet wird – es gibt keinen Arzt, der einen Nine-to-Five-Job hat, sondern wir arbeiten ja etwas länger. Wir haben auch wesentlich längere Anwesenheitszeiten. Wir müssen Bereitschaftsdienste durchführen. Wir haben nicht nur eine 40- oder 35-Stunden-Woche, sondern erheblich länger. Im Uniklinikum Magdeburg bis zu 58 Stunden pro Woche. Man ist zwei bis drei Wochenenden in der Klinik. Und wenn man das wieder rückrechnet, relativiert sich das hohe Gehalt.

Muss man sich als Patient bei 58 Wochenstunden Arbeitszeit Sorgen machen, in welchem Zustand einen die Ärztin oder der Arzt operiert?

Man muss sich noch nicht Sorgen machen. Es gibt ja immer noch mehrere Kollegen, die in der Klinik da sind und jemanden, der erkrankt oder übermüdet ist, auffangen und einspringen. Bis jetzt wird die Patientensicherheit noch sehr groß geschrieben. Wenn es aber weiter zu Personalmangel kommt oder weiterer Überbelastung, dann kann man eine Patientengefährdung nicht ausschließen. Zum Beispiel sind wir in den Notaufnahmen überlastet. Wir haben dort sehr viele junge Kollegen, die natürlich auch Angst haben, dass sie einem Patienten nicht die adäquate Hilfe zu Teil werden lassen. Es gibt immer noch eine Aufsicht, aber man kann es nicht total ausschließen, dass es nicht auch mal zu Fehlentscheidungen kommt. Ich will nicht für jeden Bereich meine Hand ins Feuer legen, dass es nicht doch mal zu einer Unterversorgung von Patienten kommt.

Bis vor einigen Jahren haben wir ausreichend Bewerber aus dem Studium bekommen. Das hat nachgelassen. Wir haben immer weniger Absolventen, die bei uns beginnen wollen.

Dr. Christine Schneemilch über die Uniklinik in Magdeburg

Seit 1991 steigt laut Ärztekammer die Ärztezahl fast kontinuierlich. Auf den ersten Eindruck sieht es da recht gut aus in Sachsen-Anhalt.

Die absoluten Zahlen sehen sehr gut aus. Wir haben auf der einen Seite ein Verteilungsproblem. Bestimmte Bereiche sind nicht ausreichend mit Ärzten versorgt. So sind die Hausärzte in den Städten recht gut vertreten, im ländlichen Bereich aber nicht. Man darf zudem nicht vergessen, dass es eine zunehmende Zahl von Kollegen gibt, die Teilzeit arbeiten. Wir haben einen sehr hohen Frauenanteil, wir haben Elternzeit, wir haben Mutterschutz. Wir haben einen hohen Anteil von älteren Kollegen, die sich auch zurücknehmen. Das muss alles ausgeglichen werden. Und wir haben auch das Arbeitszeitgesetz, was uns vorgibt, wie viele Stunden wir im Krankenhaus tätig sein dürfen.

Was ist der Marburger Bund?

Der Marburger Bund ist zugleich Berufsverband und Fachgewerkschaft für angestellte und verbeamtete Ärzte in Deutschland. Er wurde 1947 gegründet. Deutschlandweit hat der Marburger Bund nach eigenen Angaben rund 120.000 Mitglieder. Vorsitzende in Sachsen-Anhalt ist Dr. Christine Schneemilch. Sie arbeitet an der Universitätsklinik in Magdeburg und steht kurz vor dem Ruhestand.

Mittlerweile sind auch die Kontrollen der Landesämter für Verbraucherschutz erheblich intensiver geworden. Man schaut sich die Dienstpläne an. Jeder Krankenhausleiter ist verpflichtet dieses Gesetz einzuhalten, so dass auch mehr Kollegen notwendig sind. Es sind auch wesentlich mehr Aufgaben auf uns zugekommen. Auch administrative Aufgaben im Bereich Controlling. Es gibt über alle Sicherheitsbeauftragte, Transfusionsbeauftragte. Das sind alles ärztliche Kollegen, die diese Aufgaben noch zusätzlich ausführen müssen, und deshalb muss natürlich auch der Anteil der Ärzte steigen.

Haben wir dann einen Fachkräftemangel in Sachsen-Anhalt? Es kommen ja auch ausländische Ärzte dazu.

