Generation unter 30 Junge Menschen in der Politik – Jugend ohne Lobby?

Junge Leute sind die Zukunft, heißt es oft. Doch von ihnen gibt es in Sachsen-Anhalt immer weniger. Der Anteil der 20- bis 29-Jährigen ist seit 1990 deutlich zurückgegangen. Junge Menschen sind heute in Sachsen-Anhalt eine kleine Minderheit. Entsprechend gering ist auch ihr politischer Einfluss. Hat die Jugend keine Lobby?

MDR-Redakteur Falko Wittig
Bildrechte: MDR/Martin Paul

von Falko Wittig, MDR SACHSEN-ANHALT

Blick in den Plenarsaal des Landtags von Sachsen-Anhalt, in dem Schüler Platz geommen haben.
Jugendparlament 2018 im Landtag von Sachsen-Anhalt Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Ein Blick auf die Geburtenzahlen zeigt das ganze Drama. Wer in Sachsen-Anhalt geboren wurde und heute zwischen 23 und 26 ist, gehört zu ganz besonders seltenen Jahrgängen. Und wenn ein Land etwas auf seine Jugend hält, dann müsste es diese Altersgruppe wie einen seltenen Weinjahrgang behandeln. Von 1993 bis 1995 wurden jedes Jahr weniger als 15.000 Kinder geboren. Zum Vergleich: 1990 – im letzten Jahr der DDR – kamen auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts noch 31.837 Kinder zur Welt. Also mehr als doppelt so viele.  

Erst um die Jahrtausendwende zeigte sich bei den Geburten wieder ein leichter Aufwärtstrend. Doch die Zahlen aus DDR-Zeiten wurden nie wieder erreicht. Und das Geburtenplus ist zu einem erheblichen Teil auch durch den Zuzug von Migranten zu erklären. Sie helfen vor allem Großstädten wie Halle und Magdeburg, den Vergreisungstrend zu stoppen. So heißt es in einer Veröffentlichung des Magdeburger Amts für Statistik für das Jahr 2017:

Mit zunehmendem Ausländeranteil der Magdeburger Bevölkerung steigt auch der Beitrag dieser Bevölkerungsgruppe am Geburtenplus. (...) 2016 lag der Ausländeranteil bei 7,8 Prozent, der Anteil an den Geburten bei 15,1 Prozent. (…) Zudem ist gut erkennbar, dass der Zuwachs an Kindern bzw. Jugendlichen auf die Zuwanderung ausländischer Staatsangehöriger zurückgeht.

Magdeburger Statistik 2017 Bevölkerung und Demographie Magdeburger Statistische Blätter, Heft 97

Doch es gibt auch die Realität abseits der beiden Großstädte. In Landkreisen wie Anhalt-Bitterfeld oder Harz sieht es bei der Entwicklung der Geburtenzahlen düster aus. Die Landflucht der Jugendlichen gibt diesen Regionen den Rest.

Geburteneinbruch und Massenabwanderung junger Frauen

Stehend begrüߟen die Abgeordneten der Volkskammer am 23.08.1990 um drei Uhr morgens mit Applaus den Beschluss über den Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland zum 3. Oktober 1990.
Die Volkskammer beschloss 1990 den Beitritt der DDR zum Grundgesetz. Auf viele Menschen kamen im Zuge der deutschen Einheit große Veränderungen zu. Bildrechte: dpa

Allein zwischen 1989 und 1991 gingen Sachsen-Anhalt durch Abwanderung netto über 150.000 Menschen verloren. Es waren vor allem junge Frauen, die Kinder bekommen hätten können. So haben von 1991 bis 2000 Sachsen-Anhalt rund 33.000 Mädchen und Frauen im Alter von 15 bis 24 Jahren verlassen. Dagegen waren es nur 12.000 gleichaltrige Männer, wie aus dem Bericht der Landesregierung über die demografische Entwicklung Sachsen-Anhalts von 1990 bis 2007 hervorgeht.

Der Anteil der 20- bis 29-Jährigen ist seit 1990 in Sachsen-Anhalt somit erheblich geschrumpft. 1990 gehörten noch rund 15 Prozent der Bevölkerung zu dieser Altersgruppe. 2017 waren es nur noch neun Prozent. Die Gründe dafür liegen also einerseits im brutalen Geburteneinbruch ab 1990, andererseits in der starken Abwanderung junger Menschen in den Westen.

