Jugendparlament im Landtag Radwege und kostenlose Kondome: Wenn Schüler Politik machen

Normalerweise treffen sich im Landtag von Sachsen-Anhalt Berufspolitiker. Am Montag war das anders: Bei der 13. Auflage des Jugendparlaments machten die Schüler die Regeln – und bestimmten die Themen. Es ging um bessere Radwege, einen Pflichtbesuch in einer KZ-Gedenkstätte und um kostenlose Kondome für Schüler. MDR SACHSEN-ANHALT war dabei. Eindrücke aus dem Jugendparlament.

von Luca Deutschländer, MDR SACHSEN-ANHALT

Blick in den Plenarsaal des Landtags von Sachsen-Anhalt, in dem Schüler Platz geommen haben.
Landtag mal anders: Im Plenarsaal haben am Montag 80 Jugendliche diskutiert, die Abgeordneten waren nur Gäste. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Minderjährige Schüler in Sachsen-Anhalt können sich Kondome demnächst kostenlos in der Apotheke abholen. Oder zumindest könnten sie das, wenn das Jugendparlament in Sachsen-Anhalt das Sagen hätte. Schüler der Gemeinschaftsschule "Wilhelm Weitling" in Magdeburg haben mit diesem Vorschlag die Abgeordneten des 13. Jugendparlaments überzeugt.

Auch wenn ein Jugendparlament nicht Gesetzgeber ist und der Beschluss damit in erster Linie fiktiv: Vieles von dem, was sich am Montag im Landtag abspielt, kommt der Realität sehr nahe.

Drei Fraktionsanträge

Die Fraktionen, drei an der Zahl, haben ihre Anträge eingebracht. Am Vormittag haben sie in Ausschüssen an Formulierungen und Detailfragen gefeilt. Auch Francis Genrich ist dabei, ein großgewachsener 16-Jähriger mit freundlichem Lächeln. Francis besucht eigentlich die Sekundarschule in Brettin im Jerichower Land. Er und seine Mitschüler haben einen Antrag eingebracht, der das Radwegenetz in Sachsen-Anhalt verbessern soll. Trotzdem spricht Francis erst einmal über kostenlose Kondome. Politik bedeutet schließlich auch, sich mit den Themen der anderen auseinanderzusetzen. Francis wird seinen Mitschülern – die an diesem Tag seine Fraktionskollegen sind – berichten, worauf sich der Ausschuss in Sachen kostenlosen Kondomen geeinigt hat.

Ein Junger Mann sitzt im Plenarsaal des Landtags an einem Tisch, vor ihm ein Namensschild.
Francis Genrich ist Schüler an der Sekundarschule in Brettin. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Der Schüler aus dem Jerichower Land ist an diesem Tag schon zum dritten Mal im Landtag. Auch im Plenarsaal war er schon mal, saß auf der Besuchertribüne. Richtig Politik zu machen, sei natürlich noch einmal eine andere Hausnummer. Gut sei die Diskussion am Vormittag gewesen, sagt Francis. "Das war relativ ruhig bei uns. Angenehme Truppe." Und eine Einigung haben sie im Ausschuss auch gefunden, berichtet er. "Wir haben uns unter Bedingungen darauf geeinigt, dass Jugendliche kostenlos Kondome bekommen sollten."

So weit, so gut. Der entscheidende Teil kommt aber erst noch: Wird das Parlament dem Antrag auch zustimmen?

Applaus wie im echten Politikalltag

Es ist früher Nachmittag geworden, als sich die ersten Abgeordneten im Plenarsaal versammeln. Den Block unter den Arm geklemmt, betreten sie mit Namensschild um den Hals das Herz von Sachsen-Anhalts Demokratie. Gemurmel in den Reihen, in denen sonst um Kinderbetreuung oder die Abschaffung von Straßenausbaubeiträgen gestritten wird. Landtagspräsidentin Gabriele Brakebusch betritt den Saal. Francis hat schon Platz genommen. Er sitzt in seiner Fraktion in der ersten Reihe. Die Unterlagen hat er auf dem Tisch vor sich ausgebreitet.