Symbolbild: Ausländische Ärzte
Auch in Sachsen-Anhalt arbeiten zunehmend ausländische Ärzte. Bildrechte: IMAGO

Es gibt in bestimmten Bereichen einen Fachkräftemangel. Zum Beispiel die Uniklinik Magdeburg, die ich am besten kenne: Bis vor einigen Jahren konnten wir uns ganz gut aus dem eigenen Personal versorgen, wir haben auch ausreichend Bewerber aus dem Studium bekommen, also Absolventen, die in den einzelnen Bereichen angefangen haben, so dass also immer Nachrücker da waren. Das hat in den letzten Jahren nachgelassen. Wir haben also immer weniger Absolventen, die bei uns beginnen wollen. Um eine ordentlich Versorgung aufrecht zu erhalten, müssen wir zum Teil jetzt schon auf Honorarärzte zurückgreifen. Das zeigt natürlich, dass wir einen Mangel haben. Wenn ich als Klinik einem Ausbildungsassistenten keine ordentliche Ausbildung garantieren kann, dann gehen die natürlich woanders hin. Da sind die Kliniken gefordert, vernünftige Bedingungen zu schaffen: vernünftige tarifliche Bedingungen, die auch eingehalten werden, aber auch die Möglichkeit, in Teilzeit zu gehen, das Angebot von Weiterbildungen – dass ich einen Ansprechpartner habe, der mir bei der Weiterbildung auch zur Seite steht.

Was heißt denn, die gehen woanders hin?

Es gibt etliche Ärzte, die ins Ausland gehen, wo die Bedingungen wesentlich komfortabler sind. Es gibt auch viele, die sich umorientieren und in die Pharmaindustrie gehen oder auch ganz andere Bereiche wählen. Und wir haben in Sachsen-Anhalt das Problem, dass ja Niedersachsen nicht so weit entfernt ist.

Wie wichtig sind ausländische Ärzte für Sachsen-Anhalt?

Das muss man differenziert betrachten. Es gibt unwahrscheinliche viele engagierte ausländische Kollegen, die sich sehr gut integrieren, die Sprachkurse absolviert haben und deren Kenntnisstand unserem gleich ist. Aber es gibt leider auch eine Zahl Kollegen, wo nicht nur die sprachliche Barriere ein Problem ist, sondern die nicht unseren Kenntnisstand, den wir im Studium vermittelt bekommen haben, aufweisen. Deshalb ist es notwendig, dass man nicht nur nach Akten- oder Sachlage prüft in den entsprechenden Ämtern, sondern dass diese zukünftigen Kollegen – genauso wie wir auch – eine Prüfung absolvieren müssen, wo man diesen Kenntnisstand abfragt. Alles andere würde eine Patientengefährdung bedeuten.

Wie viele Ärzte gibt es in Sachsen-Anhalt?

Wie aus Daten der Ärztekammer hervorgeht, waren in Sachsen-Anhalt zum 31. Dezember 2018 fast 12.800 Ärzte erfasst. Ihre Zahl ist seit 1991, als es rund 7.200 Ärzte gab, fast kontinuierlich gestiegen. 43 Prozent der Ärzte sind derzeit in Krankenhäusern tätig, rund ein Viertel in Niederlassungen, ein weiteres Viertel ist nichts berufstätig. Mehr als jeder zehnte Arzt kommt aus dem Ausland. Die fünf Länder mit den meisten Ärzten waren zuletzt Rumänien, Syrien, Bulgarien, Ukraine und Russland. Besonders hoch ist ihr Anteil an den Krankenhaus-Ärzten.

Ich muss mit Patienten kommunizieren können. Wenn der Patient mich nicht versteht, das geht einfach gar nicht. Dann sind Behandlungsfehler vorprogrammiert.

Dr. Christine Schneemilch zur Qualifizierung von Ärzten

Nur um die Zahl an Ärzten aufzufüllen, eine Stelle mit jemandem zu besetzen, der nicht die entsprechende Fachkenntnis hat – das halte ich für gefährlich. Diese Prozesse müssen intensiviert und beschleunigt werden. Es gibt viele Kollegen, die warten auf ihre Zulassung, die möchten gerne diese Prüfung ablegen. Hier müsste zentral eine Stelle geschaffen werden, wo so etwas besser gesteuert wird. Auf der anderen Seite finde ich es aber moralisch verwerflich, wenn wir aktiv um ausländische Kollegen in Ländern werben, die selbst Probleme haben, ihre medizinische Versorgung der Bevölkerung adäquat durchzuführen. Das finde ich nicht in Ordnung. Wir sind eher daran interessiert, dass die Studienplätze hier aufgestockt werden, dass wir eine adäquate Zahl aus unseren eigenen Absolventenreihen in die Kliniken bringen können.