 

Zudem belegen die Zahlen, dass sich seit der Jahrtausendwende Magdeburg und Halle besser entwickeln konnten als die ländlichen Regionen. In Anhalt-Bitterfeld oder dem Harzkreis gehören nicht einmal mehr acht Prozent der Bevölkerung zu dieser Altersgruppe.

Leute unter 30 sind in Parlamenten die Ausnahme 

Die Marginalisierung junger Menschen in Sachsen-Anhalt zeigt sich auch an ihrer geringen politischen Vertretung. Von momentan 112 Mandatsträgern in Landtag, Bundestag und Europaparlament sind gerade einmal fünf jünger als 30 Jahre. Mit knapp sechs Prozent sind junge Leute dort eindeutig unterrepräsentiert. Denn der Anteil der 20- bis 29-jährigen liegt in Sachsen-Anhalt bei neun Prozent. Dazu kommen noch vier Prozent der Bevölkerung, die zwischen 15 und 19 Jahre alt sind.

Derzeit gehören alle fünf Jungparlamentarier nur einer Partei an: der AfD. Vier sitzen im Landtag und einer im Bundestag. Haben die anderen Parteien bei ihrer Kandidaten-Auswahl etwas falsch gemacht? Und welches Signal sendet das an junge Leute?

Ulrich Siegmund
Ulrich Siegmund ist einer von vier Landtagsabgeordneten unter 30. Der 28-Jährige gehört der AfD an. Bildrechte: IMAGO

MDR SACHSEN-ANHALT hat dazu mehrere Politiker befragt. Henriette Quade, mit 35 jüngste Landtagsabgeordnete der Linken. Katja Müller, Pressesprecherin der Linken und Stadträtin in Halle. Uwe Schulze, der mit 28 für die CDU in den Landtag von Sachsen-Abhalt einzog. Und Stephan Bublitz, der zukünftig die ehemalige Jugendpartei future! im Stadtrat von Magdeburg vertritt.

Außerdem hat MDR SACHSEN-ANHALT junge Politiker von AfD und Grünen getroffen. Die Porträts erscheinen kommenden Sonntag.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 16. Juni 2019 | 12:00 Uhr

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5 Kommentare

15.06.2019 22:25 W. Merseburger 5

Wir hatten doch gerade Wahlen. eines nachmittags stand ein Abiturient vor meiner Tür, gab mir seinem Werbeflyer, und sagte, dass er für die CDU für das Stadtparlament kandidiert und sich vorstellen möchte. Das hat mir unheimlich imponiert und er bekam sowohl von mir als auch meiner Frau ein Kreuzauf den Wahlzettel. So kann es auch gehen!

15.06.2019 11:54 Keine Frage des Alters 4

Hier wird unterstellt, dass nur junge Leute Politik für junge Leute machen können. Natürlich können auch Lebenserfahrene Entscheidungen treffen, die der Nachfolgegeneration nutzen. Das müssen Eltern tagtäglich tun. Aber dazu gehören auch unpopuläre Entscheidungen. Tonnenweise Schokocreme und Erdbeereis mögen gefallen, sind aber trotzdem schädlich. Die Grünen haben deshalb so viele junge Anhänger, weil sie diese unpopulären Entscheidungen und Fragen (Wer soll die famose Grundsicherung bezahlen) ausblenden Und letztlich auch, weil sie unehrlich sind. Die Aufnahme von Kinderrechten ins GG z.B. bindet nur den Staat. Der aber ist gar nicht das Problem, diese Forderung hilft den Misshandelten überhaupt nicht.

15.06.2019 09:02 Bernd L. 3

Das Anliegen ist lobenswert. Wenn ich mir aber die jungen Leute abschaue, die schon aktiv in der Politik mitmischen, etwa Kevin, Neugebauer, Ueckermann, Baerbock, die FridayforFuture Hüpfer, dann bin ich eher dafür, lebenserfahrene Leute zu nehmen, die schon in einem Beruf gearbeitet haben und eine gewisses Mass an Verantwortungsbewusstsein haben.

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