Bevor die Debatte startet, erklärt die Landtagspräsidentin erst einmal die parlamentarischen Regeln. Einige Minuten später steht Francis am Rednerpult. Er wirbt um Zustimmung für den Antrag. Die Aufregung ist ihm anzumerken. Man steht schließlich nicht alle Tage vor 80 Menschen, um sie mit Argumenten von etwas zu überzeugen. Als Francis fertig ist, klopfen die Schüler im Plenum auf ihre Tische. So, wie die echten Landtagsabgeordneten das auch machen.

Schüler stimmen im Plenarsaal des Landtages während des Jugendparlaments 2018 über einen Antrag ab.
Bildrechte: dpa

Die Themen im Jugendparlament Neben dem Antrag der Schüler der Magdeburger Gemeinschaftsschule "Wilhelm Weitling" zu kostenlosen Kondomen für Schüler standen im Jugendparlament zwei weitere Themen auf der Agenda.

Die Ganztags- und Gemeinschaftsschule Salzwedel setzte sich dafür ein, dass alle neunten Klassen in Sachsen-Anhalt im Geschichtsunterricht eine Gedenkstätte besuchen, die an den Nationalsozialismus erinnert – zum Beispiel ein Konzentrationslager.

Ebenfalls Thema: Bessere Radwege in Sachsen-Anhalt, besonders im Jerichower Land. Dafür hatten sich die "Abgeordneten" aus der Sekundarschule in Brettin eingesetzt.

Mehr lernen als bei einer Landtagsführung

Im Landtag ist man überzeugt, dass das Jugendparlament den Schülern viel mit auf den Weg gibt. Landtagssprecherin Ursula Lüdkemeier berichtet, dass die Schülerinnen und Schüler beim Jugendparlament vor allem lernten, wie das politische Alltagsgeschäft funktioniere: Mehrheiten organisieren, die Gegenseite mit den eigenen Argumenten überzeugen, sich mit Kompromissen zufrieden geben. Kein Zuckerschlecken. Aber: Parlamentarische Demokratie.

Wenn man sich um all das selbst kümmern müsse, lerne man logischerweise mehr als bei einer Führung durch den Landtag, ist Lüdkemeier überzeugt. Was man dabei auch feststellt: Ohne Vorbereitung ist Politik kaum möglich. Sich in Themen einarbeiten, Akten wälzen, mit Fachleuten sprechen, gute Reden halten. Auch das gehört dazu.

Ein Junger Mann sitzt im Plenarsaal des Landtags an einem Tisch, vor ihm ein Namensschild.
Schüler Gino Gehre Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Man fühlt sich irgendwie wichtig, das hier zu machen. Das hat auf jeden Fall mein Bild von Politik verändert. Ich hätte nicht gedacht, dass Politik so anstrengend ist und so viel Arbeit macht.

Gino Gehre, Schüler an der Gemeinschaftsschule in Magdeburg

Schüler wollen gehört werden

Es hat ein wenig gedauert, aber bei vielen Schülern scheint das Eis nun gebrochen. Wenn ein "Abgeordneter" seine Rede beendet und die Kollegen eifrig auf ihre Tische klopfen, gehen mehr und mehr Finger nach oben. Nachfrage. Kurzintervention. Erst reden, wenn einem das Wort erteilt wurde. Alles gar nicht so einfach. Dass da manchmal durcheinandergeredet wird, nimmt die Chefin im Hohen Haus gelassen. Gabriele Brakebusch betont aber dann doch, dass noch immer sie die Sitzungsleitung habe. Und Abgeordnete erst dann zu sprechen hätten, wenn ihnen das Wort erteilt wurde. Auch das ist wie im echten Politikbetrieb.

Jungen Menschen wird oft vorgeworfen, sie würden sich sowieso nicht für Politik interessieren. Das mag in vielen Fällen auch zutreffen. Allerdings bringt auch in dieser Frage alles Pauschalisieren nichts. Es gibt eben auch die anderen: Schüler, die sich sehr wohl für das interessieren, was da im Gemeinde-, Stadt- oder Landesparlament entschieden wird. Schüler, die mitreden oder zumindest gehört werden wollen.