Kommt es am Ende auf die Qualität an?

Ich würde sagen, es kommt am Ende auf die Qualität an. Wichtig ist die fachliche Qualifikation. Wir haben Kollegen, die lernen in kürzester Zeit die Sprache. Und das ist eigentlich die Grundvoraussetzung. Ich muss mit einem Patienten kommunizieren können. Und wenn der Patient mich nicht versteht, das geht einfach gar nicht. Dann sind natürlich Behandlungsfehler vorprogrammiert.

Nehmen Sie wahr, dass sich etwas bei der Patientenzufriedenheit geändert hat?

Es gab zu allen Zeiten positive und negative Beispiele. Aber was mir aufgefallen ist: Es fehlt an der Kommunikation. Das beklagen auch viele Patienten, dass gerade hier die Ursache zu suchen ist, dass Unzufriedenheit eintritt. Nicht die Behandlung an sich, sondern wie mit dem Patienten kommuniziert wird. Zum Beispiel, wenn ein Patient in der Notaufnahme lange warten muss. Dass dann mal jemand hingeht und sagt: "Sie müssen entschuldigen, ihr Fall ist nicht so dringend. Wir haben jetzt andere Fälle." Um den einfach zu beruhigen. Der Patient sieht ja nur sich. Da reicht schon das Zugehen auf einen Patienten. Das vermisse ich. Das wird immer weniger. Als Argument wird dann immer gesagt: Wir haben ja keine Zeit. Aber ich finde, diese Zeit muss man sich einfach nehmen, um auf den Patienten zuzugehen.

Dass wird vielleicht von den Ärzten manchmal gar nicht wahrgenommen, weil die so im Stress sind oder mit Tunnelblick…

Ich denke schon. Jeder Arzt würde anders reagieren, wenn er selber mal auf der anderen Seite wäre.

Gibt es Krankenhäuser und zugehörige Unternehmen in Sachsen-Anhalt, auf die der Marburger Bund nicht gut zu sprechen ist?

Ja, sicherlich gibt es Häuser, die wir argwöhnisch betrachten. Es gibt mit AMEOS einen Konzern, der nicht bereit ist, mit uns Tarifverhandlungen durchzuführen. Auch mit der Gewerkschaft Verdi wird nicht verhandelt. Wir haben keine Transparenz der ausgehandelten Verträge. Das sind Individualverträge, die abgeschlossen werden. Wir haben zum Teil Arbeitsbedingungen, die wir kritisieren müssen.

Hat AMEOS Tarifverhandlungen einfach nicht nötig? Sagen die wie Amazon: "Wir haben unsere eigene Firmenphilosophie - und was die Gewerkschaften machen, interessiert uns nicht, das Personal ist da“?

Ganz ehrlich: Ich habe darauf keine Antwort. Wir verstehen es selber nicht, weil wir sehen, dass dort eine hohe Fluktuation ist, dass sie Schwierigkeiten haben, adäquates Personal zu rekrutieren. Wir haben auch eine hohe Fluktuation in den Chefarztbereichen. Die werden sicherlich erstmal mit lukrativen Verträgen dort eingestellt, aber in einer gewissen Zeit merken wir dann doch, dass der eine oder andere das Haus verlässt.

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Über den Autor Falko Wittig ist im Osten Deutschlands geboren. Dort lebt und arbeitet er auch heute gerne. Nach vielen Jahren beim Rundfunk Berlin-Brandenburg ist der Diplom-Journalist heute bei MDR SACHSEN-ANHALT im Einsatz. Dort arbeitet er in den Redaktionen von Radio, Fernsehen und Online und beschäftigt sich vor allem mit politischen und wirtschaftlichen Themen. Zu seinen Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt zählen Wernigerode, dünn besiedelte Gebiete entlang der Elbe und im Jerichower Land sowie der Naturpark Dübener Heide.

Quelle: MDR/fw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 05. Oktober 2019 | 16:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Oktober 2019, 17:40 Uhr

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