"Alle mitbestimmen lassen"

Ein Junger Mann sitzt im Plenarsaal des Landtags an einem Tisch.
Maximilian Kreft geht in Salzwedel zur Schule. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Auch Maximilian Kreft gehört zu diesen Menschen. Der 15-Jährige geht in Salzwedel auf die Ganztags- und Gemeinschaftsschule. Im Jugendparlament trägt er ein graues Sakko – und hat dort Platz genommen, wo üblicherweise der Fraktionsvorstand der CDU im Landtag sitzt.

Maximilian redet nicht, wie man sich das bei 15-Jährigen vorstellt. Er drückt sich besonders gewählt aus. Spricht davon, dass die Diskussionsfreudigkeit unter den Schülern da sei und das Jugendparlament der beste Beweis dafür sei. "Politik ist eine sehr spannende Sache. Das merkt man immer wieder. Politik gehört zum Leben dazu." Man lebe ja nicht umsonst in einer Demokratie. "Wir müssen alle mitbestimmen lassen und nicht nur einen."

Viele Kartenzeichen gehen nach oben. Die Mehrheit ist erreicht.

Zurück zur Debatte um die kostenlosen Kondome. Alle Fraktionen haben nun ihre Standpunkte klargemacht und Argumente ausgetauscht. Zeit für die Abstimmung. Die Landtagspräsidentin fragt, wer dem Antrag in seiner vorliegenden Fassung zustimme. Viele Kartenzeichen gehen nach oben. Es ist die Mehrheit. Grünes Licht für den Antrag. Applaus.

Ob es in ferner Zukunft tatsächlich kostenlose Kondome für Sachsen-Anhalts Schüler gibt, darüber müssen natürlich die von den Bürgern gewählten Abgeordneten im Parlament entscheiden. Die Beschlüsse des Jugendparlaments werden in die Briefkästen der Fraktionen im Landtag geworfen. Auch die Landesregierung wird informiert.

Die 80 jungen Abgeordneten des Jugendparlaments würden sich sicher freuen, wenn der Antrag durchgeht – ganz gleich, ob sie an diesem Tag für oder gegen den Vorschlag gestimmt haben. Ist schließlich bestimmt ein schönes Gefühl, als Teenager von Berufspolitikern ernstgenommen zu werden.

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – meist in der Online-Redaktion, außerdem für den Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel".

Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg.

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Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 12. November 2018 | 17:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. November 2018, 19:56 Uhr

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2 Kommentare

14.11.2018 16:35 W. Merseburger 2

Die Sache mit dem "Schülerparlament" ist eine gelungene Sache (Projekt auf Neudeutsch). Kostenlose Kondome ist natürlich ein Gag, wird aber von den Medien einseitig zur Schlagzeile gemacht.
Und nun zu @1, CDU-Wählerin,
"Kondome in der DDR zu bekommen war gar nicht so leicht". Ich kann solche und viele ähnliche dumme Lügen nicht mehr ertragen. In jeder ordentlichen Drogerie, an unzähligen Automaten und natürlich bei Kästner konnten sie Kondome unbegrenzt kaufen! Selbst mein Friseur im kleinen Ort bot mir nach meinem 16. Lebensjahr regelmäßig Kondome zum Kauf an. Über die DDR zu hetzen ist Mainstream. Aber Wahrheit bleibt eben Wahrheit, auch wenn man sie nicht wahr haben will.

13.11.2018 21:27 CDU Wählerin 1

Grüne haben zu Plagen sehr originellen Draht und wir die nötige Toleranz. Kondome zu bekommen, war in der DDR gar nicht so leicht. Die Firma H. Kästner half mit dem größten Kondomversand des Landes weiter. Ihre Anzeigen in Zeitungen kannte fast jede. Erfreulich das die an Schulen kostenlos verteilt werden.